Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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8. Die Person im Fluss

Eine Gestalt, den Kopf halb am Ufer, das mit kleinen Steinchen bedeckt war, den Körper im niedrigen Fluss, lag bewegungslos da. Ein feines Rinnsal hellen Blutes sickerte unter der Person hervor und wurde vom Wasser davongetrieben. „Bestimmt ein Raubüberfall.“ mutmaßte Harry, als sie sich der Person vorsichtig näherten. „Von uns war das sicherlich Niemand. Die Merry Men erschießen ihre Opfer und ich kann keinen Pfeil sehen.“ Seine Augen huschten wachsam zu den Büschen, die am Flussufer an der Böschung wuchsen. „Halte das mal bitte...vielleicht sind die Täter noch hier und warten nur darauf, dass wir uns über das Opfer beugen, damit sie uns auch erledigen können.“ raunte Harry und bewegte dabei kaum die Lippen. Ohne den Blick von den Büschen abzuwenden, reichte er Louis die Sachen, die er getragen hatte, zog einen Pfeil aus seinem Köcher und spannte ihn in den Langbogen. Ob wirklich Wegelagerer in den Büschen lauerten? Würde Harry allein sie beide verteidigen können? Louis Körper war angespannt und er selbst in höchster Alarmbereitschaft. „Louis, sieh nach, ob der Mann noch lebt, ich gebe dir Schutz.“ wies Harry ihn an und spannte die Sehne des Bogens noch ein wenig weiter. Vorsichtig legte Louis Harrys Bündel im Gras ab und näherte sich dem Mann im Wasser. Jetzt, da er näher herankam, konnte er erkennen, dass der Mann die Kleidung eines einfachen Handwerkers trug. Er lag auf der Seite und das Blut kam aus einer Wunde am Hals. Nachdem er noch einige Schritte auf ihn zugemacht hatte, erkannte Louis das Gesicht des Mannes und keuchte erschrocken auf. Es war Liam. Rasch kniete er sich neben ihn und zog den blutigen Kragen des Obergewands herunter, um sich die Wunde genauer anzusehen: quer über seine Kehle verlief ein Bluterguss, genau an der Stelle, an der das Metallband der Ketzergabel um den Hals gelegt wurde. Auf dem Brustkorb und unterhalb des Kinns waren jeweils zwei lange und sehr tiefe Wunden zu sehen, die stark bluteten. Liam war blass und zitterte leicht, während ihm das Blut auch aus dem Mund lief. Die langen Zinken der Ketzergabel schienen von unten bis in seinen Mundraum vorgedrungen zu sein. Liam röchelte und atmete ganz schwach. „Liam, kannst du mich hören? Ich bin es, Louis.“ Als Antwort bekam er ein heiseres Keuchen zu hören. „Bist du allein von der Burg bis hierher gekommen?“ Ein schwaches Nicken, wobei noch mehr Blut aus der Wunde floss und Liam wimmern ließ. Rasch schlüpfte Louis aus seinem Oberhemd und legte den Stoff vorsichtig um Liams Hals um das Blut ein wenig zu stoppen. „Harry! Ich kenne diesen Mann, er ist allein hier und es war kein Überfall! Du musst mich nicht mehr bewachen.“ teilte er dem Bogenschützen mit, der auf der anderen Seite des Ufers stand und noch immer mit dem Bogen auf die umliegenden Büsche zielte. Bei Louis Worten ließ Harry den Bogen sinken und sprang durch das hohe Gras in den Fluss, watete zu Louis hinüber und sah dann auf Liam hinab. „Oh großer Gott.“ entfuhr es ihm, als er den Verletzten sah. „Ist es noch weit zum Baum? Kannst du Hilfe holen?“ bat Louis ihn mit zitternder Stimme und sah verzweifelt zu dem Bogenschützen auf, der seufzte. „ich glaube nicht, dass wir ihm noch helfen können. Er wird hier verbluten.“ Das wollte Louis nicht hören und dass sich Liam nun auch noch an seiner Hand festklammerte, machte die Sache nicht leichter. „Aber, Gwydion kann ihm doch sicherlich helfen, oder nicht?“ startete Louis einen Versuch, Harry davon zu überzeugen, den Druiden zu holen, obwohl er sich selbst nicht einmal sicher war, ob der alte Mann eine so schwere Verletzung noch heilen konnte. Doch er konnte Liam nicht hier im Fluss an seinen Wunden sterben lassen. Das konnte er einfach nicht. Tränen der Verzweiflung stiegen ihm in die Augen, denn der Einzige, der Hilfe holen könnte, war Harry und der schien sich nicht vom Fleck rühren zu wollen. „B-bitte...“ flüsterte Louis und sah zwischen Liam und Harry hin und her. Wenn Harry nicht ging, dann würde er sich eben allein auf den Weg machen und einfach hoffen, dass er den Druiden fand, bevor es zu spät war. Allerdings kannte er sich in diesem Wald nicht so gut aus, wie Harry und die Gefahr sich zu verirren war groß. Harry sah ausdruckslos auf ihn herunter, dann seufzte er: „Ach, ich kann einfach keine Tränen sehen...