Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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60. Die Vermählung

Sie erreichten den Hof, als die Sonne gerade hinter den Baumwipfeln versank. Der Himmel wurde dunkelblau und am Horizont leuchtete er in einem kräftigen Orange. Offenbar wurden sie bereits erwartet, denn als sie durch das Tor ritten, kam ihnen Theobald entgegen. „Gut, dass ihr da seid. Der Pastor ist bereit und bittet die Brautleute vor der Vermählung zur Beichte in die kleine Kapelle.“ Louis sah, wie Harry schluckte und vom Pferd abstieg: „Gut, dann geht es jetzt wohl los. Louis, bitte begleite mich.“ Auch Louis beeilte sich, abzusteigen. Jetzt, wo er nicht mehr auf dem warmen Pferd saß, spürte er de Kälte noch heftiger und zitterte leicht. Draca und Leofwine kümmerten sich um die Pferde und sie gingen gemeinsam in die kleine Kapelle.
Das letzte Mal, als Louis hier gewesen war, hatte er die Beichte ablegen müssen, weil Jonathan ihn zum Tode verurteilt hatte. Zwar betrat er nun als freier Mann das karge Gotteshaus, doch im Geiste erinnerte er sich an diese Stunden, die er voller Angst gewesen war und das Gefühl kehrte zurück, allerdings deutlich schwächer. Der Pastor trug wieder seine helle Kutte und stand vor dem Altar, als sie eintraten. Ihre Schritte hallten auf dem Steinboden wider und der Mann wandte sich um. Er erkannte Louis sofort und lächelte ihn freundlich an: „Es freut mich, dass es dir gut geht, mein Sohn.“ sagte er und blickte dann Harry an. „Ich werde Euch heute Vermählen, Majestät. Wie Ihr wisst, soll man als reine Seele in die Ehe eingehen und ich möchte Euch darum bitten, Eure Beichte vor dem Herrn abzulegen, bevor Ihr in den heiligen Stand der Ehe eintretet. Louis, würdet Ihr uns allein lassen?“ Louis nickte und versprach Harry, vor der Tür zu warten, dann wandte er sich um, ging allein den Mittelgang entlang und verließ die Kapelle durch die hölzerne Tür.

Ob Harry dem Pastor von ihrer Beziehung berichtete? Ob er ihm sagte, dass er Lady Taylor nur zur Frau nahm, damit er die Soldaten bekam? Auch hier vor der Kapelle war es kalt und zugig und Louis zog den Umhang um sich ein wenig enger. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als die nächsten Stunden einfach überspringen zu können. Dann wäre diese Hochzeit vorbei und er könnte zusammen mit Harry in ihrer Kammer liegen. Oder würde das frisch vermählte Paar die erste Nacht gemeinsam verbringen müssen? Bei diesem Gedanken, machte sich eine Übelkeit in ihm breit, die Louis kaum kontrollieren konnte. Sie drückte ihm auf den Magen und er würgte kurz. Es war unvermeidbar, dass Harry mit seiner Frau die Ehe würde vollziehen müssen. Die großen Hände, die sonst über Louis Körper streichelten, die nur ihn bisher hatten anfassen dürfen, sie würden nicht mehr nur sein Privileg sein. Unruhig lief Louis in dem Korridor auf und ab und wünschte sich Jemanden, mit dem er reden konnte. Normalerweise wäre das Harry gewesen, doch er wollte ihn so kurz vor der Hochzeit nicht mit seinen Ängsten und Sorgen belästigen. Sicherlich fühlte sich der König auch nicht wohl bei der ganzen Sache und wenn er wüsste, wie sehr Louis mit dieser Ehe haderte, würde er vielleicht das Ganze abbrechen und somit ihrer aller Sicherheit gefährden. Er könnte mit Liam sprechen, der wäre immerhin nicht in der Lage, seine Sorgen weiter zu tratschen. Für einen Moment, überlegte Louis, den Merry Men aufzusuchen, doch er hatte Harry versprochen zu warten, also blieb er stehen. Obwohl er es kaum abwarten konnte, seine Sorgen loszuwerden, blieb er im Korridor stehen und wartete auf seinen König.  
Harry kam recht schnell zurück. Vielleicht hatte er nicht viel zu beichten gehabt. „Lass uns in unsere Kammer gehen. Ich muss mich umziehen.“ seufzte der junge König, griff nach Louis Hand und sie nahmen einen weniger genutzten Weg zur Kammer, damit sie Niemandem begegneten.

