Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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42. Harry verlässt die Burg

Louis schabte die Holzschale bis auf den letzten Rest leer, leckte dann den Holzlöffel ab und schob alles von sich. Er hatte gar nicht bemerkt, wie hungrig er gewesen war, bis er etwas in den Magen bekommen hatte. Leise stand Louis auf, bedankte sich dann mit einem Nicken bei den Damen der Küche für seine Mahlzeit verließ dann die Küche durch die schmale Tür wieder und ging über den Hof zurück. Louis suchte die Kapelle und fand auch die Treppe, von der Louise gesprochen hatte. Sie war schmal und recht steil und führte in einen kleinen Innenhof, dessen Boden mit Gras bewachsen war. Die Mauern rund herum waren aus hellem Stein und hatten schmale, hohe Fenster. Vermutlich flogen die Falken durch diese Fenster zurück in die Burg. Einige Pechnasen waren ebenerdig angebracht und Louis wagte einen Blick durch eine hindurch. Die Mauer der Burg ging beinahe nahtlos in eine Felswand über. Praktisch, wenn man die Angreifer durch diesen Spalt mit heißem Pech übergießen wollte. Doch für Louis als Fluchtmöglichkeit total unbrauchbar. Er richtete sich wieder auf und sah sich nach der Tür um, die Louise beschrieben hatte. Im Schatten unter der Treppe fand er sie. Sie lag gut versteckt und an den Seiten war bereits Moos, das über die Steine wuchs über das Holz gewuchert, sodass er nach dem Griff tasten musste. Vorsichtig drückte er die schwere Tür auf, die offenbar seit langer Zeit nicht mehr genutzt worden war und streckte dann den Kopf hinaus. Hier auf dieser Seite der Burg, schien die Wetterseite zu sein, denn der Wind blies ihm entgegen und er konnte kaum atmen, weil er ihm auf die Nase drückte. Seine Augen tränten sofort und er kniff sie zu, bevor er blinzelnd nach unten sah. Tatsächlich führte ein schmaler Weg von der Tür weg doch war er weitaus steiler, als Louise es beschrieben hatte und er wagte es nicht, auch nur einen Schritt nach Draußen zu machen. Er würde sich den Hals brechen, wen er diesen Weg nehmen würde. Kurzerhand verwarf er die Idee, drückte die Tür wieder zu, setzte sich und lehnte sich dagegen. Er musste nachdenken. Was wollte er? Die Antwort konnte er sich selbst nicht genau geben. Auf der einen Seite wollte er Harry aus dem Weg gehen, weil er so verletzt davon war, dass der ihn so missbraucht hatte. Aber wenn er ganz tief in sich selbst hineinhörte, dann wollte er Harry nicht verlassen. Er brauchte seine Nähe, wie die Luft zum Atmen. Louis zog die Knie an die Brust und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Wieso war er so abhängig von ihm? Wieso hatte er nicht genug Kraft, seinen Kopf durchzusetzen und Harry zu zeigen, dass man mit ihm nicht alles machen konnte? Nein, stattdessen saß er hier, war kurz davor gewesen, abzuhauen und wagte es nicht. Aber wieso wagte er es nicht? Vielleicht, weil er insgeheim Angst hatte, dass er ihm nicht mehr folgen würde? Wenn er sich genau überlegte, dann wollte er nur gehen, um Harry eins auszuwischen. Würde Harry ihm nachlaufen, oder wäre er jetzt als König zu beschäftigt? Sollte Louis wirklich die Burg verlassen, dann würde er das niemals erfahren.
Nein, er musste einen anderen Weg finden und beschloss zurück zu gehen und sich die Burg einmal genau anzusehen.

