Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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70. Gruppentraining

„Wo bist du denn gewesen? Und wo ist Harry? Wir haben euch überall gesucht.“ Mit diesen Worten wurde er von Zayn empfangen, als er den Thronsaal betrat. Alle Merry Men saßen gemeinsam an der langen Tafel und hatten ihr Abendmahl schon fast beendet. Gwydion war auch bei ihnen und sah Louis nur mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Er gab ihm mit Blicken zu verstehen, dass es funktioniert hatte und sagte dann: „Ich war bei Harry.“ antwortete Louis schlicht und klang dabei so bestimmt, dass Niemand weitere Fragen stellte. Er ging an der langen Sitzbank entlang und suchte sich einen Platz. Zwischen Leofwine und Veland war noch etwas frei und er setzte sich. Auf dem Tisch standen noch ein wenig Brot und Gemüse war auch noch übrig. Louis schnitt sich mit einem Messer eine Scheibe Brot ab und biss hinein. „Wir haben heute viel geübt. Die Soldaten werden immer besser. Du solltest uns morgen begleiten und ebenfalls den Schwertkampf üben.“ riet ihm Zayn, der Louis direkt gegenüber saß und ihm beim Essen zusah. „Ja, ich bin gerne dabei.“ sagte Louis und nickte. Jetzt, wo er sich leichter und deutlich freier fühle, freute er sich fast ein wenig darauf, morgen zusammen mit den anderen draußen auf der Wiese zu trainieren und sich zu stärken. Sie mussten jetzt zusammenhalten und als eine Einheit hinter Harry stehen und Louis würde ein Teil davon sein wollen.
Die Seitentür ging auf und Harry betrat den Thronsaal. Er hatte sich die Haare zusammengebunden und wirkte in Gedanken, während er auf den langen Tisch zuging und sich ans Kopfende setzte. „Wo bist du gewesen?“ fragte Cuthbert. „Bei meiner Frau.“ antwortete Harry trocken und Draca warf Leofwine einen vielsagenden Blick zu, der ihm jedoch ernst ansah, woraufhin er sich zusammennahm und den Kopf senkte.
Auch Harry bediente sich nun an den Resten, die noch auf dem Tisch standen und fragte dann Gwydion: „Haben wir schon eine Nachricht von unseren Spielmännern?“ - „Nein, aber ich sehe das als gutes Zeichen an, dann sind sie sicherlich noch am Leben.“ antwortete der Zauberer. „Oder schon tot und nicht mehr in der Lage eine Nachricht zu schicken.“ flüsterte Zayn und blickte den Zauberer reumütig an, weil er einen solchen Gedanken geäußert hatte. Der alte Mann legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: „Ich werde erfahren, wenn ihnen etwas zugestoßen sein sollte. Mach dir keine Gedanken. Kümmere dich lieber darum, die Soldaten so gut, wie möglich vorzubereiten.“

Zayn nahm sich die Aufforderung des Zauberers zu Herzen, denn er löste die Tischgesellschaft rasch auf und schickte sie alle ins Bett. Louis war der letzte, der Harry noch Gesellschaft leistete, während dieser aß. „Ist Thomas bei ihr?“ fragte er unvermittelt und Harry nickte: „Ja. Ich habe ihn aus seinem Zimmer holen lassen. Ganz ergeben ist er an mir vorbei in ihre Schlafkammer geschlichen. Es wird ihr gut tun, dass er bei ihr ist. Sie war doch sehr durcheinander.“ - „Wie geht es dir denn selbst damit?“ fragte Louis und legte eine Hand auf Harrys. Der König sah auf und versank kurz in seinem Blick, bevor er antwortete: „Ich bin dankbar, dass du dabei warst. Das hat es sehr viel leichter gemacht.“ - „Hat es sich...anders angefühlt?“ fragte Louis. Er selbst war einer Frau noch nie so nahe gekommen und obwohl er es nicht vorhatte, interessierte es ihn doch. Harry biss von einem Stück Brot ab und runzelte nachdenklich die Stirn, während er kaute. „Nun, ich würde sagen, es war ein wenig weicher...aber weich hin oder her. Wenn einem dabei das Herz nicht bis zum Zerbersten schlägt, dann ist es nicht schön. Und mein Herz schlägt nur bei dir so schnell. Ich kann dich also beruhigen. Du hast keine Konkurrenz bekommen.“ Rasch setzte er einen Tonkrug an die Lippen, leerte ihn und erhob sich: „Ich muss jetzt ins Bett. In der nächsten Zeit werden wir den Tag damit zubringen, uns im Kampf zu üben. Da sollten wir ausgeschlafen sein.“ Sie ließen die Teller und Becher so stehen und gingen mit leisen Schritten aus dem Raum.

