Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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75. Die vier Gestalten

Es waren Ed, Liam, Flint und - „Thomas?“ fragte Louis ungläubig und blickte den Vertrauten von Lady Taylor überrascht an. Thomas war ganz in schwarz gekleidet, trug schlichte, Hosen und lederne Stiefel und unter dem schwarzen Lederwams war das silberne Glänzen eines Kettenhemdes zu sehen. An seinem Gürtel steckte ein langes Schwert und er trug Handschuhe. Er blickte Louis an, der noch immer mit dem Pfeil auf ihn zielte und schien gerade etwas sagen zu wollen, als Flint ihm zuvor kam: „Wie gut, dass wir euch gefunden haben. Seit Tagen sind wir schon auf der Suche nach euch. Wir wusste, dass ihr euch hier in der Gegend aufhalten müsst, wenn ihr kommt. Wir laufen schon lange diesen Bereich des Waldes ab und mussten immer darauf acht geben, den anderen nicht wieder in die Arme zu laufen. Das wäre verdächtig gewesen. Zumal wir nicht gerade über sonderlich vorteilhafte Kleidung verfügen.“ Missmutig zupfte Flint an dem dunkelroten Umhang herum. „So unvorteilhaft ist die Farbe nicht.“ stellte Draca fest und ließ seine Waffe sinken: „Ich konnte euch nicht sehen, als ihr euch noch im Gebüsch versteckt habt.“ Sein Blick fiel auf Thomas: „Und was machst du hier? Ich dachte, du bist bei der Königin.“ Bildete Louis es sich nur ein, oder schwang ein leicht spöttischer Unterton in Dracas Stimme mit? Thomas schluckte und fuhr sich mit der Hand verlegen durch die dunklen Haare. „Ich hielt es für vernünftig, dem König beizustehen und habe mich dann auf den Weg gemacht. Leider konnte ich euch nicht einholen und traf dann auf die Drei hier.“ - „Ich bin ja mal gespannt, was der König dazu sagt, dich hier dabei zu haben.“ murmelte Louis und ließ nun endlich den Bogen sinken. „Ich kann ja wieder gehen, wenn er mich nicht dabei haben will, aber ich dachte, je mehr Männer dabei sind, desto besser.“ Thomas wirkte schon beinahe schüchtern und sah Louis nicht in die Augen, während er sprach. Mit der Stiefelspitze scharrte er im Schnee zu seinen Füßen herum. Flint, den das Gespräch zwischen Louis und Thomas nicht zu interessieren schien, stapfte an den beiden vorbei: „Ich nehme an, die Truppe ist in diesem Zelt zu finden. Ich melde mich mal bei allen zurück. Liam, Ed, kommt ihr?“ Die beiden Angesprochenen nickten und folgten Flint ins Zelt. Augenblicklich wurden sie dort von überraschten Rufen empfangen. Alle Merry Men freuten sich, ihre Freunde lebendig wieder zu sehen. „Lass uns wieder unsere Positionen einnehmen. Thomas, du kannst gerne helfen.“ sagte Draca, nahm seinen Bogen wieder auf und stellte sich neben das Zelt, um den Wald weiter zu beobachten. Louis tat es ihm gleich und beobachtete den Vertrauten der Königin aus den Augenwinkeln. Ob er ihnen wirklich helfen würde? Thomas schien einen Moment mit sich selbst zu hadern, dann zog er sein Schwert aus dem Gürtel und stellte sich neben Draca.

Offenbar hatte er sich entschieden zu bleiben.

