Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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73. Drei Gruppen auf Wanderschaft

„Ich hab Angst...“ wisperte Louis und Harry hielt ebenfalls inne. „Louis...ich habe auch Angst….aber wenn wir das überstehen, dann haben wir vielleicht Frieden und können in Ruhe auf dieser Burg leben.“ sagte er, wandte sich zu Louis um und streckte ihm auffordernd die Hand hin. „Wenn du dabei umkommst? Was, wenn sie dich töten?“ Louis wagte es, seine Ängste laut auszusprechen und spürte, wie ihm beim bloßen Gedanken daran die Tränen kamen. „Ich werde nicht umkommen. Wir haben so viele junge Männer, die Kraft und Ausdauer für einen Kampf mitbringen. Ich bin mir sicher, dass wir es schaffen werden, Benjamin zu besiegen. Wir haben doch alle viel geübt. Und du warst heute wirklich gut, Louis.“ Weil Louis noch nicht sonderlich überzeugt aussah, ging Harry auf ihn zu, schloss ihn in die Arme: „Wir müssen uns dieser Gefahr stellen. Ich werde mich genauso schlicht kleiden, wie die anderen auch. Nichts, was ich trage soll darauf hinweisen, dass ich der König bin. Ich werde in Sicherheit sein. Das verspreche ich dir.“ sagte Harry entschlossen und löste sich von Louis. „Ich sehe in meiner Kammer nach, ob ich meine alte Kleidung noch auftreiben kann. Geh du schon mal in die Waffenkammer und sie zu, dass du ein Kettenhemd findest, das dir passt. Ich komme nach, sobald ich meine Sachen gefunden habe.“ Harry sprach ruhig und strich Louis dabei mit der Hand über die Wange. „Wir treffen uns dann spätestens mit den anderen im Hof.“ Er küsste Louis rasch auf die Lippen, lächelte ihn ein wenig nervös an und rauschte dann aus dem Thronsaal. „Wirst du uns begleiten? Ich glaube ich würde mich wohler fühlen, wenn ich dich an unserer Seite wüsste.“ Louis sah den Zauberer erwartungsvoll an und der nickte: „Ich komme mit. Aber ich werde mich aus dem Kampf heraushalten. Sicherlich kann ich euch aber auf andere Weise zur Seite stehen.“ Mittlerweile kannte er den alten Mann gut genug, um zu wissen, dass er ihm nicht verraten würde, wie er ihnen im Kampf beistand. Vielleicht hatte er einen Zaubertrick  in einem Buch gefunden, der ihnen dabei half, den Kampf zu gewinnen.

Noch während sich Louis ausmalte, was Gwydion alles würde tun können, um ihre Gegner zu schwächen, ging er hinunter in die Waffenkammer. Zwar wusste er nicht genau, wo sie sich befand, denn er war noch nie dort gewesen, doch musste er einfach den Geräuschen folgen, die über den Hof wehten. Das Klirren von Schwertern und das Rasseln der Kettenhemden war schon von weitem auszumachen und lotste Louis eine Treppe hinunter, die auch zu den Kerkern und der Vorratskammer führte.