“ seufzte er, hob den Kopf, steckte sich zwei Finger in den Mund und pfiff so laut, dass einige Vögel aus den umliegenden Bäumen erschrocken aufflatterten. Er legte den Bogen am Ufer ab und ging neben Louis in die Knie, der neben Liam im kühlen Wasser saß und weiter den Stoff auf die Wunde drückte. „Wir haben uns im Gefängnis kennengelernt.“ sagte Louis leise, als Harry neben ihm kniete. „Er hat mir von euch erzählt und weil er auch den Dorfbewohnern gesagt hat, dass er im Wald Männer gesehen hat, die dem alten König noch die Treue halten, hat man ihn in den Fallturm geworfen.“ Louis nahm den Stoff zur Seite und wusch ihn rasch im Flusswasser aus, dann legte er ihn erneut auf die Wunde. Liam stöhnte, als der nasse Stoff die offenen Stellen berührte und schloss die Augen. „Wie kommt er darauf, dass wir Getreue des Königs sind?“ - „Er sagt, er hätte eine Brosche mit dem königlichen Wappen gefunden, das zwischen den Wurzeln verborgen war.“ antwortete Louis und Harry sah ihn misstrauisch an. „Was ist denn?“ - „Nun, ich wusste nicht, dass noch Gegenstände aus Zeiten des Königs existieren. Ich dachte immer Gwydion hätte uns gesagt, wenn es noch Wappen, oder dergleichen geben würde.“ Etwas in Harrys Blick zeigte ihm, dass er ein wenig enttäuscht von dem Druiden war. „Jedenfalls wurde er dann Verurteilt und sollte die Ketzergabel bekommen.“ sagte Louis und der Lockenkopf nickte. „Ja, diese Verletzungen sehen eindeutig nach einer Ketzergabel aus, das kann man gut erkennen. Wenn er das überlebt, wird er sicherlich seine Stimme verloren haben. Sie Zinken durchbohren die Zunge und die Kehle auf so brutale Weise, dass ein Sprechen danach selten möglich ist.“ Harry sagte das ganz sachlich und schien keinerlei Mitleid mit Liam zu haben, der noch immer leise wimmernd im Wasser lag. Louis Hemd war schnell mit Blut vollgesogen und er wusch es immer wieder aus, bis endlich zwei Gestalten in den Büschen auf ihrer Seite auftauchten. Blitzschnell hatte Harry Pfeil und Bogen gezückt und war wieder auf den Beinen, während er die Waffe auf die näherkommenden Männer richtete. „Wir sind es.“ Die Männer nahmen ihre Kapuzen ab und Leofwine und Buck gaben sich zu erkennen. Erleichtert ließ Harry den Bogen wieder sinken. „Wieso sind nicht Cuthbert und Zayn hergekommen, ich brauche starke Männer, um diesen Verletzten hier zu tragen.“ sagte Harry und in den Gesichtern der beiden Ankömmlinge war Unzufriedenheit zu lesen. Sicherlich hatten sie erwartet mit ein wenig mehr Freude begrüßt zu werden. „Cuthbert, Zayn, Veland, Flint und Nerian sind gerade unterwegs. Sie kümmern sich um diese Kutsche.“ sagte Buck ein wenig beleidigt und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn du möchtest, können wir auch wieder gehen und ihr könnt diesen armen Kerl allein fortbringen.“ Sein Gesicht wirkte frech und er sah Harry herausfordernd an, der mild lächelte und den Kopf schüttelte: „Nein, ist schon gut. Ich brauche euch. Tut mir Leid, dass ich euch nicht so begrüßt habe, wie es gebührt.“ sagte er und nickte zu Liam hin. „Wir bringen ihn zu Gwydion. Los, packt mit an.“ Die hohle Eiche war näher, als erwartet und sie mussten Liam nicht lange durch den Wald schleppen. Ihr Füße raschelten durch das Laub und Harry sah sich immer wieder aufmerksam nach allen Seiten um, denn sie machten sich ziemlich verletzlich, wenn sie so ohne jeglichen Schutz und recht laut durch den Wald pflügten. Doch es ging gerade nicht mehr anders und so schafften sie er bis zum Baum in dem sich das Lager befand. Vorsichtig ließen sie Liam auf den Boden gleiten und Louis schob sich rasch durch den schmalen Spalt in den Baum hinein. Das Lagerfeuer brannte, wie immer und der alte Mann stand vor dem Feuer und schien in Gedanken zu sein. „Gwydion, Sir...“ keuchte Louis, der noch total atemlos davon war, Liam zu schleppen und der alte Mann drehte sich um. „Louis, du bist in Eile?“ - „Ja, wir – Harry und ich – haben einen Mann im Wald gefunden. Er ist schwer verletzt und blutet stark.“ Louis schien nicht mehr sagen zu müssen, denn er schien so verzweifelt auf den Druiden zu wirken, dass der alte Mann nach seinem langen Stab griff und Louis hinaus aus dem Baum folgte. Der alte Mann kniete sich neben Liam auf den Boden, legte seinen Stab beiseite und untersuchte den Verletzten mit wachsamen Augen. „Bringt ihn in den Baum, dort kümmere mich um ihn. Er muss ins Versteck.