Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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4. Der Fremde

Louis versuchte alles, was ihm einfiel, um sich selbst aus dem Loch zu befreien, doch er schaffte es einfach nicht. Er hatte die Äste aufgeschichtet, in der Hoffnung, die als Leiter nutzen zu können, doch das Loch war einfach zu tief, außerdem war die Erde so krümelig, dass sie ihm unter den Fingern wegbrach und er immer wieder auf den Boden der Grube zurückfiel. Trotzdem gab er nicht auf, sondern kämpfte weiter, obwohl er keine Kraft mehr hatte und ihm vor Anstrengung schon ganz schwindelig war, doch es blieb ihm nichts anderes übrig, wenn er dem Besitzer dieser Grube entkommen wollte.

Als die Sonne aber aufging und der Wald über der Grube langsam heller wurde, war Louis vollkommen am Ende seiner Kräfte. Er hatte aufgegeben – sollte man ihn doch töten – es war ihm alles egal. Sein Körper war ausgelaugt, sein Magen leer und tat schon richtig weh vor Hunger und seine Kehle war so trocken, dass sogar das Schlucken schmerzte.
Der Regen hatte nachgelassen, zumindest war das Rauschen der Regentropfen nicht mehr zu hören.
Louis setzte sich auf den matschigen Boden und machte sich ganz klein. Hoffentlich kam heute Niemand, um die Grube zu kontrollieren. So schlecht es ihm momentan ging – sterben wollte Louis nun doch noch nicht. Seine Hand zitterte und sein verletzter Daumen fühlte sich heiß und geschwollen an, als er die Hand hob, um sich nasse Haarsträhnen aus den Augen zu streichen.
Wenn doch nur seine Eltern noch am Leben wären.

Vor seinen Augen verschwamm alles, als er in Gedanken einige Jahre zurückreiste.
Sie hatten in einem kleinen Haus gelebt, zu dem auch Ackerland gehört hatte. Zusammen mit seinem Vater, war Louis täglich auf dem Acker gewesen, hatte die Erde umgepflügt und bestellt. Obwohl die Ernte nicht sonderlich reichhaltig ausgefallen war und die kleine Familie jeden Winter gerade so über die Runden gekommen war, hatten sie doch zusammengehalten und Louis hatte sich sicher und behütet gefühlt. Doch irgendwann war sein Vater krank geworden und gestorben, seine Mutter kurz darauf und Louis war allein gewesen. Den Acker und das Haus konnte er allein nicht mehr halten und hatte er schweren Herzens an die Nachbarn abgegeben, die ihn im Gegenzug dafür einige Zeit ernährt hatten. Doch im nächsten Frühling waren sie der Meinung gewesen, dass ihre Schuld für das Haus beglichen war und Louis hatte weiterziehen müssen. Seitdem war er von Dorf zu Dorf gezogen und hatte als Erntehelfer, oder Schafhirte den Bauern seine Dienste angeboten. Nur selten war er mit Talern dafür entlohnt worden, meistens gab es eine warme Mahlzeit und einen Platz zum Schlafen, doch das war kein Leben für Louis gewesen. Kein Zuhause zu haben setzte ihm mehr zu, als er eigentlich zugeben wollte. Wie gerne hätte er wieder Jemanden bei sich, der ihn ab und an in den Arm nehmen würde und ihm sagte, dass er wichtig war. Doch er war Niemandem mehr wichtig und das machte ihn manchmal wirklich traurig. Wie gerne würde er wieder mit seinen Eltern sprechen können, sie in den Arm nehmen und sie darum bitten, ihn nicht zu verlassen. Doch es ging nicht, denn sie waren tot und er würde sie nie mehr wieder sehen.