„Louis, wie geht es dir?“ Zayn kam auf ihn zu, als er aus der Kapelle trat. Er trug seinen Bogen bei sich und sah ihn erfreut an. „Schön, dich wieder auf den Beinen zu wissen.“ sagte er und zu Louis Überraschung, zog er ihn in eine Umarmung. „Wir waren wirklich alle sehr besorgt. Harry hat angeordnet, dass jede Nacht einer von uns Wache an deinem Bett hält, damit er ein wenig schlafen konnte. Du sahst wirklich schlimm aus.“ sagte er und besah sich die Hämatome an Louis Hals. „Mir geht es schon viel besser.“ krächzte Louis und ebbte dann ab, als Zayn ihn mitfühlend ansah und sagte: „Ich habe Harry vorhin nur kurz gesehen, aber er war ganz durcheinander. Hat er dir von dem Plan berichtet?“ Louis nickte nur knapp und Zayn seufzte: „Es tut mir wirklich Leid. Du musst dich furchtbar fühlen...“ - „Ja. Tu ich.“ gab Louis leise und kurz angebunden zurück und wollte sich an Zayn vorbeischieben, doch der hielt ihn fest: „Louis! Du musst wissen, dass wir nichts von dem Plan wussten. Es waren nur Harry, der Prinz und Gwydion eingeweiht. Wir anderen dachten alle, dass du wirklich in Gefahr bist und Prinz Niall uns verraten hat. Deswegen kann ich gut verstehen, dass du dich schlecht fühlst. Wir haben auch alle gestaunt, als wir die Wahrheit erfahren haben. Aber wir konnten verstehen, wieso sie den Plan so geschmiedet haben.“ Louis hatte eigentlich keine Kraft zu Sprechen, denn sein Hals war noch immer trocken und tat weh, sobald er einen Laut von sich gab, doch einen letzten Satz wollte er Zayn noch sagen. Er sah ihm in die Augen und sagte flüsternd: „Aber ihr wurdet nicht mit dem Tod bedroht und tagelang unter der Decke in ein Netz gehängt.“ Mit energischen Schritten ging er wieder über den Hof, stieg eine neue Treppe hinauf, die er bisher noch nicht entdeckt hatte und brachte möglichst viel Abstand zwischen sich und Zayn, der ihm ja doch nur Harrys Verhalten verständlich machen wollte.

Louis stieg die Treppe hinauf und gelangte zu einem Flur, der ihn in einen großen Raum führte. Offenbar wurden hier öffentliche Empfänge abgehalten, denn im Verhältnis zum Rest der Burg, war es hier geradezu prächtig. An der Decke hing ein ausladender Kronleuchter aus Metall und in den Fenstern gab es farbiges Glas, das bei Sonneneinstrahlung sicherlich wunderschön schimmerte. Der Boden hier bestand, wie im Thronsaal, aus Holz, das glatt war und so schön glänzte, dass man sicherlich darauf ausrutschte. Weil er das nicht riskieren wollte, machte Louis die Tür schnell wieder zu, nachdem er einen Blick erhascht hatte.

Er drehte sich um und fand sich Auge in Auge Liam gegenüber. Erschrocken zuckte er zurück, doch Liam gab einen beruhigenden Laut von sich, trat näher an ihn heran und zog Louis an sich. Tröstend strich er ihm übers Haar und zeigte ihm, dass er Louis verstehen konnte. Offenbar hatte er bereits von Harrys Plan gehört. Die Umarmung tat gut, doch Louis machte sich trotzdem von ihm los. „Ich würde gern allein sein. Ich muss erstmal klarkommen, versteh das bitte Liam.“ Verständnisvoll nickte Liam und machte einen Schritt zurück, um Abstand zwischen sie zu bringen. Sie sahen sich an und in Liams Blick konnte Louis lesen, dass er vollstes Verständnis für ihn hatte. Nach einem geflüsterten „Danke Liam“ machte sich Louis davon.

Obwohl er einige der Merry Men auf seinem Streifzug durch die Burg sah, entwischte er ihnen schnell, sodass sie nicht dazu kamen, ihn anzusprechen. Worüber Louis sehr dankbar war.

Als die Sonne endlich richtig aufgegangen war, hatte er bereits die ganze Burg abgelaufen und kannte sich ein wenig besser aus. Sogar einen kleinen Verschlag hatte er gefunden, in den er sich zurückziehen konnte: er befand sich im Bergfried, dem Turm, der im Falle einer Belagerung als letzte Zuflucht von den Burgbewohnern genutzt wurde, in einer der oberen Etagen. Überraschenderweise war es dort nicht zugig und kalt, sondern ganz angenehm. Louis fand einige löchrige Säcke, die mit Stroh gefüllt waren, schob sie in den Verschlag hinein und baute sich so ein Schlaflager.

