Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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27. Der verlorene König

Den ganzen Tag verbrachten sie damit, sich im Schwertkampf zu üben. Wie Harry Louis bereits versichert hatte, war er keinesfalls der Schlechteste. Buck hatte durch seine verletzten Hände, die man ihm bei der Folter zertrümmert hatte,  große Schwierigkeiten, das Schwert festzuhalten und es landete mehrmals im Gras. Veland, der ein steifes Bein hatte, konnte sich nicht so wendig und flink bewegen und Ed war einfach zu schwach, das schwere Schwert anzuheben. Es gelang ihm immer nur für wenige Momente, es in der Luft zu halten.

Cuthbert, Zayn und Harry schienen allesamt gleich stark zu sein und lieferten sich ziemlich harte Kämpfe, die sie irgendwann nur noch zu Dritt ausfochten, als alle anderen schwer atmend und außer Puste im Gras lagen. Alle machten den Eindruck, als könnten sie sich kaum mehr bewegen und beobachteten müde den Kampf von Zayn, Harry und Cuthbert aus dem Letzterer als Sieger hervorging, nachdem er Harry und Zayn schlussendlich hatte entwaffnen können. „Ich kann nicht mehr.“ keuchte Harry, fiel auf die Knie und stützte sich schwer atmend mit den Händen auf den Oberschenkeln fest, während er nach Luft rang. Seine Hand zitterte, als er sich über den Mund wischte, nachdem er einmal auf den Boden gespuckt hatte. Auch Zayn war kraftlos und lag im Gras. Seine Brust hob und senkte sich rasch und er atmete durch den Mund ein und aus. „Ich glaube, ich habe gewonnen, oder wie seht ihr das, meine Herren?“ fragte Cuthbert, kniete sich neben Zayn und stützte sich auf seinem Schwert ab, während er ebenfalls schwer atmete und doch breit grinste. Flint, der auf dem Boden gelegen hatte, hob mit einem Mal alarmiert den Kopf und sagte: „Leute, ich höre Pferdehufe….“ er klang alarmiert und rappelte sich auf, kniete sich hin und drückte ein Ohr an den Boden, lauschte kurz und sprang dann auf: „Los, auf die Bäume, es kommt ziemlich schnell in unsere Richtung.“ zischte er und alle beeilten sich, auf die Eiche zu klettern. Louis, der ahnte, dass er gerade nicht genug Kraft zum Klettern haben würde, versteckte sich eilig im Baumstamm der Eiche zusammen mit Liam und Flint.

