Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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41. Die Magd, die Louis´ Namen trägt

Sein Genick fühlte sich an, als hätte man es einmal im Kreis gedreht. Louis wagte kaum, den Kopf zu bewegen, so dumpf pochte der Schmerz über seinen Hinterkopf bis nach vorn zu den Augen. Blinzelnd öffnete er sie: um ihn her war es dunkel, nur eine Kerze flackerte auf einem Stuhl. Louis versuchte zu schlucken, doch es gelang ihm kaum. Noch immer fühlte es sich an, als läge das Seil um seinen Hals und schnürte ihm alles ab. Er ächzte und gab das Schlucken auf. Dann sabberte er eben ein wenig.
Neben ihm raschelte es und ein Schatten schob sich in sein Blickfeld. Erst als die Gestalt den Lichtkegel der Kerze erreicht hatte, erkannte Louis, dass es Harry war. Ein zerzauster Harry, mit blassem Gesicht und besorgter Miene. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen. „Lou, du bist wach.“ hauchte er und streichelte ihm mit einer Hand sachte über die Stirn. „Wie lange…?“ setzte Louis an zu fragen, doch Harry unterbrach ihn und beantwortete seine unausgesprochene Frage. „Zwei Tage lang hast du geschlafen. Oh, bin ich froh, dass du endlich ein Lebenszeichen von dir gegeben hast. Ich dachte schon, wir seien zu spät gekommen.“ Harry beugte sich vor und drückte Louis einen Kuss auf die Lippen, der ihn gerne erwidert hätte, doch dazu war er noch zu schwach. Trotzdem klopfte sein Herz und ihm wurde ganz heiß, als er Harry endlich wieder so nahe bei sich spürte. Hatte er doch geglaubt, ihn nie wieder zu sehen. Mit einem Lächeln löste sich Harry von ihm, stupste ihn mit seiner Nase an. „Bin ich froh, dass es dir gut geht. Als Prinz Niall uns informiert hatte, haben wir uns sofort auf den Weg….“ plapperte Harry los, doch Louis hielt ihn am Arm fest. „Niall?“ krächzte er und blinzelte Harry verständnislos an. Wie konnte das sein? Prinz Niall hatte sie doch verraten, wieso sollte er einen Boten zu Harry geschickt haben? Louis konnte sich keinen Reim darauf machen und sah Harry an, der verlegen die Augen niederschlug. „Nun, Prinz Niall und ich hatten da diese Idee...“ fing er an und es war deutlich zu erkennen, dass es ihm sehr unangenehm war, Louis das zu sagen, doch er stammelte: „Nun, wir hatten keine andere Möglichkeit an Jonathan heranzukommen und da dachten wir...“ Mehr wollte Louis nicht hören. Obwohl ihm noch jede Bewegung wehtat, hob er die Hände an die Ohren, presste sie darauf und kniff die Augen zu.

Wenn er das richtig verstanden hatte, dann hatten Harry und Niall ihn mit voller Absicht an Jonathan „verkauft“ und auch riskiert, dass er dabei ums Leben kommen könnte. Harry hatte mit seinem Leben gespielt, um Jonathan zu besiegen.

Er war genauso hart, wie der ehemalige König es gewesen war.

