Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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19. Die Krähe des Druiden

„Also, zuerst ist es wichtig, dass du einen Langbogen hast, der zu dir passt.“ Leofwine und Louis standen auf einer Lichtung im Schutz eines Felsens und Leofwine erklärte ihm gerade die Waffe der Merry Men. Dafür nahm er seinen eigenen, als Vorlage. „Siehst du, er darf nur eine handbreit größer sein, als sein Besitzer.“ Er stellte sich neben den Bogen, hielt sich die Faust über den Kopf und tatsächlich entsprach der Bogen genau diesen Maßen.

„Außerdem darf der Abstand von der Sehne zum Griff auch nicht mehr als eine Handbreite betragen. Dadurch bekommt der Bogen mehr Kraft und ist nicht so unhandlich im Transport, weil er nicht so breit ist. Wie man einen Pfeil einspannt, hat dir Harry schon gezeigt, oder?“ Louis nickte und sah zu, wie Leofwine einen Pfeil an der eingekerbten Seite auf die Sehne legte und dann den Bogen spannte. „Du darfst auf keinen Fall den Zeigefinger über den Pfeil legen, wenn du ihn gespannt hast, sonst ziehst du dir eine schmerzhafte Verletzung zu, wenn der Pfeil an deiner Hand entlang schießt, ja?“ Louis nickte, nahm nun ebenfalls einen Pfeil und spannte ihn in seinen eigenen Bogen. Es war nicht einfach, denn sein Daumen fühlte sich ein wenig steif an und er konnte ihn nur schwer anwinkeln. Doch als der Pfeil endlich eingesetzt war, brauchte er ja nur noch den Zeige- und Mittelfinger um die Sehne nach hinten zu ziehen. Es war nicht leicht, den Pfeil nur auf der Hand zu balancieren. Bei Leofwine hatte das so einfach ausgesehen. „Wenn du die Sehne ganz zurück gezogen hast, sollte sie an deiner Nasenspitze anliegen. Du zielst, indem du mit beiden Augen über die Pfeilspitze schaust und sie auf dein Ziel richtest.“ Leofwine machte jeden Schritt vor und Louis ahmte alles nach. Beide zielten auf einen Baumstamm. „Und jetzt musst du nur noch….loslassen.“ Mit einem dumpfen Sirren schossen beide Pfeile nach vorn und schlugen in die Rinde des Baumes ein.

Mit offenem Mund ließ Louis den Bogen sinken und starrte unglaublich auf seinen Pfeil, der zitternd im Baum stecken geblieben war. „Ich….ich habe getroffen...“ stammelte er. „Ja und er ist sogar stecken geblieben. Sehr gut.“ Leofwine grinste und sie gingen zum Baum und versuchten die Pfeile wieder herauszuziehen. „Weißt du, als ich zum ersten Mal einen Pfeil verschossen habe, ist er gar nicht am Ziel angekommen, sondern auf halbem Weg im Gras gelandet.“ gab Louis zu, um Leofwine zu verstehen zu geben, wieso dieser Schuss gerade für ihn so besonders gut war. „Nun, das lag aber bestimmt auch an Harry.“ überlegte Leofwine und zog seinen Pfeil aus dem Baum und steckte ihn zurück in seinen Köcher. „Wie meinst du das denn?“ Louis wurde mit einem mal sehr warm. Was, wenn die anderen bemerkt hatten, dass er und Harry...einander wichtig waren? „Harry ist ein miserabler Lehrmeister. Er vergisst, dass nicht jeder so gut schießen kann, wie er und übergeht bei der Erklärung häufig Dinge, weil sie für ihn ganz selbstverständlich sind. Daher vermute ich mal, dass er es dir einfach nicht genau erklärt hat und darum dein Pfeil so schwach war. Denke also bitte nicht, dass du nicht gut bist. Du hattest nur einen schlechten Start. Mit mir bist du besser bedient, glaub mir und wenn Harry zurückkommt, dann wird er Augen machen, was du alles gelernt hast.“

Leofwines Worte motivierten Louis und er wurde immer mutiger. Nach und nach wuchs der Abstand zwischen ihm und dem Baum und der Pfeil erreichte das Ziel trotzdem noch. Um sie herum erwachte er Wald langsam zum Leben, als der Morgen vorbei war und die Mittagssonne langsam die Kälte der Nacht vertrieb. Das Üben war sehr anstrengend und bald hatten sie ihre Umhänge abgelegt und an einen Baum gehängt. Leofwine bemerkte irgendwann, dass Louis Handgriffe sicherer wurden und setzte ihm ein neues Ziel: statt des dicken Baumstammes, sollte er nun versuchen einen Ast zu treffen und das war schon deutlich schwerer, denn er war viel schmaler als das vorherige Ziel. Nur zweimal traf er, ansonsten verfehlte Louis Pfeil den Ast ständig, was ihn immer missmutiger werden ließ. „Bevor du schlechte Laune bekommst, beenden wir das lieber. Du sollst dich auch nicht am ersten Tag komplett verausgaben.“ Leofwine legte Louis eine Hand auf die Schulter und nahm ihm freundlich, aber bestimmt, den Bogen aus der Hand. „Lass uns zurück zum Lager gehen. Vielleicht hat man dort aus unserem Schwein schon etwas Essbares gemacht.“