Louis schluckte den Knoten herunter, der sich in seinem Hals gebildet hatte und unangenehm drückte, dann riss ihn ein Geräusch aus seinen Gedanken: knackende Äste und das Rascheln von Blättern auf dem Waldboden. Jemand oder Etwas näherte sich der Grube und Louis Herz fing ganz schnell an zu schlagen. Vorsichtig, um kein Geräusch zu machen, setzte er sich ein wenig aufrechter hin und lauschte, vielleicht gelang es ihm zu erraten, ob sich ihm ein Mensch, oder ein Tier näherte. Die Schritte waren gleichmäßig und bedacht. Kein Wolf oder Wildschwein würde sich so bewegen und er war sich schnell sicher, dass sich da ein Mensch auf ihn zubewegte. Die Schritte kamen immer näher und das Gefühl hier in diesem Loch zu sitzen und nicht weglaufen zu können war unbeschreiblich. Wie gerne hätte er jetzt Flügel gehabt und wäre davon geflogen, doch er war dazu verdammt auf dem kalten Erdboden zu sitzen und darauf zu warten, dass die Person, die sich ihm näherte, den Kopf über den Rand der Grube schob und ihn sah.
Mit einem Mal war es still, dann tauchte direkt über ihm ein Kopf auf, der zu ihm heruntersah. Das Gesicht konnte Louis nicht erkennen, denn die Person trug eine spitze Kapuze und Louis wurde vom Tageslicht geblendet. „Was macht ihr in meiner Falle?“ fragte der Mann und Louis sah unsicher zu ihm auf: „Ich hatte nicht die Absicht hier hinein zu fallen, das könnt Ihr mir glauben, mein Herr.“ verteidigte er sich und sah nach oben. „Wer seid Ihr?“ fragte er schnell und von dem Mann kam ein spöttisches Lächeln. „Ihr fragt mich, wer ich bin? Es sollte wohl eher an mir sein, hier die Fragen zu stellen. Immerhin befindet IHR euch in MEINER Falle, nicht wahr?“ - „Ja, Ihr habt recht. Entschuldigt.“ antwortete Louis und senkte rasch den Kopf. „Nun, wer seid Ihr?“ fragte der Mann noch einmal und klang dabei nicht freundlicher, als beim ersten Mal. „Mein Name ist Louis. Ich...ich bin auf Wanderschaft und in der Nacht hier hinein gefallen.“ antwortete er und versuchte so dem Mann nicht sagen zu müssen, dass er Geächteter war. Solange er nicht wusste, ob der Mann zu Jonathans Männern gehörte oder nicht, hielt er das für keinen klugen Zug. „Soso. Auf Wanderschaft seid Ihr? Wohl nicht ganz freiwillig. Wo ist Euer Gepäck und Euer Wanderstock?“ Der Fremde war ganz schön clever und trieb Louis in die Enge. „Ich bin noch nicht lange auf Wanderschaft und habe deswegen noch kein Bedürfnis gehabt, einen Stock bei mir zu führen.“ Wieder ertönte ein spöttisches Lachen von dem Mann mit Kapuze und er sagte ganz ruhig und sachlich: „Hört mir zu: ich kann Euch hier herausholen, WENN Ihr mir sagt, wer Ihr wirklich seid. Ich werde Euch sagen, wer ich bin: ich bin ein Geächteter und gehöre zu den Merry Men. Schonmal von uns gehört?“ - „Nein Sir.“ antwortete Louis rasch und war erleichtert zu hören, dass der Mann am Rand der Grube ebenfalls vogelfrei war, genau wie er selbst. „Wir sind ein Zusammenschluss von Vogelfreien. Unser Leiter ist ein Druide. Wenn Ihr mit uns nichts zu tun haben wollt, weil Ihr nur ein Mann auf der Durchreise seid, kann ich das verstehen. Dann lasse ich Euch hier raus und Ihr könnt weiterziehen. Wenn ihr ein Gefolgsmann von König Jonathan seid und mich belügt, werde ich Euch auf der Stelle töten und Euch hier in diesem Loch verrotten lassen. Habt Ihr mich verstanden?