Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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63. Der Bruder des Königs

„Das ist sehr ehrenwert von dir, Harry.“ Zayn nickte seinem Freund und König zu. Sie hatten ihm von Louis Beobachtung erzählt und er hatte ihnen zugehört, ohne etwas zu sagen. „Wann wirst du ihr mitteilen, dass du davon weißt?“ hakte er nach, stand auf und ging vor dem steinernen Kamin auf und ab. „Es müsste ein gut gewählter Zeitpunkt sein, damit das Ganze ein wenig mehr Wirkung hat.“ Harry nickte und wollte gerade antworten, als die Tür des Thronsaals aufging und Flint mit schnellen Schritten auf sie zukam. Der Ausdruck in seinem Gesicht war ernst und in Louis machte sich schon wieder die Angst vor schlimmen Nachrichten breit. Er fragte sich, wie viele davon er noch aushalten konnte. Harry, der ähnliche Gedanken zu haben schien, war aufgestanden und sprach Flint an, bevor er sie erreicht hatte: „Du hattest Wache auf dem Turm, nicht wahr? Was hast du gesehen?“ - Ich sah eine Rauchsäule im Norden und einen Zauberer, der sich auf dem Weg zu uns zurück macht.“ antwortete Flint mit todernster Miene, bevor sich sein Mund zu einem Lächeln verzog: „Gwydion kommt zurück.“ Er hatte ihnen mit seinem ernsten Gesicht einen Bären aufgebunden und sie glauben lassen, er hätte schlechte Nachrichten. Louis sank erleichtert in Harrys Arme, der den Kopf schüttelte und ihn sanft aber bestimmt, von sich schob. Auch Zayn schien auf Flint hereingefallen zu sein, denn er atmete erleichtert aus, bevor er dem rotblonden Merry Men spielerisch einen Schlag verpasste: „Tu das nie wieder, hörst du?“ Flint lachte und wehrte Zayns zweite Kopfnuss ab, indem er eine elegante Drehung vollführte. „Lass mir doch den Spaß. Auch in dunklen Tagen sollte man seine gute Laune bewahren. Wer weiß schon, mit welchen Neuigkeiten uns der alte Mann beglücken wird.“

Laut Flint war Gwydion gerade auf halbem Weg den schmalen Pfad zur Burg hinauf. Von seinem Ausguck auf dem Turm hatte er eine gute Sicht auf den Weg, der sich dunkel und matschig von dem hellen Schnee ringsherum abzeichnete. Es würde noch eine Weile dauern, bis er bei ihnen angekommen war. Während Flint beschloss, dem alten Mann zu Pferd entgegen zu reiten, trommelten die Anderen, alle Merry Men und die Soldaten von König James zusammen. Louis wurde darum gebeten, Liam und Ed zu suchen, während Zayn zu den Soldaten auf die Wiese ging. Harry, der die Burg nicht verlassen sollte, würde Veland und Leofwine holen, die im Burghof arbeiteten. „Sobald ich sie gefunden habe, werde ich mich um die Königin kümmern. Sie sollte auch dabei sein, wenn der Zauberer eintrifft. Immerhin haben sie einander ja noch gar nicht richtig kennengelernt.“

