Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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15. Der Adler und das Kleeblatt

Weil Louis nichts zu Harrys Vermutung gesagt hatte, setzte dieser sich auf und strich ihm mit den Fingern vorsichtig über die Wange: „Schläfst du schon, oder warum bist du so still?“ fragte er leise und besorgt. „Oder hast du Schmerzen?“ setzte er noch besorgt nach, doch Louis schüttelte den Kopf: „Nein, es geht mir gut….naja wie gut es einem eben gehen kann, der soviel Pech gehabt hat, wie ich. Nein, ich habe mir ein wenig Sorgen um die anderen gemacht. Was, wenn Jonathan sich auf die Suche nach seinem Steuereintreiber macht und dabei das Lager entdeckt?“ Unter Harrys Berührung schloss Louis die Augen und schmiegte sich noch ein wenig mehr in die Hand des Anderen. „Mache dir da mal keine Gedanken. Bisher hat noch Niemand, der mit Jonathan in Verbindung stand, das Lager entdeckt. Gwydion sorgt schon dafür, dass wir unsichtbar bleiben.“ Da war sie wieder. Die Anspielung darauf, dass der alte Mann etwas konnte, was den normalen Menschen nicht möglich war. Wie konnte Gwydion es schaffen, dass das Versteck in der Eiche für Jonathan und seine Männer nicht zu finden war? Sonderlich gut getarnt war der Baum nicht, sonst hätte Liam ihn nicht gesehen. Ob Liam eigentlich schon wieder aufgewacht war? Wie es ihm wohl ging? „Du kennst Gwydion ja schon seitdem du ein Kind bist, nicht wahr?“ fragte Louis vorsichtig, während Harry sich an ihn schmiegte und ihm durch die Haare streichelte. „Ja, er hat mich schließlich aufgezogen.“ antwortete er und sein Atem streifte Louis Lippen, so nah waren sie einander wieder. Er versuchte seine Gedanken beisammen zu halten, um die Fragen, die ihm noch so im Kopf herumschwirrten, stellen zu können. „Ist Gwydion ein Magier, Harry?“ Der warme Luftstrom stoppte. Offenbar hatte Harry den Atem angehalten. Hatte ihn die Frage so überrascht, oder hatte Louis gerade versehentlich das Geheimnis des Mannes gelüftet? „Er kann Vieles und ab und zu vollbringt er Dinge, die man sich nicht erklären kann.“ - „Was für Dinge?“ hauchte Louis und sein Herz klopfte, weil er so neugierig war. Die Frage, ob der alte Mann wirklich ein Zauberer war, beschäftigte ihn seit dem ersten Tag und vielleicht würde er die Antwort nun gleich erfahren. Der Lockenkopf seufzte und zog Louis noch ein wenig enger in seine Arme, wo es angenehm warm war und er sich geborgen und sicher fühlte. „Er kann Wunden heilen, kennt sich mit Kräutern aus und manchmal habe ich das Gefühl, dass er nicht älter wird. Natürlich ist er bereits ein alter Mann, doch ich denke manchmal, dass er viel mehr Leben gelebt und viel mehr Zeit auf dieser Erde verbracht hat, als so manch anderer Mensch.“ Wieder streichelte Harry mit den Fingern über Louis Gesicht und sagte dann leise und abschließend: „Doch das sollte dich nicht kümmern. Wichtig ist, dass wir den Armen helfen und es irgendwann schaffen, den rechtmäßigen König zu finden. Das ist alles was zählt und selbst, wenn Gwydion ein Magier sein sollte, dann kommt das uns allen nur zugute.“ Weiche Lippen drückten sich auf Louis´ und er schloss kurz die Augen. Nachdem sie sich voneinander gelöst hatte, schmiegte Harry sich an ihn und keiner sprach mehr ein Wort.

Harry schlief rasch ein, schließlich hatte er in der letzten Nacht auf dem Moor nicht besonders viel geschlafen. Louis jedoch blieb wach. Die Müdigkeit, die er vorhin beim Essen verspürt hatte, war verflogen und er lag einfach nur da, lauschte Harrys Atem und starrte in die Dunkelheit ringsherum.  Er dachte an den alten Mann und obwohl Harry seinen Verdacht nicht bestätigt hatte, war Louis nun davon überzeugt, dass Gwydion ein Magier war. Wie sonst sollte er es anstellen, dass die alte Eiche nicht entdeckt wurde? Vielleicht gehörte er nicht zu der Art von Zauberern, die man aus alten Geschichten kannte, die Dinge verwandeln und fliegen konnten, doch sicherlich verfügte er über Fähigkeiten, die den Merry Men schon nützlich gewesen waren. Vielleicht hatte er die Eiche mit Bannen belegt, sodass man sie nicht sehen konnte. Wie gerne würde Louis nach ihrer Rückkehr dem alten Mann einfach selbst einige Fragen stellen, doch er wusste genau, dass er keine Antwort bekommen würde. Schließlich war er noch nicht lange ein Teil der Gruppe und wenn nicht einmal Harry genau wusste, was Gwydion eigentlich war, so bezweifelte Louis, dass er es ausgerechnet ihm sagen würde.