Beim Gedanken daran, schossen Louis die Tränen in die Augen und er sah Harry mit großen Augen ungläubig an. Dieser streckte die Hand aus und wollte Louis tröstend über die Wange streichen, sein Blick war etwas unsicher und man sah, dass es ihm unendlich Leid tat. Doch Louis konnte darauf jetzt nicht eingehen. Er schüttelte den Kopf und zuckte vor Harrys Hand zurück, als könnte er sich daran verbrennen, die Hände noch immer fest gegen die Ohren gedrückt. Harry, der ganz offensichtlich verletzt durch die Zurückweisung war, zog die Hand wieder zurück und blickte Louis an, während auch seine Augen sich mit Tränen füllten. „Louis, es tut mir Leid.“ - „Du hast...ich hatte Angst….“ stammelte Louis. Am Liebsten hätte er laut geschrien, doch seine Stimme war durch den Strick noch viel rauer und heiserer, als sie es ohnehin gewesen war und er gab es auf, Sprechen zu wollen. „Louis, ich wollte dich nie in Gefahr bringen. Wir hatten uns viele Pläne überlegt, aber der schien der einzige zu sein, der funktionieren….“ Louis wollte nichts hören. Er hob ruckartig das rechte Knie und erwischte Harry am Rücken. Der schrie auf vor Schmerz und erhob sich schnell. „Du kannst mich doch nicht einfach treten….“ stellte er entrüstet fest, doch Louis zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. Natürlich konnte er Harry treten. Er hätte ihn sogar anspucken können, wenn er das gewollt hatte. Nichts, was er hätte tun können, wäre dem gleich gekommen, was Harry ihm angetan hatte und deswegen hatte der Lockenkopf auch gar kein Recht, sich zu beklagen. Louis wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, stützte sich auf die Ellbogen und rappelte sich dann auf. Noch länger würde er in Harrys Gegenwart nicht aushalten, deswegen musste er so schnell wie möglich dieses Zimmer verlassen. „Louis, wo willst du hin? Es ist spät am Abend und du kennst dich hier doch gar nicht aus“, protestierte Harry, als er sich an ihm vorbeischob und die Tür des Zimmers aufriss.
Der Flur dahinter war stockdunkel, unergründlich und ein kühler Luftzug wehte ihm entgegen. Harry hatte recht, das musste er sich eingestehen und Louis schloss die Tür wieder, ohne den Raum verlassen zu haben und wandte sich Harry zu, der sich mit der Hand über den Rücken fuhr und Louis reumütig ansah, aber nichts mehr sagte. Sie sahen sich einen Moment lang schweigend an, beide mit Tränen in den Augen und Louis hätte ihm am Liebsten alles an den Kopf geworfen, doch außer Krächzen konnte er ja nichts, also tapste er wieder zu seinem Bett, legte sich hin und drehte Harry den Rücken zu. Leise schluchzend vergrub er das Gesicht in der Decke und versuchte zu ignorieren, dass er mit dem Mann in einem Raum war, der ihn wissentlich in Gefahr gebracht hatte. Hatte es wirklich nur diese eine Möglichkeit gegeben, Jonathans Vertrauen zu bekommen? Wieso hatte er als Köder herhalten müssen? Er hatte immer gedacht, Harry würde ihn lieben und man lieferte seinen Liebsten nicht an den größten Feind aus, nur um ihn stürzen zu können. Die Menschen, die man liebte beschützte man. Hatte Louis wirklich geglaubt, Harry wäre sein Retter, als er bei der Hinrichtung auf das Plateau gestürmt war? Immer neue Tränen bahnten sich ihren Weg und tropften heiß auf Louis Hand, mit der er sich die Decke bis zum Kinn gezogen hatte. Von Harry kam kein Laut mehr. Offenbar hatte er eingesehen, dass Louis gerade nichts von ihm wissen wollte und aufgegeben. Gerne hätte Louis sich in seine Richtung gedreht, um nachzusehen, ob er sich ebenfalls hingelegt hatte, oder ob er noch immer im Raum stand und ihn beobachtete. Doch ihm fehlte die seelische Stärke, das zu tun, denn Louis wusste genau, wenn er jetzt in diese grünen Augen sah, die ihn reumütig anblickten, dann würde er Harry alles vergeben und das hatte er nicht verdient.
Auch nicht, wenn er jetzt König war.

Ja, Louis war „nur“ ein einfacher Bauernsohn, der kein Geld, kein Zuhause und keine Eltern hatte, doch auch er besaß einen Funken Selbstachtung und Ehre und diese Ehre würde er sich nicht nehmen lassen. Erst recht nicht von dem Mann, von dem er gedacht hatte, dass er ihn liebte und schätzte.

.-.-.-.
Als er früh am nächsten Morgen erwachte und sich auf seinem Bett aufsetzte, sah Louis, dass Harry noch schlief. Er hatte sich ihm zugewandt und seine Hand lag geöffnet auf der Decke, die Finger in seine Richtung ausgestreckt. Der Anblick versetzte Louis einen Stich und machte ihn gleichzeitig so wütend, dass er leise aber zügig aufstand, sich anzog und den Raum verließ. Der Flur war nun nicht mehr finster, aber richtig hell war er auch nicht, denn das wenige Licht, das durch die schmalen Ritzen in der Mauer fiel, war noch nicht sonderlich kräftig. Louis ging langsam und leise über die Holzdielen, um kein Geräusch zu verursachen. Der Flur war lang und es gingen einige Türen davon ab. Zwar war er neugierig, was sich dahinter wohl befand, doch er wollte Niemanden wecken, sollten die Merry Men dahinter schlafen. Am Ende des Flures befand sich eine Treppe, die sich in engen Bahnen nach unten wand und Louis hinunter auf den Hof führte. Hier standen ein paar von Prinz Nialls Soldaten Wache und nickten Louis zu, als er an ihnen vorbeiging, doch er würdigte sie keines Blickes – schließlich hatten auch sie sich gegen ihn gewandt, ihm Angst gemacht und ihn verletzt. Der Schmied war bereits am Arbeiten und auch die Pferde in den Stallungen wurden versorgt, sodass die Geräusche der arbeitenden Menschen die Morgenluft erfüllten und zwischen den Mauern wiederhallten. Alle Menschen, denen er über den Weg lief, warfen ihm ehrfürchtige Blicke zu: offenbar waren sie alle sehr beeindruckt davon, dass er diese halb ausgeführte Hinrichtung überstanden hatte, wenngleich sein Hals noch lange von den Würgemalen gezeichnet sein würde, die sich dunkelblau und in tiefem Lila um seine Kehle abzeichneten. „Kann ich Euch helfen? Ihr seht aus, als wäret Ihr auf der Suche nach Etwas.“ sprach ihn plötzlich eine Magd an. Sie schien etwas älter zu sein, als er, war schlank und hatte helles Haar, das sie unter eine Haube gesteckt hatte. „Ich...nein ich wollte mich hier nur umsehen.“ - „Ihr seid der Mann, den König Jonathan umbringen wollte, richtig? Ihr seht schwach aus...kommt mit, ich bringe Euch in die Küche, dann könnt Ihr etwas essen.“ Sie lächelte ihn an und ging ihm voran auf einen kleinen Durchgang zu. Dieser führte an mehreren, dicken Holztüren vorbei, bis sie an eine erneute Treppe gelangten. „Hier ist die Küche.“ sagte sie und öffnete eine schmale Tür.
Bisher kannte Louis nur Kochnischen aus kleinen Hütten, aber eine richtige Küche hatte er noch nie gesehen.

