Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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38. Ein schwarzer Vogel

  Als er wieder aufwachte, fühlte es sich an, als stünde jede Faser seines Körpers in Flammen. Seine Brust stach bei jedem Atemzug, den er tat und seine aufgeplatzte Unterlippe spannte. Durch die Nase bekam er kaum Luft, weshalb er vorsichtig durch den Mund atmete. Sein Rücken fühlte sich an, als steckten unzählige Messer darin und sein rechtes Bein schien beinahe taub vor Schmerz zu sein. Er hielt die Augen geschlossen, denn er wollte gar nicht sehen, wo er sich befand. Alles um ihn her schien ein wenig zu schwanken und verstärkte das Schwindelgefühl nur noch. Wie lange hatte er geschlafen? Einige Tage? Wochen? Louis öffnete blinzelnd die Augen und erkannte, dass man ihn wieder in das Netz gehängt und an die Decke gezogen hatte. Stöhnend hob er eine Hand und tastete sein Gesicht ab: soweit er fühlen konnte, war ein Auge ein wenig geschwollen und der Kiefer war ebenfalls empfindlich. Im Mund hatte er einen metallischen Geschmack und an den Fingern klebte ein wenig Blut, das konnte er im Halbdunkeln erkennen. Der Thronsaal unter ihm lag verlassen da und wurde von Kerzen und Fackeln erleuchtet. Das Licht, das Draußen vor den Fenstern herrschte, könnte sowohl Abenddämmerung, als auch der Sonnenaufgang sein. Es war schwer zu sagen. Die Seile des Netzes drückte ihm in den Rücken und er versuchte, es sich ein wenig bequemer zu machen, indem er sich ein wenig hochzog um sich neu zu positionieren. Doch er war kraftlos und sank stöhnend vor Schmerz wieder zurück in die unbequeme Lage in der er eben noch gelegen hatte. Resigniert ließ er den Kopf nach hinten fallen und blickte hinauf an die Decke, wo das Seil an dem er hing über einen großen Balken lief. Wieso hatte Niall ihn und Harry verraten? Was führte er im Schilde? Und was würde mit ihm passieren? Wie lange würde man ihn im diesem Netz gefangen halten? Louis dachte an den Fallturm zurück, in den man ihn am Anfang geworfen hatte und fast wünschte er sich, man hätte ihn dorthin gebracht. Zwar war es in dem Verlies kalt und feucht gewesen, aber wenigstens hatten ihm keine Seile in den Rücken geschnitten. Um es sich ein wenig bequemer zu machen, schob Louis die Beine durch die Maschen und ließ sie baumeln, während er an die Decke starrte. Wenn ihn nur die körperlichen Schmerzen geplagt hätten, wäre das nicht so schlimm gewesen, aber er vermisste Harry, hatte Angst um ihn, wusste nicht wie es ihm ging und bekam seinen Kopf einfach nicht ruhig. Das letzte, was er von Harry gesehen hatte, war seine leblose Gestalt, auf dem Waldboden. Ob er sich alleine bis zu den Merry Men hatte durchkämpfen können? Wie hatten die Jungs reagiert, als sie ihn ohne Louis gesehen hatten? Ob sie sich schon auf den Weg gemacht hatten und ihn suchten? Hoffentlich taten sie das.  

Mit einem lauten Schlag wurde der Riegel des Tores gelöst und die Flügeltür schwang auf. Louis schielte in diese Richtung und sah Jonathan, der mit großen, langen Schritten auf den Thron zuging. Er trug ein anderes Gewand, also musste Louis mindestens einen Tag lang bewusstlos gewesen sein. Jonathan trug ein dunkelblaues Wams über dunklen Hosen und schwarze Stiefel. Über die Schultern hatte er einen wogenden Mantel gelegt, der imposant hinter ihm über den Holzboden schleifte. Seine Stiefel klackten laut auf dem Boden und er hob den Kopf, als er direkt unter Louis stehen geblieben war. „Und, wagst du es, noch einmal auf mich hinunter zu spucken? Oder ist dir das jetzt vergangen?“ sagte er laut und sah zu Louis hinauf, der schweigend, aber mit bösem Blick auf den König hinuntersah. Da Louis´ Schweigen ihm offenbar Antwort genug war, nickte Jonathan nur zufrieden und setzte sich auf seinen Thron, wobei er murmelte: „Vernünftige Entscheidung, Junge. Das will ich dir auch geraten haben.“

Im Thronsaal wurde es heller, also schien es die Morgendämmerung gewesen zu sein, die Louis durch die Fenster gesehen hatte. Jonathan hielt offenbar eine Audienz ab, denn es tauchten allerlei Menschen auf, trugen ihre Bitten und Wünsche vor, die Jonathan mal bewilligte, mal ablehnte. Louis fühlte sich noch immer schwach und zittrig, sodass er dem Geschehen unter sich keinerlei Beachtung schenkte.

