Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

0Likes
0Kommentare
217Views
AA

55. Ein glänzender Pfeil

Louis starrte auf die Krähen.
Sie lagen steif und in ungewöhnlichen Positionen da. Manche hatten die Flügel eng an den Körper gepresst, andere sahen aus, als hätte man sie direkt im Flug abgeschossen. Ihre Flügel waren noch ein wenig geöffnet und manche Federn durch den Sack abgeknickt worden.
Alle schwiegen.
Ein Blick zu Gwydion verriet, dass er auf diesen Anblick nicht vorbereitet gewesen war, „Wo habt Ihr die Tiere gefunden?“ fragte er Theobald. „Am großen Felsen, in der Nähe des Moores und im Gebiet des alten Waldes im Norden.“ - „Woher wissen wir, dass nicht Ihr die Vögel getötet habt?“ fragte Harry und betrachtete den Besucher misstrauisch. „Ich habe andere Pfeile.“ erwiderte Theobald und zuckte dann mit den Schultern: „Natürlich weiß ich, dass das nicht genug Beweis ist, aber ich kann Euch nur mein Wort geben. Ich habe die Vögel gefunden, hielt es für verdächtig und beschloss, es zu melden. Ob Ihr meinen Worten Glauben schenkt, oder nicht, überlasse ich Euch.“ Theobald klang nicht verärgert darüber, dass Harry ihm sein Misstrauen ausgesprochen hatte, sondern ehrlich. Louis glaubte ihm, dass er die Tiere nicht vom Himmel geschossen hatte. Gwydion bückte sich, nahm eine Krähe hoch und musterte sie. In seinem Blick lag Bedauern und er strich dem Tier vorsichtig über die schwarzen Federn. Mit einem Ruck zog er den Pfeil aus dem leichten Körper und besah ihn genauer, als hoffte er, ihn wieder zu erkennen. „Diesen Pfeil habe ich noch nie gesehen.“ stellte er fest und reichte ihn einmal herum. Tatsächlich sah dieser Pfeil anders und auf eine gewisse Art und Weise eigenartig aus. Der Schaft bestand aus sehr dunklem Holz, die Federn am Ende waren jedoch sehr hell und bildeten einen starken Kontrast. Besonders interessant jedoch war die Spitze. Sie schien nicht aus dem üblichen Metall zu bestehen, denn die war nicht rau und in dunklem Ton, sondern glänzte in hellem Bronze und die Oberfläche war ganz glatt. „Ob er zu denjenigen gehört, die gestern Abend Louis angegriffen haben?“ überlegte Leofwine laut und sofort bestürmten ihn alle mit Fragen. Niemand hatte das gestern noch mitbekommen, weshalb sie natürlich überrascht und erschrocken reagierten. „Mir ist nichts geschehen, beruhigt euch, bitte wieder.“ sagte Louis laut und zu seiner eigenen Verwunderung alle sofort. „Leofwine nutzte die Chance und sprach weiter: „Der Pfeil, der auf Louis abgeschossen wurde, hat ihn verfehlt. Er muss noch immer im Schnee liegen. Wenn wir ihn finden können, dann können wir ihn mit diesem hier vergleichen und haben Gewissheit.“ Alle stimmten Leofwines Vorschlag zu und fingen an, untereinander zu beratschlagen, wie man sich am Besten auf der Wiese schützte, sollten die Jäger noch immer in den Büschen lauern. Unterdessen bedankte sich Harry bei Theobald: „ Danke, dass Ihr uns informiert habt. Wenn Ihr wollt, dürft Ihr gerne eine Nacht hier verbringen, um Euch auszuruhen. Wenn Ihr zurück in Euer Dorf wollt, steht Euch noch ein langer Ritt bevor, dafür muss man ausgeruht sein.“ Der Jäger nach das Angebot dankend  an und verneigte sich vor Harry. „Danke, Majestät, es wäre mir eine Ehre. Allerdings werde ich noch einen Platz für mein Pferd brauchen. Einen Schuppen, oder ein Stall, wäre gut.“ - „Liam kann Euch die Stallungen zeigen.“ Harry winkte Liam heran und klärte Theobald darüber auf, dass der dunkelhaarige, junge Mann nicht sprechen konnte.
„Wir sollten uns am besten jetzt schon auf den Weg nach Draußen machen, um den Pfeil zu suchen. Sonst wird es schneller dunkel, als wir es gerne hätten und dann können wir schlecht im Schnee suchen.“ - „Aber, wenn die Feinde noch in den Büschen lauern?“ warf Draca ein und Flint sagte: „Wir nehmen Schilde mit und einige von uns behalten den Himmel im Auge, um die anderen zu schützen.“ erklärte Flint, als sei, es das normalste der Welt. „Also, worauf warten wir noch?“ Harry wollte Anstalten machen, sich ebenfalls anzuschließen, doch Cuthbert hielt ihn mit ernstem Blick zurück: „Nein, du solltest lieber hier bleiben.“ sagte er bestimmt und der junge König ließ resigniert die Schultern fallen. Natürlich passte es ihm ganz und gar nicht, in der Burg sitzen zu bleiben, während die anderen hinaus auf das Feld gehen konnten, um nach den Pfeilen zu suchen. Gwydion hatte zu dem Ganzen noch gar nichts gesagt. Er hatte alle Krähen eingesammelt und auf den langen Holztisch gelegt, wo er sie mit trauriger Miene untersuchte und ihnen vorsichtig mit der Hand über die Flügel strich. „Geh zu ihm und leiste ihm Beistand, während wir Draußen sind. Das kann er sicherlich gebrauchen.“ wisperte Louis Harry zu, doch dieser schüttelte den Kopf: „Nein, ich glaube ich kann ihm da auch nicht viel helfen. Es trifft ihn sehr, dass seine Vögel so grausam ermordet wurden. Ich werde da kaum Trost spenden können.“ murmelte Harry und senkte den Kopf. Theobald hatte mittlerweile gemeinsam mit Liam den Thronsaal verlassen und die Merry Men zogen sich ihre warmen Umhänge über, um Draußen vor dem kalten Wind geschützt zu sein. „Ich komme mit.“ sagte Harry entschlossen und hob die Hände, als Louis protestieren wollte: „Keine Angst, ich komme nicht mit nach Draußen und „begebe mich in Gefahr“, ich werde euch von einem Fenster aus zusehen, bist du damit zufrieden?“ Louis nickte und gemeinsam gingen alle aus dem Thronsaal hinaus. Harry trennte sich von ihnen, als sie den Durchgang im Hof nahmen. Während die Merry Men in die Waffenkammer gingen, um sich dort mit Schilden einzudecken, wandte der König seine Schritte zu einem Wandelgang, von wo aus man hinunter auf die Wiese blicken konnte.

