Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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6. Die Merry Men

„Bist du in der Lage zu klettern?“ fragte Harry, nachdem sie sich durch den schmalen Spalt geschoben hatten und wieder im Freien standen. Mittlerweile war es dunkel geworden und die Luft war klar und kühl, wie es in der Nacht besonders angenehm war. Louis nahm tiefe Atemzüge und legte den Kopf in den Nacken, um am Stamm des Baumes hoch zu schauen. „Wo schlaft ihr?“ fragte er. „Wir haben uns Plattformen auf dem Baum gebaut. Jeder von uns hat eine eigene. Man ist sicher vor wilden Tieren und Gefolgsleuten des Königs und man kann bei klarer Nacht die Sterne bestaunen. Das ist wundervoll. Also, kannst du klettern?“ Er nickte zu Louis Hand hin und bekam ein Schulterzucken als Antwort. „Versuch es einfach. Ansonsten musst du im Baumstamm schlafen, bis deine Hand verheilt ist.“ sagte Harry und begann den Baum hinaufzuklettern. Dabei war er so flink wie ein Eichhörnchen und Louis konnte über eine solche Gabe nur staunen. Man sah Harry deutlich an, dass er im Wald aufgewachsen war, denn er bewegte sich fast lautlos den Baum hinauf. Ganz sicher, tat er seit Kindertagen nichts anderes, als auf Bäume zu klettern. „Na los, du musst mir schon folgen.“ sagte der dunkelhaarige Junge zu Louis und machte auf einer Astgabel Halt, bis er ihn erreicht hatte. Obwohl seine ganze Hand pochte, schaffte Louis es, sich mithilfe der unverletzten vier Finger seiner rechten Hand hochzuziehen und kletterte vorsichtig den großen Baum hinauf.  Es ging hoch in die Baumkrone hinein, bis er nur noch Blätter unter sich sehen konnte. Trotz der Höhe waren die Äste hier noch immer sehr dick und stabil, was sehr beruhigend war. „So, da ist es.“ sagte Harry und zog sich auf eine Plattform, die  aus Holzbalken zusammengesetzt worden war und sich rund um einen Ast zog. „Hier schlaft ihr?“ fragte Louis, nachdem er ebenfalls oben angekommen war und setzte sich rasch hin. Im Stehen konnte er deutlich spüren, wie sehr der Baum im leichten Wind schwankte und das war ein beunruhigendes Gefühl. „Ja. Jeder von uns hat sich eine Plattform gebaut und somit seinen festen und eigenen Schlafplatz.“ erklärte Harry und deutete auf ein zusammengerolltes Bündel, das direkt in der Mitte am Stamm lehnte. „Du kannst für heute Nacht meine Decke haben. Morgen sehen wir nach, ob sich eine für dich auftreiben lässt.“ bot er an griff nach der Decke, die aus dunkler Wolle bestand und schüttelte sie auf, bevor er sie Louis reichte. „Du solltest jetzt schlafen. Du sahst ziemlich müde aus.“ sagte er ruhig und Louis nickte, legte sich aber nicht hin. Erstens war es wirklich ziemlich hoch und er hatte Angst in der Nacht von der Plattform zu fallen und zweitens war sein Kopf voller ungestellter Fragen. Er hob den Kopf und sah zu Harry auf, der neben ihm stand, die Decke noch immer in der Hand haltend. „Kann ich ein paar Fragen stellen?“ - „Nur zu.“ Harry legte Louis die Decke über die Schultern und setzte sich dann an den Rand, ließ die Beine über dem Abgrund baumeln und sah in die Dunkelheit. „Wer seid ihr?