Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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9. Die Steuern müssen bezahlt werden

Die Sonne sank schon wieder und das Licht im Wald schwand langsam. Die Schatten der Bäume wurden länger und ohne die wärmenden Strahlen wurde es auch kühl unter den Bäumen. Louis Hemd war noch immer ziemlich nass und er hatte sich stattdessen in seinen Umhang gehüllt. Der Stoff war recht grob und kratzte ganz unangenehm auf der Haut. Er saß am Fuß der Eiche zwischen den Wurzeln, die hoch aus dem Boden ragten und starrte abwesend auf die Holzspäne, die von Harrys Plattform heruntergeflogen kamen, weil er dort oben mit dem Messer an den Ästen arbeitete. Louis hatte sich einige Buchäckern gesammelt, die er schälte und aß, denn sein Magen knurrte noch immer und heute hatte er bisher noch nichts gegessen. Buck, Draca und Leofwine waren von hier verschwunden, nachdem ein gellender Pfiff, ähnlich dem Harrys durch den Wald geschallt war. Sie hatten ihn nicht gefragt, ob er vielleicht mitkommen wollte und Louis selbst war nicht mutig genug gewesen, sich ihnen ohne Erlaubnis anzuschließen. Also war er einfach sitzen geblieben und hatte weiter Buchäckern zusammengesucht, die auf dem Waldboden herumlagen. Gerade fragte er sich, ob die Merry Men alle gemeinsam aßen, oder ob sich jeder von ihnen selbst versorgte, als eine Gestalt neben ihm vom Baum fiel. Sie kam so unerwartet, dass Louis vor Schreck aufschrie. Harry, der vom Baum gesprungen war, presste Louis rasch eine Hand auf den Mund: „Still, du verjagst alle Tiere.“ zischte er ihm ins Ohr und ließ Louis wieder los. „Tut mir Leid, aber du hast mich so erschreckt...“ stammelte Louis verlegen. „Schon gut.“ Harry grinste: „Ich gehe einen Hasen schießen, oder was mir sonst so vor den Bogen läuft. Gwydion hat deinen Freund fertig behandelt. Ich konnte beim Hinunterklettern einen Blick in den Baum werfen.“ sagte Harry und machte einige Schritte vom Baum weg. „Geh nur hinein. Wir können dort später alle gemeinsam essen.“ Mit diesen Worten wandte er sich um und verschmolz mit den Schatten der Bäume. Liam schlief, als Louis den Baum betrat und sich in respektvollem Abstand zu dem Druiden ans Feuer setzte. „Er wird es schaffen. Du musst dir keine Sorgen machen.“ sagte der Druide, nickte zu Liam hin und lächelte Louis beruhigend an. Liams Wunden waren gesäubert und mit einer dicken Salbe betupft worden. „Wie geht es deiner Hand?“ fragte der alte Mann und ein wenig überrascht, sah Louis auf seine Hand. Die Verletzung hatte er in der Aufregung um Liam ganz vergessen. „Sie schmerzt noch immer.“ sagte er und zuckte zusammen, als Gwydion sich vorbeugte, den Arm ausstreckte und Louis Hand in seine eigene nahm, um sie noch einmal zu untersuchen. „Ich kann aber sehen, dass es besser wird.“ stellte er fest, nachdem er sie im Licht der Flammen begutachtet hatte. „Du bekommst eine neue Salbe und ich werde Ed darum bitten, dir eine Stütze aus Leder anzufertigen, dann hast du weniger Schmerzen.“ Wie bereits am Abend zuvor mischte der Druide verschiedene Kräuter zusammen und verarbeitete sie zu einer Paste, die er auf die Verletzung strich. „Wird Liam lange schlafen?“ fragte Louis zaghaft, denn der Schlaf in dem der junge Mann lag, machte den Eindruck besonders tief zu sein. „Ja, er wird zwei Tage schlafen, dann hat er die schlimmsten Schmerzen überstanden und es wird alles leichter.“ - „Sag, wird er überleben?“ Die Frage hatte Louis nicht stellen wollen, doch sie war ihm schneller entwischt, als gedacht und so sah er den Mann nur ängstlich an und hoffte darauf, eine positive Antwort zu bekommen. „Es sieht gut aus. Allerdings wird er nicht mehr sprechen können.