Er sah erst wieder nach unten, als Jonathan laut sagte: „Ah, da ist ja unser werter Herr. Sagt mir, kann vor der Burg eine Hinrichtung abgehalten werden?“ Ob der König absichtlich laut genug sprach, dass Louis ihn hören konnte? Er hätte das Gespräch gerne überhört, denn er war nicht gerade erpicht darauf, zu hören, wie man eine Hinrichtung plante. Da sich die beiden Männer aber genau unter ihm befanden, blieb ihm nichts anderes übrig, als deren Unterhaltung zu lauschen. Der Mann, den Jonathan hatte kommen lassen, kam Louis bekannt vor und er wagte einen Blick hinunter. Das Herz blieb ihm beinahe stehen, als er die großgewachsene Gestalt sah, die dunkle Kleidung und eine Kapuze trug – es war der Mann, der ihm die Daumenschrauben angelegt hatte. „Ja, das ist möglich Eure Majestät. Wann soll die Hinrichtung denn vollzogen werden?“ - „In vier Tagen. Ich wünsche, dass Ihr bis dahin dafür sorgt, dass der Galgen steht. Und schafft die Käfige mit den menschlichen Überresten vom letzten Mal fort.“ sagte der König und machte eine wegwerfende Handgewegung. Louis wusste sofort, welche Käfige gemeint waren. Sobald man einen Verbrecher verurteilt und hingerichtet hatte, wurde der Körper in einen Käfig gelegt und an einem Pfahl hinaufgezogen. Die Raben, Geier und Krähen machten sich dann über das Fleisch her. Es war ein grauenhafter Anblick und diente dazu, die anderen Menschen davon abzuhalten, ein Verbrechen zu begehen, denn Niemand wollte so enden. Schon jetzt verspürte er Mitleid für denjenigen, der da in vier Tagen am Galgen gehängt werden würde. Durch die harte Hand, mit der Jonathan regierte, waren die Kerker der Burg sicherlich voll mit Menschen, die in der feuchten Dunkelheit auf ihre Exekution warteten. Der Henker verneigte sich und verließ dann den Thronsaal. Bevor er die Tür erreicht hatte öffnete sie sich erneut und Prinz Niall betrat den Saal. Begleitet wurde er von einem kleinen, schmächtigen Mann, der eine Rolle Pergament bei sich trug, sowie Feder und Tinte dabei hatte. „Ah Prinz Niall, Ihr kommt gerade richtig. Ihr könnt mir dabei helfen, die Anklage zu verfassen.“ Jonathan klang tatsächlich erfreut darüber, dass er den Prinzen zu sehen bekam und wies auf einen Stuhl, der neben seinem Thron stand. Er war ebenfalls recht schmuckvoll gestaltet, doch bei Weitem nicht so schön, wie sein eigener. Der Prinz setzte sich und der kleine Mann verneigte sich vor den Beiden. „Ich grüße Euch.“ sagte er und klang dabei leise und unsicher. Er hielt den Kopf gesenkt, bis Jonathan ihm ein Zeichen gab, sich zu erheben. In der Nähe einer Säule stand ein hölzernes Schreibpult, an dem man stehend arbeiten konnte. Er ging dorthin, legte Pergament und Schreibutensilien ab, entrollte das Papier und sah dann den König erwartungsvoll an. Dieser wandte sich Prinz Niall zu. „Die Anklage lautete, wie?“ - „Ermordung eines Beamten, Ihrer Majestät König Jonathan von Cheshire.“ antwortete der Prinz und der Schreiber ließ die Feder über das Pergament kratzen. Louis glaubte einen Moment, sich verhört zu haben. Wie konnte Jonathan wissen, dass der Steuereintreiber tot war? Hatte man die Leiche womöglich gefunden? Und wenn ja, wussten sie, dass Harry es gewesen war, der den Mann erschossen hatte? Immerhin hatte er es vor Zeugen getan und wer konnte schon sagen, ob die Menschen des kleinen Dorfes nicht gegen Geld mit der Wahrheit herausgerückt waren. Ein Gedanke kam ihm in den Sinn, er ihn so erschreckte, dass ihm ganz heiß wurde. Was, wenn Jonathan Männer losgeschickt hatte, die Harry im Wald gefunden hatten? Saß er womöglich in einem Kerker und wartete darauf, dass man ihn umbrachte? Wenn er sich nur erkundigen könnte, doch er hing ja hier in diesem verdammten Netz und konnte sich alleine nicht befreien.

