Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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12. Drei Männer und ein Pferd im Moor

Stille.

Alle starrten auf den getöteten Mann der im Staub des kleinen Platzes lag. Harry trat heran, sah auf ihn hinunter, zog ihm den Pfeil aus der Kehle, wischte ihn an seiner Hose ab und steckte ihn zurück in den Köcher. Die Dörfler schwiegen und Louis sah ihn fassungslos an. Niemand hier schien so recht glauben zu können, dass er gerade wirklich einen Menschen getötet hatte und alle starrten weiterhin auf den Toten, der im Staub des Dorfplatzes lag und sich nicht mehr bewegte. „Wir müssen hier weg.“ sagte Harry zu Louis, kniete sich neben ihn und sah ihn an: „Kannst du aufstehen? Hat er dich schwer verletzt?“ - „Ich...ich weiß nicht genau...aber lass uns erstmal hier verschwinden.“ sagte Louis und stand mit wackeligen Beinen auf. Als sie sich umwandten, stand ein älterer Mann vor ihnen: „Danke. Ihr habt uns gerettet. Wir werden uns um Dorian kümmern, bis er wieder gesund ist, aber den Toten müsst Ihr aus dem Weg schaffen. Wir werden nicht verraten, was aus ihm geworden ist, sollte man nach ihm fragen.“ versprach er und Harry nickte. „Wir schaffen ihn fort und das Pferd nehmen wir auch gleich mit, das können wir gut gebrauchen.“ sagte er und zusammen mit dem Mann schafften sie es, den leblosen Körper auf den Rücken des Tieres zu heben. Harry band das Pferd los und gemeinsam verließen sie das Dorf, in dem es nun still war. Niemand winkte, oder rief ihnen nach. Alle schienen noch zu geschockt zu sein und sahen ihnen nur nach, wie sie in den Bäumen verschwanden.

Louis Bein brannte beim Gehen und er humpelte leicht neben Harry her, der das Pferd führte, das zwar ein wenig verwirrt aussah, ihnen jedoch folgte. „Wo werden wir ihn los?“ fragte Louis und nickte zu dem Toten hin. „Vielleicht finden wir einen Sumpf in dem man ihn versenken kann...zuerst hatte ich überlegt, ihn einfach in einen See zu werfen, aber er könnte nicht untergehen und vielleicht gefunden werden. Hier muss es irgendwo ein Moor geben, wenn ich mich recht erinnere.“ sagte Harry und Louis musterte ihn: es schien ihm nichts auszumachen, dass er gerade einen Menschen getötet hatte. Wie oft hatte er das schon getan? „Sie mich nicht so an, Louis. Ich konnte nicht zulassen, dass er dir auch noch wehtut, nachdem du dich einfach dazwischn geworfen hattest. Was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Das war wirklich töricht.“ sagte Harry ernst und lächelte dann mild: „Sobald wir ihn hier losgeworden sind, sehen wir uns deine Verletzung mal an, ja?“ Louis nickte. Sein Mund war trocken geworden. Ja, es war töricht von ihm gewesen, sich einfach so einzumischen, doch Harry hatte den Mann getötet, weil er ihn bedroht hatte. Das war nicht minder töricht. Wenn man das herausfinden würde, würde man ihn einsperren und umbringen und er war das Risiko eingegangen, weil ER bedroht worden war. In Louis zog sich alles zusammen vor Dankbarkeit und Scham, denn bisher hatte Niemand in seinem Umfeld so etwas je für ihn getan. Gleichzeitig erschreckte es ihn ein wenig, dass Harry seine Drohung, den Mann zu erschießen, einfach so wahrgemacht hatte. Vermutlich hatte die Zeit im Wald und die Tyrannei, die er erlebt hatte, ihn hart und kalt gemacht und er begegnete Gewalt nun ebenfalls mit Gewalt. Würde er auch so werden, wenn er nur lange genug bei den Merry Men war? Würde auch er irgendwann einen Mann töten, ohne dabei mit der Wimper zu zucken? Wollte er das überhaupt? Louis war nie ein Mensch gewesen, der anderen Schlechtes wollte, doch wie es schien, gab es manchmal keinen anderen Weg. „Du bist so nachdenklich, was ist los? Ist es, weil ich dich töricht genannt habe?“ fragte Harry und sah zu ihm hinunter. Louis biss sich kurz auf die Lippe, dann sagte er: „Nein, ich habe mich nur gefragt, ob ich auch so werde, wenn ich lange bei euch bin.“ gab er zu und sah schnell zu Harry hin, um seine Reaktion zu sehen. „Wie wirst du werden?“ fragte sein Begleiter und sah ihn weiterhin interessiert an. „So...hart...ich meine; du hast diesen Mann erschossen, das ist doch...ich weiß auch nicht...nicht richtig...oder nicht?“ - „Er hat dir wehgetan und keine Anstalten gemacht, damit aufzuhören. Ich konnte nicht zulassen, dass er dir oder Dorian noch mehr Schmerzen zufügt. Du hast seinen Blick nicht gesehen, als der Lederriemen euch getroffen hat. Er hatte ein gutes Gefühl dabei, das konnte man sehen. Und solche Menschen verdienen es nicht, am Leben zu bleiben. Das hat nichts mit Härte sondern mit Nächstenliebe zu tun.“ - „Aber man tötet Niemanden aus Nächstenliebe.“ widersprach Louis und Harry schüttelte den Kopf: „Ich rede nicht von Nächstenliebe zu diesem Mann. Ich rede von Nächstenliebe gegenüber dir.“ Louis übersah eine Mulde im Boden, weil er unentwegt Harry anstarrte und stolperte, fing sich aber wieder und humpelte weiter neben ihm her. „Du bist Teil der Merry Men und ich lasse nicht zu, dass Jemand meinen Freunden wehtut. Es reicht, wenn Jonathan das Volk unterdrückt und wenn ich schon das nicht verhindern kann, dann will ich wenigstens meine Freunde schützen. Da vorne ist das Moor.“ sagte Harry und tatsächlich konnte man von Weitem das Glitzern von Wasser erkennen, das die Sonnenstrahlen reflektierte.