“ In Louis machte sich eine unglaubliche Dankbarkeit breit. Liam würde überleben. Nachdem seine Hand verbunden war, erhob sich Louis vom Feuer und ging wieder nach Draußen. Mittlerweile war es recht dunkel geworden und die Flammen des Feuers, in das er eben noch geblickt hatte, tanzten vor seinen Augen herum. Er musste einige Male heftig blinzeln, um sie zu verscheuchen. Gedämpfte Stimmen waren auf der anderen Seite des Baumes zu hören und Louis erkannte Zayns und Bucks Stimmen, sowie das tiefe, raue Brummeln, das zu Harry gehörte. Er ging um den Baum herum und fand die Drei am Boden kniend vor, wo sie zwei Hasen ausnahmen, die Harry offenbar geschossen hatte. Obwohl es schon recht dunkel war, konnte Louis die Tier erkennen, an denen die Drei herumwerkelten. „Nimm das mal.“ sagte Harry zu Buck und reichte ihm eine handvoll glibbriger Eingeweide bevor er den Hasen auf einen langen Holzspieß schob. Zayn tat dasselbe mit dem zweiten toten Tier und sie erhoben sich. „Hallo Louis, wie geht es deinem Freund?“ fragte Zayn und im Dunkeln war nicht zu erkennen, ob er die Frage ernst meinte, oder nicht, denn sein Gesicht war von der Kapuze verborgen. „Gwydion konnte ihm helfen.“ antwortete Louis und ging nicht weiter darauf ein, sondern folgte den Dreien in den Baum, wo Harry und Zayn die Hasen über dem Feuer brieten. Zum ersten Mal seit er hier war, waren alle Merry Men in der Eiche versammelt und er wurde ziemlich eng in dem Baum. Die anderen hatten offenbar die Beute des Kutschenraubs versteckt und auf dem Rückweg Beeren und Nüsse gesammelt, sodass es außer dem Fleisch der Hasen noch etwas anderes zu Essen gab. „Hier, ich habe noch eine Decke für dich aus der Kutsche mitgenommen.“ sagte Flint und reichte Louis eine Decke, die er dankbar entgegennahm. „Vielen Dank, dass du an mich gedacht hast.“ - „Natürlich. Jeder hier ist wichtig, egal wie lange er schon dabei ist.“ entgegnete Flint und lächelte Louis freundlich an. Direkt neben Louis saß Ed, ein kleiner Kerl mit roten Haare und blauen Augen, der ihn ebenfalls freundlich anlächelte. Gwydion sprach Ed auf die Stütze für Louis Finger an und Ed nickte lebhaft, stupste dann Louis an und deutete auf dessen verbundene Hand. „Ja, es tut sehr weh.“ sagte Louis und Ed verzog das Gesicht zu einer schmerzhaften Grimasse. Er verständigte sich nur durch Laute, doch die Merry Men hatten mit der Zeit die Bedeutung verschiedener Laute gelernt und kamen sehr gut damit zurecht. „Die Steuern sind in einigen Tagen fällig.“ sagte Cuthbert plötzlich und die Gespräche rund herum verstummten. Alle sahen von ihrem Essen auf und warteten darauf, dass Cuthbert weitersprach. „Wir müssen uns in Grüppchen auf den Weg machen und das Silber verteilen. Die Bauern müssen ihre Abgaben zahlen können. Mit Louis sind wir jetzt genau zehn Leute und können immer zu zweit losziehen. Wenn jede Gruppe von uns zwei Dörfer besucht, dann reicht das aus und wir schaffen alle rechtzeitig zu erreichen.“ Louis verstand kein Wort, doch die anderen schienen Cuthbert folgen zu können und nickten. „Sehr gut, dann muss Harry nicht mehr allein losziehen.“ Zayn grinste seinen Freund an und Harry seufzte: „Ich habe dir doch schon so oft gesagt, dass mich das nicht stört. Ich kann mich verteidigen.“ - „Und ich sage dir, dass es immer gut ist, Jemanden bei sich zu haben, der einem helfen kann.“ beharrte Zayn und sprach damit offenbar eine Diskussion an, die schon lange zwischen den beiden geführt wurde. „Louis kann mir nicht helfen. Mit der verletzten Hand kann er kein Schwert und keinen Bogen führen.