Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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23. Hoffnung schwindet

„Harry?“ Louis machte große Augen und blinzelte ungläubig zu dem Mann hoch, der vor ihm stand. „Louis? Wie…? Verflucht, ich hab dich nicht erkannt.“ stammelte Harry, schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund und kniete sich vor Louis ins Gras. Auch Louis konnte es nicht glauben. Hatte er gerade wirklich gegen Harry gekämpft? Vorsichtig rappelte er sich auf, immer noch schwer atmend und ließ den Lockenkopf nicht aus den Augen. „Ich hätte dich getötet….ich hab dich für einen Gehilfen des Königs gehalten.“ flüsterte Louis und erschrak über diese Erkenntnis. „Ich auch. Ich hätte dich auch umgebracht...zum Glück bist du hingefallen.“ - „Ja, zum Glück.“ Louis nickte und fiel Harry um den Hals, der die Arme um ihn schlang und ihn fest an sich drückte: „Wieso hast du denn nichts gesagt?“ - „Wieso ich? Du hast doch auch nichts gesagt und dein Gesicht war von der Kapuze verborgen.“ verteidigte sich Louis und Harrys Gesichtsausdruck wurde wieder sanfter. „Du hast dich wirklich gut geschlagen. Wer hat dir das alles beigebracht? Ich bin wirklich beeindruckt, wenn man bedenkt, dass du beim letzten Mal nicht einmal einen Baum abschießen konntest.“ Harrys Mundwinkel zuckte leicht, offenbar amüsierte ihn der Gedanke an den schwachen Pfeil noch immer. Er ließ Louis los und setzte sich ebenfalls auf den Boden, dann streckte er die Hand aus und strich Louis über die Wange, fast so, als wäre er sich nicht sicher, ob er es sich nur einbildete, dass sie einander getroffen hatten. „Was machst du überhaupt nachts allein hier im Wald bis zur Eiche ist es noch weit und es streifen Jonathans Männer herum. Ich vermute, dass sie noch immer auf der Suche nach unserem Freund, dem Steuereintreiber, sind.“ fragte Harry leise und wandte den Blick dabei kein einziges Mal von Louis Gesicht ab. „Du weißt von Jonathans Männern? Bist du ihnen begegnet?“ fragte Louis erschrocken und war froh, als Harry den Kopf schüttelte: „Nein, aber mir wurde von Bauern berichtet, dass vermehrt Reiter gesichtet wurden. Deswegen bin ich in den letzten Tagen nur noch in der Nacht gereist. Tagsüber habe ich auf Bäumen geschlafen. Ich wollte vermeiden, gesehen zu werden und habe mich im Dunklen durch die Wälder bewegt. Das war ganz schön unheimlich. Die Dunkelheit spielt den Augen oft seltsame Streiche.“ Louis musste unwillkürlich an die Irrlichter denken und legte seine Hand tröstend auf die Harrys, die an seiner Wange ruhte. „Genau wegen der Soldaten bin ich hier. Wir haben Wachposten, die in der Nacht die Umgebung der Eiche kontrollieren, damit die anderen in Sicherheit sind. Zayn, Draca, Leofwine und Nerian haben mir vieles gezeigt, damit ich besser werde und Gwydion hat auch Krähen eingesetzt, die alles aus der Luft überwachen. Zumindest glaube ich, dass sie das tun.“ erklärte er Harry. Der Lockenkopf nickte: „Ja, das können die Tiere wirklich gut. Sie haben ihm schon früher immer gute Dienste geleistet.“ Louis saß auf feuchtem Moos und langsam durchnässte das Wasser seine Hose, weshalb er sich von Harry losmachte und aufstand. „Ich bin wirklich froh, dass du wohlbehalten zurück bist und es dir gut geht.“ sagte er zu Harry und zog ihn ebenfalls auf die Beine, bevor er ihn fest umarmte. Harry presste seine Nase in Louis Haar und drückte ihn eng an sich, als wollte er ihn nicht mehr loslassen. „Ich hab dich so sehr vermisst.“ murmelte er ganz nah an Louis Ohr und der Klang seiner tiefen, rauen Stimme ließ Louis Haut prickeln. „Wieso hast du dich nicht verabschiedet?“ fragte er plötzlich, ohne dabei die Umarmung zu unterbrechen, „Ich bin aufgewacht und du warst verschwunden.“ Obwohl er nicht anklagend hatte klingen wollen, war seine Enttäuschung über Harrys Tat deutlich zu hören. „Glaub mir, es ist mir keinesfalls leicht gefallen, aber ich wusste, dass ich nicht gehen können würde, hätte ich mich von dir verabschiedet. Du hättest mich sicherlich darum gebeten, mitkommen zu dürfen oder zu bleiben. Ich wusste, dass ich dir nichts würde abschlagen können, wenn du mich einmal gefragt hättest. Deswegen bin ich gegangen, ohne mich von dir zu verabschieden. Aber glaub mir Louis, dass ich jeden Abend an dich gedacht habe.