Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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49. Der Verlust zweier Freunde

Cuthbert verließ die Burg früh am nächsten Morgen. Er hatte sich ein Pferd aus dem Stall genommen und war in den Wald geritten. Louis hatte ihn von der Brüstung aus, die in den Hof ragte, gesehen. Aus irgendeinem Grund beschlich ihn ein ungutes Gefühl, wenn er ihm nachsah.
Die Situation in der sie sich momentan befanden, war zu perfekt. Sie fühlte sich sicher und doch hatte Louis eine Vermutung, ja eine Ahnung, dass der Friede trügerisch war und sie täuschte. Vielleicht war das die Ruhe vor dem Sturm, wie man häufig zu sagen pflegte und er wünschte sich, den Sturm nicht erleben zu müssen. Passend zu seinen Gedanken, kam ein heftiger Wind auf und die Wolken, die über den Himmel zogen türmten sich drohend auf und wurden immer dunkler. Louis zog den Kopf ein, als ihm die ersten kalten Tropfen ins Gesicht  flogen und trat rasch einen Schritt von der Brüstung weg, um nicht nass zu werden.

Das Tröpfeln wurde schnell zu einem heftigen Regen und das Leben im Burghof erstarb beinahe, weil sich alle in die Stallungen und Gebäude zurückzogen. Auch wollte es an diesem Tag nicht richtig hell werden, denn die Sonne schaffte es nicht durch die Wolken hindurch zu brechen. Im Thronsaal war es so dunkel, dass zusätzliche Kerzen aufgestellt wurden und sie unternahmen nicht viel, denn Draußen war es ungemütlich und kalt. Der Regen peitschte gegen die Fenster des Thronsaals und zum ersten Mal war Louis froh, dass Harry König war, denn so hatten sie ein festes Dach über dem Kopf. Der Druide saß den ganzen Tag in einem Stuhl am Feuer und blickte in die Flammen. Ob er auch dieses ungute Gefühl verspürte, dass Louis seit dem Morgen beschlich? Er trat an den alten Mann heran und fragte: „Gwydion?“ Der Angesprochene hob den Kopf und blickte ihn an, als hätte Louis ihn gerade aus den tiefsten Gedanken gerissen. „Darf ich Euch etwas fragen?“ - „Nun, das hast du gerade getan.“ antwortete der alte Mann und schmunzelte Louis an, gab ihm jedoch mit einem Nicken zu verstehen, dass er gerne noch eine weitere Frage stellen durfte. Zögerlich zog sich Louis einen hölzernen Stuhl ans Feuer und setzte sich darauf: „Dieser Friede kommt mir trügerisch vor...bilde ich mir das ein, oder habt Ihr auch so ein seltsames Gefühl?“ Kaum hatte Louis diese Worte ausgesprochen, kamen sie ihm dumm vor und er war sich nicht sicher, ob er die Frage besser zurücknehmen sollte. Gwydion sah ihn aus wachen Augen forschend an und sagte langsam: „Ich habe ein Gefühl der Rastlosigkeit und ich denke, dass die Aufregung, die wir bisher erlebt haben, noch nicht beendet ist. Seit Tagen schon beobachte ich das Treiben in der Grafschaft, in der Hoffnung, etwas Bedrohliches zu entdecken, doch da ist nichts. Es scheint mir fast so, als versuchte etwas sich vor meinen Augen zu verbergen.“ Diese Worte trugen natürlich nicht gerade dazu bei, dass Louis ruhiger und entspannte wurde. Im Gegenteil: wenn sogar der Druide einen Verdacht hegte, sollte das ernst genommen werden. „Ich habe meine Krähen in die Lüfte geschickt.“ fuhr Gwydion leise fort. „Sie überwachen das Geschehen hier im Wald und werden mir hoffentlich rechtzeitig Meldung erstatten, sollte sich Gefahr auf uns zu bewegen.“ Louis war froh zu hören, dass der Druide bereits etwas unternommen hatte, um das Unbekannte zu bekämpfen.