Die Tür zur Waffenkammer stand offen. Zayn stand neben Veland in der Mitte der schmalen Kammer und hielt ihm ein Schwert unter die Nase. Der Schmied nahm es in Augenschein, strich mit dem Daumen über die Klinge und nickte dann. Überall an den Wänden waren Schwerter und Schilde angebracht, die im fahlen Licht der Fackeln glänzten. Es gab kurze Schwerter, eher Dolche und lange Kampfschwerter, deren Klingen so breit wie eine Männerhand waren und Louis war sich sicher, dass sie so schwer waren, dass er sie kaum würde anheben können. „Jeder sucht sich das aus, was er gebrauchen kann und womit er sich wohl fühlt!“ rief Zayn über das allgemeine Klirren und Rascheln hinweg. Die Merry Men durchwühlten die Waffenkammer nach allem, was sie brauchen konnten und veranstalteten dabei einen ziemlichen Lärm. Louis ging zu Leofwine hinüber, der vor einer geöffneten Kiste stand, in der eine Menge Kettenhemden, jedes in Leder eingeschlagen, gelagert waren. „Brauchst du eines, Louis? Hier  habe ich gerade eines gefunden, das dir passen könnte.“ Er bückte sich und zog ein Kettenhemd heraus. Es schien recht schwer zu sein, denn er konnte es Louis kaum bis an den Kragen halten, um die Länge zu bestimmen. Seiner Meinung nach schien es jedoch zu passen, denn er nickte und drückte es ihm in die Hand. Noch nie zuvor hatte Louis ein Kettenhemd getragen, daher überraschte es ihn, dass es so schwer war. Rasch griff er mit der Zweiten Hand zu, um zu verhindern, dass der Stoff aus Eisenringen auf den steinernen Boden glitt. Er schleppte das Kleidungsstück zu einem Tisch und legte es darauf ab. „Kannst du mir zur Hand gehen? Ich glaube, alleine gelingt es mir nicht, mich anzuziehen.“ bat ihn Draca und hielt Louis auffordernd sein Kettenhemd hin. Mit viel Kraft und Gefluche, schafften sie es, ihm das Ding über den Kopf zu ziehen. Als Louis das Metall losließ und das gesamte Gewicht auf Dracas Schultern lastete, sank der regelrecht zusammen und blickte Louis mit hochgezogenen Augenbrauen an: „Wie soll ich damit denn kämpfen können? Ich kann kaum die Arme anheben.“ Zum Beweis versuchte er es, kam jedoch nicht weiter, als bis auf Schulterhöhe. „Soll ich dir in dein Kettenhemd helfen?“ bot Draca an und Louis nickte dankbar.
Weil das Metall unangenehm auf der blanken Haut war, ließ Louis sein normales Hemd aus grobem Leinen an. Draca half ihm, so gut er konnte und Louis zwängte sich in das Kettenhemd hinein. Es passte gut, war nicht zu weit, aber auch nicht zu eng, um unter den Armen einzuschneiden. Das Gewicht war wirklich beachtlich und sicherlich würden sie alle bereits nach wenigen Stunden schmerzende Schultern haben. Mit der flachen Hand strich Louis über seine gepanzerte Brust: er fühlte sich ein wenig wie eine menschliche Echse, die ihren Körper ebenfalls durch Schuppen schützte. „Ob wirklich kein Messer durch diese Ringe kommt?“ Draca zog einen Dolch aus seinem Gürtel und drückte vorsichtig damit  gegen Louis Panzerung. Er zuckte überrascht zurück, doch das Messer glitt an den feinen Ketten ab. „Ein Pfeil könnte allerdings durchgehen, also fühlt euch bloß nicht allzu sicher. Und haltet eure Verteidigung im Kampf trotzdem aufrecht.“ sagte Cuthbert, der Dracas Test an Louis gesehen hatte. „Seht zu, dass ihr noch ein Schwert findet, das euch zusagt.“ Cuthbert hatte sich ebenfalls ein Kettenhemd angezogen und es verlieh ihm noch mehr das Aussehen eines Kriegers. Louis und Draca sahen im Vergleich zu ihm aus, wie Kinder, die ein bisschen Soldaten spielten. „Ich will euch alle gleich draußen auf dem Hof sehen!“ rief Zayn laut, um sich Gehör zu verschaffen und alle beeilten sich, noch rasch die passenden Schwerter für sich zu finden.
Nachdem Louis ein schmales, aber spitzes Schwert an seinen Gürtel gebunden, einen Köcher voller Pfeile auf den Rücken geschnallt und einen Langbogen gegriffen hatte, ging er hinaus auf den Hof. Die Soldaten standen ein wenig gelangweilt herum und warteten. Sie besaßen schon ihre Rüstungen und Schwerter und waren natürlich als erste fertig zum Aufbruch gewesen. Am Pferdestall standen zwei Ponys bereit, die vor einen Karren gespannt worden waren, der mit einer Decke abgedeckt war. Harry kam gerade gemeinsam mit dem Zauberer die Freitreppe herunter. Beim Anblick des Königs machte Louis Herz einen kleinen Hopser: Harry sah wieder genauso aus, wie er damals im Wald bei ihrer ersten Begegnung ausgesehen hatte. Er trug seine dunkle Waldläuferkleidung und den Umhang mit Kapuze. Seine Stiefel waren aus weichem, wettergegerbtem Leder. Alles war wie früher, mit der Ausnahme, dass unter dem Saum seines Oberhemds das Silber eines Kettenhemds hervorlugte. Der einzige Hinweis, dass sie auf dem Weg in einen ernsthaften Kampf waren.
Ein Köcher baumelte von seiner Hüfte und eine Menge Pfeile lugten daraus hervor. Er ging geradewegs auf Louis zu: „Hast du alles gefunden? Gab es eine Rüstung, die dir gepasst hat?“ Es schien ihm das Wichtigste zu sein, sicher zu gehen, dass Louis gut ausgerüstet war. Harry legte ihm die Hände auf die Schultern und Louis stellte erfreut fest, dass er den Unterarmschoner trug, der einst ihm gehört hatte und von dem er das Gegenstück besaß. Harry bemerkte seinen Blick und lächelte: „Das ist mein Glücksbringer.“ sagte er und strich mit der Handfläche stolz über das Muster, auf dem weichen Leder.
Mit einem Klirren seines Kettenhemdes und des Schwertes am Gürtel, trat Cuthbert zu ihnen heran: „Wir sind bereit zum Aufbruch.“ teilte er dem König mit und als dieser ein wenig nervös nickte, rief er die Männer zusammen. Die Männer wurden in drei Gruppen geteilt. Die erste bestand aus Harry, den Merry Men und dem Zauberer. Sie würden auch als erste die Burg verlassen und sich auf den Weg zu den großen Felsen machen. Die beiden anderen Truppen bestanden gemischt aus Soldaten Prinz Nialls und den Rekruten. Cuthbert wies sie an, die Burg ein wenig nach ihnen zu verlassen und einen anderen Weg zum großen Felsen einzuschlagen. Vielleicht sorgten sie auf diese Weise für ein wenig Zerstreuung unter den Gegnern.