“ Er sah zu Harry hin, von dem er nur die Kapuze sehen konnte, die er sich wieder aufgezogen hatte. Einen Augenblick schwieg der junge Mann, dann antwortete er: „Wir sind die Merry Men. Zumindest nennen wir uns selbst so. Der König würde uns vermutlich Diebe und Verbrecher beschimpfen, weil wir uns nicht an seine Gesetze halten, doch das kümmert uns nicht. Wir sind alle Geächtete.“ - „Und wie hat es sich ergeben, dass sich diese Gruppierung gegründet hat?“ fragte Louis weiter, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass eines Tages ein paar Geächtete einfach so eine Verbindung miteinander eingingen, wo sich hier doch die wenigsten gegenseitig über den Weg trauten. „Gwydion lebt schon seit langer Zeit hier. Er hat dem König früher als Berater zur Seite gestanden und musste fliehen, als Jonathan die Macht an sich riss. Noch immer ist er dem königlichen Geschlecht König Harolds treu ergeben und auf der Suche nach den Nachfahren von ihm. Er verabscheut Jonathan und spricht immer wieder davon, dass wir den echten König finden und ihm helfen müssen wieder an die Macht zu kommen.“ Das erklärte, wieso Liam an der Eiche ein Wappen des alten Königs gefunden hatte. Wenn Gwydion ein ergebener Diener war, hatte er vielleicht noch einige Habseligkeiten aus dem Königshaus retten können, bevor alle geflohen waren. „Weißt du denn, was aus dem König geworden ist?“ - „Nein. Niemand weiß es so genau. Gwydion erzählte einmal, dass er nochmal zurück zur Burg ging, um sich seinem Widersacher zu stellen und dabei getötet wurde. Sein Sohn wollte ihm ebenfalls helfen, hatte aber eine Übermacht gegen sich und Jonathan war zudem damals noch sehr jung, sodass er Harold im Kampf überlegen war. Ich denke, dass Gwydion dem König sehr nahe gestanden hat, denn er bekommt immer einen sehr schmerzlichen Gesichtsausdruck, wenn man darüber spricht, wie der König gestorben ist.“ - „Kanntest du den König?“ Harry schüttelte den Kopf: „Nein. Ich wurde geboren, nachdem er und sein Sohn gestorben waren. Doch ich kenne viele Geschichten und ich sehe jeden Tag, wie das Volk unter Jonathan leidet. Deswegen habe ich mir zur Aufgabe gemacht, den Sohn von Prinz Edward zu finden. Gwydion sagt, er müsste in unserem Alter sein. Niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Die Merry Men haben sich geschworen, diesen Prinzen zu finden und ihm dabei zu helfen, den Thron wieder einzunehmen.“ Harry klang unglaublich kämpferisch, als er das sagte und Louis war beeindruckt. Allerdings fragte er sich, wie die Truppe um den Druiden einen Mann wie Jonathan würden stürzen wollen. Immerhin hatte er nur Harry, Zayn, Buck, Flint, Veland und Nerian kennengelernt. Das waren eindeutig nicht genug Männer. „Wir sind nicht nur die, die du heute gesehen hast.“ sagte Harry in die Stille hinein, als hätte Louis ihm seine Gedanken mitgeteilt. „Da gibt es noch Cuthbert. Sein Vater war Gefolgsmann von Harold. Er ist ein hervorragender Schwertkämpfer und ein sehr mutiger Mann er wurde hier hineingeboren. Draca, ein Bogenschütze ohnegleichen. Er schloss sich uns an, nachdem er den Mörder seiner Eltern getötet hatte und aus dem Gefängnis geflohen war. Sein ganzer Körper ist mit Folternarben versehen und er spricht niemals davon, was ihm widerfahren ist. Er hatte schlimme Verbrennungen, als wir ihn fanden und deswegen trägt er den Namen Draca – weil er aussieht als habe er sich mit einem Drachen gemessen. Leofwine: