Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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34. Ein Morgen auf der Burg

Als Louis am nächsten Morgen die Augen aufschlug, war er allein in der Kammer. Die wärmenden Arme, die sich in der Nacht um ihn geschlungen hatten, waren verschwunden und unter der Tür zog ein kalter Luftzug hindurch, der ihn frösteln ließ. Müde rieb er sich die Augen, drehte sich auf den Bauch und zog sich sein Hemd vom Fußboden. Er wollte es anziehen, doch weil es die ganze Nacht auf dem kalten Boden gelegen hatte, war der Stoff unangenehm kühl und steif geworden. Er schob das Hemd schnell unter seine Decke, um es aufzuwärmen, bevor er hineinschlüpfte. Ungeduldig wartete er. Wo Harry wohl hingegangen war? Zuerst beschlich ihn kurz die Angst, er könnte wieder davongelaufen sein, doch irgendwie glaubte Louis nicht, dass sein Geliebter ihn auf einer Burg in einem fremden Königreich zurücklassen würde. Louis Blick schweifte zum Fenster und er sah, dass der Himmel dir frischen Farben eines spätsommerlichen Morgens hatten. Die Luft schien klar und am Horizont war der Himmel schon hell, während ab und zu einige Wolken in blassrosa am Himmel hingen. Er drehte sich wieder zurück auf den Rücken und starrte an die Decke der Kammer. Das Holz war dunkel und einige Spinnweben spannten sich zwischen den Balken. Jetzt, wo er wach war, bemerkte Louis erst, wie pieksig das Stroh in der Matratze eigentlich war und er fragte sich, wie er in der Nacht darauf hatte schlafen können. Er wollte nicht länger warten und zerrte sich das Hemd nun einfach über den Kopf. Erschaudernd, weil der Stoff immer noch recht kühl war, setzte er sich auf. Nachdem er er seine Stiefel ausgeschüttet und zwei Mäuse zu Tage gefördert hatte, die sich in der Nacht darin verkrochen hatten, schlüpfte er hinein und verließ dann das Kämmerchen.

Draußen auf dm Korridor war es still und zugig. Weder rechts, noch links, war Jemand zu sehen und Louis war sich auch nicht mehr sicher, in welche Richtung er gehen musste, um zum Thronsaal zu kommen, denn er vermutete, dass Harry sich dort aufhielt. Um den Weg zu finden, ging er nochmals zurück auf den Hof. Vielleicht fiel es ihm dann leichter, sich an den Weg zu erinnern. Auf dem Hof war es beinahe noch kälter, als in den Mauern und Louis erinnerte sich an ihre Kleidung, die sie in der Badestube zurückgelassen hatten. Weil ihm noch immer kalt war, beschloss Louis, seinen Umhang zu holen und stieg die Treppe in die Wachstube hinunter.
Die Tür ließ er offen, damit er etwas sehen konnte und betrat den halbdunklen Raum. Das Feuer im Kamin brannte wieder und er griff vorsichtig die Hemden und Hosen an, die noch immer über der vertikalen Stange vor dem Kamin hingen. Nur der Saum von Harrys Hemd war noch ein wenig feucht, doch Louis sammelte die Kleidung trotzdem ein, legte sie sich über den Arm und griff dann nach seinem Umhang, den er sich rasch über die Schultern warf. Augenblicklich war ihm wärmer.

Mit Harrys und seinen Sachen auf dem Arm verließ er schließlich die Badestube wieder. Zwei Dienstmägde, die schwere Eimer schleppten, kreuzten seinen Weg. Ein Pferdekarren lud schwere Fässer ab und aus der Burgschmiede war das Klingen von Hämmern, die auf Metall trafen, zu hören. Die Morgensonne war aufgegangen und schob ihre Strahlen langsam über die Burgmauer, sodass der Schatten, der den Hof noch in kühles, diffuses Licht tauchte, langsam kürzer wurde.