“ widersprach Harry und deutete auf das Tuch, das um Louis Finger gewickelt war. „Ich bin trotzdem der Meinung, dass er dich begleiten sollte. Wir müssen ihn in unsere Tätigkeiten einbinden und da du einer derjenigen bist, die die längste Zeit hier sind, ist es nur sinnvoll, dass Louis bei dir mitkommt.“ sagte Zayn und schob sich noch eine Handvoll Buchäckern in den Mund, als sei diese Unterhaltung für ihn hiermit beendet. „Gut, dann kommst du also mit mir.“ sagte Harry leise zu Louis und der nickte. Noch immer hatte er keine Ahnung, was der Grund dafür war, dass die Geächteten in die Dörfer kamen, doch vielleicht erklärte es ihm Jemand. „Wir verteilen ein wenig Silber in den Dörfern, damit die Menschen ihre Steuern bezahlen können, wenn der Sheriff und seine Männer vorbeikommen, um sie einzutreiben. Jonathan lässt alle in den Kerker werfen, der seine Steuern nicht zahlen kann. Wir wollen verhindern, dass die Familien auseinander gerissen werden, denn meistens sind es die Väter, die eingesperrt werden.“ erklärte Draca Louis. Irgendwie kam Louis diese Geschichte bekannt vor. Hatte er nicht einmal als Kind von ihrer alten Nachbarin eine Geschichte von einem Mann erzählt bekommen, der die Reichen beraubte, um es den Armen zu geben? Leider konnte er sich nicht mehr an diese Geschichte erinnern, doch er war sich sicher, dass er sie einmal gehört hatte. „Gut, dann hätten wir ja jetzt alles geklärt. Wann ziehen wir los?“ fragte Nerian und schien voller Tatendrang zu sein. Es bedurfte einer kleineren Diskussion, doch schließlich einigten sich alle darauf, am nächsten Morgen loszuziehen. „Ich mache mich dann nach der Auslieferung weiter auf den Weg, um den König zu finden.“ sagte Harry abschließend und Gwydion nickte: „Sehr gut mein Junge. Es wird Zeit, dass wir den jungen Prinzen ausfindig machen. Die Zeichen, die ich lese werden schlimmer und Jonathans Tyrannei wird noch zunehmen, wenn wir nichts dagegen tun.“ Welche Zeichen laß der Druide? Irgendwie schien der alte Mann mehr zu wissen, als er preisgab und das verlieh ihm auf eine gewisse Art und Weise etwas Geheimnisvolles. Die Reste des Kaninchens vergrub Ed in der Nähe des Baumes im Boden, damit Niemand der zufällig vorbeigeritten kam, den Verdacht schöpfte, Jemand könnte sich hier aufhalten. Dann kletterten alle auf den Baum hinauf und jeder nahm seinen Platz auf der ihm zugewiesenen Plattform ein. Louis blieb noch einen Moment bei Liam sitzen, der im Schlaf zitterte, doch nicht aufwachte. Vorsichtig, um die Wunden nicht zu berühren, legte Louis seine Decke über ihn, damit er es noch ein wenig wärmer hatte und verließ dann den Baum ebenfalls. Im Dunkeln kletterte er hinauf in die Baumkrone, bis er die Plattform von Harry erreicht hatte. Unsicher, ob er heute nochmal bei ihm schlafen durfte, setzte er sich an den Rand und beobachtete Harry, der gerade seine Decke aufschüttelte. „Möchtest du wieder am Stamm schlafen?“ fragte der Lockenkopf, ohne ihn dabei anzusehen und Louis nickte. „Ja, wenn du mich lässt, sehr gerne.“ - „Natürlich. Wir werden dir eine eigene Plattform bauen, wenn wir von unserer Auslieferung zurück sind.“ sagte er und Louis tastete sich vor, bis er den Baumstamm erreichte, wo er sich auf die Seite legte. Harry wickelte sich in seine Decke ein und legte sich neben Louis, der es schon bereute, seine eigene Decke bei Liam gelassen zu haben, der noch dazu am wärmenden Feuer im Inneren des Baumes liegen konnte. Sein Oberhemd war noch nicht trocken und hing noch in einem Busch am Boden. Der Wind hier oben war kühl und die Blätter raschelten, als er durch sie hindurchfuhr. Eine Gänsehaut breitete sich auf Louis Körper aus und er zog den Umhang noch ein wenig fester um sich, doch es half nicht sonderlich viel, egal wie klein er sich auch machte. Er dachte an das wärmende Feuer und spielte kurz mit dem Gedanken, einfach wieder hinunter zu klettern und bei Liam zu schlafen. Hier Oben würde er vor Kälte sicherlich kein Auge zubekommen. „Du zitterst, da wackelt ja die ganze Plattform.