In Begleitung des Königs, ging Louis die Freitreppe hinunter in den Hof. Veland konnten sie schon von Weitem sehen: er stand am Feuer in der Schmiede und bearbeitete eine Lanze mit einem schweren Hammer, von dem Louis schon beim bloßen Anblick die Muskeln schmerzten. „Wir sehen uns gleich.“ Harry griff rasch nach Louis Hand, was unter ihren Umhängen nicht auffiel, drückte sie kurz und schenkte ihm einen liebevollen Blick, dann ging er zur Schmiede davon und Louis blieb einen Moment etwas ratlos zurück. Ed und Liam hatten die Angewohnheit entwickelt, sich ab und zu zurück zu ziehen und man bekam sie oft stundenlang nicht zu Gesicht. Vermutlich störte sie es ein wenig, im Thronsaal zu sitzen, wo sich alle miteinander unterhielten, während sie sich kaum verständigen konnten. Suchend durchstreifte Louis die Burg und gelangte dabei in Gänge, die er bisher nie betreten hatte. So fand er einen kleinen Raum, der nach dem Thronsaal sicherlich einer der Schönsten der Burg war. Verblasste Wandteppiche hingen an den Mauern zwischen den Fenstern und der Fußboden war auch hier aus Holz gefertigt. Als er den Raum betrat, blieb er ergriffen stehen. Eine Melodie erklang aus dem hinteren Teil des Raumes und sie war so schön, dass er einen Augenblick stehenblieb und lauschte. Auf dem Markt hatte er früher ab und zu Spielmänner gesehen, die es gelernt hatten, Instrumente zu spielen, doch hatte er schon fast vergessen, wie es geklungen hatte. Die Töne klangen in dem Raum wider und Louis schloss die Augen. Es war, als würde die Melodie ihn erfassen und schweben, ja ihn alles vergessen lassen, was ihm auf der Seele lag. Mit einem Mal verstummte die Musik und Louis öffnete die Augen wieder. Aus einer Ecke, die ein wenig im Dunkeln lag, war ein Brummen zu hören und er erkannte sofort, dass es sich um Liam handelte. „Liam? Ed?“ Ein Keuchen und ein Brummen antworteten ihm und Louis ging rasch zu ihnen. Als er der Ecke näher kam und sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er die Beiden, wie sie zusammen auf dem Boden saßen und beide ein Instrument in der Hand hielten. Wenn er sich nicht ganz irrte, dann handelte es sich dabei um eine Laute, ein Saiteninstrument, das sehr schwer zu spielen war. „Wo habt ihr das denn her?“ fragte Louis und deutete darauf. „Gefunden“ sagten Eds Lippen, ohne einen Ton von sich zu geben. „Habt ihr euch das Spielen selbst beigebracht?“ fragte Louis und beide nickten stolz. „Das müsst ihr unbedingt den Anderen zeigen. Es klingt wundervoll. Aber jetzt muss ich euch leider unterbrechen. Gwydion ist auf dem Weg zurück und wir wollen uns alle im Thronsaal versammeln, um ihn zu empfangen und seine Neuigkeiten zu erfahren.“ erklärte Louis und die Beiden standen auf. Nach einer kurzen Debatte, die sie nur mit den Händen ausführten, entschieden sie sich dazu, die Instrumente mitzunehmen und folgten Louis dann aus dem Saal.

Als sie den Thronsaal betraten, waren auch die Soldaten angekommen und legten gerade ihre Umhänge ab. Ihre Gesichter waren gerötet und in ihren Haaren und Bärten hatten die Schneeflocken eine Kruste gebildet. Sie drängten sich alle um den Kamin, um sich die Hände ein wenig aufzuwärmen und schirmten so das Licht der Flammen vom restlichen Raum ab, wodurch es ziemlich dunkel im Thronsaal war. Durch das Gewusel und die vielen Menschen war es ziemlich voll und Louis blieb erst einmal ein wenig abseits stehen. Plötzlich packte ihn eine Hand am Arm und er wurde hinter eine Säule gezogen. „Was soll...“ fing er an, doch dann erkannte er Harry, der im Schatten stand, ihm die Hand auf den Mund presste: „Ich wollte nur die Gelegenheit nutzen, dass alle beschäftigt sind.“ raunte er, nahm die Hand weg und zog Louis stattdessen in einen Kuss. Seufzend erwiderte er ihn, legte die Arme um Harrys Hals und zog ihn an sich. „Ich liebe dich so sehr...und ich bin unglaublich dankbar, dass du in meiner Nähe sein darfst.“ flüsterte er dem König zu und umarmte ihn mit geschlossenen Augen. „Mir geht es genauso, mein Liebster.“ antwortete Harry ganz leise und sein Atem streifte Louis Hals, wodurch er sofort eine Gänsehaut bekam. Sie blieben einen Moment eng aneinander geschmiegt stehen, dann wurde ein Raunen hörbar und Harry sah auf: „Gwydion ist da.“ zischte er, löste sich von Louis und gemeinsam kamen sie hinter den Säulen hervor.

