Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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40. Der Galgen unter freiem Himmel

Das Plateau erbebte und Louis öffnete die Augen wieder. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er sie geschlossen hatte. Neben sich spürte er einen Schatten und wandte den Kopf ein bisschen zur Seite. König Jonathan, gekleidet in prächtigen Gewändern, mit Schwert am Gürtel, stand nun neben ihm und blickte erhobenen Hauptes auf die Menschen hinab, die vor dem Plateau standen. Alle blickten ihn ehrfürchtig und ängstlich an. Niemand sprach ein Wort und so musste der König die Stimme nicht sonderlich laut erheben, als er das Wort an sein Volk richtete:
„Mir wurde zugetragen, dass in meinem Reich noch immer an der Hoffnung festgehalten wird, es gäbe irgendwo in den Wäldern einen Jungen, der meinen Platz einnehmen kann.“ sagte er und das Volk raunte leise. „Das ist eine Legende! Nichts als eine Legende. Ich bin Herrscher über dieses Land und Niemand wird mir meine Macht streitig machen. Jeder, der weiter an meiner Macht zweifelt, wird meine harte Hand zu spüren bekommen und hingerichtet werden. Dieser Junge, hat einen meiner Männer getötet und wird heute dafür bezahlen! Lasst es euch eine Warnung sein! Es gibt keinen heimlichen Thronfolger, der in den Wäldern wartet. Niemand, der mich je vom Thron stoßen kann!“ Jonathan nickte dem Henker zu, der hinter Louis stand und ihn an den Schultern packte. Er stellte ihn auf einen Stuhl und legte ihm die Schlinge um den Hals. Die Handgriffe wirkten erschreckend routiniert. Louis biss die Zähne zusammen und versuchte die Tränen der Verzweiflung und Enttäuschung zurückzuhalten, doch sie waren stärker und rannen ihm über die Wangen, ohne dass ein Laut seine Lippen verließ. Das Seil war hart, steif und kratzte unangenehm auf der Haut, als der Henker den Knoten enger zog. Auf dem Plateau und der Rasenfläche war es still. Niemand sagte etwas und alle sahen Louis an, dessen Herz in seiner Brust nun so schnell schlug, als wollte es in den letzten Momenten seines Lebens nochmal alles geben. „Ich habe Boten aussenden lassen. Sie haben im ganzen Land von der heutige Hinrichtung berichtet. Wenn es den angeblichen, rechtmäßigen Thronerben gäbe, und er sich so um seine Mitmenschen sorgte, wie ihr euch das immer so gerne gegenseitig erzählt, dann wäre er heute hier, um diesen Jungen zu befreien!“ rief Jonathan und lachte dabei hämisch. Es schien, als wollte er seine Ansprache in die Länge ziehen um Harry, sollte er wirklich in der Nähe sein, die Möglichkeit zu geben, sich zu offenbaren. Aber es passierte nicht. Hektisch suchte Louis die Menschenmenge ab und hoffte, vielleicht Bewegung darin zu erkennen. Jemanden zu sehen, der sich zwischen ihnen hindurch nach Vorne schob. Aber alles standen still, wie Salzsäulen. „Dieser Junge hat meinen Steuereintreiber getötet und sich dessen Einnahmen zu Eigen gemacht! Dafür wird er heute mit dem Leben bezahlen. Und wie ihr seht, niemand aufgetaucht, um ihn zu befreien.“ sagte der König und gab dem Henker ein Zeichen. Er trat einen Schritt auf Louis zu und machte Anstalten, ihm den Stuhl unter den Füßen wegzuziehen. Louis zitterte vor Angst am ganzen Körper und wenn er gekonnt hätte, hätte er geschrien, doch ihm schien die Luft wegzubleiben und seine Stimme versagte. Die Aussicht, gleich Schmerzen erleiden und sterben zu müssen war so schrecklich, dass er nicht mehr klar denken konnte. Er spürte die Nähe des Henkers hinter sich und kniff die Augen zusammen, machte sich auf den Fall gefasst.
Ein Sirren war zu hören, die Menge schnappte gemeinsam nach Luft und Louis wartete auf den Schmerz, doch es kam nichts. Stattdessen fiel ein schwerer Körper neben ihm auf den Holzboden des Plateaus und ließ alles erzittern. Erschrocken riss Louis die Augen auf und sah nach unten. Der Henker lag rücklings mit einem Pfeil in der Kehle da – er war tot. Sofort schoss Louis Blick zu Jonathan, der nicht minder konfus auf seinen Henker hinuntersah. „Ihr werdet mit dem Leben bezahlen, dass Ihr das Volk so ausgebeutet und Euch die Macht mit Gewalt genommen habt!“ rief eine Stimme aus der Menge und endlich sah Louis Bewegung unter den Zuschauern. Eine Gestalt mit Kapuze, gefolgt von einer weiteren, bahnte sich den Weg zum Plateau. Im Laufen zog der rechtmäßige König ein Schwert aus dem Gürtel und es traf klirrend gegen das Jonathans. „Ich wusste, dass du so dumm sein wirst und dich offenbarst.“ konnte Louis Jonathan zischen hören, der sein Schwert mit beiden Händen festhielt und kraftvoll gegen Harry kämpfte. Doch der war überaus flink und widersetzte sich dem König gut. Außer Louis war Niemand auf dem Plateau, der hätte eingreifen können und so kämpften sich die Beiden Männer um ihn herum. Schwerter klirrten, begleitet vom Ächzen, wenn einer der Beiden kraftvoll ausholten. Louis erhaschte einen kurzen Blick auf Harrys Gesicht und es war, als hätte er einen anderen Harry vor sich. Das hier war nicht mehr der Junge, der im Wald groß geworden war und der Wild  jagte und Reisende überfiel. Nein, hier kämpfte eine König auf Leben und Tod um seinen rechtmäßigen Platz. Harry trug keinen Pfeil und Bogen bei sich, fiel Louis auf und er suchte die Menschenmenge ab, bis er in zwei dunkelbraune Augen blickte, die ihn ansahen. Zayn schien Louis befreien zu wollen, denn er machte Anstalten, ebenfalls auf das Plateau zu steigen, doch Harry und Jonathan kämpften so ausladend miteinander, dass er Gefahr laufen würde verletzt zu werden, wenn er sich nur näherte. „Du wirst Niemandem hier in diesem Land mehr etwas antun.“ keuchte Harry und hieb auf Jonathans Schwert ein. „Das glaube ich nicht.“ antwortete der König und trat mit voller Wucht gegen den Stuhl auf dem Louis stand.