Ratternd setzte sich der Wagen mit dem vorgespannten Pony in  Bewegung und folgte dem gewundenen Pfad. Die Merry Men folgten dem Gefährt. Alle hatten ihre Kapuzen aufgesetzt und beugten sich gegen den Wind an. Erst, als sie in den Schutz der Bäume getreten waren, wurde es ein wenig erträglicher und Louis nahm seine Kapuze ab. Der Schnee auf dem Waldboden war noch sichtbar, allerdings wurde die dichte Schneedecke ab und zu schon von dünnen Gräsern durchbrochen, die sich an die Oberfläche gekämpft hatten. Wenn die Sonne auf das Blätterdach über ihnen fiel und den Schnee dort oben zum Schmelzen brachte, fielen Wassertropfen auf sie hinunter und landeten schwer in ihren Nacken und auf ihren Köpfen. „Der Frühling kommt. Was bin ich froh. Diese Kälte war ja kaum noch auszuhalten.“ seufzte Harry, streifte die Kapuze ebenfalls ab und legte im Gehen den Kopf in den Nacken, um hinauf zum Himmel zu blicken. Leider war keine Sonne zu sehen, doch ab und zu schimmerte es blau durch das Dach aus kahlen Ästen über ihnen hindurch. „Der schmelzende Schnee kann uns aber auch ein Hindernis werden, wenn wir Flüsse überqueren müssen. Der Wasserpegel wird sicherlich ansteigen und so manch kleines Flüsschen in einen reißenden Bach verwandeln.“ kam es von Zayn, der ein wenig missmutig dreinblickte. „Das musst du uns nicht erzählen. Das ist nicht der erste Winter, den wir im Wald erleben.“ neckte ihn Harry und grinste seinen Freund von der Seite her an. Dabei zuzusehen, wie sich Harry und Zayn wieder locker miteinander unterhielten, ohne, dass der höfische Zwang zwischen ihnen stand, tat gut. Louis war froh, dass sie im Wald offenbar wieder so sein konnten, wie früher. Es schien dem jungen König gut zu tun, sich wieder locker zu geben, obwohl sie auf dem Weg in einen Kampf waren, von dem sie nicht sicher sagen konnten, ob sie ihn gewinnen würden. Louis kam es beinahe so vor, als ob die Merry Men unter den Bäumen wieder in ihrem Element waren. Hier waren sie Zuhause, hier kannten sie sich aus und sicherlich würde ihnen das einen Vorteil bringen, wenn sie im Wald gegen die Männer von Benjamin kämpften.

Sie nahmen die Straße, die sich zwischen den Bäumen hindurch zu den Dörfern wand, schließlich glaubten ihre Feinde ja immer noch, Harry würde einen Kontrollmarsch durch die Grafschaft machen. Bis sie das erste Dorf allerdings erreichten, würde es noch einen halben Tag dauern. Sie stapften durch den Schnee und wie erwartet, schmerzten Louis Schultern bereits nach wenigen Stunden. Das Kettenhemd war sehr schwer und die Muskeln in seinem Nacken taten weh. Im Gehen versuchte er, sich ein wenig zu lockern, drehte den Kopf hin und her und massierte sich die schmerzenden Stellen, doch es gelang nicht. „Mir tut alles weh...“ jammerte nun auch Draca  und ging immer langsamer, bis er irgendwann mit Louis gleich auf war. „Ich wünschte, wir könnten diese Dinger ablegen.“ stöhnte er. „Zayn, können wir diese Kettenhemden für einen Moment ablegen? Mir fallen von dem Gewicht bald die Arme ab.“ sagte Draca ein wenig lauter zu Zayn, der wenige Schritte vor ihnen herging. Doch der Heerführer sah nicht einmal zu ihnen hin, sondern schüttelte nur den Kopf: „Wenn du dich verletzbar machen willst, kannst du das gerne tun, aber ich werde dich nicht zusammenflicken.“ Frustriert seufzte der Junge mit den Brandnarben auf und gab sich geschlagen. Auch Louis hätte das schwere Ding gerne abgelegt, doch er musste Zayn zustimmen. Wenn man sie überraschend angreifen sollte, sollten sie geschützt sein.    
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