Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

0Likes
0Kommentare
184Views
AA

76. Der Kampf

Es schien fast so, als sei der Kampf fast vorbei.
Nur noch wenige kämpften miteinander. Viele Soldaten waren bereits verletzt oder tot und lagen im Schneematsch. Cuthbert schlug sich noch immer tapfer gegen Benjamin und holte gerade zum Streich aus, als ihn ein Pfeil in den Rücken traf. Erschrocken schnappte Louis nach Luft, als er das sah. Cuthberts Schlag wurde sofort schwach und er sackte zusammen. „Nein!“ schrie eine Stimme und Zayn, der in einiger Entfernung stand, griff sich einen Langbogen, legte einen Pfeil ein und zielte damit auf den König um zu verhindern, dass er Cuthbert traf. Natürlich traf er sein Ziel: den Unterarm des rothaarigen Mannes, der sofort das Schwert fallenließ und entgeistert das Stück Holz ansah, das in seinem Arm steckte. Das Pferd trampelte führungslos zwischen einigen toten Körpern herum, während Zayn und Veland auf es zuliefen. Sie zogen den König vom Rücken des Tieres und drückten ihn hinunter ins Gras. Die wenigen Soldaten, die noch kämpften, sahen, dass ihr König geschlagen war und ergaben sich rasch. So kam es, dass das Klirren der Schwerter verklang, bis Ruhe auf der Wiese herrschte. Louis konnte Harry sehen, der in einiger Entfernung stand und die Hände auf die Knie stützte. Als auch er erkannte, dass er Kampf vorbei war, humpelte er durch das hohe Gras hinüber zu Zayn und Veland.

Alle Merry Men und Soldaten versammelten sich vor dem König und seinen Männern, die auf dem Boden knieten und ihre Waffen weggeworfen hatten. „Ihr seid geschlagen.“ sagte Harry mit matter Stimme und noch immer schwer atmend. „Ergebt Euch.“ - „Ihr seid der König?“ entgeistert blickte Benjamin Harry an. Er war auf die List mit den getauschten Umhängen hereingefallen und hatte sich mit dem falschen König angelegt. „Ich will Verhandlungen.“ forderte er und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, als Veland ihm den Arm auf dem Rücken noch ein wenig mehr verdrehte. „Ich denke, Ihr habt nicht das Recht darauf, einen Anspruch auf etwas zu erheben. Wir werden uns beraten, was mit Euch geschieht. Fesselt sie!“ verlangte Harry und schloss einen Moment die Augen. Louis blickte ihn unsicher an. Was hatte er? War er verletzt? Prüfend musterte er Harry, konnte jedoch außer einiger Kratzern keine schweren Wunden entdecken. Doch der Atem des jungen Königs ging zitternd und sein Gesicht zeigte deutlich, dass er Schmerzen hatte, außerdem schien er Schwierigkeiten zu haben, sich auf den Beinen zu halten. „Harry, bist du verletzt?“ fragte er besorgt. „Ja, aber es ist nicht schlimm...“ erwiderte dieser und deutete auf seine linke Wade. Dort war der Stoff seiner Hose zerrissen und blutig, doch was genau Harry dort verletzt hatte, konnte Louis nicht erkennen. „Das wird schon gehen...wir müssen uns jetzt auf etwas Wichtigeres konzentrieren.“ sagte er und folgte Veland humpelnd, der den gegnerischen König zu dem Zelt schleppte, in dem sie den Schlachtplan besprochen hatten.

Zayn schloss sich ihnen nicht an.

Er kniete wenige Meter entfernt im Gras und beugte sich über Cuthbert. Tränen liefen ihm über die Wangen und der Schmerz, der in seinem Gesicht zu lesen war, tat Louis in der Seele weh. Er ging zu Zayn hinüber und kniete sich neben ihn ins Gras. Er brauchte nicht zu fragen, ob Cuthbert noch zu retten war, denn ein Blick auf ihn reichte aus, um zu erkennen, dass er den Pfeil nicht überleben würde. Er lag auf der Seite, während das Geschoss noch immer in seinem Rücken steckte. Seine Augen waren geschlossen und die Haut fahl und blass. „Cuthbert, bitte….du musst durchhalten….“ jammerte Zayn und nahm sein Gesicht vorsichtig in die Hände. Cuthberts Augen flatterten und öffneten sich langsam. Er zitterte und konnte kaum sprechen. „Ich kann nicht anders….“ keuchte er, hob die Hand und legte sie auf Zayns. „Du musst bei uns bleiben..wir brauchen dich. Harry braucht dich...“ - „Harry hat genug treue Freunde...ich habe mein Bestes getan...“ keuchte der Sterbende und es schien ihn seine ganze Kraft zu kosten. „Danke, dass ich dich kennenlernen durfte, mein Freund.“ Zayns Stimme brach und Tränen liefen ihm unaufhörlich über die Wangen. Cuthbert brachte ein müdes Lächeln zustande, dann zitterte er noch einmal, als sei ihm kalt und schließlich fielen ihm die Augen zu. „Nein...das kann nicht sein...er war unser bester Mann. Benjamin dachte, er sei der König und hat es deswegen auf ihn abgesehen...die List hat funktioniert...ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll, oder nicht...“ jammerte Zayn und legte die Stirn gegen Cuthberts Schulter. Auch Louis stiegen die Tränen in die Augen, als er auf den Toten hinabblickte. Cuthbert war einer ihrer besten, wenn nicht sogar der beste Kämpfer gewesen und es fiel ihm schwer zu glauben, dass er tatsächlich gefallen war und sein Leben für Harry gegeben hatte. „Wir müssen ihn mitnehmen. Er kann nicht hier bei den anderen liegen bleiben.“  schluchzte Zayn und stand auf. Gemeinsam packten sie Cuthbert unter den Achseln und zogen ihn durch das hohe Gras bis zu dem Zelt vor dem die gegnerischen Soldaten aneinander gefesselt auf dem Erdboden saßen und von Prinz Nialls Männern bewacht wurden.