“ verlangte er und Harry zog Liam auf die Beine. Louis huschte schnell in den Baum und nahm Liam dort in Empfang, der allein durch den schmalen Spalt gehen musste, weil der Spalt zu schmal war, um ihn hindurchtragen zu können. Mit ganzer Kraft, die er aufbringen konnte, taumelte Liam in den Baum hinein und fiel dort regelrecht in Louis Arme, der ihn gerade noch so festhalten konnte, unter seinem Gewicht allerdings einknickte und sie beide zusammen auf dem Boden landeten. Ein schmerzhaftes Ächzen entfuhr Liam und wurde dann von Harry von Louis heruntergezogen, denn er schaffte es nicht aus eigener Kraft. Gwydion kam ebenfalls hinein und gab allen anderen zu verstehen, sich jetzt aus dem Staub zu machen. „Ich muss mich alleine um ihn kümmern.“ sagte er leise und Louis warf noch einen letzten Blick auf Liam. „Komm mit, du hast gehört, was er gesagt hat.“ raunte Harry ihm zu und zog ihn am Arm hinaus ins Freie. „Ich weiß, dass du jetzt am Liebsten bei ihm bleiben würdest, aber Gwydion lässt sich bei der Arbeit nicht gerne über die Schulter schauen, wenn er anderen Menschen hilft. „Wieso denn nicht?“ fragte Louis und sah Harry an. Es erschloss sich ihm nicht so wirklich, doch Harry sagte nur bedeutungsvoll: „Gwydion ist ein Druide…er beschwört Geister und tut Dinge, die wir nicht zu glauben wagen. Ich denke, dass er uns keine Angst mit seinen Ritualen machen will. Deswegen sollen wir hier Draußen warten.“ War Gwydion ein Zauberer? Louis hatte gehört, dass es so etwas vor langer Zeit einmal gegeben hatte, doch wäre er niemals auf den Gedanken gekommen, dass es noch heute Menschen gab, die sich in diesen übernatürlichen Dingen auskannten. Wenn Gwydion wirklich über magische Kräfte verfügte, dann war Louis froh, dass Liam nun bei ihm war, sodass er die Hilfe bekam, die er dringend benötigte. Draußen vor dem Baum standen noch immer Buck und Leofwine, doch nun waren sie nicht mehr allein. Ein junger Mann mit dunklen Haaren und auffällig verzogener Haut, stand bei ihnen. Sie sah fast so aus, als sei sie ihm ein wenig zu klein und warf schmale Falten an den seltsamsten Stellen. Louis erinnerte sich daran, was Harry gestern erzählt hatte und ihm fiel der Name des Jungen ein. Draca – der Junge, der aussah, als hätte er mit einem Drachen gekämpft. Er sah Louis und schenkte ihm ein freundliches Lächeln und gab ihm die Hand: „Hallo, ich bin Draca.“ sagte er und selbst seine Stimme klang ein wenig rau und kratzig, fast so, als wäre er heiser. Die Narben seiner Haut waren sehr präsent und Louis versuchte nicht so deutlich darauf zu sehen. Sicherlich empfand Draca das als sehr störend, deswegen sah Louis schnell weg und musterte stattdessen die Kleidung des Jungen. Genau wie Harry und die anderen trug er einen dunklen Umhang und einen Bogen samt Köcher auf dem Rücken. Seine Hose war schwarz und sein Oberhemd lang und dunkelgrün. Sicherlich sorgte diese Kleidung ebenfalls dafür, dass er im Wald nahezu unsichtbar werden konnte. Harry hatte Louis Hemd, das auf dem Waldboden gelegen hatte aufgehoben und drückte es ihm in die Hand. „Versuch das mal trocken zu bekommen, damit du wieder was Anzuziehen hast.“ sagte er zu ihm und bückte sich erneut, um das Bündel mit den abgeschnittenen Ästen aufzusammeln. Er warf es sich über die Schulter und machte nun Anstalten, damit auf den Baum zu klettern, um die Hölzer dort oben zu bearbeiten. „Die anderen müssten jetzt auch bald da sein. Sie haben die Kutsche abgefangen.“ teilte Draca den anderen mit, während Harry hinauf in den Baum verschwand. Buck und Leofwine strahlten bei dieser Nachricht, doch Louis war sich nicht so sicher, wie er das finden sollte. Wenn die anderen wirklich die Kutsche überfallen hatten, dann waren die Soldaten, die das Gold bewacht hatten, nun sicherlich nicht mehr am Leben. Ein ungutes Gefühl, weil er nun zu der Bande gehörte, die Menschen tötete, beschlich Louis und er stand ein wenig unbeholfen am Fuß der großen Eiche und wusste nicht so recht, wo er hin sollte. Die Begeisterung von Leofwine, Draca und Buck konnte er nicht teilen, in den Baum zu Liam und Gwydion durfte er nicht und Harry schien allein sein zu wollen, ansonsten hätte er Louis doch sicherlich gefragt, ob er auch mit auf den Baum kommen wollte. Oder etwa nicht?

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