„Ich glaube, das eleganteste Gewand, das ich besitze, ist das hier.“ Harry zog ein schwarzes Wams mit langen Schößen aus der Holztruhe und hielt es vor sich. Es war aus Samt, mit dunklen Ranken bestickt und an den Ärmelaufschlägen, sowie am Kragen mit goldenen Borden verziert. Dazu gehörte eine helle Weste, die ebenfalls reich bestickt und aus sehr steifem Stoff gefertigt war. „Das sieht sehr schön aus. Lady Taylor wird es sicherlich gefallen.“ murmelte Louis, dem es immer schwerer fiel, die Tränen zurück zu halten. „Gefällt es dir? Ich will, dass du es magst. Ich mache mich für niemanden zurecht, außer für dich.“ sagte Harry, legte das Kleidungsstück auf dem Bett ab und schloss Louis in die Arme. Sein Hemd hatte er bereits zur Hälfte geöffnet und so konnte Louis das Gesicht an seine bloße Haut pressen. „Ich will, dass du die ganze Zeit hinter mit stehst. Ich brauche dich. Alleine kann ich das nicht bewältigen.“ Diese Worte genügten, um bei Louis das Fass zum Überlaufen zu bringen. Er konnte die Tränen nicht länger zurückhalten und sie tropften ungehindert auf Harrys Haut. „Oh Louis….“ vorsichtig hob er seinen Kopf an und blickte ihm in die Augen. Louis sah denselben Schmerz in ihnen, den auch er selbst verspürte. „Es tut mir leid, ich wollte dich nicht mit meinen Gefühlen belästigen...du musst dich auf die...“ Louis brachte es kaum über sich, schluckte und sagte dann: „...du musst dich auf die Hochzeit konzentrieren...“ - „Das kann ich erst, wenn ich weiß, dass du in Ordnung bist...bitte Louis...mir geht es doch nicht besser damit, als dir…“ Er umfasste Louis Gesicht mit den Händen und drückte ihm mehrere Küsse auf die Lippen, während Louis verzweifelt versuchte, die Tränen einzudämmen. Es gelang ihm nicht sonderlich gut, doch Harry strich ihm immer wieder mit dem Daumen über die Wangen und wischte sie alle weg. Sie sahen sich einen Moment lang schweigend an, dann fragte Harry: „Hilfst du mir, in diese Kleidung zu kommen?“ Louis nickte unter Tränen und fuhr mit den Händen über Harrys nackte Brust. Er trug nur seine Hose. Nach einem weiteren Kuss auf Louis Stirn, beugte sich Harry noch einmal zu der Truhe hinunter und zog ein hellgraues Hemd heraus. Die Ärmel waren weit geschnitten und er schlüpfte hinein. Langsam schloss er die Knöpfe des Hemds und reichte Louis dann die bestickte Weste. „Hier, kannst du mir da hineinhelfen?“ Er drehte sich um und schlüpfte in die Weste, die Louis ihm über die Schulter streifte. „Du meine Güte, ist das eng. Wenn das alles mal meinem Vater gehört hat, muss der aber wirklich dünn gewesen sein.“ Er richtete sich wieder auf, zog die Weste zu und verschloss die vergoldeten Schnallen, wärend er die Luft anhielt. „Vielleicht werde ich bewusstlos, weil ich nicht atmen kann und komme so um die Vermählung herum.“ überlegte Harry und drehte sich mit gequältem Gesicht wieder zu Louis um. Dieser hätte gerne über den kleinen Witz gelacht, aber es ging nicht. Es blockierte ihn heute. Er half Harry auch noch in das Wams und seufzte, als er sah, wie gut ihm die elegante Kleidung passte. „Soll ich meine Haare zusammenbinden?“ fragte er Louis, der mit den Schultern zuckte und murmelte: „Mit offenen Haaren gefällst du mir besser.“ - „Gut, dann lasse ich sie so.“ Harry trat einen Schritt zurück und sah Louis an. Mit einem Mal wirkte er unsicher und ängstlich, obwohl er so schick und elegant aussah. „Kannst du mich bitte nochmal in den Arm nehmen? Ich brauch ein wenig mehr Mut, als das klägliche Bisschen, das ich gerade verspüre.“ Louis nickte und schlang die Arme um den jungen König. Harry erwiderte die Umarmung, so gut es die steife Kleidung zuließ und vergrub sein Gesicht an Louis Halsbeuge. „Ich liebe dich...und ich bin dir so dankbar, dass du mir beistehst...du bist so unglaublich stark...dafür danke ich dir.“ Sie wandten die Gesichter einander zu und Harry drückte Louis sanft seine weichen Lippen auf den Mund. Der Kuss schmeckte salzig und  Louis bemerkte, dass auch Harry Tränen in den Augen hatte. Den ganzen Tag hätte er hier stehen und Harry küssen können, doch die Vermählung stand an und sie mussten sich überwinden, in die kleine Kapelle zu gehen.

