Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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67. Glaskolben und Eisenkraut

Der Raum war halbrund und recht groß. An der flachen Seite befand sich die Tür, durch die sie getreten waren. An der runden Seite waren Fenster eingelassen, die mit kleinen Glasscheiben verschlossen waren, sodass es nicht allzu zugig war. Es gab einen niedrigen Kamin, in dem ein Feuer loderte und an den Wänden hatte man Holzbrettchen angebracht auf denen allerlei Krüge, Gefäße und Fläschchen standen. Eiserne Halterungen in der Steinmauer hielten Kerzen, an denen sich das Wachs wie Tropfsteine geformt hatte. Es gab einen langen Tisch, der sich wunderbar an die Rundung des Raumes anschmiegte und auf ihm standen eine Menge zerbrechlich aussehender Glasgefäße, Röhrchen und bauchige Flaschen unter denen eine kleine Flamme brannte. Die Luft war erfüllt vom Duft verschiedener Kräuter und aus dem Topf über dem Kamin schien ein Dampf zu wabern, der Louis die Sinne ein wenig vernebelte.

Gwydion schloss die Tür hinter sich und ging direkt auf den Tisch zu. „Wir brauchen Mönchspfeffer, Frauenmantel, Storchenschnabel, Petersilie, Eisenkraut, Arnika…“ murmelte Gwydion und ging an den Tonkrügen vorbei, die Hand suchend ausgestreckt. Ab und zu nahm er einen Krug und drückte ihn Louis in die Hand, der neben ihm herlief und den der Zauberer offenbar als Assistenten sah. Louis stellte die Krüge auf den Tisch zwischen fragilen Glasflaschen und bauchigen Kolben ab und ging dann schnell wieder zu Gwydion hinüber, um ihm weitere Gegenstände abzunehmen, die er aus dem Regal kramte. „Das wäre nun alles...dann werden wir mal ein wenig kochen.“ - „Darf ich zusehen?“ fragte Louis unsicher und bekam ein Nicken als Antwort. Es war unglaublich interessant. Gwydion griff sich ein Messer und zerkleinerte getrocknete Pflanzen, warf sie in einen Mörser und zerrieb die Pflanzen zu einem feinen Pulver. Das Pulver füllte er in einen Kolben mit Wasser, der mit Hilfe eines Metallgestells über einer Flamme erhitzt wurde. Frische Kräuter wurden im Topf des Kamins gekocht und bald mischte ein süßlicher Duft sich mit dem Geruch von Feuer. „Wie lange dauert es, bis der Trank fertig ist?“ fragte Louis vorsichtig. Er wollte nicht ungeduldig klingen, doch er hatte das Gefühl, dass Gwydion mehr tun musste, als nur ein paar Pflanzen zu kochen. „Ich werde wohl den ganzen Nachmittag hier sitzen. Der Sud muss ein wenig kochen, dann muss ich die Kräuter abschöpfen und was übrig bleibt destillieren.“ Louis hatte keinen Schimmer, was man unter destillieren verstand, aber wenn er sich die vielen Glaskolben und Fläschchen ansah, die auf dem Tisch herumlagen. Niemals hätte er gedacht, wie viel Arbeit es war. So saß er noch lange auf einem Stuhl am Feuer und sah Gwydion beim Arbeiten zu. Der Zauberer vermischte verschiedene Flüssigkeiten miteinander, schüttelte sie in kleinen Glasröhrchen zusammen und kippte dann alles in einen weiteren Glaskolben, aus dem es  bereits dampfte. Gwydion bückte sich und zog ein dickes Buch unter dem Tisch hervor, das er auf dem Tisch  ablegte. Es schien ungeheuer alt zu sein, denn er Einband aus Leder war bereits an vielen Stellen gebrochen und der Buchdeckel löste sich schon ein wenig ab. Der alte Mann öffnete die Metallschnallen, die das Buch verschlossen und schlug es auf. Louis beugte sich ein wenig vor und erkannte, dass die Seiten aus gelblichem Pergament bestanden. Sie waren eng beschrieben, mit Flecken übersäht und voller seltsamer Zeichen und Symbole. Gerne hätte Louis gefragt, was es mit diesem Buch auf sich hatte, aber er spürte, dass ihm diese Frage nicht gestattet war. Das Buch sah mächtig aus und sicherlich war es schon lange in Gwydions Besitz. Vielleicht war es ein Zauberbuch, überlegte er. Ein Buch, das nur Druiden lesen konnten. Gwydion fuhr mit dem Finger über eine Zeile und murmelte leise vor sich hin, dann wandte er sich wieder dem Glaskolben zu, in dem die Flüssigkeit angefangen hatte zu blubbern. „Louis, ich muss dich nun bitten, zu gehen. Ein Teil meiner Arbeit darf nicht unter fremden Augen geschehen.