Er konnte sich nicht mehr abfangen und fiel ins Seil, das sich fest um seinen Hals zog, als er keinen festen Boden mehr unter den Füßen hatte. Weil er nicht frei gefallen, sondern gekippt war, hatte ihm der Knoten im Seil nicht das Genick gebrochen, wie es sonst der Fall gewesen wäre und es schnürte Louis nun die Luft ab. Das Seil drückte ihm gegen den Adamsapfel und alles was er hervorbrachte, war ein Gurgeln. Wieder war ein Sirren zu hören und ein Pfeil schoss auf das Seil zu.

Zayn hatte sich alle Mühe gegeben, doch hatte er das Seil nicht ganz in der Mitte getroffen, sodass es sich zwar aufdröselte, doch nicht ganz riss und Louis dadurch noch immer die Luft abschnürte. „Louis!“ rief Harry und versuchte in seine Nähe zu gelangen, doch Jonathan schnitt ihm den Weg ab und grinste ihn zähnefletschend an. Er wollte, dass Louis vor Harry Augen starb. Wieder holte Harry aus und traf Jonathans Schwert mit solcher Wucht, dass es ihm aus der Hand fiel und mit einem dumpfen Klonk auf dem Boden landete. Auch Harry hatte seine Waffe durch den harten Schlag verloren und hechtete nun nach dem Schwert des Königs, das ihm am Nächsten lag. Jonathan ergriff nun Harrys Waffe und nutzte den Moment, dass sein Gegner am Boden lag.  Die Klinge traf Harrys Seite im selben Augenblick als Zayns zweiter Pfeil abgefeuert wurde und das Seil endlich durchtrennte und Louis schlapp und bewusstlos aus der Luft auf die Holzplanken fiel. Harry schrie auf. Ob vor Schmerz oder, weil er Louis für tot hielt, wusste Niemand. Obwohl er noch am Boden lag, ergriff er das Schwert mit beiden Händen und erwischte den König unter der Achsel. Der Schnitt war tief und das Gift an der Klinge, von der Niemand außer Louis und der König selbst etwas wusste, wirkte sofort. Jonathan taumelte und sackte in sich zusammen, während er noch versuchte sich zu wehren, doch das Gift war stärker und machte ihn bewegungsunfähig. Er rief schockiert nach seinen Wachen und den Soldaten, doch Niemand rührte sich in den Reihen der bewaffneten Männer. Als Jonathan seinen letzten Atemzug tat, kroch Harry über den Boden zu Louis hin. Zayn kniete bereits neben ihm und nahm ihm die Schlinge vom Hals, zog den leblosen Körper auf seinen Schoß, beugte sich darüber und horchte, ob ein Atemzug zu vernehmen war. „Er atmet noch….“ stieß er erleichtert aus und Harry lächelte, obwohl ihm deutlich anzusehen war, dass er starke Schmerzen hatte. Eine Hand drückte er sich auf die blutende Seite, wo der Stoff bereits aufgerissen und dunkel verfärbt war. Schnelle Schritte näherten sich und Prinz Niall stürmte auf das Plateau. Er war blass und atmete beinahe so schwer wie Harry, als er neben ihm auf die Knie sank: „Ich dachte, ihr kommt nicht mehr. Dabei hatte ich meine Boten schon losgeschickt, noch bevor dieser Bastard es getan hat. Wieso habt ihr so lange darauf gewartet einzugreifen? Ich bin beinahe gestorben vor Angst.“ fragte er Harry und Zayn und blickte sie an, als könne er nicht glauben, dass sie ihn so hatte zittern lassen. „Wir mussten den besten Moment abwarten.