Sie traten zusammen den Rückweg an, der Louis nach und nach nicht mehr ganz so fremd vorkam. Es schien so, als würde er sich langsam hier im Wald orientieren können. Doch nach einer Weile bemerkte er, dass die Bäume immer knorriger wurden und immer enger beieinander standen. Sogar die Wurzeln schienen über der Erde zu wachsen und verschlangen sich zu listigen Stolperfallen. Auch wurde der Klang der Vögel immer weniger, je weiter er gemeinsam mit Leofwine zwischen die dunklen Bäume vordrang. Am Liebsten hätte er den Bogen gespannt und wäre damit weitergegangen, denn Louis fühlte sich beobachtet, als stünde hinter jedem Baum ein Spion. „Bist du sicher, dass wir hier noch richtig sind?“ fragte er irgendwann, nachdem Leofwine mit recht sicheren Schritten voranging und nicht den Eindruck vermittelte, in irgendeiner Weise unsicher zu sein. Zwar vertraute Louis auf die Erfahrung, die Leofwine sicherlich hatte, doch im Augenblick war er sich nicht so sicher, ob er wusste, wohin er sie führte. „Wir sind noch richtig, mach dir keine Gedanken. Ich kenne diesen Wald gut genug um ihn auch zu erkennen, wenn er sich etwas gewandelt hat. Du weißt doch, dass Gwydion gestern Abend dafür gesorgt hat, dass unser Lager besser getarnt und geschützt wird. Ich bin mir sicher, dass diese alten Bäume Teil des Schutzes sind.“ Louis musterte die knorrigen Bäume im Vorbeigehen. Hatte Gwydion die Umgebung der Eiche verändert, damit der Wald hier so unwegsam schien, und die Suchtrupps des Königs nicht durchdringen konnten? „Aber, wird Harry uns denn wiederfinden, wenn er zurückkommt?“ fragte er und beschleunigte seine Schritte, um mit Leofwine gleichauf zu sein. „Immerhin muss er ja alleine seinen Weg suchen und hat Niemanden, an den er sich halten kann, so wie ich.“ - „Harry hat in diesem Wald seine Kindheit verbracht. Ich bin sicher, dass er jeden Baum kennt, ob er nun gerade knorrig ist, oder in seinem Normalzustand. Er wird den Weg zurück mit Sicherheit finden, da musst du dir keine Gedanken machen.“ Obwohl Leofwine sehr sicher in seiner Aussage klang, sorgte sich Louis trotzdem, ob Harry den Weg zurückfinden würde.