„Ich werde heute Nacht gut schlafen. Mit diesem Ehevollzug ist mir ein großer Stein vom Herzen gefallen, muss ich sagen. Ich habe das Gefühl, endlich wieder freier atmen zu können.“ Harry schloss Louis in seine Arme und der ließ es nur allzu gerne zu. Die Felle und Decken wärmten sie und er schon ein Bein zwischen Harrys Oberschenkel, um sich ein wenig zu wärmen und sich noch näher an ihn heran zu schmiegen. In der Burg war es still und zum ersten Mal seit langem, rüttelte kein Wind an den Fenstern der königlichen Gemächer. Der Winter würde sich in den nächsten Wochen in den Frühling verwandeln und sie damit endlich in eine bessere Zeit entlassen, die hoffentlich weniger anstrengend war. Louis mochte den Anblick von Schnee immer sehr gerne, doch wenn die Tage so kurz waren und man selten die Sonne auf der Haut spüren konnte, wurde er betrübt und nach einer gewissen Zeit fiel es ihm immer schwerer, Gedanken zu fassen, die einen glücklich machten. Wenn der Frühling jedoch ins Land zog und die Bäume wieder Knospen trieben, man Flüsse und das Gras auf den Wiesen riechen konnte, dann war Louis glücklich. Wenn sie sich nun noch diesem König Benjamin stellten und ihn besiegten, dann würde er vielleicht auf dieser Burg glücklich werden können. Mit einem Lächeln auf den Lippen, küsste er Harry auf die Stirn, kuschelte sich an ihn und schloss nach diesem ereignisreichen Tag die Augen.

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Schwerter trafen bereits früh am nächsten Morgen aufeinander. Sie hatten sich alle auf der Wiese vor der Burg versammelt, hielten sich aber weit genug vom Waldrand entfernt auf, sodass auch Harry beim Training dabei sein konnte. Cuthbert hatte vom Waldrand aus einen Pfeil abgeschossen und sie befanden sich außerhalb der Reichweite eines solchen. Somit war Harry außer Gefahr und sicher. Man hatte sie mit stumpfen Schwertern aus der Waffenkammer ausgestattet, deren Klingen tiefe Kerben hatten und die spitzen so krumm und rund waren, dass man damit nicht einmal mehr einen Apfel aufspießen konnte. Zum Üben waren diese Waffen allerdings bestens geeignet. Louis kämpfte schon den ganzen Morgen gegen Draca, der flink und schnell war und ihn immer wieder austrickste, sodass er ins Leere stach. „Ich glaube, ich bin zu schnell für dich.“ Draca drehte sich aus Louis Reichweite, tänzelte um ihn herum, um ihn nun von der anderen Seite her anzugreifen. Zwar gelang es Louis, ihn abzuwehren, doch es war knapp und wenn sie sich in einem richtigen Kampf befänden, hätte er in diesem Moment auch verlieren können. Um sie her kämpften auch andere Paare gegeneinander, doch Louis hatte keinen Blick für sie übrig, denn Draca forderte ihn sehr. „Ich bin besser als du, sieh es ein!“ rief er und ging wieder zum Angriff über. „Du kämpfst schon viel länger, als ich.“ keuchte Louis, packte das Heft mit beiden Händen um mehr Schlagkraft zu haben, doch plötzlich hörte Draca auf. „Was ist?“ fragte Louis verdutzt. Mit seiner Schwertspitze deutete der vernarbte Drachenjunge auf Louis Hände, bevor er sagte: „Dein Schwert ist nicht dafür gemacht, es mit beiden Händen zu halten.“ - „Ist das nicht egal? Im Kampf ist alles erlaubt….“ - „Wir sind hier aber im Training und du solltest es schon richtig machen.“ Er wollte gerade den Mund öffnen, um zu widersprechen, da ertönte ein Pfiff und alle hörten auf, miteinander zu kämpfen und wandten sich Cuthbert zu, der zwischen ihnen umherging. „Was ich gesehen habe, war schon wirklich gut. Ihr habt wirklich große Fortschritte gemacht. Bisher haben wir immer nur zu zweit geübt. Nur einen Gegner zu haben wird in einem Kampf jedoch selten der Fall sein. Deswegen teilen wir uns jetzt in vier Gruppen auf. 10 Männer in jeder Gruppe dürften genügen. Ich möchte, dass immer einer in der Mitte eines Kreises steht und sich in alle Richtungen verteidigen muss. Sobald er jeden Angreifer einmal abgewehrt hat, tauscht ihr die Plätze.“

Sie bildeten Gruppen, wie Cuthbert es von ihnen verlangt hatte.  Louis tat sich mit Draca, Veland, Harry, drei der Soldaten des Prinzen und drei Rekruten zusammen. Sie standen nahe des Wassergrabens, der die Burg umgab und bildeten einen Kreis. „Wer macht den Anfang?“ fragte Veland und nachdem sich Niemand freiwillig meldete, trat er in die Mitte des Kreises. Er zog sein Schwert und drehte sich ständig im Kreis, um alle Gegner im Auge zu behalten. Harry war der erste, der einen Schritt nach vorn machte und versuchte Veland zu schlagen. Er reagierte schnell und ihre Schwerter trafen mit einem lauten Klingen aufeinander. Beide waren in etwa gleich stark und so dauerte es recht lange, bis es Veland gelungen war, Harry aus dem Kreis zu stoßen. Sofort wurde er von zwei Soldaten angegriffen und schlug sich wacker. Louis war der nächste, der in den Kreis trat und versuchte, es mit Veland aufzunehmen. Allerdings war der Mann einmal Schmied gewesen und hatte eine solche Schlagkraft, dass Louis Schwert regelrecht erzitterte, als die gegnerische Klinge es traf. Alles in allem brauchte Veland nicht lange, um sich zu gegen all seine Gegner durchzusetzen und wechselte den Platz mit einem der Rekruten.

