Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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33. Das Portrait des Prinzen

Das Abendessen dauerte länger, als das normalerweise im Wald der Fall war und Louis kam sich komisch vor, so lange an einem Tisch zu sitzen und so viel Auswahl an Essen vor sich stehen zu haben. Bereits nach einer Schale Eintopf und ein wenig Fleisch war Louis satt. „Möchtest du nicht noch etwas essen?“ fragte Eleanor und deutete auf eine Schale Gemüse, die in der Nähe stand, doch er schüttelte den Kopf und lehnte ab.
Nachdem die Bediensteten die Holzschalen und Servierplatten mit den Resten abgetragen hatten, erhoben sich die Damen des Tisches, knicksten vor dem König und zogen sich dann zurück in ihre Gemächer. Der König schien recht müde zu sein und sagte nicht sonderlich viel. Stattdessen wandte sich Prinz Niall an Harry: „Wenn du möchtest, kann ich euch jetzt zu der Galerie führen, wo das Portrait von Prinz Edward hängt.“ Ob es an dem flackernden Licht der Kerzen lag, oder ob Harry mit einem Mal nervös wurde, aber sein Gesicht schien mit einem Mal eingefallen und steinern zu sein. Harry schluckte und nickte dann. „Komm bitte mit, ja? Ich will das nicht alleine machen.“ sagte Harry und sah Louis bittend an, der sofort nickte und sich ebenfalls erhob.

Niall und sein Vater verabschiedeten sich, wünschten einander eine Gute Nacht, dann verließ der Prinz gemeinsam mit Harry und Louis den Speisesaal.
Sie durchquerten den Thronsaal und traten wieder hinaus auf den Flur. Prinz Niall trug eine Kerze bei sich und führte sie einen weiteren Gang entlang. Als sie um eine Ecke bogen, konnte Louis Harry zitternd atmen hören. Vor ihnen öffnete sich ein langer Korridor, dessen Wände mit unzähligen Rahmen behangen waren, die die Abbilder ehemaliger Herrscher und Königen beheimateten. Andächtig blieben sie stehen und sahen sich die vielen glänzenden Holzrahmen an.  Harry festigte seinen Griff um Louis Hand und das nervöse Zittern, das ihn erbeben ließ, spürte auch Louis. Er fühlte mit Harry mit: vielleicht waren das hier die letzten Momente, in denen Harry ein normaler junger Mann war. Sollte das Abbild seines verstorbenen Vaters tatsächlich in diesem Korridor auf ihn warten, dann würde nichts mehr so sein, wie bisher. „Wollen wir weiter?“ fragte Prinz Niall und setzte sich in Bewegung. Harry warf Louis einen unsicheren Blick zu – seine Lippen waren blass und trocken und in seinen Augen stand die pure Angst. „Ich bin bei dir. Du bist nicht allein, Harry.“ flüsterte Louis aufmunternd und klang dabei überraschend ruhig, obwohl sein Herz mindestens genauso nervös flatterte, wie das Harrys. Doch es half nichts, wenn sie den Moment hinauszögerten und die ganze Nacht hier herumstanden. Sie mussten es jetzt einfach hinter sich bringen.
„Hier ist es.“ sagte Prinz Niall, der ein wenig vor gegangen und am Ende des Korridors vor einem Bild stehen geblieben war. Sie gingen auf den Schein seiner Kerze zu und es fühlte sich an, als würde der Weg immer länger werden. Louis hatte den Eindruck, sie würden niemals bei dem Prinzen ankommen. Harry schien genau das Gegenteil zu empfinden, denn als sie bei dem Prinzen ankamen, seufzte er: „Das war ein verdammt kurzer Weg...“ Der blonde Prinz strahlte sie an und hielt dann die Kerze so, dass der Lichtschein auf die Leinwand fiel, die neben ihnen an der Wand hing:
Das Bild war nicht sonderlich groß, trotzdem war der Mann darauf komplett abgebildet. Er war groß und schlang, saß auf einem einfachen Holzstuhl. Sein Wams war dunkelrot und golden und er trug eine Krone auf den dunkelbraunen Haaren. Es war gewellt und reichte ihm bis zur Schulter hinunter. Seine Wangenknochen waren markant, die Lippen weich und geschwungen und die Augen von einem strahlenden Grün.  Ungläubig sah Louis zwischen dem Portrait und Harry hin und her. Würde er es nicht besser wissen, hätte er behauptet, es sei Harry, dessen Portrait er gerade betrachtete. „Sieht er aus wie ich?“ fragte Harry und wandte sich an Louis, der ausdruckslos nickte. Natürlich stellte Harry ihm diese Frage. Er hatte sein Spiegelbild bisher nur in Wasseroberflächen gesehen und wusste daher nicht, wie er wirklich aussah. „Du siehst genauso aus, wie er Harry.“ hauchte Louis und fühlte ein Gefühl der Leere in sich: er hatte mit diesen Worten dem jungen Mann gerade versichert, dass er vor dem Portrait seines Vaters stand, dass er Thronerbe und rechtmäßiger König war, dass er Verantwortung zu tragen hatte und dass sein Leben vielleicht bald beendet wäre, sollte er einen Kampf gegen Jonathan nicht überstehen. Harry schluckte und wandte seinen Blick von Louis ab, um das Portrait wieder anzublicken. Seine Augen huschten über die Leinwand und er kniff die Lippen zusammen, als Louis Worte langsam in seinem Bewusstsein ankamen. „Ich hatte Recht, nicht wahr? Du bist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten.“ sagte der Prinz, den Louis beinahe vergessen hatte. „Ja...so scheint es...“ hauchte Harry. Mit einem Finger strich er über das Gesicht des Mannes, der sein Vater gewesen war und blinzelte hastig, doch Louis konnte die Tränen sehen, die zwischen seinen Wimpern hervortraten und über seine Wange liefen. „Vater...“ hauchte der Lockenkopf, dann schlug er eine Hand vors Gesicht und verbarg seine Tränen vor Louis und dem Prinzen, die sich mitfühlende Blicke zuwarfen. „Ich bringe euch in eure Kammer. Ich denke, er braucht jetzt erst einmal Ruhe, um das zu begreifen.“ sagte der Prinz leise zu Louis. Sie nahmen Harry in ihre Mitte und führten ihn durch die langen Flure zurück bis zu der Schlafkammer, die man ihnen zugeteilt hatte.