Sie legten Cuthbert vorsichtig ein wenig abseits ins Gras und betraten dann das Zelt. Der König kniete auf dem Boden, während Harry vor ihm humpelnd auf und ab ging. Gwydion stand in der Nähe und beobachtete seinen Schützling wachsam, während dieser sprach. Er befahl Benjamin, ihm sein Königreich abzutreten und mit sofortiger Wirkung sein Amt als König niederzulegen. Benjamin sagte nichts, sondern funkelte Harry nur böse an. „Ich deute Euer Schweigen als Zustimmung.“ Harry hielt inne, schien sich kurz sammeln zu müssen und winkte dann ihren Schreiber zu sich heran. „Verlest bitte die Bedingungen für eine Kapitulation.“  sagte er und wandte sich dann ab, während der Schreiber ein Blatt Pergament entrollte und Benjamin die Forderungen Harrys vorlas. Louis schenkte dem keine Beachtung; sein Blick war auf Harry gerichtet, dessen Lippen dieselbe Farbe angenommen hatten, wie seine helle Haut. Die Augen waren blutunterlaufen und er blinzelte langsam, als wäre er plötzlich unglaublich müde. Vorsichtig ließ er sich auf den Boden sinken und biss die Zähne zusammen. Louis konnte nicht weiter zusehen und ging rasch zu ihm: „Du hast Schmerzen….“ sagte er und beugte sich zu ihm hinunter. „Gwydion...“ ächzte Harry und der Druide kniete sich rasch neben Harry auf den Boden. „Was ist passiert?“ fragte er langsam, legte eine Hand unter Harrys Kinn und schob ihm mit dem Daumen die Augenlider nach oben, denn sie drohten ihm zu zufallen. „Mich hat ein Pfeil getroffen….in die Wade...“ - „Hast du ihn herausgezogen?“ fragte der alte Mann und Harry schüttelte den Kopf: „Nein, er ist abgebrochen….ich bin so müde.“ Er schien sich kaum noch aufrecht halten zu können und kippte langsam nach hinten. Louis fing ihn auf und bettete Harrys Kopf in seinen Schoß. Seine Haut war heiß, als er sie berührte und er zitterte. Gwydion zog ein Messer aus dem Gürtel und schnitt das Loch in Harrys Hose weiter aus, um sich die Wunde besser ansehen zu können. Es war nur ein kleines, rundes Loch, das der Pfeil hinterlassen hatte. Das Blut drum herum war verkrustet und die Haut gerötet. Wenn man genauer hinsah, konnte man die Pfeilspitze sehen, die noch in Harrys Muskel steckte. Schnell wandte Louis den Kopf ab, und blickte stattdessen Harry ins Gesicht, der zu ihm aufsah und immer wieder Schmerzlaute von sich gab. „Es ist ungewöhnlich, dass ein Pfeil solche Schmerzen verursacht. Er könnte vergiftet sein.“ murmelte Gwydion. Als Zayn das hörte, trat er an ihren Gefangenen heran, packte ihn an den Haaren, sodass er aufschrie und drückte ihm den Kopf in den Nacken: „Habt Ihr mit vergifteten Pfeilen geschossen?“ fragte er laut und fordernd und der König nickte mit einem gemeinen Grinsen. „Er wird nicht lange durchhalten. Das Gift ist verdammt stark.“ Geschockt blickten alle den Druiden an, der Draca und Leofwine zu sich heranwinkte. „Haltet ihn fest, ich muss die Spitze so schnell wie möglich entfernen und das wird ihm Schmerzen bereiten.“ Alle packten Harry an Händen und Füßen, drückten ihn mit aller Kraft auf den Boden und hielten ihn fest, sodass er sich kaum mehr bewegen konnte. „Shh, es wird alles gut...das kann jetzt kurz wehtun….aber du schaffst das.“ redete Louis auf ihn ein und strich Harry unentwegt übers Gesicht, um ihn abzulenken. Gwydion setzte die Messerspitze an und schaffte es, die Pfeilspitze mit Hebelbewegungen aus der Wunde zu bekommen. Harry schrie auf vor Schmerz, versuchte sich dem Messer zu entziehen, indem er sich hin und her wand, doch alle hielten ihn eisern fest. Louis kniff die Augen zusammen, denn er konnte es kaum aushalten, Harry so leiden zu sehen, doch auch er fixierte ihn am Boden, sodass der Druide in Ruhe arbeiten konnte. „Ahhrrg!!