Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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5. Das Lager in der Eiche

„Kommt schon. Gwydion wartet auf Euch.“ sagte Zayn, als Louis neben ihm im Inneren des Baumes auftauchte. Erstaunt und ungläubig sah er sich um und erkannte jetzt, dass es sich bei dem Baum keineswegs um einen einzelnen Baum gehandelt hatte. Vielmehr waren es mehrere Bäume, die so eng beieinander standen und im Laufe der Jahrhunderte miteinander verwachsen waren, sodass sie einen Schutzwall bildeten. Zayn führte ihn durch die Dunkelheit zur Mitte des Baumes, wo ein Feuer brannte. Ein Topf hing über einer Konstruktion aus Metall und mehrere Männer saßen um die Flammen herum. Unter ihnen befand sich ein alter Mann, der gebeugt auf dem Boden saß und den Kopf hob, als Zayn ans Feuer trat. „Meister, ich habe hier einen Geächteten in einer unserer Gruben gefunden. Er trägt eine Folterverletzung mit sich, die Ihr Euch dringend ansehen müsst. Ich habe sie bereits notdürftig versorgt.“ Er neigte den Kopf vor dem alten Mann, der nickte und sich erhob. Als er Louis einen Blick zuwarf, verbeugte er sich rasch vor dem alten Mann. „Mein Name ist Gwydion. Lass mich deine Wunde sehen.“ verlangte der Mann und Louis trat an ihn heran, streckte seine rechte Hand aus und zeigte dem Mann die Verletzung. Seine Hände waren warm, als er Louis Hand nahm und sie vorsichtig untersuchte. Noch nie zuvor war Louis bei einem Heiler gewesen, doch er hatte den Eindruck, dass dieser Mann, der fast so alt, wie die Eiche schien, mehr wusste, als so mancher Heiler. Er drehte Louis Hand vorsichtig und bewegte seinen verletzten Daumen. Vor Schmerz zog Louis die Luft durch die Zähne ein. „Daumenschrauben mein Junge?“ erkundigte sich der Mann. Louis nickte. „Was hast du gestohlen?“ - „Einen Apfel, Sir.“ Gwydion nickte und bedeutete Louis sich zu setzen. Ein junger Mann rutschte rasch beiseite, um Platz zu machen. „Danke Flint.“ sagte Gwydion zu dem jungen Mann untersuchte weiter Louis Daumen. „Nun, ich kann die Verletzung heilen, aber ich befürchte, dass die Folter deinen Knochen zerstört hat. Ob du diesen Finger wieder benutzen kannst, wenn er geheilt ist, kann ich nicht sagen.“ - „Das macht nichts, Sir. Solange ich keine Schmerzen mehr habe.“ sagte Louis dankbar und kniff nochmals die Augen zu, als seine Hand gedreht wurde. „Ich werde dir einige Kräuter suchen und dir einen Verband umlegen. Bleib solange hier sitzen.“ wies der alte Mann ihn an und erhob sich wieder. „Ich begleite Euch. Es ist schon dunkel draußen. Ihr solltet nicht alleine den Baum verlassen.“ sagte ein dunkelhaariger Kerl, der Louis gegenüber am Feuer saß und stand ebenfalls auf. Hinter ihm an der Innenseite des Baumes lehnte ein weiterer Langbogen, den er aufnahm und dem alten Mann nach Draußen folgte.

