Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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43. Die Krähe des Königs

Den ganzen Tag blieb Louis an der Luke sitzen und blickte hinunter auf das Tor und hoffte, Harry würde wieder hindurch geritten kommen, doch der Tag verstrich, ohne dass dies geschah. Er wäre gerne hinunter in den Hof gegangen, denn hier Oben war es einsam, doch wenn er sich zeigte, würden alle wissen, dass Harry das Schloss umsonst verlassen hatte und vielleicht dachten sie dann, Louis hätte ihn absichtlich an der Nase herumgeführt. Was ja nicht der Fall gewesen war: Louis hatte lediglich einen Streifzug durch die Burg gemacht und Harry war aus irgendeinem Grund davon überzeugt gewesen, dass er ebendiese verlassen hatte. Trotzdem wollte er den Anderen erst einmal nicht begegnen und so wickelte sich Louis noch ein wenig fester in seinen Umhang ein und blickte weiter auf den Wald.

Die untergehende Sonne färbte den Himmel rosa und orange und aus den Bäumen unterhalb der Burg tauchten die ersten Vögel auf, die in der Nacht auf die Jagd gingen. Das Treiben auf dem Burghof ließ nach und weil es stetig dunkler wurde, konnte Louis irgendwann gar nichts mehr erkennen. So saß er also in dem Versteck, das er sich selbst ausgesucht hatte, starrte in die Dunkelheit und fand nichts mehr, womit er sich hätte ablenken können, sodass sich die Gedanken in seinem Kopf verselbstständigten. Wenn Harry im Wald etwas zustoßen sollte, dann wäre es seine Schuld. Allerdings war die einzige Gefahr für ihn bisher Jonathan gewesen und der war tot. Theoretisch gab es also nichts mehr in der ganzen Grafschaft, das ihm Böses wollte. Und Harry hatte ja auch Cuthbert dabei, der ein guter Kämpfer war. Louis müsste sich also keine Sorgen machen.
Doch lange konnte er sich diese Ruhe nicht einreden, denn schon bald malte er sich aus, dass Harry vom Pferd gefallen war oder er Cuthbert verloren haben könnte. Nicht umsonst trug dieser Wald so viele unheimliche Namen. Louis raufte sich die Haare: sein Kopf wollte einfach keine Ruhe geben und das Schuldgefühl, weil er Harry im Glauben gelassen hatte, er wäre gegangen, nagte weiter an ihm. Eines stand fest: heute Nacht würde er sicherlich nicht schlafen können, sollte Harry nicht bald zurückkehren.

Nachdem die Sonne mit dem Mond die Plätze getauscht hatte und der Wald nur noch als ein Meer aus schwarzen, wogenden Baumwipfeln zu erkennen war, zog sich Louis vom Fenster zurück und legte sich auf einen der Strohsäcke. Das Stroh darin raschelte in der Stille laut und als er sich ein wenig bequemer hinlegte, scheuchte er eine Maus auf, die offenbar in dem Sack gelebt hatte, die piepsend über den Holzboden  davon trippelte.  Ihm knurrte der Magen. Den ganzen Tag über war er so in Gedanken beschäftigt gewesen, dass er das gar nicht bemerkt hatte. Die einzige Mahlzeit, die er heute zu sich genommen hatte, war die Suppe am Morgen gewesen, die Louise ihm gegeben hatte. Ob er es wagen sollte und in der Dunkelheit nochmals hinunter in die Küche schleichen sollte? Vielleicht hing ja noch ein voller Topf über dem Feuer im Kamin. Er hatte keine Ahnung, wie lange die Frauen in der Küche arbeiteten und so stand Louis wieder auf, kroch aus seinem Verschlag und sah nochmals durch die Luke hinunter auf den Hof.

Die wenigen Fackeln, die entzündet worden waren, spendeten kaum Licht und es war unmöglich, festzustellen, ob sich noch Jemand im Innenhof aufhielt. Aus der Küche war kein flackerndes Licht mehr zu sehen und so beschloss Louis, die Dunkelheit zu nutzen und in deren Schutz in die Küche zu schleichen. Gerade hatte er diesen Entschluss gefasst, als Hufgetrappel bis zu ihm hinauf klang und er rasch wieder hinunter sah. Mehrere Männer kamen die Treppe hinunter, die zur Halle des Thronsaals führte. Sie hatten das Tor offengelassen und das Licht fiel als langer, goldener Streifen auf den Hof, was auch Louis zugute kam.
Zwei Pferde kamen auf den Hof gelaufen. Louis erkannte Cuthbert und zu seiner Erleichterung auch Harry. Die Beiden wurden von Flint, Leofwine, Veland und Nerian empfangen. Sie sahen Harry an, doch der schüttelte nur den Kopf, nahm das Pferd am Zügel und führte es an dem Burschen vorbei, der es ihm hatte abnehmen wollen, in den Stall. Die Merry Men wandten sich um und gingen wieder in den Thronsaal aus dem sie gekommen waren. In der Tür kam ihnen ein Mann in langem Gewand entgegen, den Louis sofort als Gwydion erkannte. Er schien sie etwas zu fragen und eilte dann die Treppe hinunter auf den Stall zu. Harry kam dem Druiden entgegen und ließ sich von ihm in die Arme schließen. Louis brach es das Herz,  denn selbst auf diese Entfernung und ohne, dass er Harrys Gesicht sehen konnte, wusste er, dass sein Geliebter verzweifelt war. Noch nie hatte er Gwydion eine solch väterliche Geste vollbringen sehen. Harry schien es also sehr sehr nahe zu gehen. Der Druide legte ihm die Hände auf die bebenden Schultern und sah ihm ins Gesicht, dann hob er den Kopf und stieß einen Pfiff aus, der so laut war, dass Louis zusammenzuckte. Es klang, wie der Schrei eines Raubvogels und in der Nacht, die über der Burg lag, klang es besonders unheimlich.
Gerne hätte Louis die beiden noch ein wenig länger beobachtet, doch sie bewegten sich aus seinem Blickfeld heraus und so zog auch er sich zurück.