ebenfalls ein guter Kämpfer. Ihm wurden von Schergen des Königs üble Narben an Gesicht und Armen beigebracht. Ed hatte gerade Wache, als du kamst, darum hast du ihn noch nicht gesehen. Er kann nicht sprechen. Seine Zunge wurde ihm herausgeschnitten, deswegen können wir nur mutmaßen, was er getan haben könnte, denn er kann es uns ja nicht mitteilen. Und dann wären da noch die anderen hohlen Bäume in diesem Wald, wo sich weitere Geächtete sammeln und sich unserer Mission anschließen, den rechtmäßigen König zu finden. Wir sind zwar nur halb so viele, wie die Soldaten des Königs, doch haben wir geschickte Schützen und sicherlich in einem Kampf gute Chancen.“ Mit diesen Worten drehte sich Harry zu Louis um und lächelte. Viel konnte man in der Dunkelheit nicht erkennen, doch Louis sah, das Schimmern in seinen Augen, dieim fahlen Licht des Mondes glänzten. „Was haben die anderen, die ich kennengelernt habe, getan?“ hauchte Louis zog die Decke ein wenig enger an sich heran und lies den Blick auf Harry geheftet, der der Dunkelheit nun den Rücken zuwandte und Louis direkt ansah. „Buck hat gestohlen, genau wie du. Seine Finger sind wieder ganz gut geheilt. Flint war Sohn eines Bauern, der zugrunde ging, nachdem er seine Abgaben nicht mehr bezahlen konnte. Aus Wut über den Tod seines Vaters hatte Flint das Lagerhaus des Königs in Brand gesteckt. Er wurde nie verurteilt und konnte sich rechtzeitig zu uns retten. Doch die Männer des Königs suchen noch immer nach ihm. Nerian und Veland kamen gemeinsam zu uns. Veland hat ein zertrümmertes Bein. Er war der Sohn eines Schmieds und hat die Waffen des Königs, die er reparieren sollte absichtlich so bearbeitet, dass sie brachen. Nerian hatte Abgaben an den König unterschlagen und musste dann fliehen. Zayn wurde als Kind ausgesetzt und Gwydion hatte ihn gefunden. Wir sind wie Brüder zusammen hier in den Wäldern aufgewachsen. Du siehst also, dass jeder, der hier bei uns ist, eine tiefe Abneigung gegen Jonathan und seine Teufelsbrut hat. Und jetzt solltest du wirklich schlafen.“ Ja er hatte recht. Louis war sehr müde und ausgelaugt, doch obwohl sein Kopf nun nicht mehr voller Fragen war, musste er nun über die Mitglieder der Merry Men nachdenken und daran, dass sie sich eine Aufgabe gesucht hatten, die scheinbar unmöglich schien. Wie sollten sie den Sohn von Prinz Edward finden? Vielleicht wusste dieser Junge ja gar nicht, wer er war. Welchen Anspruch er auf den Thron hatte und dass eine ganze Meute junger Männer auf der Suche nach ihm war. Sollten sie ihn jemals finden, wäre das sicherlich ein ziemlicher Schock für den Jungen, der bisher sicherlich davon ausgegangen war, ein ganz normaler Bürger der Grafschaft zu sein.
„Du kannst dich direkt an den Baumstamm legen, ich liege dann am Rand. Mein ganzes Leben lang, habe ich auf Bäumen geschlafen. So schnell falle ich nicht herunter.“ sagte Harry und Louis nahm das Angebot gerne an, rutschte nahe an den Baumstamm und schloss endlich die Augen.

Obwohl er in luftiger Höhe lag, konnte Louis erstaunlich gut schlafen. Das Wissen, dass nicht er, sondern Harry am Rand der Plattform lag, beruhigte ihn und er wachte kein einziges Mal auf. Erst als sich neben ihm etwas regte und die Vögel anfingen zu zwitschern, schlug er die Augen auf.