Louis hätte das nicht gedacht und hob anerkennend eine Augenbraue, bevor er seinen Blick wieder über die Äste der Büsche um sie her schweifen ließ. Aus dem Zelt waren dumpf die Stimmen der anderen zu hören, die sich miteinander besprachen. Louis hätte gerne gelauscht, doch musste er sich auf die Umgebung des Waldes konzentrieren und durfte sich keinerlei Ablenkung erlauben.
Nach einer Weile, schwang die Plane, die den Eingang des Zeltes verschloss beiseite und Theobald kam heraus, gefolgt von Veland. „Wir lösen euch ab, dann könnt ihr auch den Plan erfahren.“ sagten sie und Draca, Louis und Thomas traten in das Zelt. Die Merry Men staunten nicht schlecht, als sie Thomas erkannten und Harrys Augen verengten sich beim Anblick des Vertrauten seiner Frau, er sagte jedoch nichts, sondern wandte den Blick schnell Louis zu. In dem Moment, als seine Augen die von Louis trafen, wurde sein Blick weich und freundlich und er lächelte. „Nun, wie ist der Plan?“ fragte Draca und sah in die Runde. „Wir greifen von drei Seiten an. Die Heerführer der beiden anderen Truppen werden sich morgen bei Sonnenaufgang in Bewegung setzen und wir hoffen, so die Gegner einkreisen zu können. Wenn wir von drei Seiten gleichzeitig angreifen, verhindern wir so, selbst in einen Hinterhalt zu geraten.“ erklärte der Zauberer. „Wissen wir denn sicher, wo sich Benjamins Truppe aufhält?“ fragte Louis und kam sich ein wenig dumm vor. Sicherlich hatte Gwydion seine Vögel nochmal ausgesandt, um sich zu vergewissern, wo sich die Gegner niedergelassen hatten. Doch der Zauberer schüttelte den Kopf: „Den letzten Stand haben wir von unseren drei Spielmännern bekommen. Sollten sie sich nicht bewegt haben, hat die Gruppe ihr Lager einen halben Tagesmarsch von hier entfernt Richtung Osten aufgeschlagen. Da sie uns aber auflauern wollen, gehe ich davon aus, dass sie dort verharren und auf uns warten werden.“ Daraufhin schwiegen alle. Louis sah in die Gesichter reihum und konnte überall Entschlossenheit lesen. Alle waren bereit für ihren König in den Kampf zu ziehen. Der Wind fuhr durch die Zweige der Bäume und Zayn hob die Hand: „Seid still...ich habe etwas gehört...“ zischte er. Louis spitzte die Ohren. Auch er hörte etwas. Waren es nur Geräusche von Tieren, oder näherte sich Jemand dem Zelt. Sein Herz begann zu rasen, als ihm dieser Gedanke gekommen war und im selben Moment stürzte Theobald ins Zelt: „Jemand nähert sich dem Zelt. Der Wind hat Stimmen mit sich getragen.“ Jeder griff nach seiner Waffe und alle wandten sich dem Zelteingang zu. „Lasst uns alle rausgehen und ihnen entgegen gehen.“ schlug Zayn vor und einer nach dem anderen ging an Louis vorbei hinaus. Harry  war der letzte und er blieb vor ihm stehen. Er sah zu ihm hinunter und seufzte: „Wie es scheint, geht es nun doch schneller los, als gedacht. Pass auf dich auf, Louis. Ich muss sichergehen, dass dir nichts passiert.“ sagte er und sprach dabei so schnell, dass er sich beinahe verhaspelte. „Du auch.“ erwiderte Louis und umarmte Harry schnell. „Pass auf dich auf und gehe kein Risiko ein.“ - „Ich bin ein guter Kämpfer.“ - „Das weiß ich, aber ich will nicht, dass du an vorderster Front dabei bist...ich will mit dir zusammen zur Burg zurückkehren.“ Bevor Harry darauf etwas erwidern konnte, stellte sich Louis auf die Zehenspitzen und gab Harry einen verzweifelten Kuss auf die Lippen. Er umschlang ihn mit den Armen und zog ihn an sich und Louis bildete sich fast ein, Harrys Herz an seiner Brust zu spüren. Sie tauschten noch einen letzten Liebesschwur aus, dann packten beide ihre Waffen und gingen aus dem Zelt. „Na endlich, was habt ihr denn so lange gemacht?“ Zayn war ungeduldig und lief los, kaum, dass alle im Freien standen.

Sie bewegten sich fast lautlos durch den Schnee. Alle waren aufmerksam und immer darauf vorbereitet, jeden Moment angegriffen zu werden. Louis versuchte zwischen den Ästen der umstehenden Bäume und Büsche hindurch zu spähen. Vielleicht konnte er ja Menschen sehen, die sich ihnen näherten. Doch außer Ästen, an denen ein wenig verbliebene Blätter hingen, war nichts zu sehen. Harry ging dicht neben Louis und stupste ihn an der Schulter an, dann nickte er in eine Richtung und Louis spitzte die Ohren: leise, ganz leise waren Stimmen zu hören. Leider war weder zu verstehen, was gesagt wurde, noch ob die Stimmen vielleicht zu ihren eigenen Leuten gehörten. Vielleicht bewegte sich gerade die Gruppe der Rekruten ebenfalls durch den Wald. „Könnten das unsere Leute sein?“ hauchte Leofwine, doch Zayn schüttelte den Kopf: „Die kommen nicht aus dieser Richtung.“ Angst kroch in Louis hoch und er festigte den Griff um sein Schwert noch ein wenig mehr.