“ brüllte Harry und drückte den Kopf in Louis Schoß. Gwydion zog die abgebrochene Spitze heraus, legte sie sich in die Handfläche und sah sie sich genau an. Niemand sprach ein Wort. Alle hielten Harry fest, der schwer atmend dalag, Tränen in den Augen. „Draca, stille die Blutung. Ich bin gleich zurück.“ wies Gwydion den Jungen mit den Brandnarben an, stand auf und wirbelte aus dem Zelt heraus. Draca nahm seinen Platz ein und drückte die offene Haut zusammen, sodass weniger Blut herausquoll. Alle im Zelt schwiegen. Zayn und Flint packten den gefesselten König und schleppten ihn hinaus, um Harry ein wenig Ruhe und Privatsphäre zu verschaffen. „Es wird alles gut...Gwydion bekommt dich wieder hin...“ murmelte Louis. Harry nickte schwach, öffnete mühsam die Augen und ließ sie dann wieder zu fallen. Er schien unglaublich viel Kraft aufwenden zu müssen, um wach zu bleiben. Louis musterte ihn und fragte sich, wie schnell das Gift wirkte und wie viel Harry davon abbekommen hatte. Es durfte einfach nicht sein, dass er heute hier starb. Nicht, nachdem sie über Benjamin gesiegt und schon Cuthbert verloren hatten, das durfte einfach nicht sein. „Bleib wach...bitte...hörst du...“ flehte Louis und stupste Harry immer wieder an, doch der war zu kraftlos, um noch zu antworten und lag einfach nur da.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis Gwydion wieder ins Zelt kam. Er trug einige Kräuter bei sich, die er zerkaute und in die Wunde drückte. Augenblicklich war Harry wieder bei Sinnen und keuchte vor Schmerz. „Es tut mir Leid, aber nur so kann es ein wenig besser werden.“ sagte Gwydion und hielt den Blick fest auf die Verletzung geheftet. Er wirkte skeptisch. „Was ist? Ist etwas nicht in Ordnung?“ fragte Zayn, der den Blick des Druiden erkannt hatte. „Das reicht nicht aus...die Kräuter allein schaffen es nicht...“ murmelte Gwydion zu sich selbst und schien dann eine Entscheidung zu fällen. „Wir müssen ihn zurück zur Burg bringen. Dort habe ich alles gelagert, was ich brauche, um ihm das Gift aus dem Körper zu ziehen. Rasch. Wir brauchen zwei Pferde!“ Sofort sprangen Flint und Draca auf, um ihr Pony und das Pferd von Benjamin zu holen. Louis und Gwydion zogen Harry auf die Beine und stützten ihn. Er schien halb ohnmächtig zu sein und strauchelte immer wieder. „Er wird sich nicht allein auf einem Pferd halten können.“ befürchtete Louis. Sie standen vor zwei kräftigen Tieren und er schüttelte den Kopf. „Du wirst mit ihm reiten. Setze sich hinter Harry und halte ihn fest. So können wir es schaffen.“ Gwydion half Flint, Harry auf das Pferd zu bekommen, dann hielte sie ihn, bis Louis ebenfalls auf den Rücken des Wallachs geklettert war. Er schlang die Arme um Harrys Taille und presste ihn an sich. „Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Der Zauberer schwang sich auf den Rücken des zweiten Pferdes und wandte sich dann an Zayn: „Ich übertrage dir die Führung. Tut mir den Gefangenen, was euch für richtig erscheint.“ sagte er. Zayn nickte. Noch immer glitzerten Tränen in seinen dunklen Augen, denn jetzt musste er neben Cuthberts Tod auch noch um das Leben seines Freundes bangen. Mit einem kräftigen Druck gegen den Bauch des Pferdes, trieb Gwydion sein Tier an und das von Louis folgte sofort. Wie eilig sie es hatten, wurde ihm erst klar, als der Zauberer die Tiere in einen schnellen Galopp trieb und die Bäume nur noch so an ihnen vorbei flogen. Hoffentlich wusste sein Pferd, wohin es laufen musste, denn Louis konnte sich nicht um die Steuerung kümmern. Er behielt Harry im Blick, der leise stöhnend in alle Richtungen schwankte und den Kopf gegen Louis Schulter lehnte. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn und er zitterte. „Du musst es schaffen, hörst du? Ich darf dich nicht verlieren...bitte Harry. Bleib am Leben.“    
Melde dich bei Movellas anFinde heraus worüber alle reden. Registriere dich jetzt bei Movellas und teile deine Kreativität und deine Passion
Lade ...