Über sich sah er einen rosafarbenen Himmel, der zwischen den Blättern der Eiche zu sehen war und er sog bewusst die klare Luft des Morgens ein. Der Geruch von Gras und Farn vermischte sich mit dem Duft des Mooses und der Blätter an den Bäumen. Seine Hand war noch immer dick eingebunden und er hob sie vor die Augen, um sie genauer betrachten zu können. „Guten Morgen. Konntest du gut schlafen?“ Louis wandte den Kopf und sah Harry, der neben ihm saß und sich mit den Fingern grob durch die dunklen Haare fuhr. Louis nickte nur und setzte sich ebenfalls auf. Sein Rücken tat ein wenig weh, denn das Holz der Plattform war ziemlich hart gewesen. Harry legte seinen Umhang ab, schüttelte ihn aus und schlüpfte wieder hinein, dann wandte er sich Louis zu: „Ich nehme an, du bleibst bei uns, nachdem du gestern so viel über die Merry Men erfahren wolltest.“ sagte er und lächelte ihn freundlich an. „Ja, wenn ich bleiben darf, würde ich das gerne tun. Ich glaube nicht, dass ich mich allein durchschlagen könnte.“ gestand Louis und war dankbar, als Harry nickte. „Wunderbar. Dann klettern wir hinunter und sagen es den anderen. Sie müssen dich alle kennenlernen, damit dich Niemand versehentlich erschießt, weil man dich für einen Eindringling hält.“ Das klang so, als würde die Eiche Tag und Nacht bewacht und Louis sah sich unauffällig um, vielleicht konnte er ja Jemanden auf einem Baum sehen, der achtsam den Boden im Auge behielt. „Los, wir haben heute viel zu tun.“ Mit diesen Worten kletterte Harry wieder den Baum hinunter.

Noch etwas steifbeinig und leicht fröstelnd folgte Louis Harry nach unten. Als sie noch eine Mannshöhe zu klettern hatten, streckte Harry den Arm aus und hielt Louis zurück. „Halt. Du darfst niemals vom Baum klettern, ohne dich vorher umgesehen zu haben. Oder möchtest du fremden Reitern vor die Füße springen und sie auf unser Versteck aufmerksam machen?“ Rasch schüttelte Louis den Kopf, tat es dann Harry gleich und drückte sich flach gegen einen Ast, während er den Wald unter ihnen sorgfältig absuchte. „Ich kann nichts Verdächtiges sehen oder hören.“ flüsterte er und Harry nickte: „Ich auch nicht, dann beeilen wir uns.“ flink kletterte er an Louis vorbei, landete leichtfüßig im raschelnden Laub, das den Boden unterhalb der großen Eiche bedeckte und verschwand schnell im Baum. Louis wagte es nicht zu springen, denn sollte er fallen und sich mit der verletzten Hand abstützen, würde er sie vielleicht noch schlimmer verletzen und das wollte er verhindern.

Wieder brannte im Inneren der Eiche ein Feuer als er eintrat. „Hallo, du musst der Neue sein. Ich bin Leofwine.“ ein dunkelhaariger junger Mann mit blauen Augen, saß am Feuer und blickte zu Louis auf. Sie gaben sich die Hand und Leofwine wandte sich dann wieder dem Mann zu, der neben ihm am Feuer saß. Er schien ein wenig älter zu sein, als die meisten, die Louis bisher kennengelernt hatte. Sein Haar war schulterlang, sein Bartwuchs dicht und seine Miene ernst, als er Leofwine zunickte und Harry ansprach, als nähme er ein zuvor geführtes Gespräch wieder auf. Harry hatte sich ihm gegenüber ans Feuer gesetzt und einen Köcher zu sich herangezogen. Er zählte die vorhandenen Pfeile. „Wie gesagt: ich beobachte diese Kutsche nun schon lange. Sie werden in vier Tagen an der Burg ankommen und sie haben Gold geladen und nur zwei Soldaten als Wache dabei. Es wäre so leicht...und die Steuern sind bald wieder fällig.“ sein Blick zu Harry hin blieb ernst und Harry sah Zayn fragend an, der, wie Louis erst jetzt bemerkte auf dem Boden neben Harry lag und die Arme hinter dem Kopf verschränkt hatte. „Zayn?“ - „Ich denke Cuthbert hat recht. Das Geld wäre ein guter Vorrat und wir müssten nicht so oft weitere Kutschen ausrauben. Je weniger wir auffallen, desto eher entgehen wir Jonathans wachsamen Soldaten.“

       
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