Louis war als nächstes dran. Er schlug all seine Gegner gut, bis Harry mit einem schiefen Grinsen im Gesicht zu ihm in den Kreis trat. Er hob das Schwert und Louis schaffte es gerade noch so, ihn direkt vor seinem Gesicht abzuwehren. Mit aller Kraft stieß er Harry weg, doch der machte nur einen Schritt zurück und griff dann erneut an. „So leicht gebe ich mich nicht geschlagen.“ raunte er ihm zu und bewegte sich dann so schnell, dass Louis nur noch ausweichen konnte. Allerdings hatte Harry so viel Schwung gehabt, dass er seitwärts aus dem Kreis stolperte und somit ausschied. Louis fand, dass es eine gute Taktik war, dem Gegner auszuweichen, wenn er wusste, dass er ihm körperlich unterlegen war und beschloss, sich diese Verteidigungsstrategie im Hinterkopf zu behalten.

Bis jeder einmal im Kreis gestanden hatte, dauerte es lange und  alle waren außer Atem und sehr erschöpft, als Cuthbert und Zayn das Ende des heutigen Trainings ausriefen, waren sie alle erleichtert. Jeder nahm sein Schwert mit in die Burg und stellte es dort vor der Waffenkammer in ein leeres Holzfass, wo sie die Übungswaffen aufbewahrten. „Ich werde morgen meine Arme nicht mehr anheben können.“ seufzte Louis und spreizte die Finger mehrmals, als er endlich seine Waffe losgeworden war. Er hatte das Heft oft so fest gehalten, dass sich seine Finger ganz verkrampft anfühlten. „Ich weiß, was da gut hilft.“ sagte Harry, der beim Gehen immer wieder die Schultern hochzog, offenbar taten auch ihm die Muskeln weh. „Lass uns in die Badestube gehen. Warmes Wasser kann da Abhilfe schaffen.“ Er griff Louis Hand und zog ihn unter einem Vorsprung entlang zu der schmalen Treppe, die in die Badestube hinunterführte.
Das Feuer im Kamin brannte und gemeinsam hoben sie den großen Kessel auf die Halterung über dem Feuer. Harry griff sich ein Tragjoch, das an der Wand lehnte, legte sich das lange Holz über die Schulter und griff sich zwei leer Holzeimer. „Nimm die beiden anderen Eimer auch mit, dann sind wir schneller.“ bat er Louis und sie traten wieder hinaus auf den Hof. Louis schöpfte Wasser aus dem Brunnen und hängte sie an das Tragjoch, sodass Harry immer zwei Eimer auf einmal in die Badestube schleppen konnte. Während der König das Wasser wegbrachte, füllte Louis die beiden verbliebenen und so arbeiteten sie Hand in Hand.
„Das sind die letzten Eimer, der Kessel ist voll“, schnaufte Harry, als er wieder am Brunnen ankam, um die Eimer abzuholen. Louis hängte ihm die Wassereimer um die Schultern und ging dann hinter ihm her die schmale Treppe hinunter.

Harry kippte die letzten Eimer direkt in eine große Wanne. Das Wasser im Kessel wurde ziemlich schnell heiß und es war gut, wenn man ein wenig kühles Wasser zum Mischen hatte. Vorsichtig tauchte Louis einen Finger in den Kessel. Die Wärme schien auf seiner Haut zu brennen, aber es war angenehm. „Sieh zu, dass du dir nicht die Stiefel ansengst.“ sagte Harry, umschlang ihn um die Taille und zog Louis von den Flammen weg, die an dem bauchigen Kessel empor züngelten. Anstatt ihn allerdings loszulassen, nachdem er ein wenig Abstand zwischen ihn und die Flammen gebracht hatte, hielt Harry ihn nur weiterhin fest und schmiegte seinen Kopf in Louis Halsbeuge. Wie sie so dastanden, fühlte Louis, dass ihn eine Ruhe überkam und nach diesem anstrengenden Tag wurde er mit einem Mal richtig müde. Harry schien es ebenso zu gehen, denn er atmete ganz langsam und festigte seinen Griff um Louis. „Lass uns den heutigen Abend zu zwei genießen und ungestört sein...“ murmelte, hob den Kopf, lächelte und küsste Louis.    
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