“ Harry bückte sich und hob die Schwerter auf, die sie vorhin ins Gras fallengelassen hatten, dabei verzog er kurz schmerzhaft das Gesicht und wandte rasch den Blick ab, doch Louis hatte es trotzdem bemerkt. „Was hast du? Bist du verletzt?“ besorgt sah Louis Harry an, der nickte, jedoch nicht sonderlich besorgt deswegen aussah. „Ich bin ein wenig ungeschickt gewesen und habe mich gestoßen und es tut noch ein bisschen weh, aber es ist nichts Schlimmes, also sorge dich bitte nicht.“ Er reichte Louis sein Schwert, der es zurück an den Gürtel steckte und nahm dann seinen Langbogen auf, der im Unterholz einige Schritte entfernt lag. Als sie beide ihre Waffen wieder eingesammelt hatten, standen sie wenige Meter voneinander entfernt da und sahen sich an. Plötzlich kam Louis ein Gedanke, der ihm das Herz schwer machte und er fragte leise: „Aber, du kommst doch mit zurück zu den anderen...oder bist du nur zufällig hier vorbeigekommen?“ Vielleicht hatte Harry nur diesen Weg eingeschlagen, weil er kürzer war, doch hatte nicht vorgehabt, zu den Merry Men zurück zu kommen. Der Lockenkopf schüttelte den Kopf: „Ich komme mit. Mach dir keine Gedanken.“ - „Gut. Dann...darf ich dich küssen?“ fragte Louis hastig und spürte, wie seine Ohren ganz warm wurden. Glücklicherweise war es dunkel und man konnte es im fahlen Mondschein nicht sehen. Langsam kam Harry durch das Unterholz zu Louis zurück, den Bogen noch in der Hand, blieb dann ganz nah vor ihm stehen und sah zu ihm hinunter, bevor er antwortete: „Natürlich darfst du mich küssen.“ Das schiefe Lächeln, das er dabei aufgesetzt hatte, ließ Louis Herz höher schlagen und er schlang die Arme um seinen Hals, um Harry näher an sich heran zu ziehen. Endlich teilten sie einen Kuss, den Louis sich so lange gewünscht hatte. Noch immer waren sie ganz vorsichtig miteinander und ihre Lippen streiften sich nur ganz sanft, doch es war wunderbar und vollkommen. Louis spürte Harrys große Hände auf seinem Rücken und schmiegte sich enger an ihn, während er den Kuss erwiderte. Ein Brennen schlich ihm über die Brust bis hinauf in seine Kehle, sein Herz raste und er konnte nicht verhindern, dass er leicht zitterte. In ihm überschlug sich alles und Louis wusste nicht genau, was er denken sollte. Es schien ihm, als fühlte er alles mit einem Mal und das machte ihn nervös.
Da war Freude, dass Harry zurück war, Nervosität, weil er nicht genau wusste, wie er jetzt damit umgehen sollte, immerhin hatte er sich jetzt an ein Leben mit den Merry Men ohne Harry gewöhnt und dieser würde ihn in den nächsten Tagen sicherlich mit seiner bloßen Anwesenheit durcheinander bringen. Angst, davor was die anderen Jungs sagen würden, sollten sie herausfinden, wie Harry und er zueinander standen und Verlustängste, dass der Lockenkopf ihn bald wieder allein lassen würde. Diese Gedanken lenkten Louis so sehr ab, dass er wie erstarrt dastand und Harry irritiert von ihm abließ. „Was hast du?“ fragte er und sah unsicher über seine Schulter. Sicherlich vermutete er, Louis hatte etwas gesehen, dass ihn erschreckt hatte, doch hinter ihm befand sich nichts, außer ein paar Bäumen. Verwirrt wandte Harry sich ihm wieder zu und seine Augen huschten zwischen Louis Lippen und Augen hin und her: „Louis, was hast du denn?“ er klang alarmiert und rüttelte ihn sogar kurz. „Ich bin ein wenig durcheinander…“ gestand Louis und wich Harrys Blick aus. Wie sollte er sich denn erklären? Er verstand sich selbst noch nicht einmal. Wie sollte Harry dann nachvollziehen, was in ihm vorging. Der nahm ihn in den Arm und drückte ihn fest an sich, wiegte sich hin und her und drückte Louis dabei so fest, dass er sich ganz sicher fühlte, während er sich an Harrys Umhang klammerte. „Hör zu, ich weiß, dass ich dir wehgetan habe, als ich einfach so gegangen bin. Aber ich habe eine Aufgabe zu erledigen und jetzt, wo du so gut kämpfen kannst, werde ich dich auf meiner nächsten Reise mitnehmen, dann bleibst du nicht zurück.“ sagte er und strich mit seinen Lippen sachte über Louis Stirn. Er nickte und holte tief Luft, um sich wieder ein wenig zu beruhigen. Die Nachtluft hier im Wald war kalt und klar und nach wenigen Atemzügen konnte er wieder sachlich denken. „Wie lange hast du noch Wache?“ erkundigte sich der Lockenkopf und nahm seine Hand. Louis sagte ihm, dass er noch die ganze Nacht hier patrouillieren würde, woraufhin Harry seufzte, seine Hand aber nicht losließ. „Gut, dann werde ich dir Gesellschaft leisten. Ich habe dir ja gesagt, dass ich in den letzten Tagen immer in der Nacht unterwegs war. Ich wäre sowieso gerade nicht in der Lage, zu schlafen.“

