Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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31. Die Burg von Prinz Niall

„Was hast du, Louis?“ fragte Harry besorgt. Diese Frage hatte er ihm in den letzten beiden Tagen häufig gestellt und nie eine Antwort darauf bekommen, die ihn zufriedengestellt hätte. Seit Louis der Gedanke gekommen war, dass das, was er und Harry teilten, keine Zukunft hatte, war er still gewesen und hatte kaum noch ein Wort gesprochen. Schweigend hatte er auf dem Pferd gesessen, nach vorn geblickt und es zugelassen, dass sich seine Gedanken wie eine Wendeltreppe immer tiefer schraubten, verzwickter und dunkler wurden und ihn mit sich zogen. Harry und Prinz Niall hatten sich entspannt miteinander unterhalten, während sie die Eiche immer weiter hinter sich ließen.

Am ersten Abend rasteten sie in einer Höhle und Louis bot an, die Wache zu übernehmen. Er würde ohnehin nicht schlafen können und so setzte er sich ans Feuer, während Prinz Niall sich hinlegte. Harry hatte die Decke ausgewickelt und sich damit neben Louis gesetzt. „Du bist so still, was ist los?“ hatte er gefragt, doch Louis hatte nur mit dem Kopf geschüttelt und ohne Harry anzusehen, geantwortet: „Mir geht es gut. Du solltest jetzt schlafen.“ Kein einziges Mal hatte er dabei vom Feuer aufgeblickt, denn er wollte die Ratlosigkeit und Verletztheit in Harrys Augen nicht sehen. Seufzend hatte der Lockenkopf sich hingelegt und dann die Augen geschlossen. Offenbar war ihm klar geworden, dass Louis gerade nicht in der Stimmung war, sich ihm zu öffnen.
Die ganze Nacht lang hatte Louis sich selbst davon abgehalten, über Harrys Kopf zu streicheln, der ganz in seiner Nähe lag, denn er hielt es für besser, wenn er sich ein wenig zurücknahm. Schließlich würde Harry sowieso bald mit einer Frau zusammen leben. Vorausgesetzt natürlich, er überstand den Machtwechsel und blieb am Leben.

Je näher sie dem Königreich von Prinz Niall gekommen waren, desto mehr hatte sich die Landschaft verändert. Zwar gab es auch hier noch viel Wald, doch dieser wurde von grünen Wiesen unterbrochen und schien nicht so alt zu sein, wie der in Cheshire.
Am Abend des zweites Tages hatten sie einen Berg erreicht auf dessen Spitze eine schöne Burg thronte zu der ein geschwungener Pfad hinaufführte, der sie bis zu einer Zugbrücke brachte. Sie überquerten die Holzdielen und kamen durch ein mächtiges Tor in den Burghof. „Prinz Niall ist zurück!“ rief ein Soldat, der am Tor Wache hatte, hob eine Fanfare an die Lippen und blies zweimal hinein. Sofort kamen eine Menge Dienstboten, Lakaien, Mägde und Soldaten auf den Hof und alle verneigten sich vor dem Prinzen. Niall drückte einem Stallburschen die Zügel des Pferdes in die Hand und wandte sich dann an Harry und Louis: „Ich lass euch von der Magd eine Kammer zeigen.“ hatte der Prinz zu ihnen gesagt, woraufhin ein junges Mädchen zu ihnen gekommen war und sie mit einer Verbeugung durch eine schmale Tür geleitete.