„Guten Morgen, mein Herr.“ erklang eine freundliche, melodische Stimme und Louis wandte sich rasch um. Die Milady, die gestern gegenüber von Harry gespeist hatte, kam eine schmale Treppe hinunter geschritten. Heute war sie in einem dunklen Blau gekleidet und das Kleid, das ihre schmale Figur verbarg, wallte hinter ihr her und verlieh ihr ein sehr graziöses Aussehen. Ihr helles Haar war schön frisiert, wurde jedoch zur Hälfte von einer flachen Haube bedeckt. Sofort verbeugte sich Louis vor ihr und drückte sich dabei die Klamotten, die er festhielt, an die Brust, damit sie nicht herunterfielen und auf dem schmutzigen Erdboden landeten, der vom Morgentau ein wenig matschig geworden war. „Guten Morgen Milady.“ - „Was führt Euch denn zu dieser frühen Stunde hinaus auf den Hof?“ fragte sie und gab ihm ein Zeichen, sich wieder aufzurichten. „Ich habe die Umhänge von Harry und mir geholt.“ Bei der Erwähnung von Harrys Namen, hob sie interessiert die Brauen, schürzte die Lippen und sagte: „Könnt Ihr mir denn sagen, wo Harry ist?“ - „Nein, leider nicht. Ich bin selbst gerade auf der Suche nach ihm.“ antwortete Louis zurückhaltend. Was die Milady wohl von ihm wollte? Louis musste sich eingestehen, dass es ihm nicht gefiel, wenn diese Frau Harrys Nähe suchte. „Ich habe gehört, er sei der verlorene König, den die Grafschaft Cheshire schon seit drei Dekaden vermisst. Ist das richtig?“ erkundigte sie sich und schritt ihm voran zu einem Tor davon. Louis beeilte sich, mitzuhalten. Offenbar war die Dame scharf darauf, mehr über Harry herauszufinden, doch Louis beschloss, Harrys Geheimnis erst einmal für sich zu behalten und antwortete nur mit einem Schulterzucken. Erst, wenn Harry bereit war, sich als Prinz oder König bezeichnen zu lassen, würde er auf eine solche Frage mit der Wahrheit antworten. Lady Taylor schien seine Antwort ohnehin nicht zu interessieren, denn sie sagte: „Nun, wie dem auch sei, ich bin sicher, ich finde ihn im Thronsaal.“

Louis folgte ihr in gewissem Abstand einige Wendeltreppen hinauf und zwei lange Flure entlang, bis sie wieder in den Korridor mit den Wandteppichen kamen, den Louis wieder erkannte. Die Geräusche ihrer Schritte wurden durch die Teppiche nicht von den Wänden zurückgeworfen und im Korridor war es sehr still. Die Wachen standen wieder vor der Tür, die heute allerdings offenstand.

Bereits von Weitem konnte man sehen, dass Harry gemeinsam mit Niall und dessen Vater an einem kleinen Holztisch saß, während König James nirgendwo zu sehen war. Die Wachen ließen Louis und Lady Taylor problemlos passieren. Sobald sie den Raum betraten wurden sie von der angenehmen Wärme des Kaminfeuers empfangen, das entzündet worden war und laut im Kamin knisterte. Nialls Vater hob den Kopf, als sie sich näherten, murmelte etwas, woraufhin auch Niall und Harry aufsahen, sie anblickten und sich von ihren Stühlen erhoben. „Guten Morgen, Milady.“ grüßte Niall Taylor, doch ihr Blick ruhte auf Harry, der wiederum Louis direkt ansah. In seinen Augen funkelte ein Lächeln, obwohl sein Gesicht ansonsten ernst blieb. „Ich grüße Euch, Harry. Wie fühlt Ihr Euch?“ säuselte sie und bedachte ihn mit einem Augenaufschlag, der Niall nervös hüsteln ließ. Harry jedoch, schien das kalt zu lassen, denn er zeigte keinerlei Reaktion. Stattdessen sagte er freundlich und ruhig: „Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Vielen Dank, Milady.“ Er war ruhig und sehr höflich und lächelte Taylor kurz an. „Was für Umstände belasten Euch denn?“ Taylor ließ sich auf einen freien Stuhl sinken und auch die Prinzen setzten sich wieder. Für Louis gab es keinen freien Stuhl mehr und er musste stehen, was ihn nicht störte. Der Tisch stand in der Nähe der hölzernen Säulen und Louis lehnte sich mit einer Schulter dagegen. Die Milady behielt er dabei im Blick. Sie hatte Harry ins Auge gefasst und erkundigte sich danach, was er mit „den Umständen“ gemeint hatte. Bevor Harry allerdings den Mund hatte öffnen können, war Prinz Niall ihm zuvor gekommen und hatte gesagt: „Harry hat gestern erfahren, dass er der Sohn von Prinz Edward ist.“ Die Dame am Tisch machte große Augen: „Darum kamt Ihr mir schon gestern so vertraut vor. Ich kenne natürlich das Gemälde im Korridor der Könige, das Prinz Harold darstellt. Ihr seht ihm unglaublich ähnlich.“ Harry nickte und sagte gar nichts. Was hätte er darauf auch sagen sollen? „Nun, jedenfalls haben wir uns gerade über die Pflichten eines Königs unterhalten.“ sagte Prinz Bob und warf Lady Taylor einen Blick zu, der eindeutig zu verstehen gab, dass sie sich nun zu entfernen hatte, damit die „Männergespräche“ fortgeführt werden konnten. Sie verstand die stumme Aufforderung, erhob sich lächelnd, woraufhin sowohl Niall als auch sein Vater aufsprangen – Harry tat es mit ein wenig Verzögerung. Alle drei verneigten sich vor ihr und mit einem letzten Lächeln in Harrys Richtung, sowie einem abfälligen Blick zu Louis hin, verließ sie den Thronsaal.