“ - „Danke, dass ich bis hierhin zusehen durfte.“ bedankte sich Louis freundlich, rutschte von seinem Hocker und ging auf die Tür zu. Kurz bevor er den Raum verließ, wandte er sich noch einmal zu Gwydion um: „Wird es funktionieren? Der Trank, meine ich.“ Er bekam nur ein vielsagendes Lächeln von dem alten Mann und sah das als Bestätigung an. Froh darüber, dass es endlich bergauf zu gehen schien, sprang Louis die Treppe hinunter und ging über den Hof. „Louis, du siehst ja glücklich aus!“ rief eine Stimme und er erkannte sofort die Magd. Sie stand am Brunnen und schöpfte Wasser. Louis beschloss, ihr zu helfen und ging zu ihr hinüber. „Konntest du mit Harry sprechen?“ fragte sie leise und er nickte: „Ja. Und so wie es im Augenblick aussieht, wird sich hoffentlich bald alles zum Guten wenden. Ich bin zum ersten Mal seit langer Zeit guter Dinge.“ Louise strahlte, als sie das hörte: „Das ist schön zu hören. Und wie geht es den anderen? Ich habe Liam und diesen kleinen Rothaarigen heute Morgen in den Wald gehen sehen...“ Sie gab sich alle Mühe normal zu klingen, doch Louis wusste genau, dass sie wissen wollte, wann Liam zurückkam. Er hatte schon fast vergessen, dass sich die beiden recht gut verstanden hatten. Darum hätte er Louise gerne von ihrem Plan erzählt, aber es war besser, wenn so wenig Menschen wie möglich davon wussten, weshalb er sie anlog. „Er ist mit Ed unterwegs in den Dörfern. Sie suchen Männer, die noch als Rekruten auf die Burg kommen wollen?“ Das schien die Magd nicht sonderlich zu begeistern, denn sie seufzte: „Noch mehr Männer? Wir bekommen es so schon kaum hin, alle satt zu machen…wenn noch mehr Leute kommen, werden wir zusätzliche Mägde und Köche brauchen.“ - „Ich werde es Harry sagen, ja?“ Sie nickte und seufzte, dann fragte sie leise: „Denkst du, Liam hat mich gern? Denn ich mag ihn sehr, aber ich weiß nicht genau, was er von mir hält. Er kann es ja schlecht sagen.“ Sie kicherte und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die unter dem Tuch, das sie sich um den Kopf gebunden hatte, hervor gerutscht war. Louis hatte mit dieser Frage nicht gerechnet und war dementsprechend sprachlos. Er stützte sich auf den Rand des Brunnens auf und räusperte sich mehrmals, bevor er sagte: „Nun, ich kann es nicht sagen, denn ich weiß es nicht.“ Louises Blick wurde traurig, doch er setzte schnell nach: „Aber das bedeutet ja nichts. Ich habe ihn noch nie darauf angesprochen, aber als ihr euch dieses eine Mal miteinander ´unterhalten´ habt, wirkte Liam so glücklich, wie schon lange Zeit nicht mehr. Das ist doch auf jeden Fall etwas Gutes. Mach dir da keine Gedanken. Wenn er wieder kommt, wirst du sicherlich bemerken, wie sehr er sich freut, dich zu sehen.“ Die Magd schien nicht so ganz von seinen Worten überzeugt worden zu sein und zuckte nur leicht mit den Schultern. „Wenn er wiederkommt, werde ich ihn vielleicht fragen.“ überlegte sie laut und zog den letzten Eimer Wasser aus dem Brunnen. Louis half ihr noch, das Wasser in die Küche zu tragen. Gerade wollte er wieder zurück gehen, da tauchte Draca in der Küche auf: „Louis, Harry schickt mich. Er muss mit dir etwas besprechen.“