“ raunte Harry hinter ihm. „Tut mir Leid...mein Hemd ist nur nicht trocken und meine Decke habe ich Liam gegeben, weil ich dachte, dass er sie dringender braucht, als ich.“ antwortete Louis zitternd. „Du bist sehr selbstlos...das ist nicht immer gut, weißt du? Wenn man hier draußen lebt, egal ob in einer Gruppe, oder allein, muss man ein bisschen egoistisch sein und an sich selbst denken, sonst überlebt man nicht. Du hast ein viel zu großes Herz, Louis.“ Und mit diesen Worten rutschte Harry näher an ihn heran, zog ihn an sich, bis sein Bauch an Louis Rücken lag und zog seine Decke über sie beide. „Ist es so besser?“ fragte er und Louis nickte. Zwar zitterte er immer noch, doch Harry rieb mit den Händen über seine Haut, um ihn ein wenig zu wärmen, sodass es bald nachließ. „Danke.“ flüsterte Louis und spürte Harry hinter sich grinsen, bevor er antwortete: „Das mach ich gerne. Ich kann doch nicht riskieren, dass du uns beide heute Nacht von dieser Plattform schüttelst, wenn du weiter so zitterst.“ Er festigte seinen Griff um ihn noch ein wenig mehr und Louis spürte, wie er sich merklich entspannte. Wie lange hatte ihn niemand mehr in den Arm genommen? Fast hatte er vergessen, wie es sich anfühlte, die Nähe und Wärme eines anderen Menschen an sich zu spüren und zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich Louis entspannt und sicher. Er vergaß, dass seine Eltern tot waren, vergaß, dass er vogelfrei war und eine Folterverletzung trug, die vielleicht nie ganz heilen und ihn sein Leben lang einschränken würde. Im Augenblick war er einfach nur glücklich, dass da Jemand war, dem er nicht egal war und das tat unglaublich gut. In der Nacht wachte Louis kurz auf, weil er kaum noch Luft bekam. Etwas lastete schwer auf seinem Brustkorb und er tastete vorsichtig danach. Ein Büschel Haare, weiche Haut und ein Brummen verrieten ihm, dass Harry sich im Schlaf auf ihn gerollt hatte. Beim Versuch, sich ein wenig zu befreien, weckte er den Lockenkopf, der sich verschlafen aufrichtete. „Was ist los?“ fragte er und seine Stimme klang noch tiefer, als sonst. „Nichts, du hast mich nur fast erdrückt.“ - „Oh das tut mir Leid, aber du warst sehr bequem.“ Harry klang ziemlich schlaftrunken und nicht ganz bei der Sache und fuhr fort: „Wenn es nach mir geht, kannst du immer hier schlafen. Es ist viel schöner, nicht allein zu sein. Ich hatte nie Jemanden, mit dem ich meine Plattform teilen konnte...meine Eltern sind schon lange nicht mehr am Leben, dass ich sie nie kennengelernt habe...“ Harry brach ab und legte sich wieder hin. Es schien beinahe, als sei er der Meinung, er habe Louis zu viel von sich preisgegeben, denn er sagte kein Wort mehr. Louis zog Harry wieder an sich und zog die Decke über sie. Wenn Harry ohne Eltern aufgewachsen war, nur mit Zayn und Gwydion an seiner Seite, dann hatte er niemals Jemanden gehabt, der ihn mal in den Arm nehmen konnte. Louis erinnerte sich an die unzähligen Male, an denen seine Mutter ihn fest in die Arme geschlossen, ihn geküsst und ihn gesagt hatte, dass sie ihn liebte. Hatte Harry all diese Erfahrung nie machen können? Bestimmt war Gwydion für ihn wie ein Vater, doch der Druide wirkte nicht so, als würde er einen kleinen Jungen in den Arm nehmen. Sicherlich hatte Harry schon früh gelernt, für sich selbst zu sorgen. Er drückte den Lockenkopf fester an sich und beschloss, ihm zu zeigen, wie schön es war, wenn man sich gegenseitig Halt und Nähe geben konnte.

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