Es ging schmale Flure entlang, die auf einer Seite zum Burghof hin geöffnet waren und man hinunter auf das rege Treiben blicken konnte, dann zwei schmale Treppen hinauf und einen weiteren Flur entlang. Hier war es deutlich dunkler und an den Wänden hingen Fackeln. Das Mädchen hielt an einer schlichten Holztür an, öffnete sie und trat dann mit ehrfürchtig gesenktem Kopf einen Schritt zurück, sodass sie eintreten konnten. Harry betrat als erster den Raum, dann Louis. Sie sahen sich um. In der Wand gegenüber der Tür war ein schmales Fenster eingelassen, das sogar über eine Glasscheibe verfügte. Sie war nicht ganz glatt und so verschwamm die Landschaft dahinter, wenn man hindurchblickte. Ehrfürchtig strich Louis mit dem Finger über das Glas und wandte sich dann Harry zu, der ihn beobachtete. Das Mädchen hatte die Tür geschlossen und sie waren allein. „Was ist los mit dir Louis?“ wiederholte Harry seine Frage und sah Louis an, der seinem Blick auswich und die beiden Betten musterte, die im Zimmer standen. „Ich habe noch nie in einem Bett geschlafen.“ sagte er und strich mit der Hand über die Decke, die auf der Strohmatratze lag. „Ich auch nicht.“ gab Harry zu und sah ihn dann überrascht an. „Du kannst ja doch noch sprechen. Ich hatte schon die Befürchtung, du hättest es auf der Reise verlernt.“ Louis wusste, dass Harry versuchte, einen Witz zu machen, um die Stimmung zwischen ihnen aufzulockern, doch es gelang ihm nicht. Louis Gesicht blieb ausdruckslos und Harry sah ihn fast schon ein wenig verzweifelt an: „Louis, bitte sag mir, wieso du nicht mit mir reden willst. Was habe ich getan?“ Jetzt, da Harry ihn so direkt ansprach, konnte Louis sich nicht mehr beherrschen und Tränen stiegen ihm in die Augen. „Oh Louis...“ schnell machte Harry einen Schritt auf ihn zu und schloss ihn in die Arme, bevor es ihm möglich war, sich zu wehren. Er stand zwischen Harry und dem Fenster und eine Flucht ging nicht. „Ich….ich kann dir das nicht sagen...“ schluchzte Louis und senkte den Kopf, doch sofort spürte er eine Hand unterm Kinn und Harry zwang ihn dazu, ihm in die Augen zu sehen. „Bitte sag mir was dich bedrückt. Seit Tagen sprichst du nicht mit mir und gehst mir aus dem Weg. Was habe ich getan?“ Noch immer rannen Louis die Tränen über die Wangen und er holte tief Luft, um sich zu beruhigen, dann sagte er leise: „Ich habe Angst vor der Zukunft...wenn du den Machtwechsel überlebst und König wirst….“ - „...dann wirst du mit mir kommen. Oder hast du gedacht, ich lasse dich im Wald zurück?“ unterbrach Harry ihn, ließ sich aufs Bett sinken und zog Louis mit sich, der den Kopf schüttelte: „Nein, das ist es nicht...wenn du König bist, dann wirst du einen Thronfolger haben müssen...und dafür brauchst du...eine Frau...“ presste Louis hervor und ihm stockte immer wieder der Atem. Endlich schien Harry verstanden zu haben, was ihn beschäftigte, denn er zog ihn noch enger an sich und sagte leise: „Och Louis...du machst dir Sorgen über Etwas, von dem Niemand weiß, ob es Jemals zutreffen wird. Lass mich doch erst einmal das Gemälde sehen. Vielleicht hat sich Niall ja vertan, dann bleibt alles beim Alten. Bitte Louis, lass eines nach dem anderen passieren und hab vertrauen in mich…du bist mir genauso wichtig, wie ich dir und ich werde uns nicht aufgeben, egal, was für Pflichten ich erfüllen muss, sollte ich König werden.“ Wieso auch immer, aber diese Worte ließen Louis nur noch heftiger weinen, dieses Mal war er allerdings gerührt von dem, was Harry sagte. Sie saßen lange auf dem Bett, bis Louis sich beruhigt hatte, dafür aber einen Schluckauf vorweisen konnte. „Lass uns mal Prinz Niall suchen. Ich will das Gemälde sehen.“ sagte Harry, fuhr Louis durchs Haar und lächelte ihn aufmunternd an. Er schaffte es, das Lächeln zu erwidern und gemeinsam verließen sie ihre kleine Kammer.