„Was ist passiert?“ fragte der Druide misstrauisch, stand auf und kam auf sie zu, als sie schwer atmend in den Baum gestürzt kamen. „Ich habe ein Pferd gehört, dass sich eilig auf uns zubewegt hatte.“ erklärte Flint und Gwydion zog alarmiert die Augenbrauen zusammen: „Die Wachen haben mich nicht vorgewarnt.“ sagte er, als bezweifelte er, dass sich wirklich Jemand auf einem Pferd nähern könnte. „Vielleicht waren sie zu langsam.“ überlegte Louis, fing sich dafür aber jedoch eine sehr verärgerte Miene des alten Mannes ein, der sagte: „Meine Krähen waren bisher noch NIE zu langsam mein Junge. Ich glaube, dass Jemand auf dem Weg zu uns ist, der schon einmal hier gewesen ist und den die Krähen kennen. Ansonsten hätte ich längst schon eine Warnung erhalten.“ Louis wich Gwydions empörtem Blick aus, während der Druide ihn beiseite schob und durch den Spalt nach Draußen lugte. Das dumpfe Trappeln von Pferdehufen näherte sich und hielt direkt vor der Eiche an. „Oh...“ entfuhr es Gwydion und er klang erstaunt. Flint und Louis sahen einander fragend an und warteten dann darauf, dass der Druide handelte. Obwohl sie kaum etwas hören konnten, lauschten sie darauf, was Draußen passierte. Das Pferd hatte angehalten und schnaubte mehrmals, dann war zu hören, dass Jemand abstieg und sich eilig der Eiche näherte. „Nicht schießen!“ rief Gwydion plötzlich und Louis zuckte zusammen, denn das hatte er nicht erwartet. Hastig schob sich Gwydion hinaus ins Freie und Louis lugte nun durch den schmalen Spalt. Der Druide unterhielt sich mit einer kleinen Person, die in grün-brauner Kleidung steckte und sich unter einem Umhang verbarg. Louis hatte keine Ahnung, wer sich unter der Kapuze befand, doch der alte Mann schien erkannt zu haben, wer da zu ihnen gekommen war, sonst würde er den Fremden nicht ansprechen. Er machte einen Schritt beiseite und Louis erkannte einen blonden Haarschopf. „Es ist Prinz Niall.“ flüsterte er Flint und Liam zu, die ihn noch immer neugierig anblickten. „Was? Wie kann das sein? Er ist doch erst auf dem Heimweg gewesen. Hat er so schnell etwas herausgefunden?“ Louis zuckte mit den Schultern und wurde dann von Flint aus der Eiche geschoben. Über ihren Köpfen raschelte es und als er den Kopf in den Nacken legte, sah er alle anderen, die eilig nach unten kletterten. Leichtfüßig landeten sie neben Louis im Laub und alle umringten den Prinzen. Dieser schien noch ganz außer Atem zu sein, offenbar war er ziemlich schnell geritten. Das Fell des Pferdes glänzte vor Schweiß und es hatte die Nüstern gebläht, um Luft zu bekommen. Harry war einer der letzten, die vom Baum heruntergekommen waren und er ging direkt auf Prinz Niall zu. Er deutete eine Verbeugung an, bevor er sagte: „Ihr seid schneller zurück, als wir alle erwartet hatten.“ Der blonde Prinz nickte mit einem bedeutungsschweren Blick. „Er hat etwas herausgefunden, das uns alle einen großen Schritt voranbringen wird.“ sagte Gwydion, der dabei nicht minder geheimnisvoll aussah. Offenbar wusste er schon um die Neuigkeiten, die der Prinz brachte. „Ich habe den Thronfolger gefunden und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich nicht irre.“ sagte Prinz Niall und alle Merry Men schnappten nach Luft. Damit hatten sie nicht gerechnet und tauschten ungläubige Blicke, während sie darauf warteten, dass der Adelsspross weitersprach. „Ich bin nach Hause geritten und verlangte dort sofort, meinen Vater aufzusuchen. Doch er war auf der Jagd und mein Großvater besprach sich gerade mit einem seiner Berater. Ich war also gezwungen, mir die Zeit zu vertreiben und schlenderte in einem Korridor auf und ab. Dort hängen viele Gemälde unserer Vorfahren und Verbündeten. Ich kenne diese Bilder schon seit meiner Kindheit, doch habe ich sie mir wohl nie gut genug angesehen, denn als ich so an den Portraits auf und ab ging, fiel mit ein Gesicht ins Auge, von dem ich glaubte, es schon einmal gesehen zu haben. Neugierig las ich die kleine Tafel unter dem Gemälde und darauf stand: „Prinz Edward von Cheshire“
Mich traf beinahe der Schlag, als ich in das Gesicht blickte. Der Mann sah genauso aus wie du, Harry. Ich war so felsenfest davon überzeugt, dass es sich bei Prinz Edward um deinen Vater handeln musste, dass ich keine Zeit damit vergeuden wollte, ich bei meinem Großvater zu versichern. Ich rannte hinauf in meine Kammer, zog mir weniger auffällige Kleidung an, wechselte das Pferd gegen ein Neues aus und ritt sofort zurück. Ich hätte die Krähe vorausgeschickt, doch hatte ich den Vogel in der Eile vergessen. Ich habe keinen Zweifel, Harry. Du bist der Enkel von König Harold und damit der einzige rechtmäßige Erbe des Throns.“

Stille.

Alle hatten die Luft angehalten und es war totenstill vor der Eiche. Louis sah Harry an, genau wie alle anderen Merry Men es taten. Und Harry selbst? Der stand da, war ganz blass und zitterte am ganzen Körper. Er atmete mehrmals hintereinander stoßweise aus und schnappte dann nach Luft, als hätte er vergessen, wie man atmete. Langsam sah er zwischen dem Prinzen und dem Druiden hin und her. „Hast du das gewusst?“ fragte er Gwydion und seine Stimme zitterte, als er sprach. Louis sah genauer hin und erkannte Tränen in Harrys glitzern. Er und Gwydion sahen sich wortlos an, dann fragte Harry krächzend: „Wieso hast du es mir nie gesagt? Ich bin durch die Orte gezogen und haben nach Jemandem gesucht, den ich niemals hätte finden können...wieso hast du das zugelassen?“ seine Stimme brach am Ende und er schlug sich die Hand vor den Mund, während er den Druiden anstarrte und noch immer auf eine Antwort wartete. „Harry, ich konnte es dir nicht sagen. Erst warst du viel zu jung, um damit umgehen zu können und als du alt genug warst, war ich der Meinung, dass es besser für dich wäre, wenn du es selbst herausfindest. Denn nur dann wärst du wirklich bereit dafür.“ sagte Gwydion und sah den Lockenkopf mitfühlend an. Die anderen Jungen hatten sich langsam zurückgezogen, denn sie schienen alle der Meinung zu sein, dass Prinz Niall, Gwydion und Harry das untereinander besprechen sollten. „Louis...komm...“ flüsterte Zayn, griff nach seiner Hand und zog ihn leicht aber bestimmt mit sich. „Wie soll ich damit umgehen? Mein ganzes Leben lang habe ich gedacht ich sei ein normaler Junge….wie soll ich damit umgehen, dass ich angeblich ein Prinz sein soll? Wie soll das in meinen Kopf gehen?“ hörten sie Harry stammeln, dann verstummte er und war dann nicht mehr zu hören. Zayn hatte Louis in die Eiche gezogen, wo die anderen Jungs alle herumstanden und mehr oder weniger fassungslos aussahen.

