Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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10. Der Beginn einer Wanderung

Sie verließen am nächsten Tag kurz nach Sonnenaufgang die Eiche. Louis Hemd war über Nacht getrocknet und er hatte es wieder angezogen. Zusammen mit einem Schal und dem Umhang konnte er sich gut warmhalten, außerdem würde sicherlich bald die Sonne wieder rauskommen und dann war es nicht mehr so kalt. Zayn hatte ganz früh am Morgen die gestohlenen Münzen aus dem Versteck geholt und auf die Grüppchen verteilt, sodass jeder genug bei sich hatte, um den Bewohnern der Dörfer, die sie besuchten, den Betrag der Steuern zahlen zu können. Harry hatte seinen Langbogen, samt Köcher und der Äste, die er noch zu Pfeilen verarbeiten wollte, über die Schulter gepackt und auch für Louis hatten sie noch einen Bogen auftreiben können. Zwar war der nicht genau auf ihn angepasst und einmal eher zur Reserve hergestellt worden, doch fürs Erste reichte er aus. Louis konnte damit auch noch nicht schießen, doch Harry versprach ihm, es ihm unterwegs beizubringen. Der Lockenkopf schien den Weg zu kennen, denn er schlug zielstrebig eine Richtung ein, die quer durch das Unterholz führte. Louis folgte ihm auf den Fersen und hoffte, ihn nicht zu verlieren, denn Harry hatte deutlich längere Beine und ein schnelles Lauftempo. „Du kennst diesen Wald sicherlich gut.“ sagte Louis, dem aufgefallen war, dass Harry sich nur selten umsah, um sich zu orientieren. „Ich bin hier groß geworden. Dieser Wald ist mein Zuhause.“ sagte der Lockenkopf und strich im Vorbeigehen liebevoll über die Blätter eines Strauches, dessen gelbe Blüten langsam verblühten. Dass Harry den Wald liebte, konnte man sehen, denn er behandelte jede Pflanze mit Bedacht und Respekt, als wären sie seine besten Freunde. Sie folgten keinem Pfad, denn diese wurden von Reitern, Kaufleuten und Boten benutzt, die sie entdecken könnten. Stattdessen liefen Harry und Louis querfeldein, stiegen steile Böschungen hinauf, oder kletterten, wenn es nicht anders ging, auch mal über Felsen. Als die Sonne hoch am Himmel stand, erreichten sie ein freies Stück Wiese und duckten sich am Waldrand ins hohe Gras. Harry beobachtete das Feld mit grimmig zusammengezogenen Augenbrauen.. Louis empfand das Feld nicht als besonders bedrohlich, doch vertraute er darauf, dass Harry wusste, was er tat und kauerte sich neben ihm auf den Boden. „Kannst du mir erklären, wieso du dieses Feld beobachtest?“ fragte er und Harry nickte langsam, dann antwortete er, als fiele es ihm schwer, sich auf zwei Dinge zur gleichen Zeit zu konzentrieren. „Der König geht ab und zu jagen. Wenn er das tut, dann meistens auf einem freien Feld, wie dieses hier. Wild ist hier gut zu sehen und zu erlegen und ich will sichergehen, dass sich Niemand in den Büschen versteckt, bevor wir uns auf das Feld begeben.“ erklärte Harry leise und festigte seinen Griff um seinen Langbogen, erhob sich langsam und presste sich an einen Baum, der in der Nähe stand und beobachtete die Wiese weiter genau. Louis kniete zu seinen Füßen und beobachtete ihn dabei. Wie mutig Harry war. Zayn hatte gesagt, dass er bisher immer allein zu den Dörfern gegangen war. Wenn ihn unterwegs Jemand überfallen hätte, hätte er sich ganz allein verteidigen müssen. Durch seine eigene Wanderung im Wald, die ja in einer von Zayn gestellten Falle geendet hatte, wusste Louis sehr genau, wie schwer es war, sich allein zu orientieren. „Sieht nicht so aus, als würde sich Jemand in den Büschen verbergen. Los.“ Und ehe Louis reagieren konnte, hatte sich Harry geduckt und pirschte durch das hohe Gras. Hastig, um ihn nicht zu verlieren, folgte Louis ihm und hielt sich an die Spur aus plattgetretenen Grashalmen, die Harry hinterlassen hatte. Aufgeregt wagte er es erst wieder zu atmen, als sie auf der anderen Seite des Feldes ankamen, wo sie im Schutz der Büsche und Sträucher vor Blicken sicher waren. Schwer atmend stützte sich Louis auf die Knie und rang nach Luft, was Harry dazu veranlasste, ihn misstrauisch zu mustern: „Alles in Ordnung?