Gegen Nachmittag ließ der Regen ein wenig nach und Louis nutzte die Chance, kurz vor die Tür zu treten, um frische Luft zu schnappen.
Es war kalt und klar und eine kühle Brise wehte durch das offene Haupttor des Thronsaals. Auf der obersten Treppenstufe blieb Louis stehen und blickte in den wolkenverhangen Himmel. Die Regenwolken waren noch immer dicht und bauschten sich bedrohlich am Himmel auf. Sicherlich würde es nicht lange dauern, bis ein erneuter Regenschauer auf sie hernieder prasselte. Ein kleiner, dunkler Punkt in den Wolken erregte seine Aufmerksamkeit und er kniff die Augen zusammen, um zu erkennen, was sich dort bewegte. Es musste ein Vogel sein und er flog genau in ihre Richtung. Mit gleichmäßigen Flügelschlägen steuerte der Vogel die Burg an und jeden Meter, den er zurücklegte, festigte den Knoten in Louis Brust. Es war, als würde der schwarze Vogel am Himmel das Unheil verkörpern, das sich auf sie zu bewegte und das sich von nichts und Niemandem aufhalten ließ. Man konnte nur zusehen und hoffen, dass es nicht allzu schlimm für sie alle werden würde.
Jetzt erkannte Louis, dass es sich bei dem Vogel um eine Krähe handelte und es bestand kein Zweifel mehr, dass es eine von Gwydions Botschaftern war. Sie krächzte laut und segelte in einem eleganten Bogen über das Dach der Schmiede. Ob Louis Gwydion heraus holen sollte? Noch während er darüber nachdachte, erklangen hinter ihm schnelle Schritte und das dumpfe „Klonk“ eines Holzstabs. „Oh, da kommt eine Nachricht für uns.“ sagte Gwydion, der neben Louis getreten war. Er folgte dem Vogel mit stechendem Blick, streckte einen Arm aus und das Tier landete flatternd darauf. „Sind es gute oder schlechte Nachrichten?“ fragte Louis unsicher. „Wir werden es gleich wissen.“ Die Krähe blickte ihren Besitzer mit funkelnden Augen an und krächzte mehrmals rasch hintereinander. Der Alte blickte sie an und schien tatsächlich zu verstehen, was sie ihm mitzuteilen hatte. Sein Blick wurde immer ernster und schließlich hob er den Kopf, um auf die Bäume des Waldes zu blicken, die man von der Treppe aus gut sehen konnte. „Was...“ setzte Louis an, doch da hatte sich der alte Mann bereits umgedreht und war mit schnellen Schritten wieder in den Thronsaal gegangen. „Kommt zusammen! Wir haben eine schlechte Nachricht erhalten!“ rief er und seine Stimme hallte zwischen den Wänden wider. In windeseile war er umringt von den Merry Men, Harry und Prinz Niall, die ihn neugierig ansahen. „Es gab einen Überfall. Die Krähe hat mich gerade davon unterrichtet. Buck und Nerian sind tot.“

Einzig das Rauschen des Windes war zu hören. Im Thronsaal sagte Niemand auch nur ein Wort. Die Worte schienen noch in der Luft nach zu hallen und in Louis zog sich alles zusammen. Nerian und Buck sollten nicht mehr am Leben sein? Sie waren überfallen worden? „Mhhhhm...“ machte Liam und wedelte mit den Händen zu der Krähe hin. „Was ist mit Ed? Er war bei ihnen.“ fragte Draca, der Liam verstanden hatte. „Ich weiß es nicht. Ich werde die Vögel aussenden, damit sie ihn finden.“ - „Sollen wir uns auch auf die Suche begeben? Zu Pferde könnten wir schnell sein.“ schlug Zayn vor, doch der alte Mann schüttelte den Kopf: „Nein, ihr lauft Gefahr auch noch überfallen zu werden. Wenn die Tiere Ed finden, werden sie ihn hierher zurückbringen. Wir müssen hier bleiben und warten.“ Das schien keinem der Jungs so richtig zu passen, denn alle blickten den Druiden ungläubig an. „Und, wenn Ed schwer verwundet ist?“ - „Dann werden uns die Krähen zu ihm führen, aber glaubt mir, wenn ich sage, dass sie ihn aus der Luft schneller finden werden, als es euch mit einem Pferd möglich sein wird.“ Louis sah zu Harry hin, der sich gesetzt und das Gesicht in den Händen verborgen hatte. Sicherlich ging ihm der Tod von Buck und Nerian nahe, denn er kannte sie schon länger.

