Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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3. Eine Grube für Geächtete

Die Tautropfen sogen sich in den Stoff seiner Beinkleider und auch der Saum des Umhangs, den Louis trug, war schon durchnässt. Das Kleidungsstück wurde immer schwerer.
Seine verletzte Hand hatte er noch kein einziges Mal angesehen, denn ihm graute vor dem Anblick. Es musste wirklich schlimm aussehen, denn jedes Mal, wenn er versehentlich einen Farn oder ein anderes Gewächs im Vorbeigehen streifte, durchzuckte ihn ein heftiger Schmerz und am Liebsten hätte er aufgeschrien.

Als die Sonne schon wieder tiefer am Himmel stand und Louis sicher war, genug Distanz zwischen sich und die Burg gebracht  zu haben, wagte er es, eine kleine Pause zu machen. In der Nähe eines kleinen Baches, dessen Rauschen und Plätschern ihn angezogen hatte, fiel er auf die Knie, schob die rechte Hand unter dem Umhang hervor und tauchte sie in das kühle Wasser. Es verschaffte ihm ein wenig Linderung und Louis schloss für einen Moment die Augen, so angenehm fühlte sich das kühle Nass auf seiner Haut an. Durch die Wasseroberfläche sah seine Hand seltsam unförmig aus und er musterte sie interessiert und gleichzeitig besorgt, als er sie aus dem Wasser zog. Mit der Unterlippe zwischen den Zähnen und gerunzelter Stirn sah er seinen gebrochenen Finger an: er war seltsam verdreht und tat unglaublich weh, wenn er versuchte, ihn zu bewegen. „Verfluchter Mist.“ schimpfte Louis, bekreuzigte sich rasch und überlegte fieberhaft, wie er sich nun selbst verarzten konnte, damit der Bruch ein wenig besser heilte. Im Dorf hatte er mal einen Mann gesehen, der am Arm ein Stück Holz festgebunden hatte. Vielleicht, um den Arm stabil zu halten. Louis wandte den Blick von seine verkrüppelten Hand ab und suchte mit den Augen den Waldboden nach kleinen Ästen ab, doch er fand nur Bruchstücke von Baumrinde. Doch auch diese eigneten sich ganz gut, denn durch ihre gebogene Form passten sie gut um seinen Finger herum. Louis zog das Lederband, das sein Oberhemd am Kragen zusammenschnürte, aus den Ösen und wickelte es um die Baumrinde, um sie so an der Hand zu stabilisieren. Mit dem einen Ende des Bands zwischen den Zähnen und dem anderen in der Hand, schaffte er es, das Ganze fest zu zurren. Zwar schmerzte sein Finger noch, allerdings fühlte er sich mit der Stütze deutlich stabiler an. Louis erhob sich, nachdem er im Gras gekniet hatte und musste sich für einen Augenblick an einem Baum festhalten, der nahe des Ufers wuchs. Alles um ihn herum drehte sich und kurz fehlte ihm die Orientierung. Nach mehrmaligem, heftigem Blinzeln stellte sich allerdings wieder der Normalzustand ein und  mit einigen Schlucken Wasser, die er mit hohlen Händen aus dem Fluss geschöpft hatte, ging es ihm wieder besser, sodass er weiter am Flusslauf entlang stapfte, ohne eigentlich genau zu wissen, wohin er wollte. Liams Ratschlag, er solle sich den Menschen an der alten Eiche anschließen, hatte er nicht vergessen, doch hatte Louis leider keine Ahnung, wo sich dieser alte Baum, den Liam gesehen hatte, befand.  Der Wald war einfach viel zu groß – und er nur zu Fuß unterwegs.

Sollte Louis jemals gefragt werden, wie er den Wald nennen würde, der sich über solch weite Strecken der Grafschaft ausbreitete, er würde ihn den „verwirrenden Wald“ nennen.
Einen Tag war er nun schon unterwegs und außer einer handvoll Buchäckern hatte er nichts gegessen. Wie weit er sich von der Burg entfernt hatte, oder ob er sich wieder in ihre Nähe begab, wusste Louis nicht. Seine Orientierung war dahin und der Wald schien sich so häufig zu verändern, dass es sehr schwer war, bekannte Punkte auszumachen.
Manchmal war das Blätterdach über Louis so dicht, dass kaum ein Sonnenstrahl bis auf den Waldboden vordrang, sodass es dort nur Moos und Nachtschattengewächse gab.
Dann wiederum ging Louis zwischen jungen Bäumen hindurch, die in weitem Abstand voneinander wuchsen, betrat Lichtungen voller Blumen und gleißend hellem Sonnenlicht, sodass er die Augen zukneifen musste, um nicht geblendet zu werden. Dieser Wald hatte viele Gesichter und auf seiner Suche nach der Eiche lernte Louis einige von ihnen kennen.