„Euch eine gute Nacht zu wünschen, ist nicht sonderlich sinnvoll, denke ich,“ sagte der Prinz, als sie die Kammer erreicht hatten. „deswegen wünsche ich euch einfach Ruhe und  Erholung. Bis morgen.“ - „Habt vielen Dank.“ sagte Louis, als sich der Prinz bereits umgewandt hatte und durch den Korridor davonging. Louis hielt nun die Kerze und legte einen Arm um Harry, der neben ihm stand und keine Anstalten machte, den Raum selbstständig zu betreten. Vorsichtig zog Louis ihn in die Kammer, setzte ihn auf das Bett und ging dann nochmal, um die Tür zu schließen. Dann stellte er die Kerze auf einen Schemel, der neben einem Bett stand, indem er etwas Wachs auf das Holz tropfen ließ und sie dann darauf drückte. Als er sich zu Harry umwandte, saß dieser noch immer unbewegt auf dem Bett, die Hände im Schoß verschlungen und starrte einfach vor sich hin. Gedanklich schien er ganz weit weg zu sein, denn er blickte nicht einmal auf, als Louis sich neben ihn setzte. Sollte er den Arm um ihn legen, ihn trösten? Was brauchte Harry gerade? Louis wusste es nicht und behielt deswegen seine Hände bei sich, während er genau wie Harry, an die Wand starrte, wo die Kerze flackernde Schatten warf.