Die Anspannung war fast nicht auszuhalten und Louis wünschte sich fast schon einen Angriff herbei, dann hätte diese Ungewissheit ein Ende. Doch es passierte nichts und sie stapften noch eine ganze Weile durch den Schnee ohne, dass etwas passierte. Die anderen Jungs wurden langsam ruhiger und schienen weniger angespannt zu sein, je länger sie durch den Wald gingen und nichts passierte. „Vielleicht waren es einfach nur Pilger, die wir gehört haben.“ überlegte Theobald. Er hatte kaum den Mund zugemacht, als rechts und links von ihnen Pfeile aus dem Gebüsch geflogen kamen. Keiner wurde getroffen und alle bildeten sofort einen Kreis, um sich gegenseitig zu schützen. Louis zog sein Schwert und wehrte den ersten Mann ab, der wie ein Wilder aus dem Gebüsch gerannt kam. Klingen trafen aufeinander und sie wehrten den ersten Angriff ab. Die Gegner waren gute Kämpfer und schafften es leider recht schnell, die Merry Men aus dem Wald hinaus auf ein freies Feld zu treiben. Wie viele sie angriffen, war schwer zu sagen:  überall um Louis herum wurde gekämpft und er konnte nicht zählen. Hoffentlich wurden die Kampfgeräusche von ihren anderen Männern gehört und sie kamen ihnen zu Hilfe. Louis duckte sich weg, um einem Schwerthieb seines Gegners auszuweichen, als Prinz Nialls Soldaten auf der Wiese auftauchten. Sie erkannten die Situation sofort und beteiligten sich mit lautem Geschrei sofort am Kampf. „Duck dich!“ Thomas, der hinter Louis gekämpft hatte, packte ihn am Umhang und warf sich mit ihm auf den Boden. Pfeile surrten über sie hinweg und verfehlten sie nur knapp. „Danke.“ schnaufte Louis und griff nach einem Schild, der im Gras lag. Vielleicht war es besser, wenn er sich zusätzlich schützte. Mit dem Schild in der einen und dem Schwert in der anderen Hand, sprang er wieder auf die Beine.

Auf der Wiese herrschte ein heilloses Durcheinander und er musste sich kurz orientieren. Überall waren kämpfende Männer zu sehen, einige lagen bereits am Boden. Ob sie tot waren? Er konnte nicht erkennen, ob es sich um Merry Men oder gegnerische Soldaten handelten, doch es war ihm im Augenblick egal, denn zusätzlich zu den kämpfenden Männern, flogen jetzt auch noch Pfeile durch die Luft, die  aus dem Gebüsch abgefeuert wurden. Louis duckte sich rasch hinter seinen Schild, um einem der fliegenden Pfeile zu entgehen, als hinter ihm ein Aufschrei Harrys zu hören war. Zu gerne hätte er sich umgesehen, doch er konnte den Mann vor sich nicht aus den Augen lassen. Louis packte sein Schwert fest und schaffte es, ihm die Armbrust aus der Hand zu schlagen. Der Mann jedoch war wendig und flink und griff rasch nach seinem Schwert. Glücklicherweise hatte Louis mittlerweile genug trainiert und konnte sich seinem Gegner so recht lange widersetzen. Die Klingen der Schwerter trafen aufeinander und die Wucht des Aufpralls riss ihn beinahe um, doch er schaffte es stehen zu blieben, und kämpfte weiter. Die komplette Wiese war von Schreien und dem Klirren der Schwerter erfüllt. Soweit er sehen konnte, waren schon einige Männer gefallen und lagen mit dem Gesicht im Gras. Pfeile steckten, wie seltsame Blumen in der Erde und wurden von einem Pferd umgeknickt, das darüber hinweg trabte. Auf dem Pferd saß ein Mann, der Jonathan sehr ähnlich sah. Das musste Benjamin sein. Sein Haar war ebenso rot, wie das seines Bruders und er hatte eine entschlossene Miene im Gesicht. Mit einer Hand hielt er sein Pferd am Zügel, mit der anderen führte er das Schwert. Sein Gegner war Cuthbert, der zu Fuß gegen ihn kämpfte und sich gut schlug. Louis wich erneut einem Schlag seines Gegners aus und versetzte diesem dann mit der Schwertspitze einen Stoß gegen die Brust. Der Mann taumelte rückwärts und stolperte über den Körper eines toten Soldaten, dann ging er zu Boden. „Gnade...habt Gnade mit mir.“ flehte er Louis an, der nun über ihm stand und das Schwert hob. Er wusste, dass er diesen Mann töten musste, doch brachte er es nicht über sich. Noch nie hatte er Jemanden getötet. Der Soldat schien sein Zögern zu spüren, denn er hob die Waffe noch einmal aus dem Gras und versuchte Louis zu treffen, doch die Klinge glitt knapp an ihm vorbei. Als Antwort darauf bekam er die Schwertspitze noch einmal zu spüren und dieses Mal, blieb er reglos liegen. Louis Atem ging schwer, als er auf den Toten hinuntersah und zu seiner eigenen Überraschung verspürte er keine Reue. Gerade hatte er einen Menschen getötet. Doch schließlich hatte dieser ihn ebenfalls umbringen wollen, also hatte er sich nur verteidigt. Mit diesem Gedanken würde er leben können und wandte sich um.    
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