Hier gab es einen offenen Kamin, über dem mehrere Töpfe angebracht werden konnten, einen langen Holztisch, an dem Frauen damit beschäftigt waren, Gemüse zu schneiden und über dem Töpfe und gusseiserne Pfannen an der Decke hingen. Die Frauen sahen nur kurz auf, als Louis nach der Magd die Küche betrat, dann wandten sie sich wieder ihrer Arbeit zu. Offenbar schien es sie nicht im Geringsten zu stören, ob sie nun für Jonathan, oder einen neuen König die Mahlzeit zubereiteten. Die Magd, trat an eine Frau heran, die gerade so schnell eine Karotte zerkleinerte, dass Louis Angst hatte, sie würde sich den Finger absäbeln und sprach sie an: „Theresa, haben wir noch ein wenig Suppe von gestern? Der junge Mann hier braucht etwas zu essen.“ Theresa hob den Kopf und sah Louis an, dann nickte sie sofort: „Natürlich Lou, nimm eine Holzschale und gib ihm, was noch übrig ist.“ sagte sie. Louis stutzte. Wieso sprach Theresa ihn mit dem Kosenamen an, den Harry ihm gegeben hatte? Doch seltsamerweise reagierte die Magd auf diesen Namen und ging zu einem Regal, um eine Holzschale herauszunehmen. „Wie ist dein Name?“ fragte Louis und trat hinter sie, während sie die Schale mit Suppe füllte und sie ihm in die Hand drückte. „Ich heiße Louise.“ sagte sie und lachte: „Du warst sicher gerade ein wenig verwirrt, klingen unsere Namen doch ähnlich.“ - „Ja, allerdings.“ Louis setzte sich an einen schmalen Tisch in der Ecke und Louise nahm ihm gegenüber Platz. „Hast du nichts zu tun, Mädchen?“ fragte Theresa ein wenig grummelig und sie stand schnell wieder auf: „Ich muss weitermachen. Lass es dir schmecken.“ Louis hielt sie am Ärmel fest, bevor sie verschwinden konnte und fragte leise: „Sag mir, kennst du einen Weg hinaus aus der Burg, ohne dabei an den Wachen vorbei zu müssen?“ fragte er mit gedämpfter Stimme und zog sie ein wenig näher zu sich heran, damit die anderen Damen ihn nicht belauschen konnten. Louise machte große Augen und lächelte dann verschwörerisch: „Oh, du willst dich davonstehlen? Hast du eine Geliebte außerhalb des Schlosses?“ Ach, wenn dem doch nur so wäre. „Nein, aber ich muss unauffällig verschwinden.“ raunte er ihr zu. „Hör zu; wenn du die hölzerne Treppe hinter der Kapelle hinuntersteigst, gelangst du in einen kleinen Innenhof. Dort werden die Vögel der Falkner gehalten und es ist selten Jemand dort. Es gibt dort eine Tür, die nach Draußen führt. Die Falken werden von dort immer auf die Jagd geschickt. Der Weg, der von der Tür wegführt, ist sehr schmal und steil, sodass man auf allen Vieren klettern muss, aber er ist bewachsen mit Sträuchern und so nicht einsehbar. Von dort aus gelangst du in den Wald, ohne gesehen zu werden.“ Louis nickte dankbar: „Hab Dank.“ Die Magd blickte Louis forschend an und fragte leise: „Aber du wirst wiederkommen, oder?“ Eine Antwort blieb er ihr schuldig, denn erneut wurde sie zur Arbeit gerufen und machte sich von ihm los, um die Küche wieder zu verlassen.    
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