„Mir ist kalt.“ hauchte Harry nach einer Weile und umschlang seinen Oberkörper mit den Armen, um sich selbst zu wärmen. „Unsere Umhänge liegen sicherlich noch in der Waschstube. Soll ich gehen und sie holen?“ frage Louis und wollte schon aufstehen, doch Harry hielt in zurück. „Nein, bleib hier, ich ertrage es nicht, jetzt allein zu sein.“ In seinem Blick lag etwas Bittendes und natürlich konnte Louis danach das Zimmer nicht mehr verlassen. „Ich bin König...“ Harry räusperte sich und sah Louis zum ersten Mal wieder offen ins Gesicht. „Wie soll ich das machen, Louis? Ich weiß gar nicht, wie das geht.“ - „Du solltest das tun, was du für richtig hältst, Harry. Du hast einen guten Gerechtigkeitssinn und Gwydion wird dir zur Seite stehen...“ - „Wirst du mir auch zur Seite stehen?“ - „So gut es mir möglich ist.“ Wieder glitzerten Tränen in Harrys Augen und schimmerten im Licht der kleinen Flamme, die auf der Kerze tanzte. „Womit habe ich dich verdient? Ich liebe dich, Louis.“ sagte Harry leise und umarmte Louis so fest, dass diesem für einen Moment die Luft wegblieb. „Ich liebe dich auch.“ Sie hatten es sich gestanden. Noch nie hatten sie diese Worte ausgesprochen, doch nach dem heutigen Tag war es klar, was sie füreinander empfanden. Es war keine tiefe Freundschaft oder Zuneigung. Es war Liebe, dessen war sich Louis ganz sicher, obwohl er noch nie zuvor etwas Vergleichbares empfunden hatte, wusste er, dass es das Gefühl war, von dem die Erwachsenen oft schwärmten und das er bisher nie hatte nachvollziehen können. „Ich liebe dich.“ wiederholte Harry, hob den Kopf und drückte ihm seine Lippen auf den Mund. Es war, als würde dieser Kuss ihm die Luft zum Atmen geben, so verzweifelt fühlte er sich an. Er knabberte an Louis Unterlippe und hielt sein Gesicht in seinen Händen fest. Louis tat es ihm gleich und ließ sich nach hinten auf die Strohmatratze sinken, den Lockenkopf mit sich ziehend. Obwohl Harry sich mit den Unterarmen neben Louis Kopf abstützte, lastete viel Gewicht auf ihm, doch es störte ihn nicht – im Gegenteil. Dadurch fühlte er sich Harry so nah und er konnte seinen Herzschlag spüren, der gegen seine Brust klopfte.
Er hob den Kopf und sah Harry an, der ihn zu seiner Überraschung kurz anlächelte: „Wenn du bei mir bist,  dann bekomme ich immer das Gefühl, alles schaffen zu können, was ich nur will. Weißt du das?“ murmelte Harry und drehte sie um, sodass er nun unter Louis lag. Mit den Händen strich er unentwegt über Louis Gesicht, fast so, als würde er sich seiner Existenz immer wieder aufs Neue versichern müssen. „Ich werde dir helfen, so gut ich kann.“ schwor Louis, der ganz benebelt war von der Situation. Er konnte es kaum fassen, dass sie beide sich heute gestanden hatten, dass sie sich liebten und es schien Louis, als hätte er es auch erst in diesem Moment realisiert. In Gedanken versunken spielte er mit dem Lederband in Harrys Hemdausschnitt herum und ehe er sich versah, hatte er es aus den Ösen gelöst und hielt es in der Hand. Das Hemd, welches Harry trug, klaffte nun an der Brust weit auf und der Prinz hob eine Augenbraue: „Willst du mich meiner Kleidung entledigen?“ Oh wie gerne würde Louis das tun, doch in der Kammer war es kalt und Harry würde sich den Tod holen.
Doch der frischgebackene Prinz zog die Decke unter ihnen hervor und breitete sie über ihre Körper. „Jetzt ist mir warm genug.“ schnurrte er und Louis sah dies als Aufforderung, Harry das Hemd über den Kopf zu streifen.

Es dauerte nicht lange und den Beiden war warm genug. Jetzt, da sie einander ihre Liebe gestanden hatte, war es etwas ganz anderes, sich gegenseitig zu berühren. Alles wirkte offener und sie gingen entspannter miteinander um. Louis spürte, dass Harry die körperliche Nähe gerade sehr brauchte, denn er klammerte sich immer wieder wie ein Ertrinkender an Louis, zog ihn ganz nah an sich und übersäte seinen Hals mit Küssen und festigte seinen Griff um ihn so, dass er morgen sicherlich blaue Flecke haben würde. Die Kerze, die auf dem Schemel festgeklebt war, brannte schnell herunter und das Licht wurde immer schlechter, doch das war Louis egal, er konnte Harry auch im Dunkeln lieben.
Und das tat er.
Und zwar mit allen Sinnen. Wieso, wusste er nicht, doch aus irgendeinem Grund hatte Louis die ganze Zeit das Gefühl, dass das was sie hier im Geheimen in der kleinen Kammer taten, auch ein Akt der Verzweiflung war, denn er spürte, dass Harry der Gedanke an eine Zukunft als König Angst machte. Doch er gab sich alle Mühe, liebkoste und küsste ihn ununterbrochen und versuchte ihm das Gefühl von Nähe und Geborgenheit zu geben, in der Hoffnung, Harry möge wenigstens heute Nacht ruhig schlafen.


     
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