Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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45. Eine staubige Angelegenheit

Niemals hätte Louis gedacht, wie viel Arbeit es war, ein Königreich zu verwalten. Ihm schwirrte bereits der Kopf, nachdem sie alle gemeinsam einen Plan aufgestellt hatten, wie man dem Volk Lebensmittel zukommen lassen konnte. Und als Prinz Niall dann auch noch gemeinsam mit Zayn, Cuthbert und Harry anfing sich über die ideale Zusammenstellung einer königlichen Armee zu unterhalten, beschloss Louis, sich Ed und Liam anzuschließen, die nur kurz im Thronsaal vorbeigekommen waren und nun die Vorräte verpacken sollten.

Die Kammer in der Jonathan die ganzen Abgaben seines Volkes lagerte, befand sich unter der Erde in einem geschützten  Gewölbe. Louis hatte gerade den halben Hof überquert und im Vorbeigehen der Magd Louise zugelächelt, als er schnelle Schritte hinter sich hörte und sich umwandte. Buck kam auf ihn zugerannt: „Louis, warte! Ich komme mit.“ Buck schloss zu ihm auf und atmete erleichtert aus, als sie nebeneinander her gingen. „Also ich weiß ja nicht, wie das die Jungs aushalten, aber den ganzen Tag da in diesem Saal zu sitzen und Pläne zu schmieden, finde ich ziemlich langweilig. Ich muss was arbeiten, sonst werde ich unruhig.“ sagte er und gemeinsam gingen sie eine Treppe hinunter.

Je tiefer sie kamen, desto kühler wurde es. Ihr Schritte machten auf den Steinstufen laute Geräusche und immer wieder kamen sie an Gittertüren vorbei. Der ganze Korridor und der Treppenabgang war von Fackeln beleuchtet und urplötzlich blieb Louis stehen. Er hatte im Vorbeigehen nur flüchtig in einen abzweigenden Korridor geblickt und dort eine Gestalt sitzen sehen. Sie lag im Dunkeln und so konnte er nicht einmal sicher sagen, ob es sich dabei um einen Menschen oder einfach nur ein Bündel handelte.  Louis blieb stehen und trat näher an das Metalltor heran. Er kniff die Augen zusammen und versuchte in der Dunkelheit Genaueres zu erkennen. „Was ist?“ fragte Buck, der umgekehrt war und nun neben Louis stand. „Ich glaube, hier Unten sind auch die Kerker...meinst du, Harry weiß, dass hier noch Menschen sind? Nicht, dass diese Menschen hier unten vergessen werden.“ - „Wir sollten ihn darauf aufmerksam machen, meinst du nicht?“ fragte Buck und  reckte den Hals ein wenig. „Ja schon...aber vielleicht ist er auch aus einem gewissen Grund hier, das sollte man nicht außer Acht lassen.“ murmelte Louis und wandte sich um: „Ich geh nochmal zurück. Bin gleich wieder da.“ Louis wandte den Blick von dem Bündel am Boden ab und stieg die Stufen wieder hinauf, während Buck sich weiter auf den Weg in die Vorratskammer machte.