Harry war der Thronerbe – er war der verlorene Prinz und rechtmäßige König von Cheshire.

Obwohl Louis der Aussage von Prinz Niall glaubte, denn es gab keinen Grund für den Prinzen, diese Geschichte zu erfinden und Gwydion hatte sie bestätigt, war es auch für ihn schwer. Er hatte Harry als vogelfreien Jungen kennengelernt. Als einen Jungen, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den König zu finden.
Sich Harry mit Krone und in edlen Gewändern vorzustellen, fiel Louis schwer und das Bild in seinem Kopf wirkte nicht sonderlich harmonisch. Ein lautes „Nein!“ von draußen riss ihn aus seinen Gedanken und kurz darauf betraten Gwydion und Prinz Niall den Baum. „Wo ist er?“ fragte Zayn sofort, als Harry nicht bei ihnen war. „Ich habe ihm mein Pferd geliehen.“ sagte der Prinz und fügte hinzu: „Er sagte, er müsse den Kopf freibekommen.“ - „Und das heißt…?“ fragte Zayn langsam, als wollte er die Antwort eigentlich gar nicht wissen. „Er ist davon geritten.“ - „Hatte er wenigstens eine Waffe bei sich?“ wollte Cuthbert wissen und klang dabei ziemlich alarmiert. Louis wurde ganz anders, als der Prinz und Gwydion den Kopf schüttelten. Harry war also ohne Waffen davon geritten. Er warf Zayn einen ängstlichen Blick zu, der nur seufzte und ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legte. „Ich muss ihm hinterher...er ist doch jetzt sicherlich total durcheinander...“ meinte Louis und machte Anstalten, den Baum wieder zu verlassen. „Louis, er will alleine sein. Nicht umsonst hat er sich das Pferd von Niall ausgeliehen.“ - „Das ist mir egal, ich hab das Gefühl, dass er jetzt Jemanden braucht.“ sagte Louis stur. „Und du glaubst, dass du dafür die richtige Person bist?“ fragte Flint ein wenig spöttisch und Louis nickte. Ja, er war sich sicher, dass Harry, wenn er Jemanden sehen wollte, nach ihm verlangen würde. Also schüttelte er Zayns Hand ab und schob sich durch den Spalt nach Draußen ins Freie. „Louis!“ Zayn quetschte sich ebenfalls durch den Spalt und folgte ihm. „Nimm du wenigstens Pfeil und Bogen mit, wenn du ihm schon nachlaufen musst, damit du dich verteidigen kannst.“ sagte er und drückte Louis einen Köcher voller Pfeile und den Langbogen in die Hand. „Pass auf dich auf.“ Louis nickte und Zayn sah ihn einen Moment lang an, dann murmelte er: „Wenn Harry jetzt Jemanden an sich heranlässt, dann dich. Ich hab gemerkt, dass ihr Beiden euch aus irgendeinem Grund sehr nahe steht...sieh zu, dass du ihn findest und sorg dafür, dass er sich beruhigt, ja?“ - „Ja, ich versuch´s.“ murmelte Louis, band sich den Köcher um und griff nach dem Bogen, dann machte er sich auf den Weg durch den Wald, folgte der Spur, die die Hufe des Pferdes im weichen Boden hinterlassen hatten und hoffte, dass er Harry bald fand. Natürlich war Harry jetzt total durcheinander und hatte sicherlich auch Angst vor der Verantwortung, die auf ihm lasten würde, doch er durfte nicht einfach wegrennen.

Er musste sich seinem Schicksal stellen.    
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