„Ich bewache Louis.“ verkündete Cuthbert und stellte sich neben ihn. Obwohl er den anderen Jungen sehr vertraute, war Louis äußerst froh darüber, dass Cuthbert ihn gleich beschützen wollte, denn die Aussicht, wieder hinaus auf die freie Wiese zu treten, wo sie ein leichtes Opfer für die im Wald sein konnten. „Ich bewache Leofwine. Er wird neben Louis mit Sicherheit derjenige sein, auf den die Feinde abzielen, weil sie gestern gemeinsam Draußen waren.“ Zayn stellte sich mit einem Schild in der Hand neben Leofwine, dann machten sie sich alle auf den Weg hinaus auf die Wiese.

In der Nacht hatte es nicht geschneit und der Schnee war immer noch zerwühlt von ihren Schritten, sodass sie ihre Spuren des gestrigen Abends schnell wieder fanden. Während die unbewaffneten Jungen den Boden absuchten, wandten die anderen den Blick in alle Richtungen, suchten den naheliegenden Wald und den Himmel ab, um fliegende Pfeile rechtzeitig sehen zu können. Louis folgte seinen eigenen Spuren des Vorabends und stapfte in Begleitung von Cuthbert durch den Schnee. „Wo hast du gestern gestanden, als der Angriff kam?“ fragte er, ohne dabei den Blick vom Waldrand zu nehmen. „Hier. Ziemlich genau. Man kann noch die Stelle sehen, an der ich mich mehrmals um mich selbst gedreht habe.“ sagte Louis und deutete auf einen kleinen Bereich, wo der tiefe Schnee heruntergetreten war. Leider war nirgendwo ein Pfeil zu sehen. „Da hast du dich sehr nah an den Wald heran gewagt. Mutig von dir, das im Dunkeln zu tun.“ bemerkte Cuthbert und hob blitzschnell den Schild vor Louis, als es im Wald raschelte. Doch es passierte nichts und nach wenigen Augenblicken war wieder alles still, sodass Louis weiter den Boden nach Pfeilen absuchen konnte. Die Sonne stand am wolkenlosen Himmel und der Schnee blendete in den Augen, sodass er heftig blinzeln musste. „Ich hab etwas!“ rief Flint, ein wenig entfernt und winkte mit einem Pfeil. „Das ist einer von unseren!“ antwortete Zayn, woraufhin Flint enttäuscht die Hand wieder sinken ließ. Also suchten sie weiter und sammelten alle Pfeile ein, die sie finden konnten. Es waren ganz schön viele und Louis war sich gar nicht bewusst gewesen, dass er gestern tatsächlich so viele Pfeile verschossen hatte. Nach und nach hatten sie die ganze Wiese durchsucht und alle Pfeile eingesammelt. Die einst so glatte und ebene Schneedecke sah nun wild und zerwühlt aus, als hätte eine Horde Wildschweine darüber hinweg die Flucht ergriffen. Sie stiefelten alle gemeinsam zurück zur Zugbrücke, jeder hatte einige Pfeile in den Händen und alle warfen neugierige Blicke auf die der anderen, in der Hoffnung einen Pfeil mit glänzender Spitze zu sehen.