Im Thronsaal ging Harry auf und ab, während Prinz Niall auf ihn einredete. Beide Männer schienen wütend zu sein, als Louis hereinkam. „...auf Soldaten kann nicht verzichtet werden. Ohne sie ist die Grafschaft angreifbar!“ sagte Prinz Niall laut, in dem Moment, als Louis leise durch die Tür huschte. Harry blieb stehen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und sah den Prinzen an: „Ich will nicht, dass das Volk sich durch die Soldaten überwacht fühlt. Das hatten sie unter Jonathan lange genug!“ Es war das erste Mal, dass Louis Harry richtig wütend erlebte und wenn er ehrlich war, dass war das ziemlich unheimlich, denn seine Stimme klang nun noch tiefer, als sonst. Er hatte die Augenbrauen zusammen gezogen und funkelte den Prinzen an, der nur mit den Schultern zuckte und sagte: „Ich werde nicht ewig hier sein und wenn ich gehe und meine Soldaten mitnehme, dann musst du hoffen, dass sich die Männer Jonathans auf deine Seite gestellt haben, sonst hast du ein Problem. Wenn du ihnen jetzt ihre Anstellung nimmst, nur weil du keine Soldaten haben willst, dann bringst du sie gegen dich auf und du solltest nicht vergessen, dass diese Männer weit besser kämpfen können, als deine Jungs.“ sagte Prinz Niall und ließ sich wütend und ziemlich schwungvoll in seinen Stuhl zurück fallen. Harry schnaubte und drehte sich um. Als er Louis erblickte, wurde sein Blick ein wenig ruhiger und er atmete seufzend aus: „Hallo Louis….“ - „Ähm...ich habe im Keller eine Art Verlies gesehen, in dem noch Jemand ist...weißt du davon?“ fragte er unsicher und plötzlich fühlte er sich Harry gegenüber ganz klein. Ob es daran lag, dass Harry gerade noch wütend gewesen war, oder dann Louis zum ersten Mal richtig bewusst wurde, dass er einem König gegenüber stand. Harry löste sich aus seiner steifen Körperhaltung und sagte dann: „Ich wusste, dass es noch Gefangene geben muss...ich versuche mich darum zu kümmern.“ - „Gut, dann geh ich mal den anderen helfen.“ murmelte Louis, nickte Harry kurz zu und wandte sich dann wieder ab. Als er an dem langen Tisch vorbeikam, fiel sein Blick auf Prinz Niall, der sich in seinem Stuhl zurückgelehnt hatte und Harry noch immer anblickte, als hätte er es mit einem kleinen Jungen zu tun. Als er bemerkte, dass Louis ihn ansah, stand er auf: „Louis, ich muss noch mit dir sprechen.“ sagte er und ging raschen Schrittes um den langen Tisch herum. Louis hingegen machte einige schnelle Schritte in Richtung Tür: „Ich bin gerade nicht so erpicht darauf, mit Euch zu sprechen.“ gab er leise zu und versuchte die Tür zu erreichen, doch er wollte nicht rennen, um so Unsicherheit zu zeigen, weshalb der Prinz ihn erreichte und am Ärmel packte. „Louis. Ich weiß, dass du sauer bist, weil ich zusammen mit Harry diesen Plan geschmiedet habe. Ich wollte mich entschuldigen. Meinetwegen hattest du Angst und wurdest verletzt, weil ich nicht eingreifen konnte. Dass wir dich nicht in den Plan einweihen konnten, tut mir wirklich Leid, aber es wäre ein zu großes Risiko gewesen, dass du den Plan versehentlich verraten könntest.“ Louis spürte, dass es der Prinz wirklich ernst mit seiner Entschuldigung meinte, trotzdem entriss er sich dessen Griff und machte einen Schritt zurück. „Ich kann das nicht so einfach verzeihen….gebt mir bitte Zeit, dann kann ich das vielleicht.“ wisperte Louis und wich dem Blick des Prinzen aus. Es war unverkennbar, dass es ihm wirklich Leid tat, doch Louis konnte ihm nicht einfach so verzeihen. „Harry scheinst du verziehen zu haben.“ sagte der Prinz und schien tatsächlich verletzt von Louis Abweisung zu sein. „Bei Harry ist das etwas anderes.“ gab Louis zu und wandte sich dann ab, um den Raum wieder zu verlassen. „Inwiefern ist das etwas anderes?“ fragte Niall irritiert und ein wenig lauter, doch Louis antwortete nicht mehr, sondern zog die schwere Tür des Thronsaals wieder hinter sich zu.

Das Lager, in dem Ed, Liam und Buck damit beschäftigt waren, Vorräte für das Volk zu verpacken war beeindruckend groß. Hölzerne Regale standen an den Wänden und boten Platz für große Weidenkörbe voller Kartoffel. Es gab aus dünnen Zweigen geflochtene Körbchen in denen Karotten lagerten und Säckeweise Korn. In einem separaten Raum hingen geräucherte Schinken und gedörrtes Fleisch an schweren Haken von der Decke und Louis lief das Wasser im Mund zusammen, als er das Raucharoma riechen konnte, das von den Schinken ausging. „Ich wundere mich ja wirklich, dass Jonathan nicht fett war...“ sagte Buck in einem Raum weiter hinten gerade. „...ich meine, bei den Mengen, die hier lagern, das ist ja unfassbar.“ Von Ed war ein Kichern zu hören, offenbar amüsierte er sich. Louis ging durch den ersten Lagerraum und gelangte in eine Art Gewölbekeller. Ihm stockte der Atem, als er die großen, aus Holz gefertigten Fässer sah, die aneinander gereiht aufgestellt waren. Jedes Fass verfügte über eine Art Zapfen durch den man das Getreide in Säcken abfüllen konnte. Genau das taten Liam und Ed gerade. Liam, der deutlich mehr Kraft hatte, als der kleine rothaarige Ed, hielt den Sack fest, während der Andere den Zapfen drehte und ein Strom Getreide laut rauschend und staubend in den Sack floss. Buck stand mit einem Seil bereit und band den Sack zu. Sie arbeiteten gut Hand in Hand und Louis fragte sich gerade, wie er da noch eine Hilfe sein könnte, als Liam ihn zu sich winkte. Er drückte Louis einen neuen Sack in die Hand, nahm den anderen und warf ihn sich über die Schulter. Er trug ihn zu einer Luke davon und legte sie in eine Holzkiste. Daran war eine Kette befestigt und vermutlich konnte man die Waren so an die Oberfläche schaffen. Ed füllte den Sack, den Louis festhielt, Buck verschnürte ihn und Liam schleppte die Säcke zu der Holzkiste. So arbeiteten sie Hand in Hand und und obwohl es in dem Kellergewölbe kühl war, dauerte es nicht lange, bis sie alle nassgeschwitzt waren.