Die Burg war größer, als es von Außen den Anschein gehabt hatte. Es gab unzählig viele Treppen, Stiegen, Flure und Türen.  Weil sie auf dem Weg zu ihrer Kammer begleitet worden waren, hatten sie nicht auf den Weg geachtet und mussten sich nun erst einmal ein wenig zurecht finden. Irgendwann jedoch stolperten Louis und Harry endlich durch eine Tür, die sie wieder in den Burghof führte. Weil es langsam dunkel wurde, waren die Fackeln im Hof entzündet und die Zugbrücke hochgezogen worden. Niemand würde nun mehr unbemerkt in die Burg hinein oder herauskommen. „Wo Prinz Niall wohl ist?“ fragte Harry und sah sich suchend auf dem Hof um. „Sicherlich bei seinem Großvater.“ überlegte Louis und sah hinauf zu hell erleuchteten Fenstern: die waren im Vergleich zu dem kleinen Fenster ihrer Kammer, groß und mit bunten Gläsern geschmückt. Sicherlich befand sich dahinter der Thronsaal oder das Zimmer des Königs, denn solch schöne Fenster wären an einem anderen Ort nur Verschwendung. Er deutet hinauf und auch Harry sah die Buntglasfenster. Staunend betrachtete er sie und sah dann wieder zu Louis hinunter: „Sehen wir doch mal nach, ob der Prinz sich dort oben befindet.“ Er griff nach Louis Hand und zog ihn hinter sich her, eine Stiege hinauf und die Galerie entlang, bis sie sich wieder im Inneren der Burg befanden. Hier war es deutlich eleganter, wenngleich auch hier die Wände aus rohem Stein bestanden. Ab und zu passierten sie einen kunstvoll gestalteten Wandteppich und es schien, als würden auch die Halterungen für die Fackeln eleganter, je näher sie dem Thronsaal kamen. Bilder konnte man allerdings nirgendwo sehen. Nachdem sie um eine Ecke gebogen waren, fanden sie sich in einem breiteren Gang wieder an dessen Ende sich eine große, dunkle Tür befand. Sie war verschlossen und wurde von zwei Wachsoldaten gesichert, die sie mit ernstem Blick musterten, je näher sie kamen. „Seid gegrüßt. Hält sich Prinz Niall gerade im Thronsaal auf?“ fragte Harry und nickte den Wachen zu. Der Kleinere der beiden nickte: „So ist es. Ihr könnt aber nicht zu ihm vorgelassen werden. Er befindet sich in einer Unterredung mit Ihrer Majestät.“ - „Können wir hier warten?“ fragte Louis vorsichtig, denn die Wachen schüchterten ihn ein wenig ein, wie sie da mit ihren Rüstungen standen und bedrohlich dreinblickten. „Es gehört sich nicht, hier im Flur zu warten, wie Gesinde. Ihr werdet wohl im Hof warten müssen, bis….“ In diesem Moment öffnete sich die Tür und der blond Prinz kam heraus. Sofort standen die Soldaten stramm und blickten starr geradeaus. „Harry, Louis, wolltet ihr zu mir?“ fragte Niall und sie nickten. „Ich hätte gerne das Gemälde gesehen und dann mit Eurem Großvater gesprochen.“ sagte Harry. „Mein Großvater wird gleich zu Abend essen. Er hat mir gestattet, euch beide mitzubringen. Allerdings solltet ihr noch ein Bad nehmen, denn so wird man euch garantiert nicht in den Thronsaal lassen.“ Der Prinz deutet auf ihre Stiefel an denen getrockneter Schlamm klebte und ihre Kleidung, die voller Erdflecken und staubig war. „Ja, vermutlich ist das besser. Habt Ihr denn einen Eimer, in dem wir uns waschen können?“ fragte Harry, woraufhin Niall zu lachen anfing. „Ihr seid meine Gäste und ich werde dafür sorgen, dass man Euch in der Badestube warmes Wasser bringt. Kommt mit, ich zeige Euch den Weg.“ Und mit diesen Worten führte Niall sie weg von der großen Tür.

Wieder ging es durch lange Flure, doch das Interieur wurde wieder spärlicher, bis bald die Fackeln alles waren, was an den Wänden angebracht war. Sie wurden wieder ins Erdgeschoss gebracht, wo Niall irgendwann eine Holztür aufstieß, die ein wenig schief in den Angeln hing und deren Holz aufgequollen war. „Das ist die Waschstube.“ sagte er und machte eine ausladende Bewegung in den kleinen Raum. Auch hier brannten Fackeln, außerdem war ein Feuer in einem offenen Kamin entzündet worden, das den Raum erwärmte und einen Kessel erhitzte, der über den Flammen stand. „Das Feuer habe ich gleich nach unserer Ankunft schüren lassen. In dem Kessel wird das Badewasser aufgeheizt, aber ich denke es dauert noch ein wenig, bis es heiß genug ist. Ihr könnt einen dieser Wannen benutzen.“ Tatsächlich standen hier mehrere flache, aus Holz gefertigte Waschzuber die, ähnlich wie Weinfässer – mit zwei Metallringen zusammengehalten wurden. „Ich schicke gleich noch eine Magd zu Euch. Sie bringt frische Kleidung, dann könnt Ihr eure eigenen Klamotten gleich mitwaschen.“ sagte der Prinz. „Vielen Dank.“ murmelte Louis schüchtern und auch Harry bedankte sich, dann wandte sich der Adelsspross um und stieg die Treppe wieder hinauf um über den Hof zurück in seine Kammer zu gehen.
„Na dann wollen wir mal.“ sagte Harry, kaum dass die Tür hinter ihm zugefallen war. Louis trat an den großen Kessel heran, der so hoch war, dass er sich auf einen Schemel stellen musste, um hineinsehen zu können und lugte über den Rand. Vorsichtig tauchte er einen Finger ins Wasser – es war warm, aber noch nicht warm genug, um darin baden zu können. „Vielleicht sollten wir es richtig heiß werden lasse und füllen dann den Rest der Wanne mit kaltem Wasser.“ überlegte er laut und Harry nickte. Er stand neben ihm und blickte ebenfalls in den Kessel hinein. Bei seiner Körpergröße hatte er da allerdings keinerlei Schwierigkeiten. „Auf diese Weise hätten wir mehr Wasser. Das ist ein kluger Einfall, Louis.“ sagte er, lächelte ihn an und griff nach einem Eimer, der neben dem Feuer stand.    
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