Der Hunger war vergessen, als er sich wieder hinlegte und nun wesentlich ruhiger war, da er Harry wieder in der Burg wusste.

Gerade, als er langsam einnickte, hörte Louis plötzlich das Knarren der hölzernen Treppenstufen, die zu ihm hinaufführten und jeden Menschen ankündigten, der sich darauf bewegte. Leise, um bloß kein Geräusch zu machen, kroch Louis an die Tür seines Verschlags und versuchte einen Blick auf den Treppenabsatz zu erhaschen. Der Mond erhellte den Raum nur spärlich und so erkannte Louis lediglich ein paar Beine, die an ihm vorbei zu einem der Fenster gingen. Sie traten vorsichtig auf die Holzdielen und eine tiefe Stimme sagte: „Such den ganzen Wald nach ihm ab...und komm erst zurück, wenn du ihn gefunden hast.“ Es war Harry. Aber zu wem sprach er? Louis Herz klopfte, weil er den König so nahe bei sich wusste und unsicher war, ob er sich ihm zeigen sollte, oder nicht. Ein Krächzen ertönte und zeigte Louis, dass Harry offenbar eine von Gwydions Krähen bei sich trug. Als der junge König vor eines der Fenster trat konnte Louis seine Umrisse vor dem mondhellen Nachthimmel erkennen.
Harry trug eine große Krähe auf dem Unterarm und hob sie nun aus dem Fenster, damit die ihre Flügel spannen und davonfliegen konnte – doch der Vogel blieb auf seinem Arm sitzen, drehte lediglich ein wenig den Kopf. Harry schüttelte ihn ein wenig und zischte, um ihn aufzuscheuchen, doch das Tier machte keinerlei Anstalten, loszufliegen. „Na los, du musst Louis finden. Dir gelingt das viel schneller als mir. Ich bitte dich. Ich halte den Gedanken nicht aus, ihn allein im Wald zu wissen...und ich muss ihn doch um Verzeihung bitten, damit er zurückkommt….“ flüsterte Harry und seine Stimme zitterte, als versuchte er, die Tränen zurück zu halten. Langsam schob sich Louis aus seinem Verschlag und erhob sich, ohne dabei ein Geräusch zu machen. Seine Wut auf Harry war mit einem Mal verflogen, nachdem er die Verzweiflung in Harrys Stimme gehört hatte.
Weil der König noch immer damit beschäftigt war, den Vogel zum Fliegen zu bewegen, bemerkte er Louis nicht, der sich nun im Raum aufgerichtet hatte. Augenblicklich flatterte der Vogel los, schwirrte durch die nächste Luke wieder in den Turm und landete auf Louis Schulter. „Was..?“ Harry sah dem Vogel nach und wandte sich dann um, verwundert, weil der Vogel nicht in die Nacht hinaus geflogen war. Er er blickte Louis hinter sich und sein Gesicht fror ein.

Sie sahen einander an. Keiner von beiden sprach auch nur ein Wort. Selbst die Krähe war still und blickte Harry mit schiefgelegtem Kopf an.

