Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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50. Gedankenlesen

„Ed!“ rief Draca und rannte die Stufen hinunter. Auf halbem Weg wurde er von Liam überholt, der immer zwei Stufen auf einmal nahm und Ed um den Hals fiel. Der Kleine schien völlig kraftlos zu sein, denn er fiel sofort um und beide landeten im aufgeweichten Boden des Hofes. Liam rappelte sich auf, zog Ed auf die Beine und führte ihn vorsichtig die Treppe hinauf. Alle machten sofort Platz, um ihn in den warmen Thronsaal zu lassen. Louis erhaschte im Vorbeigehen kurz einen Blick auf ihn. Ed war blass und hatte mehrere Kratzer im Gesicht aus denen Blut über seine Wangen gelaufen,  dann geronnen war, das sich mit Schmutz vermischt hatte. Er sah total verängstigt aus, wie er mit weit aufgerissenen Augen von Liam geführt wurde. „Einen Stuhl!“ forderte Zayn und Flint trug sofort einen herbei, damit Ed sich setzen konnte.
Am ganzen Leib zitternd ließ er sich auf die vorderste Kante sinken. Alle scharten sich um ihn, schweigen und blickten ihn neugierig an. „Wie soll er uns mitteilen, was passiert ist?“ fragte Veland und eine Welle Ernüchterung breitete sich unter ihnen aus. In der Aufregung hatten sie alle völlig außer acht gelassen, das Ed sich nur über Zeichensprache und Laute verständigen konnte. „Wir könnten ihm Fragen stellen, die er nur mit einem Nicken beantworten kann.“ schlug Flint vorsichtig vor. „Nein, das dauert viel zu lange.“ sagte Harry und klang sehr ungeduldig. „Ed, bist du außer diesen Kratzern noch irgendwo verletzt?“ fragte Zayn ruhig und Ed schüttelte den Kopf. Gut zu wissen, dass ihm soweit nichts Schlimmeres geschehen war.
„Sind Nerian und Buck...sind sie wirklich tot?“ wagte es Flint nun doch zu fragen und klang flehend, fast so, als hoffte er, Ed würde den Kopf schütteln. Mit Tränen in den blauen Augen, nickte Ed und ahmte mit den Händen Pfeil und Bogen nach. „Sie wurden erschossen?“ fragte Draca und wieder bekamen sie ein schwaches Nicken als Antwort. „Lasst mich das herausfinden!“ ertönte Gwydions Stimme, gerade in dem Moment, als Louis fragen wollte, wie viele Männer sie überfallen hatten. Niemand hatte bemerkt, dass der Druide nicht mit in den Thronsaal gekommen war. Offenbar war er kurz in seiner Kammer gewesen, denn er trat zwischen den Säulen hervor und kramte dabei in einem Beutel, den er sich um die Schulter gehängt hatte. Alle machten Platz, als er mit schnellen Schritten auf sie zukam und vor Ed auf die Knie ging. Wortlos zog Gwydion ein paar Kräuter und eine Tonpfeife mit langem Stiel aus der Tasche, stopfte sie und entzündete die Kräuter dann, indem er mit den Fingern schnippte. Louis machte große Augen; so etwas hatte er noch nie gesehen und obwohl er schon lange den Verdacht hegte, dass Gwydion ein Zauberer sein könnte, überraschte ihn diese Handlung doch. „Ed, wenn ich es dir sage, dann holst du mehrmals tief Luft.“ wies Gwydion ihn an. „Und der Rest von euch, sollte mal ganz geschwind ein paar Schritte zurück machen.“ Alle Merry Men gehorchten ihm sofort und machten mit ehrfürchtiger Miene Platz.
Der alte Mann legte die Pfeife zwischen die Lippen, zog daran und blies Ed dann eine große Rauchwolke direkt ins Gesicht. „Einatmen.“ verlangte er und mit jedem Atemzug Eds wurde die Rauchwolke kleiner. Kaum einen Wimpernschlag später, kippte Ed der Kopf auf die Brust und er wäre sicherlich vom Stuhl gefallen, wenn Gwydion ihn nicht aufgefangen hätte. Sicherlich hatte er um die Wirkung des Krauts gewusst und legte Ed nun sanft auf dem Boden ab. „Was hast du mit ihm gemacht?“ fragte Flint ein wenig verängstigt. „Er schläft. Sein Geist ist nun frei und offen und er kann mir so genau berichten, was geschehen ist.“ antwortete der alte Mann und einem Tonfall, als habe er gerade einen Strauß Blumen gepflückt. „Gwydion kann einem manchmal ein sehr unbehagliches Gefühl bescheren.“ wisperte Draca hinter Louis. Offenbar hatten alle Anwesenden hier, die Kräfte des Zauberers ein wenig unterschätzt.