Bevor sie die Kammer verließen, legte Louis Harry noch einen dunkelroten Mantel um die Schultern. Der Stoff fiel in schweren Falten hinter ihm auf den Steinboden und wallte beim Gehen ein wenig auf. Es sah beeindruckend aus. „Lass uns gehen.“ sagte Harry leise und Louis öffnete die Tür, dass er hinaus auf den Flur treten konnte. Sie begegneten Niemandem, bis sie in den Korridor vor der Kapelle kamen. Ein erwartungsvolles Raunen empfing sie, als Harry um die Ecke bog und die Merry Men ihn zum ersten Mal in der Kleidung eines Königs zu Gesicht bekamen. Zayn sah ihn mit grimmigem Stolz an und verneigte sich, bevor er Harry in die Arme schloss. „Ich bin stolz auf dich, dass du diesen Schritt machst.“ sagte er leise und umarmte nach dem König dann auch Louis: „Und du bis so unglaublich stark, dass du das alles so mitmachst.“ - „Sag das bitte nicht, Zayn. Sonst verlässt mich gleich der Mut und ich laufe davon.“ gab Louis flüsternd zu und machte sich rasch von Zayn los. Er konnte jetzt keine körperliche Nähe ertragen, sonst würde er es nicht schaffen, seine Maske aufrecht erhalten zu können. Das Wichtigste war jetzt, diese Vermählung hinter sich zu bringen, ohne dabei zusammenzubrechen.