„Wisst ihr, wie viele Säcke wir fertig machen sollen?“ fragte Buck irgendwann und Liam schüttelte den Kopf Ed deutete auf die bereits abgefüllten Säcke und machte ein Gesicht, das wohl soviel heißen sollte wie: „Denkt ihr nicht, das reicht schon aus?“ Sie beschlossen, den letzten Sack zu füllen, dann drehte Ed den Zapfen wieder zu. Der Staub des Getreides hatte sich überall festgesetzt und so waren ihre Haare und Oberkörper mit einem feinen, grau-gelben Pulver überzogen. „Ich muss an einen Brunnen.“ seufzte Buck und sah an sich herunter. Die drei anderen schlossen sich ihm an und so fanden sie sich wenig später vor dem Brunnen wieder, an dem Louis sich vor seiner vermeintlichen Hinrichtung hatte waschen sollen. Das Wasser war eiskalt, doch es ging nicht anders und so bissen sie alle die Zähne zusammen, als sich jeder einen Eimer Wasser über den Kopf goss. „Ich hätte Euch ein wenig warmes Wasser geben können.“ sagte eine helle, freundliche Stimme und Louise tauchte neben dem Brunnen auf. Liam wurde augenblicklich verlegen und senkte den Blick. Offenbar war es ihm sehr unangenehm, dass sie ihn nur halb bekleidet sah. Doch Louise schien das keineswegs zu stören, denn sie lachte nur und sagte: „Aber wie ich sehe, seid Ihr alle schon sauber. Nun, wenn Ihr zukünftig zum Waschen herkommt, ist es Euch natürlich gerne gestattet, in der Küche um ein wenig warmes Wasser zu bitten. Mein Name ist Louise.“ sie knickste vor ihnen und auch die Jungs stellten sich vor. Ed konnte seinen Namen gerade so aussprechen, denn der war kurz und auch ohne Zunge ganz gut zu verstehen, doch Liam brachte nur ein heiseres Keuchen heraus und wirkte enttäuscht, dass Louise ihn nicht verstanden hatte. „Er heißt Liam.“ sagte Louis schnell und der Blick der jungen Frau glitt an seinen Hals. Sie erkannte die tiefen Narben, die die Ketzergabel dort hinterlassen hatte und ihr Blick wurde mitleidig. „Du wurdest gefoltert...“ hauchte sie und Liam setzte einen Blick auf, von dem Louis vermutete, dass es Absicht war, denn die Magd schien dadurch nur noch mehr Mitgefühl für Liam zu empfinden. Ed wirkte amüsiert und ein wenig irritiert und blickte mit hochgezogenen Brauen zwischen Louise und Liam hin und her. „Komm, lass uns mal Bescheid geben, dass wir die Säcke fertig haben.“ sagte Louis, packte Ed und Buck am Arm und zog sie in Richtung Thronsaal. „Habt ihr das gesehen? Er ist ihr beim ersten Blick verfallen.“ kicherte Buck und auch Ed gluckste amüsiert und sah noch mehrmals über die Schulter. Louise unterhielt sich mit Liam, der versuchte, sich mit Lauten und den Händen zu verständigen.
„Sie scheint ihn ganz verzaubert zu haben.“ kicherte Buck und die beiden anderen nickten zustimmend. Sie stiegen die lange Treppe zu der Halle hinauf in der sich der Thronsaal befand und gingen an den Wachleuten vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Obwohl die Jungs noch immer tropfnass waren, hielt man sie nicht auf und so betraten sie den Thronsaal.

Harry, Zayn, Cuthbert und Prinz Niall saßen noch immer an dem langen Holztisch. Nur die Tatsache, dass die Kerzen nun schon deutlich weiter heruntergebrannt waren, zeugte davon, wie viel Zeit vergangen war, außerdem saß der Druide bei ihnen am Tisch. Als sie eintraten, hob Harry gerade seinen Kopf, den er auf der Tischplatte abgelegt hatte und sagte zu dem Zauberer: „Und wie soll ich herausfinden, was die Menschen in den Kerkern verbrochen haben? Fragen kann ich sie wohl kaum. Sie würden mir eine Lügengeschichte erzählen, aufgrund dessen ich sie freilassen müsste. Sie werden sagen, dass man sie zu Unrecht hier festgehalten hat und ich kann das Gegenteil nicht beweisen.“ Offenbar kümmerte man sich hier bereits um die Kerkerinsassen. „Es gibt doch hier noch genug Mitarbeiter von Jonathan. Der Schreiber beispielsweise, war immer unparteiisch. Er kann uns vielleicht mehr sagen.“ schlug Prinz Niall vor und Harry stöhnte: „Niemals hätte ich gedacht, dass das alles so anstrengend und kompliziert ist. Wie hat mein Großvater das nur gemacht, Gwydion?“ Der alte Mann lächelte und antwortete mit ruhiger Stimme: „Er hatte Berater und Helfer, die ihm zur Seite standen und außerdem wächst man mit seinen Aufgaben. Das Regieren musst auch du erst einmal lernen.“    
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