Die Männer am Kamin machten dem Zauberer schnell Platz. Er war ziemlich durchgefroren. Sein Hut und sein Bart waren genauso mit Schnee und Eis verkrustet, genau wie die Bärte der Soldaten. Sein Schal war vorne ein wenig feucht, dort wo er ihn sich über Mund und Nase gelegt hatte, um sich vor der Kälte zu schützen. Gwydion wirkte müde, als habe er lange nicht geschlafen und stützte sich beim Gehen mehr denn je auf seinen Stab. Flint ging neben ihm her und hatte sich der Geschwindigkeit des Zauberers angepasst, vermutlich, um ihn stützen zu können, sollte er es brauchen. Am Kamin angekommen, reichte Gwydion Flint seinen Beutel und legte den Schal ab, bevor er die Hände ausstreckte und über die Flammen hielt, um sie aufzuwärmen. Harry ließ Louis Hand los und trat neben den Zauberer. „Schön, dich wieder hier zu wissen.“ sagte er und sah ihn lächelnd an. Alle im Thronsaal schwiegen, so konnte man die Unterhaltung der Beiden gut verstehen. „Ich bin auch froh. Möchtest du mir nicht deine Frau vorstellen?“ fragte er und sah sich neugierig um. „Oh, ja natürlich.“ Harry wandte sich ab und ging zu Lady Taylor, die neben ihrem Vertrauten, Thomas stand und ein wenig schüchtern Harrys Hand nahm. Louis, der nun wusste, dass die Königin keine Gefühle für ihren Mann hegte, konnte es dieses Mal gelassen mitansehen und war erleichtert darüber, dass sich in ihm keine Eifersucht regte. Taylor hakte sich bei Harry unter und gemeinsam gingen sie zwischen den Soldaten hindurch, auf Gwydion zu. Louis nutzte die Möglichkeit und betrachtete Thomas: er hatte die Lippen zusammen gekniffen und folgte dem Königspaar mit den Augen. Augen, in denen Leid und Trauer zu lesen war, auch wenn er versuchte, es zu verbergen. Louis konnte nicht verhindern, dass er ihm Leid tat, denn Thomas wusste schließlich nicht, dass Harry Taylor nur etwas vorspielte. Sicherlich ging er davon aus, dass der König diese Frau liebte und hatte Angst, sie könnte diese Liebe irgendwann einmal erwidern und ihn daraufhin vergessen. Dankbar, dass Louis von Anfang an gewusst hatte, dass Harry die Gefühle für seine Frau nicht ernst meinte, wandte er sich von Thomas ab. Vielleicht würde er bald wissen, wie es um den König stand und dann wäre er sicherlich erleichterter.
Harry hatte Gwydion Taylor vorgestellt. Sie war dem alten Mann gegenüber ein wenig schüchtern und überließ Harry das Reden, weshalb der König nun fragte: „Gibt es Neuigkeiten aus dem Wald? Was hast du entdeckt?“ - „Ich bin meinen Krähen gefolgt, die natürlich besonders vorsichtig geflogen sind. Nach einem langen Fußmarsch Richtung Norden traf ich auf ein Lager, das verlassen dalag. Vermutlich hatte man es gerade erst verlassen. Es war ein großes Lager und ich schätze, dass es fast 25 Mann gewesen sein mussten, die hier geschlafen hatten. Die Feuer waren gelöscht und ich konnte ihre Spuren durch den Wald verfolgen.“ - „Konntest du die Männer finden?“ fragte Harry neugierig. Alle in der Halle waren verstummt, es schien beinahe so, als würden manche sogar den Atem anhalten. Gwydion legte seinen Schal ab und sprach dann weiter: „Ich konnte den Spuren folgen und fand die Männer. Es gelang mir, sie mehrere Nächte lang zu beobachten und zu belauschen.“ -  „Wie hast du es geschafft, dass sie dich nicht entdeckt haben?“ fragte Zayn und blickte Gwydion ehrfürchtig an. „Ich habe da meine ganz eigenen Methoden, die ich hier nicht näher aufführen will.“ sagte der Zauberer kurz angebunden und Louis überkamen kurz die Vorstellungen davon, wie sich der alte Mann in einen Baum oder ein Tier des Waldes verwandelte, um ungesehen, den Gesprächen der Männer lauschen zu können. Er verlor sich so sehr in diesen Gedanken, dass er die nächsten Sätze, die gesprochen wurden, versäumte. „...sie wollen dich ausspionieren und herausfinden, wie man dich am Besten angreifen kann. Ihr Herrscher ist ein König, der sich Benjamin nennt.“ sagte Gwydion und sah Harry dabei ernst an. Der König sah erschrocken aus, ob der Neuigkeit, dass es tatsächlich Jemanden gab, der es auf ihn abgesehen hatte. Louis seufzte und vergrub das Gesicht in den Händen. Jemand wollte Harry um den Thron bringen und dieser Benjamin würde sicherlich vor keiner Gewalt zurückschrecken. Harrys Leben war in Gefahr und wieder einmal wünschte sich Louis, sie hätten niemals herausgefunden, wer Harry wirklich war.
„Weißt du, wer Benjamin ist? Hast du diesen Namen schon einmal gehört?“ fragte Harry den Zauberer, der gerade antworten wollte, doch Theobald kam ihm zuvor: „Benjamin ist der Bruder von Jonathan. Er regiert das Königreich, das Jonathan gehörte, bevor er in diese Grafschaft eingefallen ist.“ - „Woher weißt du das? Bist du doch ein Spion?“ fragte Zayn und war mit zwei schnellen Schritten bei dem neuen Mitglied. Er packte ihn am Umhang und wollte ihn schütteln, doch Theobald machte sich los und fixierte Zayn mit seinen stahlgrauen Augen: „Beruhige dich. Ich komme aus dem Norden, weißt du nicht mehr? Ich lebte fast an der Grenze zu Jonathans altem Königreich und weiß, dass er einen Bruder hat, der Benjamin heißt. Und leider kann ich nicht gerade sagen, dass er viel netter ist, als der alte König. Er wird vom Tod seines Bruders erfahren haben und ihn rächen wollen.“    
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