Ed lag nun auf dem Rücken und schien tief und fest zu schlafen, als sich Gwydion wieder über ihn beugte. Mit konzentrierter Miene legte er ihm seine Hände auf den roten Haarschopf und sprach murmelnd ein paar Worte. Mit geschlossenen Augen und konzentrierter Miene wiederholte er diese stetig und mit einem Mal, ganz plötzlich, schien es, als verschmolzen er und Ed miteinander. Gwydions Handflächen glühten, als stünden sie in Flammen und Ed zuckte kurz zusammen. Ob er Schmerzen hatte? Louis griff rasch nach Harrys Hand und ließ das Geschehen nicht aus den Augen. In der Luft hing noch immer der betörend, süßliche Duft nach den Kräutern, der einem ein wenig die Sinne zu benebeln schien, also hielt Louis die Luft an, um bei klarem Verstand zu bleiben. Er wollte nichts hiervon verpassen.
Der Junge und der Zauberer, noch immer durch das Licht miteinander verbunden, regten sich nicht, mit Ausnahmen ihrer Augenlider, die ab und zu zuckten und flatterten. „Was macht er mit ihm?“ hauchte Zayn andächtig und alle um ihn her schüttelten die Köpfe. Dann, ganz plötzlich, ließ Gwydion Ed los und setzte sich neben ihn auf den Fußboden. Das Licht war erloschen, als er die Berührung unterbrochen hatte und mit einem Mal schien es in der Halle viel dunkler zu sein. Der Atem des Zauberers ging schwer und Flint war sofort bei ihm, während sich Liam neben Ed kniete und ihm behutsam mit der Hand durchs Haar strich. „Geht es dir gut? Brauchst du etwas?“ fragte Flint und reichte dem Zauberer seinen Stab, an dem er sich ächzend auf die Beine zog. „Nein, vielen Dank Flint, es geht mir gut.“ Er sah sehr müde aus, als hätte ihm diese Tat viel Kraft abverlangt. Harry trat an Gwydion heran: „Was hast du mit ihm gemacht?“ - „Ich habe mir seine Erinnerung angesehen“, antwortete der Zauberer. „jetzt wissen wir, wie sich der Überfall zugetragen hat.“ Er trat an den langen Tisch heran und ließ sich auf einen Stuhl sinken, winkte alle zu sich heran und begann dann zu sprechen.

„Sie waren gerade aus dem ersten Dorf gekommen. Man hatte sich sehr über die Vorräte gefreut und dies dankbar angenommen. Buck saß auf dem Rücken des Ponys und Nerian auf dem Kutschbock. Ed hatte es sich hinten zwischen den Getreidesäcken bequem gemacht, wo er flach auf dem Rücken lag und hinauf in die Baumkronen starrte, die an ihm vorüber zogen. Sie hatten gerade eine Lichtung überquert und es war schon Mittag, als ein Pfeil aus einem dichten Gebüsch gesurrt kam und Buck in die Brust traf. Er fiel leblos vom Pferd ins Gras.
Nerian zog sofort seine Waffe und sagte zu Ed, er solle sich verstecken. Zwischen den Säcken verborgen musste er mit anhören, wie Nerian versuchte, sie zu verteidigen. Doch es schienen zu viele Angreifer gewesen zu sein, denn bald schon lag auch Nerian am Boden. „Welchem König dient Ihr!“ bellte eine Stimme und Nerian antwortete: „König Harry.“ Auf diese Worte folgte ein Schwerthieb und das Geräusch eines Körpers, der ins Gras fiel. Ed wusste sofort, dass auch Nerian tot war. Die Angreifer nahmen die Karre und das Pony mit sich und Ed gelang es, sich irgendwann unbemerkt herauszurollen. Er fiel ins hohe Gras und blieb dort liegen, bis die stampfenden Schritte der Männer auf dem Waldboden nicht mehr zu hören waren. Er  kämpfte sich den ganzen Weg zurück, unbewaffnet und verängstigt, bis er schließlich hier auf den Burghof gestolpert kam.“