Erst, als sie sicher wieder im Innenhof der Burg ankamen, bemerkte Louis, wie angespannt er die ganze Zeit über gewesen war und atmete erleichtert aus. Man hatte sie nicht überfallen. Was natürlich nicht ausschloss, dass man sie trotzdem beobachtet hatte. Die Merry Men versammelten sich unter einem Vordach neben der Schmiede und alle sahen ihre Pfeile durch. Louis hatte nur die gefunden, die er gestern selbst verschossen hatte und legte sie enttäuscht auf einer Nische in der Mauer ab. „Ich hab ihn!“ rief Veland und alle drängten sich um ihn herum, um den Pfeil sehen zu können, doch er hielt ihn über den Kopf, damit jeder einen guten Blick darauf hatte. Tatsächlich war der Pfeil von dunkler Farbe und die Spitze war glatt und glänzend. „Dann haben wir ja jetzt eine Verbindung.“ ertönte Harry Stimme und alle wandten sich der schmalen Holztreppe zu, die zu ihnen hinunterführte. Der junge König kam die schmalen Stufen hinunter und lächelte stolz. „Ich wünschte, ich hätte euch helfen können.“ sagte er bedauernd und ließ sich von Veland den Pfeil geben. „Ich bringe ihn Gwydion.“ Er wandte sich um und stieg die knarrenden Stufen wieder hinauf. Louis sah kurz zu Zayn hin, der ihm zunickte und beeilte sich dann, Harry zu folgen. „Hey, darf ich dich begleiten?“ fragte er, als er den König auf der Galerie eingeholt hatte und fasste nach seiner Hand. „Liebend gern, Louis.“ Hand in Hand gingen die durch einen Korridor auf den Thronsaal zu. „Wenn ich Gwydion den Pfeil gegeben habe, werde ich zu unserem Schreiber gehen und den Brief an König James aufsetzen. Nur frage ich mich, wie der zu ihm kommen soll. Wenn die Krähen jetzt unter Beschuss sind.“ sagte Harry betrübt und strich mit dem Daumen über Louis Handrücken. Kurz bevor sie den Thronsaal erreichten, zog er Louis in einen Seitengang, schlang die Arme um ihn und vereinte ihre Lippen miteinander. Ein wenig überrascht, gab Louis einen seltsamen Laut von sich, erwiderte den Kuss dann aber genauso sanft und schloss die Augen. „Ich bin sehr traurig darüber, diese Ehe eingehen zu müssen...ich will nur, dass du das weißt.“ flüsterte der König und Louis nickte: „Ja, ich weiß. Es tut mir Leid, wenn ich dir ein schlechtes Gewissen gemacht haben sollte, aber die Vorstellung, dich teilen zu müssen, ist einfach schlimm für mich.“ - „Mir geht es genauso, Liebster...ich kann mir nicht vorstellen, die Hand einer Frau zu halten, wenn du da bist. Das geht einfach nicht und es wird mir sehr schwer fallen...aber ich gehe diese Verbindung ein, um uns alle zu schützen.“ Noch einmal trafen sich ihre Lippen und Louis wagte es, Harry an den Haaren ein wenig näher zu sich zu ziehen. „Ich weiß es...ich weiß.“ Er umschlang seinen Körper mit den Armen und legte das Ohr an seine Brust. So standen sie einen Moment im stillen Flur und genossen die Nähe. Niemand, der sie störte. Es tat so gut, einen Moment füreinander zu haben und Louis schloss entspannt die Augen. Wie schön wäre es, wenn die Zeit stehenbliebe und sie einfach für immer hier stehenbleiben könnten, das wäre wunderbar. Doch nach einigen Herzschlägen brummte Harry: „Wir müssen den Pfeil abgeben.“ Sie lösten sich voneinander, nahmen sich wieder bei der Hand und gingen weiter zum Thronsaal.