Weit weniger elegant, als sie sich erhoben hatten, ließen sich die Prinzen und der König – der Harry ja nun eigentlich war – wieder auf ihre Stühle fallen. Obwohl nun ein Platz am Tisch frei geworden war, wagte Louis es nicht, sich ebenfalls zu setzen. Vielleicht wollten sie unter sich bleiben. Er war immerhin ein Niemand, also drückte er sich das Stoffbündel an die Brust und blieb stehen. Als seine Sohlen über den Boden schabten, hob Harry den Kopf, zog den Stuhl der Milady zurück und sagte: „Louis, setz dich bitte. Es macht mich ganz nervös, wenn du da so herumstehst.“ Zögernd löste sich Louis von der Holzsäule, legte das Bündel Klamotten auf den Sandsteinboden neben seinem Stuhl ab und setzte sich. So sehr er sich darüber freute, dass Harry ihn bei sich haben wollte, wenn er sich bewusst machte, dass mit ihm gerade drei adelige Männer an einem Tisch saßen, fühlte er sich unbedeutend und klein. Prinz Niall und sein Vater erklärten Harry die Grundlagen der Regierung und wie man ein Volk führte. Louis hörte nicht zu. Er wollte gar nicht so genau wissen, was alles auf Harry zukommen würde, sollte er König werden. Stattdessen begnügte er sich damit, Harry zu beobachten.
Konzentriert hatte dieser die Augenbrauen zusammengezogen, blähte immer wieder die Nasenflügel auf und kniff die Lippen zusammen, während seine Augen auf Prinz Bob gefestigt waren, der gerade sprach. Er lauschte dem Prinzen und Louis schien es fast so, als hätte Harry sein Schicksal in der Nacht akzeptiert, denn er wirkte deutlich gefasster und in sich ruhiger, als letzte Nacht, die sie miteinander verbracht hatten. Als hätte Harry gerade denselben Gedanken gehabt, huschte sein Blick kurz zu Louis hin und unter dem Tisch legte er vorsichtig und sehr bedacht die Hand auf Louis Knie.

Sein Herz klopfte bei der Berührung schneller und er hoffte, nicht rot geworden zu sein. Unauffällig sah er zu Harry hin, der einen unschuldigen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte und gerade Prinz Bob eine Frage stellte, die Louis nicht mitbekam. Alles, woran er denken konnte, war die große Hand auf seinem Knie.  Und nun strich Harry auch noch sachte mit dem Daumen hin und her. Lange würde Louis hier nicht mehr bleiben können, denn das war kaum auszuhalten. Als Harry auch noch anfing, an seinem Oberschenkel auf und ab zu streichen, erhob sich Louis schnell: „Entschuldigt mich, ich bringe unsere Kleidung zurück.“ sagte er, sammelte das Bündel vom Boden auf und machte sich recht schnell aus dem Staub.
Den Weg in sein Zimmer fand er auf Anhieb, warf ihre Kleidung auf sein Bett, das noch völlig unbenutzt war und legte sich auf das Zweite, dessen Decken noch ganz durcheinander waren. Harry ließ sich also Ratschläge von Prinz Bob und Prinz Niall geben, was bedeutete, dass er regieren wollte. Wieder regte sich in Louis das kleine, ungute Gefühl, dass seine Tage mit Harry gezählt waren, doch er schaffte es, sich selbst daran zu erinnern, dass Harry ihm gesagt hatte, er würde ihn nicht verlassen, auch nicht, wenn er König würde. Der Gedanke munterte Louis ein wenig auf und tatsächlich gelang es ihm, sich nicht in das Loch von Zweifel und Trauer ziehen zu lassen, sondern versuchte möglichst optimistisch in die Zukunft zu blicken, auch wenn er nicht genau wusste, was ihn erwarten würde. Aber wer wusste das schon so genau? Niemand konnte genau sagen, was morgen oder in wenigen Tagen geschehen würde und eigentlich brachte es gar nichts, wenn er sich darüber den Kopf machte und sich mit schlechten Gedanken Angst machte und sich dadurch seine Zeit mit Harry verdarb.    
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