„Schickt Boten in die Dörfer. Jeder soll von der Hinrichtung erfahren, damit Niemand es in Zukunft wagt, einen Beamten meines Hofes anzugreifen. Die Menschen müssen wissen, was sie erwartet, sollte sie es dennoch tun.“ Jonathan trug diese Aufgabe einem Mann auf, der nach dem Schreiberling bei ihm vorgeladen war und der sich nun zügigen Schrittes entfernte. Als die schwere Tür wieder hinter ihm zugefallen war, hob der Herrscher den Kopf und sah zu Louis hin: „Na du Nichtsnutz, hat man dir wehgetan, du siehst nicht sonderlich gut aus.“ Er lachte spöttisch und auch Prinz Niall sah zu Louis auf. Bittend blickte er in die blauen Augen des Prinzen, dem er vertraut hatte, doch er schien in ihm kein Mitleid zu erregen. Der Prinz erwiderte seinen Blick ausdruckslos und brach dann den Blickkontakt wieder. „Sollte sich nicht mal ein Heiler den Jungen ansehen?“ fragte er und nickte in Louis Richtung. Jonathan folgte seinem Blick, sah ihn abschätzig an und schüttelte dann den Kopf: „Das ist die Mühe nicht wert.“ Obwohl Louis den König abgrundtief hasste, trafen ihn dessen Worte. Er war es nicht wert, dass man einen Heiler rief. Er war eben wirklich nur ein armer Bauernjunge.

Draußen vor einem der hohen Fenster saß ein schwarzer Vogel auf dem schmalen Sims. Mit seinem langen, scharfen Schnabel pickte er ein paar Mal gegen die dünne Scheibe, öffnete dann seine Flügel und flatterte davon. Er segelte über den Hof der Burg, zog seine Kreise und blickte auf das Treiben dort Unten hinab. Berittene Boten, die den Auftrag des Königs bekommen hatten, die Hinrichtung im ganzen Land zu verkündigen, machten sich auf ihren Pferden auf den Weg. Der Vogel nutzte eine Windbö, schlug einmal mit den Flügeln und ließ sich von ihr hoch hinauf in den grauen Himmel tragen. Der Vogel segelte über die dunklen, wogenden Baumwipfel hinweg, die immer dichter wurden und sich langsam in den weglosen Wald verwandelten. Er kannte sein Ziel und würde es vermutlich noch erreichen, bevor auch nur ein königlicher Bote eines der Dörfer betreten hatte.

Der Vogel verlor ein wenig an Höhe und tauchte in das Meer aus Bäumen ab, flatterte nun zwischen dicken Baumstämmen hindurch und steuerte weiter in den Wald hinein. Die Umgebung wurde wilder und irgendwann konnte der Vogel auf einem alten Baum landen. Dieser Baum stand schon seit Menschengedenken in diesem Wald und war so groß, dass es darin sogar ein Versteck gab. Doch davon wusste der König nichts. Doch der dunkle Vogel kannte diesen Ort und landete krächzend auf einem Ast. Dort gab er so lange, laute Geräusche von sich, bis der Mann ihn hörte, der unter den Vögeln wohlbekannt war. Er schien der einzige Mensch zu sein, der sie verstehen konnte und der dunkle Vogel hatte ihn gern. Deswegen war er auch gerne ein Überbringer für Nachrichten.
Sein Krächzen machte den Mann auf ihn aufmerksam, den er suchte und er kam mit gemächlichen Schritten durch das Laub auf den Vogel zu. „Was hast du für Neuigkeiten?“ fragte Gwydion und sah das Tier erwartungsvoll an.
     
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