Ein Hahnenschrei gefolgt vom lauten Knarzen der Holztür weckte Louis am nächsten Morgen. Er hatte Stroh in den Haaren und seine Nase kitzelte vom Staub der durch das Öffnen der Tür aufgewirbelt worden war. Harry fuhr hoch, noch bevor sich die Tür ganz geöffnet hatte und seine Hand schnellte zu dem Langbogen, der neben ihnen im Stroh lag. Er entspannte sich aber sofort, als er erkannte, dass der junge Mann, der sie gestern hergebracht hatte in der Tür stand. Hinter ihm war der Morgennebel zu sehen, der noch in wabernden Wolken über den Boden zog. „Guten Morgen, meine Herren.“ sagte er freundlich und lächelte. Sie nickten ihm zu und rieben sich die Augen, warfen sich dann die Umhänge um die Schultern und erhoben sich steifbeinig aus dem Stroh. Durch ihr Gewicht hatte sich der ordentlich aufgeschobene Haufen in der Nacht über den gesamten Fußboden verteilt und sie schoben alles wieder zurück. Es war besser wenn so wenig Material wie möglich auf dem feuchten Boden lag, denn wenn das Stroh Feuchtigkeit anzog, verdarb es schnell und das wollten sie den Bauern nicht antun. „Warte, du hast noch Stroh in den Haaren.“ Louis stellte sich auf die Zehenspitzen und zupfte Harry schnell einige helle Gräser aus dem dunklen Schopf. Der Lockenkopf lächelte ihn an und schien einen Augenblick etwas sagen zu wollen, besann sich dann aber anders, ergriff Louis linke Hand und zog ihn aus dem Schuppen hinaus in den Morgen.

Sie statteten jedem Häuschen noch einen kurzen Besuch ab und verteilten die Silbermünzen unter den Bauern. Tränen der Dankbarkeit, Handküsse und Umarmungen wurden ihnen zuteil und mehrmals lud man sie ein, noch einen Tag zu bleiben. Doch sie lehnten ab, denn es wurde Zeit, dass sie sich auf den Weg zurück zum Lager machten. Louis´ Verletzungen mussten von Gwydion angesehen werden und Harry lies mehrmals verlauten, dass er sich dann auf den Weg in die Städte und Dörfer der Grafschaft machen wollte, um weiter nach dem Erben des Throns zu suchen.

Obwohl man sie nur ungern gehen ließ, konnten sie sich noch vor Sonnenaufgang verabschieden und machten sich dann auf den Rückweg. Man hatte ihnen jeweils ein Stück Brot als Wegzehrung mitgegeben, das sie unterwegs aßen. Louis freute sich darauf, die anderen wieder zu sehen und war gespannt, was sie zu berichten hatten. Außerdem konnte er es kaum erwarten Liam zu sehen, dem es hoffentlich ein wenig besser ging. Da er sich in den Händen Gwydions befand, war Louis zuversichtlich, was seine Heilung anging.