Hand in Hand gingen sie durch den Wald. Louis erzählte Harry von Liam; dass es ihm besser ging und er sich zusehends besser mit Ed verstand. Er berichtete von den Krähen, dem erlegten Wildschwein und von Prinz Niall, der von Cuthbert tatsächlich ins Lager gebracht werden konnte. Diesem Teil lauschte Harry besonders aufmerksam. „Und Prinz Niall weiß auch nichts über den Kronprinzen?“ fragte er und klang enttäuscht, als Louis nickte. „Nein, aber er ist zurück in sein Königreich geritten, um seinen Vater und den Großvater noch einmal zu fragen. Er war erschrocken, als er Jonathan kennengelernt hatte und ich glaube, Cuthbert brauchte nicht viel Überredungskunst, um den Prinzen davon zu überzeugen, dass Jonathan nicht auf diesen Thron gehört. Gwydion hat ihm eine Krähe mitgegeben und er wird uns Nachricht zukommen lassen, sobald er etwas herausgefunden hat. Hattest du denn Erfolg?“ Traurig schüttelte Harry den Kopf und seufzte: „Nein leider nicht. Ich bin dazu übergegangen, die ältesten Menschen in den Dörfern zu fragen, ob sie sich noch an den Machtwechsel erinnern können. Ich hatte gehofft, so vielleicht eine Spur zu finden. Vielleicht wurde nach dem Tod Harolds und Edwards ein Kind in einem Dorf ausgesetzt, das der Thronfolger sein könnte. Aber Niemand kann sich an so Etwas erinnern. Es ist wie verhext. Manchmal verliere ich die Hoffnung und glaube nicht mehr daran, dass es den Prinzen überhaupt gibt. Obwohl ich weiß, dass Gwydion ein weiser Mann ist, ist er doch schon ziemlich alt und manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mir überlege, ob er den Prinzen vielleicht erfunden hat, weil er einfach nicht akzeptieren kann, dass das Geschlecht des alten Königs ausgestorben sein könnte. Vielleicht glaubt er sich mittlerweile seine eigene Geschichte und hält sie für die Wahrheit und wir alle jagen einer Legende nach, die es so nie gegeben hat.“ Harrys Stimme wirkte mutlos und als Louis einen Seitenblick wagte, sah der junge Mann neben ihm nicht mehr so kämpferisch aus. Hatte Harry wirklich den Mut und den Glauben an die Aufgabe verloren, die man ihm gegeben hatte? Würde es überhaupt noch Jemand versuchen, den Prinzen zu finden, wenn sogar Harry kurz davor war, es einfach aufzugeben? Louis dachte an das Dorf, das sie zusammen besucht hatten, dachte an die Menschen, die unter der hohen Steuer und den enormen Abgaben zu leiden hatten und schüttelte den Kopf. Jonathan war falsch. Er gehörte nicht auf den Thron, den er sein Eigen nannte. Ein solcher Mann durfte nicht über ein Volk regieren, das er so zu Grunde richtete. „Aber, wenn du nicht mehr daran glaubst, dann tut es Niemand mehr.“ wagte Louis zu sagen und blickte Harry an, der mit den Schultern zuckte und seufzte: „Ja ich weiß. Aber vielleicht sollten wir einfach darauf warten, dass das Schicksal uns alle erlöst. Vielleicht gibt es einen König im angrenzenden Land, der diese Grafschaft irgendwann überfällt und Jonathan stürzt. Und wenn dieser neue König besser ist, dann haben wir alle Glück gehabt. Weißt du Louis, ich bin seit dem letzten Sommer auf der Suche. Ich bin lange fort, habe viel Gefahr auf mich genommen und habe weite Strecken zu Fuß zurückgelegt, doch niemals hatte ich auch nur einen Funken Erfolg. Ist es nicht verständlich, dass mich da manchmal der Mut verlässt? Auch meine Kraft lässt langsam nach und ich brauche eine Pause. Ich werde Gwydion bitten, mich den restlichen Sommer nicht noch einmal auf die Reise zu schicken. Vielleicht kann ich ja dann neuen Mut schöpfen.“ Louis drückte Harrys Hand vorsichtig und dieser erwiderte den Druck mit einem kurzen Lächeln auf den Lippen.
Die restliche Nacht sagten sie fast nichts mehr, sondern hielten die Augen offen. Doch außer einem Eber, mehreren Rehen und einer Horde Kaninchen, kreuzte kein Lebewesen in dieser Nacht ihren Weg und als die Lerche mit ihrem Gesang den Morgen ankündigte, machten sie sich gemeinsam auf den Weg zurück zum Lager.    
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