Ein wenig unsicher, ob es ihm gestattet war, so nahe am Feuer zu sitzen, rutschte Louis noch ein wenig näher an die Flammen heran, die gerade einen dicken Ast verschlangen. „Ihr seid also vogelfrei?“ ein großer, breitschultriger Kerl, der ihm gegenüber saß, sah ihn interessiert an. „Ich bin Veland.“ setzte er noch nach, als ihm auffiel, dass er sich Louis noch nicht vorgestellt hatte und Louis nickte. „Ja, ich wurde für vogelfrei erklärt.“ bestätigte Louis und hielt die kalten Hände in Richtung des Feuers. Die Wärme tat gut und seine Finger kribbelten angenehm, als die Kälte langsam wich. „Wollt Ihr den Umhang nicht ablegen? Dann kann der Stoff am Feuer trocknen.“ schlug ein  rothaariger, junger Mann mit Spitzbart und freundlichem Lächeln auffordernd vor und deutete auf Louis dunkelgrünen Umhang. Tatsächlich war er noch recht klamm, obwohl er zusammen mit Zayn im Schutz der Bäume lange gegangen war, war der Mantel noch nicht ganz trocken. Louis öffnete die Schnalle, die den Umhang vorne zusammenhielt und zog den Stoff von den Schultern. „Gebt mir das, ich kann es übers Feuer hängen, ohne dass es verbrennt.“ bot der Rothaarige an und Louis reichte ihm den Umhang als Knäuel. „Mein Name ist Flint.“ sagte er über die Schulter zu Louis und kletterte dann geschickt an der borkigen Innenseite des Baumes hinauf, bis er eine Astgabel erreicht hatte, über die er den Umhang warf. Die aufsteigende, heiße Luft des Feuers, das im Inneren des Baumes nach Oben stieg um zwischen den Ästen ins Freie hinauszuziehen, würde den Stoff trocknen. „Wie lange seid Ihr denn schon unterwegs?“ fragte Zayn, nachdem er seinen Köcher und den Langbogen an die Wand gelehnt hatte und setzte sich nun ebenfalls. „Ich kann es nicht mehr genau sagen, aber ich denke, dass ich so etwa drei Tage lang unterwegs gewesen sein muss.“ sagte Louis und wurde von seinem Magen unterbrochen, der laut knurrte. Offenbar hatten auch die Umsitzenden das Geräusch gehört, denn sofort wurden ihm einige Schalen und ein Tonkrug gereicht, aus denen die Truppe anscheinend gerade noch gegessen hatte. „Hier, Ihr müsst etwas essen.“ Doch bevor Louis nach der Schale hatte greifen können, hatte Zayn sie gepackt und und zu sich gestellt, sodass Louis sie nicht erreichen konnte. „Wir wissen noch nicht, ob wir ihm trauen können. Er bekommt nichts, bevor Gwydion uns nicht bestätigt hat, dass er kein Spion von Jonathan ist.“ sagte er scharf woraufhin Flint und Veland beschämt den Blick senkten. Zayn schien hier in dieser Gruppe eine wichtige Position inne zu haben, wenn die Beiden ihm so schnell gehorchten.

Nachdem Zayn Louis das Essen verwehrt und die beiden anderen zurechtgewiesen hatte, herrschte Schweigen. Louis starrte in die Flammen und sah erst wieder auf, als der alte Mann sich wieder durch den Spalt in der Baumrinde schob und ans Feuer trat. „Wo ist Nerian?“ fragte Zayn, weil Gwydion allein zurückgekommen war. „Er macht die Wachablösung.“ antwortete der Druide, der mit einer handvoll Kräutern wieder seinen Platz einnahm. Er griff nach einem kleinen Topf, der hinter ihm stand, füllte schöpfte Wasser aus einem kleinen Eimer hinein und zerrupfte die Kräuter und stellte den Topf in die Glut des Feuers. Mit interessierter Miene wandte er sich Louis zu: „Und Ihr seid also ein Geächteter. Wo habt Ihr denn einen Apfel gestohlen?“ fragte Gwydion. Seine braunen Augen waren aufmerksam und wach und funkelten Louis neugierig an. „Ich habe ihn aus dem Garten des Königs gestohlen.“ - „Meine Hochachtung. Etwas aus dem Garten Ihrer Majestät zu entwenden erfordert viel Mut….und viel Dummheit.“ ertönte eine Stimme hinter ihnen und Zayn nickte Jemandem zu, der hinter Louis den Baum betreten hatte. Die Person ging um das Feuer herum auf die Wand zu und Louis erkannte, dass es sich um einen jungen Mann in seinem Alter handelte. Er war groß gewachsen, trug eine dunkle Hose, sowie ein dunkel verwaschenes Hemd und Stiefel. Der Umhang, der über seinen Schultern hing, war dunkelbraun und verfügte ebenfalls über eine spitze Kapuze. Genau wie Zayn, trug auch er einen Langbogen bei sich und hatte einen Köcher voller Pfeile auf den Rücken geschnallt. Er nahm die Waffen ab und lehnte sie vorsichtig an die Wand. „Wie war die Wache?“ fragte Zayn neugierig nach, sah zu dem dunkelhaarigen Mann auf und hielt ihm auffordernd eine der Schalen hin, die er vorhin Louis abgenommen hatte. „Es war ruhig. Keine Auffälligkeiten.“ entgegnete der Angesprochene, nahm die Schale entgegen, wandte sich den anderen zu und setzte sich neben Zayn. Sein Gesicht war vom Licht der Flammen erhellt: er machte einen starken Eindruck und Louis blickte ihn unsicher an. „Vielleicht hättet Ihr auch so gehandelt, wenn Ihr vor Hunger beinahe umgekommen wärt.“ entgegnete Louis ein wenig angriffslustig und sah ihm in die Augen, während er sich mit einem Holzlöffel etwas von der Suppe in den Mund schob. „Nun, darum bin ich hier. Hier muss ich keinen Hunger leiden.“ Fast schon ein wenig spöttisch hob er eine Augenbraue und wandte sich dann wieder seiner Schüssel zu.