Noch während er darüber nachdachte, wurde das Unterholz lichter und es zeichnete sich eine Straße vor ihnen ab. Harry zog Louis schnell in die Deckung der Büsche, wo sie sitzen blieben und die Straße im Auge behielten. Das dumpfe Geräusch von Hufen und Stimmen, die sich unterhielten, waren zu vernehmen. „Sie kommen in unsere Richtung...“ flüsterte Harry und rutschte noch etwas tiefer ins Gebüsch. Tatsächlich wurden die Geräusche lauter. Dem Hufgetrappel nach zu urteilen, waren es nur zwei oder drei Tiere. Eine Männerstimme war zu vernehmen. Sie lachte laut und nach wurde das Gespräch, das zwei Männer miteinander führten, verständlicher.
„...mein Großvater kannte Harold gut. Zumindest, wenn man meinem Vater glauben möchte. Angeblich haben sie immer gute Geschäfte miteinander gemacht, doch irgendwann haben sie einander aus den Augen verloren. Darum soll ich dem König einen Besuch abstatten. Mein Vater möchte wissen, wieso sich dieses Familie von uns distanziert und er macht sich Sorgen, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte. Ich soll ihm diese Sorge nehmen und ihm versichern, dass alles in Ordnung ist.“
Harold? Sprach der Mann von König Harold? Offenbar wusste der Sprecher nicht, dass der König von seinem Thron vertrieben worden war. Louis sah Harry an, der die Augenbrauen hob und mit den Schultern zuckte. Offenbar war er genauso überrascht, wie Louis. Die Pferde kamen näher. „Aber König Harold müsste doch im selben Alter sein, wie Euer Großvater, wenn ich nicht irre, Prinz. Habt Ihr denn nicht in Erwägung gezogen, dass er möglicherweise verstorben ist?“ hakte die andere Stimme freundlich und vorsichtig nach. „Ja, davon ging ich sogar aus. Doch dann wäre die Krone an Prinz Edward gegangen und da unsere Familien immer eine gute Beziehung zueinander gepflegt haben, hätte man unserem Hof eine Nachricht zukommen lassen können, meint Ihr nicht? Mein Vater jedenfalls hatte diesen Gedanken auch schon und war sehr verärgert, zumal unsere Geschäfte ja ebenfalls nicht mehr funktionierten. Er hat sich zurückgezogen. Ihr wisst ja, wie er ist. Wenn man ihn einmal kränkt, ist es sehr schwer, sich wieder mit ihm zu versöhnen. Aber in der letzten Zeit beschlich ihn ein ungutes Gefühl und er bat mich, nun doch einmal den Hof Harolds aufzusuchen.“ sagte der Prinz und kam nun auf seinem Pferd ins Sichtfeld der Beiden Geächteten, die sich noch ins Gebüsch duckten. Obwohl einige Blätter und Äste Louis den Blick ein wenig einschränkten, konnte er den Prinzen ganz gut erkennen. Er hatte helles Haar und eine gute Miene auf dem Gesicht. Sein Mantel, der ihm von den Schultern über den Rücken des Pferdes wallte, war in einem satten, leuchtenden Grün gehalten und das Wappen, das auf seinem Wams aufgestickt war, stellte einen Adler, sowie ein Kleeblatt dar. Louis kannte dieses Wappen zwar nicht, doch dieser Prinz und seine Familie schienen ihren Ursprung auf den Irischen Inseln gehabt zu haben. „Harry...“ wisperte Louis, dem plötzlich ein dunkler Gedanke gekommen war und er zupfte ihn am Ärmel. „Wäre es nicht gut, wen Prinzen zu warnen? Er reitet zur Burg, in der Erwartung, dort auf König Harold oder Edward zu treffen und stattdessen wird er Jonathan sehen….wenn Jonathan bemerkt, dass dieser Prinz ein Verbündeter des alten Königs ist, denkst du nicht, er schwebt dann in Gefahr?“ Harry sagte nichts, sondern folgte den Beiden mit seinen grünen Augen und man sah, dass er nachdachte. „Ja, vielleicht sollte man das tun, aber ich denke ich habe eine bessere Idee. Komm, wenn wir uns beeilen, sind wir noch vor Anbruch der Dunkelheit im Lager und können dort alles Weitere mit den anderen besprechen.“

Sie verharrten im Gebüsch, bis der Prinz davongeritten war, dann überquerten sie die Straße und machten sich so schnell wie möglich auf den Weg zurück zum Lager. Seltsamerweise war der Rückweg nicht so lang, wie Louis erwartet hatte und da sie ohne Pause liefen, kamen sie noch vor Einbruch der Dämmerung in das Waldstück, das Louis bereits ein wenig vertrauter vorkam. Als sie die Sträucher passierten, an denen sie einige Tage zuvor die Äste für Harrys Pfeile abgeschnitten hatten, blieb der Lockenkopf stehen und drehte sich langsam zu Louis um. „Ich muss dich noch um etwas bitten, bevor wir das Lager wieder betreten.“ fing er an, machte einen Schritt auf Louis zu und ergriff überraschend seine Hände. „Ich wünsche mir, dass die Nähe zwischen uns bleibt. Distanziere dich nicht von mir, nur weil wir wieder unter unseresgleichen sind. Natürlich wollen wir uns gesittet verhalten, wenn wir neben unseren Freunden am Feuer sitzen, aber ich bitte dich, in der Nacht mit mir auf meiner Plattform zu schlafen und in meiner Nähe zu sein. Würdest du das tun, Louis? Ich fühle mich sehr wohl, wenn du bei mir bist und wenn es dir genauso ergeht, dann lass uns einfach so weitermachen...“ Während er sprach, ließ er Louis Hand los und strich vorsichtig über seinen Unterarm. Sie sahen einander an und kamen sich so nahe, bis sie Stirn an Stirn dastanden. „Mir geht es genauso, Harry...ich wünschte, ich hätte die passenden Worte dafür, aber ich kann ein Gefühl, dass ich noch niemals hatte, schlecht beschreiben. Aber mir geht es gut, wenn ich dich in meiner Nähe weiß.“ Ein  glückliches Lächeln breitete sich über Harrys Gesichtszüge aus und er schloss Louis in die Arme, drückte ihn fest an sich und flüsterte ganz nah an seinem Ohr: „Ich hatte gehofft, du würdest das sagen.“ Sie wandten die Köpfe einander zu, hielten kurz inne und küssten sich dann behutsam aber glücklich.    
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