Das Moor war weitläufig. Ein flaches Stück Land, mit kleinen Grasbereichen und viel sumpfigen Löchern aus denen die abgefaulten, schwarzen Reste von Bäumen herausragten. Kein Blatt hing mehr an ihnen und sie sahen durch den Nebel, der von den Wasserlöchern aufstieg und ihre Sicht verschwimmen ließ aus wie Geister . „Hier werden wir ihn los.“ sagte Harry und sah auf das Moor hinaus, das unheimlich vor ihnen lag, zumal die Sonne sich nun rasch dem Horizont näherte. „Lass uns hier warten, bis es dunkel ist, dann gehen wir auf das Moor hinaus und versenken ihn im Wasser.“ sagte Harry und Louis schluckte. „Du...du willst in der Dunkelheit hinaus auf das Moor?“ - „Ja. Ich weiß, dass es gefährlich ist, aber die Dunkelheit wird uns vor Blicken schützen. Außerdem sind wir ja zu zweit.“ Harry wandte sich ab, band das Pferd an einen Baum und fing an, den Steuereintreiber nach Wertsachen zu untersuchen. Louis wandte noch einen Blick auf das Moor hinaus. Die Nebel vermischten sich mit dem Licht der untergehenden Sonne und alles glühte orangerot, bevor die Sonne hinter den Bäumen in der Ferne verschwand und die Dunkelheit von der anderen Seite her den Himmel einzunehmen schien. Wieso ging die Sonne eigentlich immer dann so rasch unter, wenn man gerne noch ein wenig Tageslicht gehabt hätte? Louis ging zu Harry zurück, der zwei Messer und einen kleinen Beutel Münzen bei dem Mann gefunden hatte. „Ich würde ja gerne seinen Mantel nehmen, aber der ist zu auffällig und würde uns nur verraten. Aber wenigstens heute Nacht können wir ihn noch als wärmende Decke nutzen.“ Er reichte Louis ein Messer und steckte das andere selbst ein, füllte die Münzen in seinen eigenen Beutel um und gab Louis den leeren Lederbeutel. „Hier, wenn du Kleinkram aufbewahren musst.“ sagte er und Louis band sich den Beutel an den Gürtel. „Lass und ein Feuer machen. Ich will mir deine Verletzung mal ansehen.“ sagte Harry und brach einige Äste von den umstehenden Bäumen ab, schichtete sie auf und streckte die Hand nach dem Feuerutensilien aus, die Louis ihm reichte.