Gwydion saß noch immer am langen Tisch im Thronsaal und blickte auf seine Krähen hinunter. Er hatte sie alle nebeneinander aufgereiht, stand davor und blickte auf sie hinab. Wortlos ging Harry auf den Tisch zu und legte mit bedeutungsschwerer Miene den Pfeil auf den Tisch. Der Zauberer sah den Pfeil an und nickte, dann sagte er: „Wir haben also eine Verbindung. Hast du dich entschieden, was die Forderung von König James angeht?“ fragte er leise und in seiner Stimme klang so viel Trauer mit, dass Louis es gar nicht wagte, den alten Mann anzublicken. Er könnte es nicht ertragen, den Druiden trauern zu sehen. „Ja, ich werde einwilligen. Louis und ich suchen jetzt den Schreiber auf und ich werde eine Antwort verfassen lassen.“ - „Gut. Tut das. Jetzt, wo wir wissen, dass es Jemand darauf abgesehen hat, nicht von uns beobachtet zu werden, schweben wir alle in Gefahr. Je schneller wir also militärische Hilfe bekommen, desto besser.“ Der Zauberer sprach langsam, klang ein wenig atemlos und müde. Er legte alle Krähen in den Sack von Theobald zurück und ging damit an ihnen vorbei. „Ich werde die Tiere nun in den ewigen Kreislauf des Lebens zurückschicken.“ sagte er und ging auf die Tür des Thronsaals zu. Louis sah ihm nach. Sein graues, bodenlanges Gewand wallte hinter ihm her und ließen ihn mächtig und stark aussehen. „Was bedeutet das?“ - „Er verbrennt die Vögel und verstreut die Asche.“ sagte Harry, der dem Zauberer ebenfalls mit den Augen folgte.
Die schwere Holztür schwang hinter Gwydion zu und fiel krachend ins Schloss, sodass sich die Stille wieder über sie senkte. „Ich hätte nie gedacht, dass er so an den Vögeln hängt. Er tut mir wirklich sehr Leid.“ murmelte Harry und seufzte tief, dann lass uns jetzt den Schreiber aufsuchen. Je schneller König James meine Antwort erhält, desto schneller bekommen wir Unterstützung.“

     
Melde dich bei Movellas anFinde heraus worüber alle reden. Registriere dich jetzt bei Movellas und teile deine Kreativität und deine Passion
Lade ...