“ Wenigstens sorgte der Mann gleich für klare Verhältnisse und das wusste Louis zu schätzen. Er war also auch vogelfrei und hatte wohl eine Art Familie. Der Gedanke gefiel Louis und er gestand dem Mann, dass auch er ein Geächteter war. Zum Beweis hob er seine rechte Hand und zeigte die Verletzung, die ihm der Henker zugefügt hatte. „Gut, ich glaube Euch. Ich lasse euch ein Seil herunter, raufklettern müsst Ihr alleine.“ mit diesen Worten verschwand der Mann und einen Moment später flog ein Seil in die Grube hinunter. Es war aus langen Gräsern geflochten und Louis umgriff es zögernd, dann zog er sich aus der Grube heraus und versuchte dabei seine rechte Hand möglichst wenig zu benutzen. Bäuchlings rutschte er über die Kante ins Gras, das noch feucht vom nächtlichen Regen war und richtete sich dann hastig auf. Einem Fremden zu Füßen zu liegen, von dem er nicht wusste, ob er bewaffnet war, war nicht sonderlich klug. Der Fremde bückte sich, machte das Seil los, das er an einem nahestehenden Baum festgebunden hatte und wickelte es auf, dann nahm er die Kapuze ab und Louis sah zum ersten Mal sein Gesicht. Er konnte nicht viel älter sein als er selbst, hatte einen dunklen Bart und dunkle Augen, die ihn noch immer misstrauisch musterten. Seine Lippen waren voll und geschwungen und sein Haar dicht und dunkel. Er trug eine Augenklappe über einem Auge, die mit einem Band um seinem Kopf festgemacht war. Unter einem Umhang mit Kapuze, der in einem Braunton gehalten war, der ihn im Wald mit Sicherheit unsichtbar machte, trug er einen grauen Kittel, dunkle Hosen und Stiefel. Im die Brust hatte er einen Gurt geschnallt, an dem ein Köcher mit Pfeilen auf seinem Rücken befestigt war. In der Hand hatte er einen Langbogen und der Griff darum war so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. „Ich traue Euch erst, wenn unser Anführer das tut.“ sagte er und machte damit seine Position unmissverständlich klar. Louis nickte und der Blick des Mannes fiel auf seine verletzte Hand. „Unser Druide wird sich das ansehen. Mit Kräutern kann man sicherlich ein wenig der Schmerzen lindern.“ - „Wie ist denn Euer Name? Ist es mir gestattet, das zu fragen?“ Louis sprach leise, denn er wollte den Mann, der da bewaffnet vor ihm stand nicht bedrängen. „Mein Name ist Zayn. Kommt mit, ich bringe Euch zu den Merry Men.“ sagte er schlicht, machte einen Schritt auf Louis zu und tastete ihn ab. Vermutlich wollte er sich vergewissern, dass er keine Waffen bei sich trug, dann erst drehte er sich um und ging vor ihm her durch das Unterholz. Schweigend folgte Louis Zayn durch den Wald und hatte bald keine Ahnung mehr, wie lange sie schon gegangen waren. Am Stand der Sonne konnte er sich nicht orientieren, denn noch immer war der Himmel von den vielen Blättern verdeckt. Zweimal mussten sie eine Straße passieren und duckten sich vorher lange ins Gebüsch, bis sie sicher sein konnten, dass Niemand in der Nähe war, der sie sehen konnte, erst dann huschten sie schnell über die Straße und verschwanden wieder im Dickicht auf der anderen Seite. Louis hätte gerne gewusst, wer die Merry Men genau waren, doch da Zayn ihm bereits gesagt hatte, dass er ihm noch nicht traute, ehe er ihm dem Druiden vorgestellt hatte, schwieg er lieber und stellte keine Fragen.