War es in der Burg tagsüber laut und geschäftig, weil Handwerker, Kaufleute, Boten und Soldaten ein- und ausgingen, so herrschte im Turm Ruhe. Hier war es still und Louis setzte sich in eine Luke in der Wand und blickte hinunter auf das Treiben im Hof. Auffällig viele Bauern hatten sich dort eingefunden. Ob sie alle Harry sprechen wollten? Sicherlich glaubten sie, der neue König könne sie alle im Handumdrehen von ihrem Elend erlösen. Als Prinz Niall den Hof betrat, strömten sie alle auf ihn zu und schienen auf ihn einzureden, denn viele Bauern gestikulierten wild mit den Händen. Prinz Niall schaffte es jedoch, Ruhe einkehren zu lassen und wies die Menschen an, in Reihen zu warten. Gerade waren sie dabei, sich aufzustellen, als sich eine Tür an der Seite des Hofes öffnete und Harry schnellen Schrittes herauskam. Er schien neue Kleidung bekommen zu haben. Für die Verhältnisse der Merry Men waren sie sehr edel, doch für einen König fast zu schlicht. Harry trug eine dunkle, enge Hose, kniehohe Stiefel und ein dunkelblaues Wams mit langen Ärmeln, das aussah, als sei es aus Samt gefertigt. Es war nicht mit aufwändigen Stickereien versehen, wie es Jonathans Kleidungsstücke gewesen waren, doch passte sich das Wams und die Hose viel besser an Harrys Körper an, als es seine alten Klamotten getan hatten. Irgendwie sah er jetzt viel größer aus. Augenblicklich kamen die ersten Bauern auf ihn zu und verneigten sich tief. Selbst von hier Oben konnte Louis deutlich erkennen, dass es Harry sehr unangenehm war, wenn sich Jemand vor ihm verbeugte. Er wandte sich an Prinz Niall, schien ihn etwas zu fragen, der schüttelte jedoch den Kopf, worauf Harry die Schultern hängen ließ und sich umsah. Die Bauern redeten noch immer auf ihn ein, doch er schien mit den Gedanken überhaupt nicht bei ihnen zu sein, sondern wandte sich nochmal dem Prinzen zu, sagte etwas und ging dann mit schnellen Schritten davon.

Wo Harry wohl hinwollte? Er verschwand hinter einem Torbogen, von dem Louis wusste, dass sich dahinter die Stallungen befanden. Jetzt tauchten auch Zayn und Cuthbert auf und folgten Harry in den Stall und waren nicht mehr zu sehen. Prinz Niall schaffte es, die Bauern zu besänftigen, die offenbar sehr aufgebracht darüber waren, dass ihr neuer König sich einfach davonmachte. Nach und nach wurden die Wartenden in einen Raum gebeten und die Schlange war schon deutlich kürzer geworden, als ein Pferd auf den Hof  getrabt kam. Harry saß auf dem Rücken des Tieres und Zayn ging ziemlich genervt mit langen Schritten hinter ihm her. Der Wind hatte gewechselt und trug nun ihre Unterhaltung bis zu Louis hinauf. „Wo willst du hin? Du kannst jetzt nicht gehen, die ganzen Leute sind deinetwegen hier. Das ist dein Volk und du hast Verantwortung für diese Menschen.“ - „Ich komme doch zurück, aber Louis ist verschwunden und ich kann nicht hier sitzen, solange ich nicht weiß, wo er ist.“ - „Aber du bist verletzt und hast hier Aufgaben zu erledigen.“ sagte Zayn und wollte in die Zügel des Pferdes greifen, doch Harry ließ das Tier einige Schritte zur Seite machen, sodass Zayn es nicht erreichen konnte. „Du weißt nicht, wie wichtig er mir ist...“ sagte er zu Zayn, der den Kopf schüttelte: „Doch Harry, das weiß ich schon lange….“ Der Rest des Satzes wurde so leise gesprochen, dass er nicht bis zu Louis hinauf getragen werden konnte. Zayn packte Harry am Arm und zog ihn zu sich, schien ihm noch etwas zu sagen, dann wendete Harry das Pferd und ritt auf das Tor zu. Der dunkelhaarige Merry Men stand da und sah ihm nach, als könne er nicht glauben, dass Harry einfach gegangen war. Gerade als Zayn Anstalten machte, sich abzuwenden, kam ein zweites Pferd aus dem Stall galoppiert und rannte ihn beinahe um. Cuthbert saß darauf, rief ihm ein „Ich begleite ihn!“ zu und preschte dann ebenfalls durch das Burgtor. Auf seinem Rücken trug er ein Schwert und den Langbogen und an der Seite baumelte ein voller Köcher. Wenigstens war er bewaffnet.

Louis lehnte sich an der rauen Wand an und sah über die Baumwipfel hinweg. Nichts als Wald umgab den Hügel auf dem die Burg stand. Harry glaubte also, dass er die Burg verlassen hatte, wie es ursprünglich auch sein Plan gewesen war und suchte ihn. Ja, Louis hatte ihn eins auswischen wollen, doch nun, da der König sich hinaus in den Wald begeben hatte, um ihn zu suchen, wo er sich doch in der Burg versteckt hielt, fühlte sich Louis schlecht und würde am Liebsten alles rückgängig machen. Doch wie sollte er das anstellen? Harry war schließlich schon weg.    
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