Wie ein Träumender machte Harry einen Schritt auf Louis zu, den Mund leicht geöffnet, die Augenbrauen fragend zusammengezogen, als könnte er nicht glauben, was er da im Mondlicht sah. Dann machte er zwei Schritte, öffnete die Arme und sie schlossen einander fest in die Arme. „Du bist in Sicherheit...“ murmelte Harry, legte eine Hand an Louis Hinterkopf und drückte ihn so fest an sich, dass Louis der Vogel krächzend von seiner Schulter flatterte. Sie standen da und hielten einander fest, während Harry vor sich hin murmelte: „...du warst weg...ich habe die Tür in der Falknerei gesehen. Sie wurde geöffnet, das ganze Moos war zerrissen...und ich konnte dich nirgendwo finden….du hast mir solche Angst gemacht...weißt du das?“ Harry löste sich von ihm und Louis hob die Hände, um sie an seine Wangen zu legen. „Es tut mir Leid...ich wollte auch wirklich gehen, weil ich so enttäuscht von dir war, aber dann habe ich es mir anders überlegt. Eigentlich wollte ich nur ein paar Tage für mich sein, um wieder ein wenig klarer denken zu können, doch dann habe ich gesehen, dass du losgeritten bist...ich hatte nie vor, dich im Glauben zu lassen, ich sei gegangen...Ja, ich habe die Tür geöffnet, weil ich anfangs geplant hatte, zu verschwinden….aber der Weg war viel zu steil und ich hatte nicht den Mut dazu. Es tut mir Leid, Harry.“ - „Nein, mir tut es Leid...ich hätte dich niemals unwissend einer solchen Gefahr aussetzen dürfen. Ich kann verstehen, dass du wütend auf mich bist und ich wünsche mir, dass du mir vergeben kannst….kannst du das?“ Selbst im fahlen Mondlicht erkannte Louis, dass Harry die Tränen über die Wangen liefen und er drückte ihm rasch einen Kuss auf die Lippen. „Natürlich vergebe ich dir.“ hauchte er und bestätigte seine Worte mit weiteren Küssen. „Du glaubst gar nicht, wie leicht mein Herz mit diesen Worten wieder wird.“ Wieder versanken sie in einen Kuss, der erst wild und hungrig, dann sanft und leise wurde. Die Lippen des Mannes, den er liebte, wieder auf seinen zu spüren, zu wissen, dass sie einander vergeben hatten, machte Louis glücklich und er schlang die Arme um Harrys Hals. „Ich liebe dich...weißt du das?“ fragte der junge König und schniefte noch immer. Louis nickte nur, denn auch er war den Tränen nahe. In den Stunden in denen Harry fort gewesen war, hatte er sich die schlimmsten Dinge ausgemalt und war nun so überwältigt, dass keines davon eingetreten war, dass er es noch gar nicht glauben konnte. „Wo hattest du vor, die Nacht zu verbringen?“ fragte Harry und Louis nickte zu dem kleinen Verschlag hin. „Ich kenne da einen weitaus schöneren Platz.“ sagte er, deutete eine Verbeugung an und ergriff ein wenig affektiert nach Louis Hand. „Würdet Ihr mir die Ehre erweisen?“ - „Sehr gerne eure Majestät.“ erwiderte Louis und ließ sich von Harry die schmale Treppe hinunter ziehen, die sie drei Stockwerke hinunter führte. Es ging durch eine schmale Tür und Louis fand sich in einem Gang wieder, den er bei seiner Erkundungstour noch nicht gesehen hatte. Der Korridor unterschied sich nicht von den anderen in der Burg, doch Louis wusste, dass sie sich in einem Bereich der Burg befanden, der ein wenig geheimnisvoller war. „Wo sind wir?“ fragte Louis, doch Harry hob den Finger an die Lippen und zog ihn weiter hinter sich her. Als sie eine niedrige, aber breite Tür erreichten, zog Harry einen Schlüssel aus seinem Wams und schob ihn ins Schloss. Es klickte laut und er öffnete die Tür. „Willkommen in  den Königlichen Gemächern, Louis.“ sagte Harry und schob Louis in den Raum. Die Wände waren aus hellem, glattem Stein gemauert und Kerzenhalter aus Metall waren angebracht. Außerdem gab es einen großen Kamin, in dem ein Feuer prasselte, das die Holzscheite auf dem Rost knacken ließ. Es gab zwei schmale Fenster, die sogar über kleine, runde Glasscheiben verfügten, in denen sich das warme Licht des Feuers spiegelte, sodass es aussah, als glomm das Glas. Zwischen den Fenstern stand ein Bett, das deutlich breiter war, als die in denen Louis bisher geschlafen hatte, wenngleich er nicht auf viel Erfahrung diesbezüglich zurückblicken konnte. „Ist das jetzt dein Zimmer?“ fragte Louis unsicher und wandte sich zu Harry um, der gerade die Tür hinter sich zuzog. „Unser Zimmer, wenn du es so möchtest.“ sagte er und blickte Louis unergründlich an, dem das Herz bei diesen Worten bis an die Kehle sprang. „Du….du willst mich bei dir behalten? Ich meine, ich darf bei dir schlafen? Hier?“ Harry zuckte mit den Schultern: „Nun ja, ich bin ja anscheinend hier der König. Es gibt also Niemanden, der es mir verbieten könnte, oder? Also, willst du hier wohnen?“ Louis sah sich nochmals um: einen solch schönen Raum hatte er noch nie gesehen und die Vorstellung, hier schlafen zu dürfen, wo es warm und gemütlich war, war sehr verlockend. Langsam nickte er und Harry umarmte ihn erneut fest. „Und jetzt lass uns die erste Nacht hier gemeinsam verbringen.“ sagte er leise, schenkte Louis einen Kuss, schloss die Augen und schob ihn verlangend auf das Bett.    
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