„Wieso wollten die Angreifer den Namen von Harry wissen?“ fragte Zayn, kaum dass Gwydion geendet hatte und runzelte die Stirn. „Vielleicht gehören sie zu Jemandem, der Jonathan treu war und sichergehen wollte, dass er noch lebt?“ - „Oder man wollte sich vergewissern, dass sein Tod kein Gerücht war...sicherlich hat sich das mittlerweile herumgesprochen.“ mutmaßte Veland. „Aber dann hätte man Buck und Nerian doch nicht gleich töten müssen.“ zürnte Harry und schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Und wenn Niemand von den Männern erfahren durfte? Wenn sie ihm Geheimen unterwegs waren?“ Augenblicklich entbrannte eine Debatte darüber, wer die Männer gewesen waren und ob ihr Herr den Merry Men Gutes oder Böses wollte. Louis beteiligte sich nicht daran. Stattdessen ging er zu Liam hinüber, der neben dem schlafenden Ed auf dem Holzboden saß und ihn wachsam im Auge behielt. „Hättest du jemals gedacht, dass wir in eine solche Geschichte hineingeraten, als wir uns im Fallturm getroffen haben?“ fragte Louis. Der Stumme schüttelte den Kopf und seufzte wehmütig. „Ja, ich auch nicht. So schön es für das Volk ist, von Jonathan befreit worden zu sein...ich sehne mich nach der Zeit im Wald zurück.“ Liam nickte und deutete mit dem Finger auf sich.

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Eine Mondphase später, war Louis anderer Meinung. Der Winter hatte eingesetzt und war so rasch und ungnädig über die Grafschaft hereingebrochen, dass er nun froh war, ein festes Dach über dem Kopf zu haben. Die Kamine im Thronsaal brannten ununterbrochen und alle hielten sich die meiste Zeit dort auf. Harrys Kammer war die einzige, die beheizt war und so schliefen alle Merry Men und der Zauberer im Thronsaal. Jeden Morgen, wenn Louis die Augen aufschlug, konnte er Eisblumen am Fenster sehen und sein Atem zeichnete sich weiß in der kalten Luft ab. Sie schliefen in ihren Kleidern und hatten zusätzlich noch dicke Felle über die Bettdecke gelegt. Trotzdem waren seine Hände und Füße dauerhaft kalt. Louis konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wie es gewesen war, warme Hände zu haben.
Die Mägde mussten jeden Morgen den Brunnen und die Tränken der Tiere vom Eis befreien und Wasser bekam man nur, wenn man Eis in einem Kessel schmolz. Die dunklen Bäume des Waldes waren mit hellem Schnee bedeckt, was Louis sehr gefiel. Oft stand er am Fenster und blickte über das weiße Meer hinweg, genoss die Ruhe, die der Schnee brachte. Wenn er den Blick direkt nach unten richtete, konnte er hinunter auf eine Wiese sehen, die zur Burg gehörte. Cuthbert war dort täglich anzutreffen, denn er kümmerte sich bei jedem Wetter darum, die neuen Soldaten auszubilden. Er hatte eine ganze Menge junger Männer dazu bringen können, sich dem neuen König gegenüber zu verpflichten und obwohl Louis nicht zählen konnte, wusste er von Zayn, dass es mindestens zwei Dutzend waren. Seit dem Überfall auf Buck, Nerian und Ed warteten alle in der Burg jeden Tag darauf, von neuen Fällen zu hören, doch es blieb still im Weglosen Wald und irgendwann erlaubte Gwydion Harry, endlich wieder die Burg zu verlassen, um jagen zu dürfen.
„Begleitest du mich?“ fragte er Louis und warf sich noch einen Pelz über die Schultern. „Sehr gerne.“ antwortete dieser und machte sich ebenfalls fertig. Sie würden zu Pferd jagen, dann wären sie schneller. Aus der Waffenkammer holten sie sich Pfeil und Bogen, dann nahmen sie zwei dunkle Pferde aus dem Stall. Es waren keine großen, mächtigen Rösser, sondern eher kleingewachsene Pferdchen. Sie verfügten über ein dichtes, struppiges Fell und hatten eine unglaubliche Ausdauer und Kraft. Weil sie ohne Sattel ritten, sorgte de Körperwärme des Tieres auch dafür, dass sie nicht froren.

Langsam ritten sie die gewundene Straße am Berg entlang und kamen so dem Wald immer näher. Die Luft heute war klirrend kalt, aber angenehm klar, sodass man eine weite Sicht hatte.
Ab und zu rieselte ein wenig Schnee von den Ästen über ihren Köpfen herunter und fiel wie eine Staubwolke auf sie hinab. Selbst hier unter den dichten Baumkronen, stand der Schnee knöcheltief und bald schon hatten sich die langen Haare der Ponys mit kleinen Eiszapfen und Schneeklumpen verhangen. „Willst du ein spezielles Tier schießen?“ fragte Louis, als sie weit in den Wald vorgedrungen waren. „Etwas möglichst Großes, wäre sicherlich gut. Immerhin haben wir viele Mäuler zu stopfen.“ überlegte Harry und fügte noch schnell hinzu: „Es können aber auch viele kleine Tiere sein, Hauptsache, wir bekommen alle in der Burg satt.“    
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