“ - „Ja, ich bin nur ein wenig außer Atem.“ keuchte Louis und Harry grinste: „Keine Angst, die Ausdauer bekommt man hier im Wald schnell.“ Sie liefen noch lange und machten erst Rast, als die Sonne schon langsam unterging. Louis hatte immer schon gewusst, dass der Wald groß war, aber dass man über einen Tag lang laufen und kein Haus oder einen Bauernhof zu Gesicht bekommen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Unterwegs hatten sie an einem Strauch bereits einige Beeren gesammelt und als sie an einem Apfelbaum vorbeigekommen waren, hatte Harry zwei Äpfel in sein Bündel gelegt. Als die Sonne langsam sank und die Dämmerung heraufzog erreichten sie eine Felsformation, die günstig stand und ihnen in der Nacht sicherlich Schutz bieten würde. „Jetzt ist eine gute Zeit, um zu jagen.“ mit diesen Worten, legte Harry einen Pfeil in den Köcher und wies Louis an, dasselbe zu tun. Noch nie hatte er einen Bogen in der Hand gehalten und stellte sich daher natürlich ein wenig unbeholfen an. Unter dem amüsierten Blick von Harry legte er einen Pfeil auf die Sehne und spannte den Bogen. „Vorsicht, bitte nicht in meine Richtung zielen.“ bat Harry ihn und trat schnell einen Schritt zur Seite, um Louis nicht als Zielscheibe zu dienen. „Du hast noch nie eine Waffe in der Hand gehalten? Gut, dann musst du üben. Versuch doch einmal, die Birke dort hinten zu treffen.“ Harry zeigte auf den Baum, der nicht weit entfernt stand und den man an seiner weißen Baumrinde sogar in der Dunkelheit noch gut erkennen konnte. „Soll ich einfach auf den Baum schießen?“ fragte Louis und zog an der Sehne. Die war schwer zu spannen und seine Hand zitterte leicht. Mit schmal zusammengekniffenen Augen peilte Louis die Birke an und ließ dann die Sehne des Bogens los: der Pfeil schoss nach vorne und trudelte noch auf halbem Weg hinunter in die Gräser und Pflanzen, die auf dem Waldboden wuchsen. Ein Glucksen entfuhr Harry, der sich aber rasch die Hand vor den Mund hielt: „Verzeihung. Man sollte nicht über den ersten Schuss lachen.“ sagte er rasch und blickte wieder ernst drein, allerdings zuckte sein Mundwinkel und er fügte hinzu: „Doch muss ich sagen, dass ich noch nie so einen schwachen Schuss gesehen habe...“ Sein Kichern steckte Louis an, der es selbst sehr amüsant fand, wie sein Pfeil auf halber Strecke einfach abgestorben war und so stimmte Louis schnell mit ein, während Harry im Unterholz nach dem verlorenen Pfeil suchte. „Ich gehe wohl besser allein auf die Jagd und du übst hier noch ein bisschen, solange du noch was sehen kannst. Am besten wird es wohl sein, wenn du immer mit ein und demselben Pfeil schießt und ihn wieder einsammelst. Wir können es uns nicht leisten zu viele Pfeile im Unterholz zu verlieren.“ Louis nickte, Harry drückte ihm den Pfeil wieder in die Hand und verschwand dann im Gebüsch. Ziemlich erfolglos versuchte sich Louis am Bogenschießen. Dass es so schwer war, hätte er nicht gedacht, doch seine Hand schien durch die Verletzung nicht kräftig genug zu sein, um genug Spannung auf die Bogensehne zu bekommen. Außerdem hatte er ein miserables Zielvermögen und verfehlte den Baum mehrmals um Längen. Es dauerte immer länger, bis er den verschossenen Pfeil wieder gefunden hatte und so konnte er nur ein paar Mal schießen, bevor es so dunkel war, dass er nichts mehr sehen konnte. Harry war noch nicht zurück und er hätte gerne nach ihm gerufen, doch es wäre töricht gewesen das zu tun und so auf sich aufmerksam zu machen. Also wartete Louis an den Felsen darauf, dass der Lockenkopf zurückkehrte. An seinem Gürtel hatte Louis einen kleinen Beutel befestigt, der Zunderschwamm, eine Markasitknolle und ein Stück Metall enthielt. Wenn er mit dem Metall auf die Knolle, die eine Art Kristall war, schlug, dann bildeten sich Funken, die den Zunderschwamm in Brand setzten. Louis stapfte zu den Felsen zurück, sammelte trockenes Holz, kleine Äste und vertrocknetes Gras und schichtete alles auf einen Haufen. Dann zog er das Werkzeug aus der Tasche und bereits nach wenigen Schlägen war ein Funke auf das trockene Gras gefallen. Louis pustete vorsichtig gegen den Funken, bis eine Flamme in die Höhe schoss und das ganze trockene Gras brannte. Schnell schichtete er trockene Äste darauf und bewachte das kleine Feuer, bis es groß genug war, um dickere Äste verschlingen zu können. Gerade als Louis neues Holz auflegte, raschelte es hinter ihm und Harry trat in den Schein des Feuers. „Ich war nicht sonderlich erfolgreich.