Jetzt, da Harry anwesend war, wurden die Türen zur Kapelle geöffnet und alle traten ein. Der Pastor stand bereits vorne am Altar und hatte einige Kerzen entzündet, die warmes Licht an die kahlen Wände warf. Die Merry Men stellten sich vor dem Altar in einem Kreis auf und wandten sich alle zur Mitte, wo Harry und der Pastor standen. Louis blieb hinter Harry in einigem Abstand stehen und alle warteten. Louis rauschte das Blut in den Ohren und er konnte einen eigenen Herzschlag so genau spüren, dass es beinahe wehtat. Gleichzeitig machte sich eine Übelkeit in ihm breit und er hatte das Gefühl, kaum noch Luft zu bekommen. Endlich, nach einer halben Ewigkeit, waren draußen auf dem Korridor Schritte zu hören und alle wandten den Kopf zur Tür. Thomas tauchte im Durchgang auf. Er hatte die Hand erhoben und führte seine Herrin in die Kapelle hinein. Die Braut trug einen leicht fließenden Umhang, aus hellem Stoff. Ihr Kopf wurde von einer Kapuze bedeckt, die auch ihr Gesicht nicht offenbarte. Thomas führte sie mit ernstem Gesicht in die Mitte des Kreises, wo Harry stand und unmerklich die Lippen zusammenkniff, bevor er die Hand ausstreckte und die von Lady Taylor nahm. Sie wandten sich einander zu und Thomas blieb hinter seiner Herrin stehen, genau, wie Louis hinter Harry stand.  Der junge König machte einen Schritt auf die Dame zu, ergriff den Saum der Kapuze und hob sie vorsichtig an. Der Stoff lag nun auf ihren Schultern und zeigte die Braut in ganzer Schönheit. Das goldblonde Haar hatte sie zurückgesteckt und mit hellen Perlen verziert. Ihre Haut schien im Licht der Kerzen zu strahlen und als sie den Blick hob, glitzerten ihre Augen in nervöser Vorfreude. Sie schob den Umhang zurück und wie nun zu erkennen war, trug sie ein elfenbeinfarbenes Kleid, das reich bestickt war. Die Korsage war eng geschnürt und verlieh ihrer Figur ein noch zerbrechlicheres Aussehen. „Ihr seht wunderschön aus.“ hauchte Harry ganz leise, doch in der vollkommenen Stille der Kapelle, war es deutlich zu hören. Die Brautleute standen und in einem gewissen Abstand voreinander und sahen sich an, während der Pastor das Wort erhob: „In Gottes Namen habt Ihr Euch heute hier eingefunden, um an diesem Abend gemeinsam in den Bund der heiligen Ehe zu treten. Die Frau hat sich dem Willen ihres Mannes zu fügen und den ehelichen Pflichten nachzukommen, wann immer es von ihr verlangt wird. Milady seid Ihr bereit, vor Gott das Versprechen abzugeben, Eurem Mann zu Diensten zu sein, ihn zu ehren und ihm treu ergeben zu sein, bis dass der Tod euch scheidet?“ Lady Taylor blickte Harry in die Augen und nickte: „Ja, das bin ich.“ - „König Harry, seid auch Ihr bereit, zu versprechen, diese Frau zu ehren und für sie zu sorgen, bis dass der Tod euch scheidet?“ - „Ja, das bin ich.“ antwortete Harry und straffte dabei kaum merklich die Schultern. Louis schluckte. Er wollte die nächsten Worte nicht hören, doch sie waren unvermeidbar. „Zeugen der Eheschließung, legt dem Paar die Hand auf die linke Schulter. Thomas und Louis taten, was man von ihnen verlangte. Der Pastor trat vor, legte Harrys und Taylors Hände aufeinander und umschlang sie mit einem goldenen Band. „Im Namen Gottes erkläre ich Euch hiermit zu rechtmäßig angetrauten Eheleuten.“ Bei diesen Worten konnte Louis nicht verhindern, dass seine Hand auf Harrys Schulter zitterte. Langsam und bedeutungsschwer wickelte der Pastor das goldene Band wieder ab und wies die beiden an, einen Schritt aufeinander zu zu machen. Er hielt ihnen die Hände über die Köpfe und erteilte dem Brautpaar seinen Segen. „Ich wünsche Euch alles gute.“ sagte er zum Abschluss und strahlte sie an. Louis nahm seine Hand von Harrys Schulter. Der König umfasste das Gesicht seiner Frau mit den Händen, wie er es vorhin noch bei Louis getan hatte und küsste sie sanft auf die Stirn. Die Braut strahlte und sah ihren Mann bewundernd an. Sie fassten einander bei den Händen und schritten dann unter dem Applaus der Merry Men aus der kleinen Kapelle.  Louis und Thomas bildeten den Abschluss. In einer kleinen Prozession bewegte sich die ganze Gesellschaft zum Thronsaal, wo bereits ein prächtiges Abendessen aufgetischt worden war.

Das Brautpaar nahm am Kopfende des Tisches Platz. Louis saß neben Harry und versuchte sich für die Speisen zu begeistern, die die Frauen in der Küche gezaubert hatten. Irgendwie musste er seinen Kopf beschäftigt halten, damit er sich nicht zu häufig vor Augen führte, dass Harry gerade wirklich Lady Taylor zur Frau genommen hatte.

   
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