Als ihm der Geruch von gebratenem Fleisch in die Nase stieg, wusste Louis, dass sie gleich da sein würden. „Schau, da ist die Eiche.“ sagte Leofwine und deutete geradeaus, wo sich tatsächlich langsam der uralte Baum zwischen den anderen Bäumen abzeichnete. Allerdings unterschied sich die Eiche nun kaum mehr von ihren Nachbarbäumen, die durch den Druiden groß und wuchtig geworden waren. Zwischen den hochgewachsenen Wurzeln flackerte ein Feuer und als sie näher kamen, erkannte man, dass ein Teil des Wildschweins an einem Spieß hing und sich über den Flammen drehte. Ed stand am Feuer und drehte den Spieß gleichmäßig, während er sich dabei mit Liam „unterhielt“, der auch am Feuer saß. Sie gaben Laute von sich und nutzten ihre Hände, um sich miteinander zu verständigen. Offenbar funktionierte es gut, denn Liam lachte, als Ed etwas „sagte“ und antwortete mit einem lebhaften Kopfnicken. „Hallo ihr beiden, wie sind denn alle anderen?“ fragte Leofwine, als sie am Feuer ankamen und sah sich um. Doch es schien, als sei außer Liam und Ed niemand hier. Der rothaarige, blasse Junge deutete nach oben n den Baum und hielt sich die Hand an die Augenbrauen, als wollte er die Sonne abschirmen und sie erkannten, was er meinte: „Ah, sie halten Ausschau!“ rief Leofwine aus und Ed nickte lebhaft – offenbar ganz begeistert davon, dass man ihn auf Anhieb verstanden hatte. Louis setzte sich neben Liam, lehnte sich an eine der Wurzeln, die sich in einem großen Bogen aus dem Erdboden bog und sah ihn an. „Wie geht es dir, Liam?“ Der Angesprochene zuckte mit den Schultern, nickte dann aber und lächelte. Louis bemerkte, dass er heute keinen Verband mehr am Hals trug, wodurch gut zu erkennen war, dass die Wunden langsam heilten. Zwar war die Haut noch immer gerötet, aber die tiefen Löcher, die das Folterinstrument in Liams Kehle hinterlassen hatte, wirkten nicht mehr ganz so tief und es hatte sich ein leichter Wundschorf gebildet. Gwydions Salben schienen wirklich unglaublich gut zu wirken und Louis war begeistert, von den Fähigkeiten des Druiden. Liam deutete mit fragendem Blick auf den Köcher, den Louis noch bei sich trug und hob die Augenbrauen. „Ich habe heute Schießen gelernt und es ging wirklich gut.“ beantwortete Louis seine Frage und Liam wirkte sehr zufrieden, als er die Antwort gehört hatte. „Ich seh mal nach, was der Rest von uns im Baum so treibt.“ sagte Leofwine und fast sofort kletterte er an der rauen Rinde der Eiche hinauf, bis er zwischen den Blättern nicht mehr zu sehen war. „Hmmmmhm!“ machte Ed mit einem Mal laut und sowohl Louis als auch Liam fuhren erschrocken herum, weil er so alarmiert geklungen hatte. Als sie jedoch zu den Bäume hinübersahen, tauchte kein bewaffneter Soldat auf, sondern der Druide kam zwischen den knorrigen Stämmen hervor. Sein langer Mantel wallte hinter ihm auf und sein Gewand raschelte durch das Laub am Boden. Sein grauer Bart war ein wenig durcheinander und es hatten sich einige Blätter darin verfangen, doch das schien ihn nicht zu stören. Er stützte sich beim Gehen auf seinen langen Stab, der mit vielen geschnitzten Symbolen verziert war. Auf dem Stab hockte ein dunkler Vogel mit spitzem Schnabel und wachen, glitzernden Augen. Sein Kopf ruckte hin und her und er stieß ab und zu krächzende Laute aus. „Was hat er da für einen Vogel bei sich?“ fragte Louis, als er dem Druiden entgegensah. „Oh, ihr habt Etwas gefangen, sehr schön.“ sagte der alte Mann, als er sie erreicht und das Wildschwein gesehen hatte. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er das Fleisch am Spieß gesehen hatte. Gwydion ging neben Liam in die Hocken und sah ihn prüfend an: „Lass mich deinen Hals sehen, Junge.“ forderte er Liam auf, der artig den Kopf in den Nacken legte und es zuließ, dass Gwydion ihn untersuchte. Dafür brauchte er seine Hände und drückte Louis kurzerhand seinen Stab in die Hand, auf dem noch immer der schwarze Vogel saß. Mit langem Arm hielt er das Holz fest und behielt den Vogel misstrauisch im Auge. Der schien Louis ziemlich interessant zu finden, legte den Kopf schief und sah ihn an, bevor er dann von der Spitze des Stabes hüpfte und mit kleinen Trippelschritten auf Louis´ Arm immer näher an ihn herankam. Die langen Krallen drückten sich durch den Stoff seines Hemds und Louis versteifte sich etwas, während der schwarze Vogel neugierig daran herumzupfte. „Ähm...Gwydion...dein Vogel hier...“ versuchte Louis die Aufmerksamkeit des Druiden zu bekommen, doch dieser war mit Liams Untersuchung beschäftigt und sah nicht einmal auf, sondern sagte nur: „Es handelt sich um eine Krähe. Einfach stillhalten, er ist nur neugierig, weil er dich noch nicht kennengelernt hat.“ - „Achja?“ fragte Louis unsicher und sah auf die Krähe, die mittlerweile an seinem Oberarm angekommen war und Anstalten machte, an seinem Haar zu picken. Louis zog den Kopf ein und kniff die Augen zusammen, denn das Tier machte seiner Meinung nach ziemlich unkontrollierte Bewegungen und er hatte Angst, es würde ihm ein Auge auspicken. „Du kannst ihn streicheln, dann bist du sofort sein bester Freund.“ schlug Gwydion ihm vor und man hörte deutlich, dass er dabei lächelte. Unsicher, ob der alte Mann ihn nicht vielleicht auf den Arm nehmen wollte, blickte Louis zu Ed hinüber, der noch immer das Schwein drehte und ihm auffordernd zunickte. Louis nahm seinen ganzen Mut zusammen, hob die Hand und strich ganz sachte mit dem Zeigefinger über die schwarzen Federn. Zuerst zuckte der Vogel zusammen und auch Louis schreckte zurück, doch dann hielt die Krähe still und er wurde mutiger, bis er ihr irgendwann sogar über den Kopf strich und der Vogel die Augen schloss. Dass es dem Tier so gut gefiel, das er es streichelte, ließ Louis lächeln und mit einem Mal war seine Angst verflogen.    
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