Sie saßen alle beisammen am Feuer und sprachen kaum ein Wort. Alle warteten darauf, dass eine Krähe mit einer Nachricht in den Thronsaal geflattert kam. Dafür hatten sie eigens einen Torflügel offen gelassen. Niemand wollte den Raum verlassen, um die Neuigkeit nicht zu verpassen und so saßen sie einfach nur still da, während Draußen wieder der Regen einsetzte und laut rauschend vom Himmel fiel. „Ich dachte, wir hätten nun Frieden...“ murmelte Veland und Zayn nickte: „Ja, darauf habe ich mich auch verlassen. Da waren wir wohl ein wenig zu leichtgläubig. Wenn wir nur schon mehr wüssten. Es macht mich ganz unruhig, hier herum zu sitzen und darauf zu warten,  mehr zu erfahren.“ Er erhob sich und ging zwischen den Säulen hin und her. Louis fühlte sich ebenfalls sehr angespannt. Er dachte an den armen Ed, der nun mitten in der Nacht allein im Wald herumirrte und fühlte sich an seine Zeit erinnert, in der er allein gewesen war. Wie unheimlich es nachts zwischen den Bäumen gewesen war. Was, wenn Ed auf ein Rudel Wölfe traf? Allein würde er sich gegen diese Tiere nicht verteidigen können, sollten sie sich dazu entschließen, ihn anzugreifen. Louis rieb sich die Augen und warf noch einen Blick zu Harry hinüber. Er starrte auf die Holzdielen und sah traurig aus. Louis ging zu ihm hinüber und blieb dicht neben ihm stehen. Fast sofort griff Harry nach seiner Hand und drückte sie, dann hob er den Kopf und ihre Blicke trafen sich. „Es tut mir Leid...“ flüsterte Louis, woraufhin Harry seufzte und sich übers Gesicht fuhr. „Ich kann es nicht glauben...die Beiden waren so lange ein Teil von uns und jetzt sollen sie einfach nicht mehr da sein? Es fühlt sich so falsch an, hier zu sitzen und sich nicht auf die Suche nach ihnen zu machen. Wir können sie doch nicht einfach im Wald liegen lassen...die Tiere werden sie fressen und...“ Louis drückte sich die Hände auf die Ohren und kniff die Augen zusammen: „Sag so etwas nicht, das will ich nicht hören!“ bat er Harry und schüttelte rasch den Kopf, als versuchte er, die Gedanken auf diese Art und Weise wieder loszuwerden. „Tut mir Leid.“ sagte der junge König rasch, stand auf und nahm Louis in den Arm. „Es tut nur so weh, zu wissen, dass sie nie mehr zurückkommen.“ murmelte er und verbarg das Gesicht in seiner Halsbeuge. Vorsichtig fuhr Louis durch Harrys Haare und erwiderte seine Umarmung. Es war ihm egal, dass sie gerade im Thronsaal standen und alle ihnen dabei zusehen konnte. Zayn wusste ja sowieso schon Bescheid über ihr Verhältnis zueinander.

Irgendwann schlossen sie die große Tür doch, weil die Nacht hereinbrach und er im Thronsaal kalt wurde. Alle saßen zusammen am Feuer, um sich zu wärmen, als Prinz Niall Harry ansprach: „Ich werde mich morgen wieder auf den Weg nach Hause machen, denn ich war nun so lange hier, dass ich mich nun auch wieder um meine Verpflichtungen kümmern muss. Wenn ihr Hilfe benötigt, könnt ihr mit eine Nachricht zukommen lassen und ich werde euch gerne beistehen. Sollte Ed erst aufgetaucht sein, bevor ich euch verlassen habe, dann lasst mich doch bitte wissen, was er zu berichten hatte.“ - „Das werden wir tun. Vielen Dank für deine Unterstützung, Niall.“ sagte Harry müde und erhob sich von dem niedrigen Stuhl, auf dem er gesessen hatte. Sie schlossen einander in die Arme, bevor der Prinz sich in seine Schlafkammer zurückzog. Wenn er morgen die Rückreise antreten wollte, brauchte er viel Schlaf.
„Wird er seine Soldaten mitnehmen?“ fragte Draca, als die Tür hinter dem blonden Prinzen ins Schloss gefallen war und machte ein besorgtes Gesicht. „Wir haben nicht genug Soldaten...wenn er seine Männer mitnimmt, dann ist die Burg ziemlich schutzlos.“ - „Nun, wir können ihm nicht verbieten, seine eigenen Männer mitzunehmen und wenn er das tun sollte, dann müssen wir einfach hoffen, in der Zeit nicht angegriffen zu werden. Cuthbert findet sicherlich brauchbare Männer, die man zu Kämpfern ausbilden kann.“ antwortete Harry und starrte wieder ins Feuer. Alle wirkten deprimiert, doch Zayn war es, der einige aufmunternde Worte fand, indem er sagte: „Bisher scheint noch nicht überall durchgedrungen zu sein, dass Harry nun den Thron eingenommen hat. Wenn wir Glück haben, dann haben wir bald genug Männer beisammen, wenn Jemand ebenfalls Ansprüche auf den Thron stellen sollte...“ - „Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Das ganze Volk hat mehrere Dekaden lang darauf gehofft, dass Harry lebt und an die Macht kommt. Ich sehe keinen Grund, wieso Jemand versuchen sollte ihm den Thron streitig zu machen.“ Gwydion sprach ruhig und sein Optimismus, erfasste alle Merry Men, sodass sie einen Moment ihre Trauer und die Angst um Ed vergaßen. Wenige Augenblicke später jedoch, öffnete sich die Tür des Thronsaals und eine Wache streckte den Kopf herein: „Eure Majestät!“ rief er, „hier ist ein junger Mann. Er muss zu Euch und er ist völlig durcheinander!“ Das konnte nur Ed sein. Alle sprangen gleichzeitig auf, Stühle fielen polternd um und die ganze Meute stürzte auf die Tür zu.

Draußen regnete es wieder in Strömen und es war mittlerweile dunkel geworden. Die Fackeln und Lampen waren entzündet, doch konnten sie alle die kleine, rothaarige Gestalt sehen, die über den Hof auf die Treppe zu wankte.

   
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