“ seufzte er und hielt ein Eichhörnchen in die Höhe. Louis war nicht in der Lage einen breiten Baumstamm zu treffen und Harry schoss ein Eichhörnchen. Jetzt kam er sich noch ein wenig erbärmlicher vor und beschloss, nichts von seinen kläglichen Versuchen zu erzählen,um sich nicht zu blamieren. „Oh, du hast Feuer gemacht. Danke, mir ist langsam kalt. Ich habe zu lang bewegungslos auf einer Stelle gesessen.“ sagte Harry und lies sich am Feuer nieder. Ihm schien wirklich kalt zu sein, denn er zitterte leicht und wickelte seinen Mantel schnell noch ein wenig enger um sich. „Soll ich dieses Ding schon mal häuten?“ - „Ja, versuch es mal. Ich glaube, danach wird nicht mehr viel davon übrig sein. Aber besser als nichts.“ sagte Harry und reichte Louis sein Messer, der sich an die Arbeit machte. Obwohl er sich wirklich Mühe gab, von dem Tierchen noch etwas übrig zu lassen, blieb für sie Beide nicht mehr als ein großer Happen übrig und sie mussten sich mit den gesammelten Beeren und Nüssen zufrieden geben. „Möchtest du schlafen? Ich kann noch ein bisschen wach bleiben und auf das Feuer aufpassen.“ bot Louis an, als Harry nach dem Essen müde an dem Felsen lehnte und ihm immer wieder die Augen zufielen. „Das wäre toll.“ murmelte der Lockenkopf und rutschte noch ein wenig tiefer an dem Fels herunter, zog die Beine an die Brust und machte es sich gemütlich. Louis griff nach einem Ast und stocherte damit in der Glut herum. Ein verbranntes Stück Holz zerfiel zu Asche, als er es berührte und kleine Funken stoben in die Luft. „Was ist eigentlich mit deiner Familie?“ fragte Harry ganz unvermittelt und als Louis sich zu ihm umwandte, sah er, dass ihn der Lockenkopf musterte. „Sie sind nicht mehr am Leben...“ sagte er schlicht und Harry senkte den Blick: „Das tut mir leid. Und du hast auch keine Geschwister?“ - „Nein...ich bin ganz allein.“ - „Da sind wir schon zu zweit.“ sagte Harry und brachte ein mildes Lächeln zustande, dann stellte er fest: „Deine Eltern müssen dich sehr geliebt haben. Sieh mich nicht so überrascht an; du bist offen und gehst auf die Menschen zu und du bist gegen Gewalt – vermeidest sie, wenn möglich. Du musst als Kind also Liebe erfahren haben...ganz im Gegensatz zu mir.“ Bedauernd sah Harry ihn an und seufzte. „Vielleicht denkst du jetzt von mir, dass ich völlig durchgedreht bin, wenn ich es dir sage, aber es hat gestern wirklich gut getan, bei dir zu liegen.“ Verlegen senkte Harry den Blick, als wollte er Louis Reaktion auf diese Aussage nicht sehen, doch der lächelte mild. „Ich fand es auch schön. Es tat gut, mal wieder von Jemandem in den Arm genommen zu werden. Und mir war nicht mehr kalt, das war eine weitere gute Sache dabei.“ Unsicher sah Louis zu Harry hin, der ihn aber anlächelte und zu sich heranwinkte. „Es ist sehr schön, mal nicht alleine reisen zu müssen.“ murmelte Harry und lehnte sich gegen Louis, als er neben ihm Platz genommen hatte. Ihre Unterhaltung erstarb in diesem Moment und sie saßen einfach nur da. Harry hatte die Augen geschlossen und rutschte immer weiter an Louis herunter, bis er in seinem Schoß lag. Das Licht der Glut spendete genug Licht, damit Louis sein schlafendes Gesicht betrachten konnte. Zu gerne hätte er gewusst, was diesen Jungen dazu trieb, allein durch die Grafschaft zu reisen und nach einem Mann zu suchen, von dem er nicht wusste, ob es ihn gab. Wieso lud Harry sich eine solche Verantwortung auf? Was waren seine Motive und würde er es schaffen, den Prinzen, sollte er ihn jemals finden, davon zu überzeugen, mit ihnen zu kommen und sie zu begleiten?

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