Nach einem langen Fußmarsch, der sicherlich einen halben Tag gedauert hatte und bei dem sie keinem Menschen begegnet waren, lichtete sich der Wald ein wenig und Sonnenstrahlen fielen bis zu ihnen hinunter auf den Waldboden, der mit Klee und kleinen Blümchen bedeckt war. Zayn ging in die Knie, nahm einige Blätter genauer in Augenschein und riss dann ein dunkles Kraut ab, das als feine Blätter inmitten der Blumen wuchs. Er zerrieb die Blätter in der Hand, schob sie sich in den Mund und deutete dann auf Louis Hand. „Nehmt das mal ab.“ sagte er und half ihm sogar dabei das Lederband zu lösen. Der Schmerz wurde noch stärker, als Zayn die Stütze abnahm und sich Louis Verletzung ansah. Der Daumen war gerötet, angeschwollen und aus der Wunde trat eine dicke, gelbliche Flüssigkeit aus. Zayn zerkaute das Kraut, nahm Louis Hand und legte die Blätter genau in die offenen Stellen. „Ich weiß, dass tut weh, aber das Kraut kann den Schmerz ein wenig stillen, damit Ihr durchhaltet, bis wir da sind.“ Louis nickte, obwohl ihm vor Schmerz wieder die Tränen in den Augen standen. Zu gerne hätte er seine Stütze zurück, doch Zayn schien sich ein wenig auszukennen und wenn er der Meinung war, dass diese Stütze gerade nicht hilfreich war, dann glaubte Louis ihm das. „Los weiter, dann schaffen wir es noch bis zum Anbruch der Nacht anzukommen.“ mit diesen Worten erhob sich Zayn wieder und stapfte weiter durch den Wald. Louis auf den Fersen.

Obwohl sie Niemandem begegneten, hatte Zayn einen Pfeil aus seinem Köcher auf die Sehne des Bogens gelegt und hielt ihn während des ganzen Marsches in Bereitschaft. Offenbar war er es gewohnt, auf der Hut zu sein und Louis war erleichtert darüber, dass er so wachsam war, denn er selbst konnte nur darauf achten, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Sie kamen wieder in einen Bereich des Waldes, der dichter bewachsen und somit dunkler war und Zayns Umhang verband sich so geschickt mit der aufsteigenden Dämmerung, dass Louis es kaum wagte zu blinzeln, aus Angst, er könnte den Bogenschützen aus den Augen verlieren. Das Kraut auf seiner Hand wirkte tatsächlich ein wenig, zumindest hatte der Schmerz ein wenig nachgelassen, als sie auf eine Lichtung traten. „Wir sind da.“ murmelte Zayn und blieb stehen. Louis hob den Blick und erkannte den Baum sofort wieder.

Liam hatte ihn gut beschrieben. Der Stamm der Eiche war knorrig und so dick, dass es sicherlich mehrere Männer brauchte, um ihn umfassen zu können. Die untersten Äste waren so schwer, dass sie von ihrem eigenen Gewicht bis auf den Waldboden herunter gedrückt worden und dort mit der Erde verwachsen waren. Es schien, als stützte sich der Baum mit langen Armen auf dem Boden ab, weil er aus eigener Kraft nicht mehr allein stehen konnte. Die Rinde war borkig und dunkel und an manchen Stellen schien es, als könne man in den Baum hineinsehen. „Das ist unser Lager. Hier leben wir und von hier aus….nun, das werdet Ihr noch erfahren.“ unterbrach Zayn sich selbst und schritt zwischen den alten Ästen hindurch auf den Baumstamm zu. Louis glaubte, ab und zu einen Lichtschein zu erkennen, der aus dem Baum selbst zu kommen schien. Es war ein warmes Licht, das ein wenig flackerte. Vielleicht ein Feuer? Zayn blieb stehen, hob die Hände an die Lippen und ahmte den Schrei einer Eule nach, dann wartete er und dasselbe Geräusch, das direkt aus dem Baum zu kommen schien, ertönte. „Wir dürfen eintreten. Kommt mit.“ Zayn ging auf den Baum zu und schob sich zwischen einen Spalt in der Rinde, dann war er verschwunden. Zögernd blieb Louis stehen: er sollte wirklich in den Baum hinein? „Lasst nicht zu lange auf Euch warten.“ ertönte eine ungeduldige Stimme von Innen und schnell schob sich Louis ebenfalls durch den Spalt und verschwand im Inneren des Baumes.        
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