Während der Lockenkopf das Feuer entzündete legte Louis seinen Mantel ab und wollte sein Oberhemd ebenfalls ausziehen, doch es war an der Wunde mit der Haut verklebt und ziepte unangenehm, also wartete er darauf, dass Harry fertig war und legte sich vorsichtig in das weiche Moos. Als das Feuer knisternd brannte und sie in Wärme und Licht hüllte, wandte sich Harry ihm zu, gab ihm das Metall und die Markasitknolle zurück und nickte ihm auffordernd zu: „Lass mich das mal sehen.“ - „Du musst mit helfen, der Stoff haftet an der Wunde.“ bat Louis und Harry nickte. „Einen Augenblick.“ Er löste ein wenig Moos vom Boden ab, ging den Rand des Moors und tauchte es ins Wasser, bis die kleinen Blätter tropften. Vorsichtig tupfte er den Stoff über der offenen Stelle feucht, bis er sich von der Haut löste, dann half er Louis dabei, das Oberhemd auszuziehen. „Ou...“ machte Harry, als die Verletzung im Licht des Feuers zu sehen war. „Ist es sehr schlimm?“ fragte Louis besorgt. „Es sieht zumindest schmerzhaft aus...die Haut ist aufgerissen, aber die Wunde sieht nicht tief aus.“ beschrieb Harry und tupfte vorsichtig mit dem Moos auf die Haut, um den Schmutz herauszubekommen. Wieder zuckte Louis zusammen, denn das Wasser brannte auf dem offenen Fleisch. „Verzeihung...ich will dir nicht wehtun...aber der Dreck muss raus.“ entschuldigte sich Harry schnell, nahm sein Messer zur Hand und zerschnitt das Gewand des Steuereintreibers in schmale Streifen. „Damit kann ich es verbinden, wenn du möchtest.“ bot er an und hielt die Stoffstreifen hoch. „Willst du dir vorher noch mein Bein ansehen?“ - „Er hat dich auch noch am Bein getroffen? Das hatte ich gar nicht bemerkt. Oh Louis, ich hätte dich doch nicht so weit gehen lassen, wenn ich das gewusst hätte.“ In Harrys Blick lag Reue, als er Louis ansah, der aufstand und sich die Beinkleider abstreifte. Diesen Striemen sah er selbst: die Haut war aufgeplatzt und rot, austretende Flüssigkeit glänzte im Licht der Flammen und er setzte sich vorsichtig wieder ins Gras. Es war seltsam, so ganz entblößt vor Harry zu sitzen, doch außer seinen Beinkleidern besaß Louis nichts, was er anziehen konnte. So wickelte er sich in seinen Umhang ein, um sich vor Harry zu verbergen, der jedoch grinste nur: „Du musst dich nicht schämen. Du bist nicht der erste Mann, denn ich sehe. Also mach dir keine Gedanken.“ Der Lockenkopf beugte sich vor und säuberte auch diese Wunde, obwohl Louis es am Bein sogar selbst hätte machen können. Doch irgendwie empfand er es als sehr angenehm, von Harry berührt zu werden. Seine Hände waren warm, ein wenig rau, aber kräftig und trotzdem ging er behutsam mit ihm um. Vorsichtig legte er die Stoffstreifen auf die offene Haut und verband alles sorgfältig mit dem dunklen Stoff aus dem das Oberhemd des Toten gewesen war. „Ist das zu fest?“ fragte er, als er einen Knoten gebunden hatte und sah Louis fragend an, der den Kopf schüttelte. „Nein, es ist gut so...“ hauchte Louis und wusste selbst nicht so genau, wieso er sich gerade so wohl fühlte. „Gut, ich möchte aber, dass du mir sagst, wenn etwas wehtut oder unangenehm ist, ja? Versprichst du mir das?“ fragte Harry und fixierte ihn mit seinen Augen, die im Licht der Flammen zu glühen schienen. „Ja, ich verspreche es dir.“ antwortete Louis und schlüpfte wieder in seine Beinkleider. Harry half ihm dabei und streifte versehentlich seine Haut, was einen angenehmen Schauder über Louis Körper jagte und er seufzte. „Hab ich dir wehgetan?“ fragte Harry sofort besorgt und hielt inne. „Nein nein, es ist alles in Ordnung.“ sagte Louis schnell. Vielleicht ein wenig zu schnell, denn sein Gegenüber wurde misstrauisch und hob eine Augenbraue: „Bist du sicher?“ - „Ja deine Berührung hat nur gerade ein wenig gekitzelt.“ gestand Louis und lächelte Harry milde an. „Oh wirklich? Ich kann das nochmal machen, wenn du möchtest.“ Und mit diesen Worten strich Harry Louis sanft über die Seite, sodass er zusammenzuckte und kicherte. Auch er musste lachen und kam Louis dabei immer näher, der auf der Seite lag und ihn angrinste. Es war so ungezwungen zwischen ihnen beiden und das tat unglaublich gut. Hier am Feuer war es warm und trotzdem war Louis mit Gänsehaut überzogen, als er sich zurücklehnte und Harrys Hände auf seinem Oberkörper spürte. „Dir ist kalt, du zitterst.“ - „Nein, mir ist ganz warm...deine Hände fühlen sich nur sehr angenehm an, weißt du?“ gestand Louis leise und sah zu Harry auf, der nun über ihm war und ihn mit einem Blick bedachte, den Louis noch niemals zuvor bei einem anderen Menschen gesehen hatte. Es lag Ernst und gleichzeitig eine Art Verlangen und Kampfgeist darin. Er befeuchtete seine Lippen mit der Zunge und beugte sich vor, bis sie einander so nahe waren, dass Louis Harrys zittrigen  Atem fühlen konnte. „Dein Herz klopft, ich kann es sehen.“ Harry lies den Blick sinken und auch Louis folgte seinem Blick. Tatsächlich konnte man auf seinem Brustkorb ein Beben erkennen. Der Lockenkopf presste das Ohr darauf und lauschte Louis Herzschlag mit geschlossenen Augen. „Er wird immer kräftiger.“ - „Das könnte an dir liegen….glaube ich.“ hauchte Louis und sah Harry an, der nun rasch Louis Hand ergriff und sie gegen seine eigene flache Brust drückte. Dasselbe Beben, das seinen Körper erschütterte, war auch in Harrys Brustkorb zu spüren. Sie saßen da, die Hände gegen das Herz des jeweils anderen gepresst und sahen sich an, die Münder leicht geöffnet und fühlten, wie ihre Herzen im Einklang schlugen und immer schneller zu werden schienen. „Das ist ein berauschendes Gefühl...“ hauchte Louis und Harry nickte, beugte sich vor und streifte mit seinen Lippen ganz sacht die von Louis.    
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