Louis, der nicht gerade erfreut darüber war, dass man seine Tat, die aus Not heraus geschehen war, so abtat, kniff die Lippen zusammen, um nicht noch etwas zu sagen. Der alte Mann wandte sich ihm wieder zu und sah ihn genau an. Zayn, der Louis noch immer misstrauisch musterte, sagte: „Gwydion, glaubt Ihr denn, dass Louis die Wahrheit sagt?“ Der Druide wurde von allen am Feuer fragend angeblickt und sah Louis lange an. Louis erwiderte den Blick des alten Mannes, der ein wenig abwesend schien, während er ihm fest in die Augen blickte, dann nickte er langsam und sagte: „Ich bin überzeugt, dass Louis die Wahrheit sagt. Eine solche Verletzung kommt nur durch Folter zustande. Ich glaube ihm und ihr solltet das auch alle tun. Louis, wenn du bei uns bleiben möchtest, dann darfst du das gerne tun.“ Etwas überrascht davon, dass der Druide ihm anbot zu bleiben und ihn obendrein auch noch duzte, starrte Louis den bärtigen Mann an. „Ähm habt Dank für das Vertrauen. Dürfte ich mir das wohl noch überlegen?“ fragte Louis leise und Jemand ihm gegenüber schnaubte. Es war der Kerl, der vorhin Wache geschoben hatte: „Da gibt es nicht viel zu überlegen.“ Er saß neben Zayn auf der anderen Seite des Feuers und löffelte die Schale leer, die man Louis vorhin angeboten hatte. „Allein wirst du nicht lange überleben. Hier bei uns bist du sicher.“ er sah Zayn an, als erhoffte er sich von ihm Bestätigung, doch der sah ihn allerdings nur ausdruckslos an. „Hier, du kannst den Rest haben.“ sagte er zu Louis und reichte ihm die Schale. „Na los, nimm schon. Ich kann doch sehen, dass du mir die Schüssel schon mit bloßen Augen leer isst.“ Der abschätzige Ausdruck in den grünen Augen des jungen Mannes war verschwunden und hatte sich in einen freundlichen Blick verwandelt. Scheinbar hatte das Urteil des Druiden dafür gesorgt, dass auch die Anderen Louis nun vertrauten. „Ich bin ganz Harrys Meinung – du solltest hier bleiben. Bei uns bist du sicher.“ sagte Veland und lächelte Louis aufmunternd an. „Wir alle sind Geächtete – gut, ausgenommen von Harry. Bei dem weiß eigentlich Niemand wo er herkommt – nicht mal er selbst.“ meldete sich nun ein Junge mit abstehenden Ohren und freundlichem Gesicht zu Wort. Von Harry wusste Niemand woher er kam? Neugierig sah Louis den dunkelhaarigen Lockenkopf an, der mit den Schultern zuckte: „Gwydion hat mich als Baby gefunden und mich aufgezogen. Ich weiß nicht, wer meine Eltern waren, oder sind.“ sagte Harry knapp und schien nicht mehr über sich selbst preisgeben zu wollen. „Ich löse Ed mal von seinem Wachposten ab.“ sagte Zayn plötzlich, erhob sich, griff nach seinem Bogen, warf sich den Köcher über die Schulter und verschwand wieder nach Draußen. Der Druide zog den Topf vom Feuer und schabte mit einem Stück Holz eine breiartige Masse auf ein Tuch. Es roch nach verschiedenen Kräutern und dampfte. „Louis, gebt mir Eure Hand.“ forderte der Druide und gehorsam hielt Louis ihm seine verletzte Hand hin. Vorsichtig und behutsam verband Gwydion Louis verletzten Daumen. „Ich mache Euch morgen noch einmal eine neue Salbe. Dann müsste der Schmerz langsam nachlassen.“ sagte er und zum ersten Mal seit Tagen schenkte ihm Jemand ein Lächeln.

Nachdem er den letzten Löffel gegessen hatte, bemerkte Louis, wie er müde wurde und lehnte sich schläfrig an den Baum hinter sich an. „Du solltest schlafen. Du bist ja völlig entkräftigt.“ der Junge mit dem freundlichen Gesicht nickte Louis an und sagte: „Wenn du möchtest, zeige ich dir deinen Schlafplatz. Neben mir ist noch Platz.“ Sehr dankbar darüber, nickte Louis und stand wieder auf. „Buck, bist du sicher, dass Louis neben dir schlafen sollte?“ fragte Harry und sah amüsiert aus. „Wieso nicht? Auf meiner Plattform ist noch Platz.“ - „Das mag sein, aber du bewegst dich so viel, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass du den armen Kerl herunterwirfst. Komm mit Louis, ich zeige dir wo du schlafen kannst.“        
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