Er lief und lief und begegnete in der ganzen Zeit Niemandem, außer einigen Füchsen und einem großgewachsenen Hirsch. Von Pfaden und Wegen hielt er sich fern, um keinen Reisenden zu begegnen. Er kam an Felsen vorbei, die so hoch waren, wie die Mauer von König Jonathans Burg. Sie waren mit Moos und Flechten bewachsen und obwohl Louis Hand noch immer schmerzte, nahm er all seinen Mut zusammen und kletterte den Fels hinauf. Weil er keine Ahnung hatte, wo genau er sich befand, hoffte er oben auf dem Fels eine bessere Aussicht zu haben. Wenn das Glück auf seiner Seite war, könnte er vielleicht sogar die Burg sehen und abschätzen, wie weit er von ihr entfernt war. Es würde ihn beruhigen, zu wissen, dass er außer Reichweite Jonathans und seiner Gehilfen wäre, denn dann würde er sich nicht mehr wie ein gehetztes Tier fühlen. Ständig hatte er das Gefühl, dass ihm Jemand folgte und das war nicht sonderlich angenehm. Nachts konnte Louis kaum schlafen, weil er immer auf das Geräusch von Pferden oder näher kommenden Soldaten lauschte. Der fehlende Schlaf hatte ihn ausgelaugt und die Verletzung zehrte zusätzlich an seinen Kräften. So brauchte er einen starken Willen, um den Fels erklimmen zu können.

Der Wind fegte durch die Baumkronen, bauschte Louis Umhang auf und wirbelte um ihn herum, als er sich auf der Spitze des Felsens aufrichtete und den Blick über das Meer aus Laubbäumen schweifen lies, das sich so weit das Auge reichte, um ihn herum erstreckte. Die Burg war nirgendwo zu sehen, was ihn sehr erleichterte.
Der Wind trug den Geruch von Blättern und feuchter Erde, von Wasser, Stein und Freiheit zu ihm und einen Moment lang fühlte sich Louis gut – er war frei und es gab Niemanden, der ihm sagte, was er zu tun und zu lassen hatte.
Lange hielt dieser euphorische Gedanke allerdings nicht an, denn dann zogen dunkle Wolken der Wahrheit über ihm auf und Louis wurde schmerzlich bewusst, dass er Niemanden hatte.
Obwohl er sich jetzt allein durchgeschlagen hatte, konnte das doch nicht von jetzt an sein Leben bestimmen. Wollte er wirklich sein Leben lang auf der Flucht sein, nur weil er es gewagt hatte, einen Apfel zu entwenden? Der Wind peitschte ihm entgegen und seine Augen begannen zu tränen, während er kurz keine Luft mehr bekam. Er drehte den Rücken zum Wind, atmete durch und wischte sich die Tränen aus den Augen von denen er nicht wusste, ob sie wirklich vom Wind kamen, oder ob die Erkenntnis, dass er allein war, sie hervorgelockt hatte. Er schlang die Arme um sich und setzte sich vorsichtig auf den harten Fels. Die Knie an die Brust gezogen und das Kinn darauf gestützt, starrte er in die Ferne. Flatternd erhob sich ein Schwarm dunkler Vögel in den Himmel, der von der untergehenden Sonne orange gefärbt wurde. Ob er heute Nacht hier oben schlafen sollte? Hier wäre er zumindest sicher von wilden Tieren, denn gerade in der Dunkelheit war es nicht gerade ratsam, einem Wolfsrudel oder einem wilden Eber zu begegnen. Sein Magen knurrte – den ganzen Tag hatte er den Hunger ignoriert, wie auch in den Tagen zuvor. Noch nun konnte er sich nicht mehr dagegen wehren. Langsam waren seine körperlichen Reserven aufgebraucht und er fühlte sich zittrig und schwach. Nach einigen inneren Hin und Her, entschied er sich dann doch dazu, nochmals von Fels zu klettern und auf dem Boden nach Beeren zu suchen, um wenigstens ein wenig Nahrung im Magen zu haben.
Je weiter er kletterte, desto dunkler wurde es um ihn herum, denn die Bäume in diesem Waldstück waren alle recht dick und hoch. Es war ganz still um ihn herum, nur seine Stiefel, die durch das Kniehohe Gras schritten, machten ein leises Geräusch. Seine Augen suchten in der Dunkelheit den Boden ab, doch es war beinahe unmöglich jetzt noch etwas zu erkennen und Louis wollte auf keinen Fall versehentlich giftige Pflanzen zu sich nehmen. Während er den Blick auf den Boden geheftet hatte, beschlich ihn erneut ein ungutes Gefühl, als er den Baumstämmen den Rücken zuwandte. Das Kribbeln in seinem Nacken breitete sich über seinen ganzen Körper aus und er beschleunigte seine Schritte, um so schnell wie möglich den Felsen wieder zu erreichen.
So schnell es seine verletzte Hand zuließ, erklomm er den Fels und fühlte sich erst wieder sicher, als er ganz oben saß und der Sonne dabei zusah, wie sie in den Bäumen zu versinken schien.