“ keuchte Harry, hustete und strich dann liebevoll über Louis Wange. „Er braucht einen Heiler.“ sagte Prinz Niall und sah sich um: „Wo ist denn der Druide und die anderen? Oder wart ihr etwa so töricht und seid nur zu zweit hergekommen?“ Zayn gluckste: „Nein, die anderen haben sich die Burg vorgenommen.“ - „Das wäre nicht nötig gewesen. Ich habe in den letzten Tagen meine Soldaten unter die des Königs gemischt und die Kontrolle über seine Armee übernommen. In diesen Mauern hört jetzt alles auf mein Kommando.“ Der Prinz klang stolz und grinste, weil sein Plan so gut funktioniert hatte. Als sie sich erhoben und Harry sich dem Volk zuwandte, das noch immer völlig überrumpelt vor dem Galgen stand, rief ein alter Mann: „Ihr seht aus, wie Edward!“ - „Ich bin sein Sohn.“ sagte Harry und augenblicklich brach das Volk ihn Jubelschreie aus.

Jedem hier schien klar zu sein, dass Harry nun den Thron übernahm und es ihnen unter seiner Herrschaft deutlich besser gehen würde. Sicherlich hätte der neue König seinen Triumph gerne ausgekostet, doch die Schmerzen der Wunde, die ihm im Kampf zugefügt worden waren, waren so stark, dass seine Knie einknickten und er strauchelte. „Wir müssen ihn schnell wegbringen.“ Mit der Hilfe mehrerer Bauern, wurden Harry und Louis auf einen Karren geladen und so schnell wie möglich den Berg hinauf ins Schloss gebracht, wo Gwydion auf sie wartete.

Der Druide kam ihnen besorgt und mit eiligen Schritten entgegen, als der Karren durch das Tor auf den Burghof rumpelte. Stützte sich im Gehen auf seinen langen Stab und ging dann besorgt neben dem Karren her und blickte auf die beiden jungen Männer hinunter, die auf den Säcken mit Lebensmitteln lagen, die mit der Karre transportiert worden waren. „Mir nach! Bringt die Beiden mit.“ forderte er und hastete eine schmale Treppe hinauf. Zayn trug Louis und Prinz Niall stützte Harry, der vorsichtig ging und bei jedem Schritt zischend die Luft zwischen die Zähne zog, weil er Schmerzen hatte. Gwydion hastete ihnen voran mit wehendem Mantel eine Treppe hinauf, einen Flur entlang, bis sie in ein Zimmer kamen, das spärlich bestückt war. Louis wurde auf einem Holztisch abgelegt und Gwydion beugte sich über ihn. Mit einer Handbewegung zu Zayn hin deutete er auf eine Feuerstelle über der ein Kessel hing. „Wasch Harrys Wunde aus, ich kümmere mich gleich um ihn.“ wies er ihn an, dann zog er ein Messer aus dem Gürtel, durchtrennte Louis Fesseln und tastete seinen Brustkorb und den Hals ab, legte ihm die Hände auf und murmelte leise vor sich hin. Zayn half Harry dabei, die Kleidung abzulegen und wusch dann das Blut mit einem feuchten Tuch ab, bis die Wunde sauber und gut zu erkennen war. Prinz Niall wandte angewidert das Gesicht ab, als er das offene Fleisch sehen konnte und wurde dann von Gwydion zu sich herangewinkt. „Habt ein Auge auf den Jungen, ich kümmere mich um Harry.“ sagte er, durchquerte mit langen Schritten das Zimmer und kümmerte sich dann um die Schnittverletzung.    
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