Der junge König wartete an der Treppe auf Louis und lächelte ihn an, als er mit Draca die Stufen zu ihm hinaufstieg. „Komm mit. Ich muss etwas mit dir besprechen.“ Er ging durch die Tür in den Thronsaal, durchquerte ihn mit schnellen Schritten und öffnete die Seitentür. Kaum waren sie außer Sicht, lächelte Harry zu Louis hinunter, nahm seine Hand und hielt ihn kurz auf: „Warte einen Moment, ich will dich kurz darauf vorbereiten, was jetzt kommt.“ Harry zog Louis beiseite und griff nun auch nach seiner anderen Hand. „Ich konnte mit meiner Frau sprechen. Sie war nicht gerade begeistert, hat sich aber dazu bereit erklärt, dich mit in ihr Bett zu lassen. Und den Trank von Gwydion will sie auch trinken.“ - „Hast du ihr gesagt, dass wir von ihrer Zuneigung zu Thomas wissen?“ fragte Louis und Harry schüttelte rasch den Kopf: „Nein, das will ich noch für mich behalten. Wenn sie sich weigern sollte, werde ich das als letztes Druckmittel gegen sie verwenden müssen.“ Louis nickte verstehend und hoffte, dass Thomas seiner Vertrauten nicht bereits gesagt hatte, dass Harry und Louis im Bilde waren. „Ich habe im Bergfried Thomas getroffen.“ murmelte Louis, denn er hielt es für besser, Harry zu sagen, dass zumindest der Vertraute von Lady Taylor Bescheid wusste. „Es ging ihm nicht gut und wir haben miteinander gesprochen. Harry, ich habe ihm gesagt, dass wir es wissen.“ Die Mimik des Königs wurde steinern und er blickte Louis enttäuscht an: „Wieso hast du das getan? Du hast mir damit den letzten Trumpf genommen, den ich hätte ausspielen können.“ Er wirkte wütend und sein Blick wurde finster. Rasch, um ihn zu besänftigen, hob Louis eine Hand und strich seinem Geliebten über die Wange: „Ich hatte keine Wahl. Thomas und ich kamen im Gespräch darauf, wie schwer diese Hochzeit für uns war und ich gestand ihm, dass ich dich liebe. Daraufhin meinte er, es wäre sehr egoistisch von dir, wenn du dir einen Geliebten gestattest, während Taylor treu sein muss. Ganz egal, ob sie es will, oder nicht. Ich konnte das einfach nicht so stehen lassen. Tut mir wirklich leid, wenn ich dir damit in den Rücken gefallen sein sollte. Entschuldige bitte.“ Harry seufzte und nickte dann: „Du konntest es ja nicht wissen...“ liebevoll strich er Louis über die Wange, küsste ihn kurz und sagte dann: „Ich will heute Abend die Ehe vollziehen und dachte, dass du und Taylor euch zumindest einmal richtig kennenlernen solltet, ohne, dass der Standesunterschied und das Höfische Protokoll zwischen euch liegt.“ Die Tatsache, dass es heute Nacht stattfinden würde, verursachte ein Bauchkribbeln bei ihm und Louis griff rasch wieder nach Harrys Hand, während sie sich gemeinsam auf den Weg zu Lady Taylor machten.

Bei den Gemächern der Königin angekommen, klopfte Harry an die Tür und sie wurden hereingebeten. Die Königin saß am Feuer und war in eine Strickarbeit vertieft. Sie sah auf, als ihr Besuch ins Zimmer trat. „Ich grüße Euch.“ sagte sie und erhob sich graziös. Heute trug sie ein dunkelrotes Kleid, das mit feinen, goldenen Fäden bestickt war. Harry küsste ihr zur Begrüßung die Hand, wie es nicht gehörte und Louis verneigte sich vor ihr. „Du bist also Harrys Spielgefährte.“ sagte sie und sah ihm in die Augen. „Das hätte ich bei unserer ersten Begegnung nicht gedacht, wenn ich das so sagen darf. Es hat mich überrascht davon zu hören.“ Sie klang sanft und recht neutral, fast so, als wäre es ihr gleich. Doch Louis glaubte, ein wenig Eifersucht in ihren Worten herausklingen zu hören. Er erwiderte nichts auf ihre Aussage, sondern senkte nur den Blick. Lady Taylor schritt um Louis und Harry herum und betrachtete sie von allen Seiten, fast so, als würde sie ein Pferd begutachten, das sie zu kaufen gedachte. „Und heute Nacht sollen wir das Bett teilen...eine seltsame Vorstellung, findet Ihr nicht? Man sollte eine Frau nur zur Gemahlin nehmen, wenn man von ihr angetan ist. Einen Gehilfen zur Ehe mitzubringen, gehört sich nicht. Aber ich bin nur eine Frau und habe kein Recht darüber zu urteilen.“ Ihre Worte klangen jedoch schwer danach und klangen nach purer Verachtung. „Nun, ich denke, wir beide haben uns dieses unangebrachte Verhalten zuzuschreiben. Euer Vertrauter, Thomas, ist auch mehr, als Ihr zugeben wollt.“ sagte Harry. Die Reaktion der Königin ließ darauf schließen, dass Thomas noch nicht in der Lage gewesen war, der Frau mitzuteilen, dass Harry von ihnen wusste. Ihre Augen wurden groß und sie öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, doch es kam kein Laut über ihre Lippen. Stattdessen schnappte sie nach Luft und sackte zusammen.

Harry und Louis fingen sie auf und legten sie vorsichtig auf dem Teppich ab. „Wie konnte das geschehen?“ fragte Louis und sah auf die Königin hinunter. „Ich denke, der Schreck hat sie bewusstlos werden lassen.“ überlegte Harry und ein zufriedenes Grinsen umspielte seine Lippen. „Schön, dass ich meinen Trumpf doch noch wirkungsvoll ausspielen konnte.“

   
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