Kaum war das geschehen, war es um Louis herum ganz dunkel und er konnte die Sterne sehen, die den ganzen Himmel einnahmen und zu ihm hinunter blitzte und blinkten. Es war friedlich, als hätte das Auftauchen der Sterne alle Sorgen aus Louis Kopf vertrieben.

Dass er eingeschlafen war, hatte er gar nicht bemerkt, doch irgendwann wachte er auf, weil ein feiner Nieselregen vom Himmel fiel. Zusammengerollt lag er unter seinem Umhang, doch auch der war nass und schützte ihn nicht mehr vor dem kalten Wind, der von Norden her über das Felsplateau wehte. Louis zitterte vor Kälte und seine Hand schmerzte noch heftiger, als er sich aufrappelte und zum Rand des Felsens kroch. Mit nasser Kleidung in kaltem Wind sollte er nicht lange hier oben bleiben. Vorsichtig tastete er nach dem Fels, denn es war erst kurz vor Sonnenaufgang und noch recht dunkel, sodass er kaum etwas sehen konnte. Der Stein war nass und rutschig und Louis setzte vorsichtig einen Fuß nach dem anderen auf um nicht abzurutschen, dann kletterte er langsam und vorsichtig hinunter unter die Bäume.

Dort war der Regen deutlich schwächer, da die dichten Baumkronen viel Wasser zurückhielten, nur hier und da tropfte ein dicker, kalter Regentropfen in Louis Nacken. Durch die hohen und dicken Bäume lag der Waldboden noch in absoluter Dunkelheit, was Louis dazu veranlasste, vorsichtig zu gehen, um nicht über hervorstehende Wurzeln zu stolpern, oder sich in verwachsenen Pflanzenschlingen zu verfangen. Einen Sturz wollte er mit der verletzten Hand nicht erleben. Er lauschte in die Dunkelheit, während er sich langsam voran tastete, ohne eigentlich genau zu wissen, wo er hinwollte, doch außer dem Rauschen der Blätter an den Bäumen war nichts zu hören und er fühlte sich nicht mehr ganz so unbehaglich. Deutlich sicherer machte Louis einen weiteren Schritt nach vorn und mit einem Mal sank der Waldboden in sich zusammen. Ein Knacken, dass in der Stille des Waldes unglaublich laut klang und zwischen den Bäumen widerhallte, erklang und ehe er überhaupt hatte wahrnehmen können, was genau geschah, war er in eine Grube gefallen.
Unsanft landete er mit dem Rücken auf harten Ästen und einer Menge Laub und schrie auf: vor Schreck und vor Schmerz, denn er war auf seiner verletzten Hand gelandet, die er instinktiv genutzt hatte, um sich abzufangen. Das Laub war feucht und klebte überall an ihm, als er sich aufrichtete und seine rechte Hand umklammerte, die heiß pochte und ziemlich wehtat. Einen Augenblick blieb er einfach so liegen, wartete darauf, dass der Schmerz abgeklungen war und sein Atem sich wieder beruhigt hatte. Ein Ast drückte ihm unangenehm in den Rücken und er rollte sich auf die Seite, zog die Beine an und kniete sich hin. Vorsichtig erhob er sich und tastete seine Umgebung ab. Das Loch in das er gefallen war, war nicht groß, dafür aber tief, denn mit ausgestrecktem Arm konnte er den Rand der Grube nicht erreichen. Das Blut pochte noch immer rasend schnell durch seinen Körper und die Angst, dass er einem Jäger des Königs in die Falle getappt war, beschlich ihn sofort. Natürlich war diese Falle nicht für Menschen gedacht, aber wenn ihn morgen ein Jäger finden und seine Verletzung sehen sollte, dann könnte er ihn einfach so umbringen, ohne dafür eine Strafe zu erwarten. Oder war es vielleicht die Falle eines Häschers? In den Dörfern hatte man sich immer wieder erzählt, dass Jonathan Männer dafür bezahlte, im Wald Fallen zu stellen, um Geächtete aus dem Weg räumen zu können. Wenn es sich um eine solche Falle handelte, dann musste Louis hier herauskommen, bevor die Sonne aufging und die Männer herangeritten kamen, um die Fallen zu kontrollieren.

Wenn er hier nicht herauskam, dann würde sein Leben heute bei Sonnenaufgang mit Sicherheit vorbei sein.        
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