Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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72. Cuthberts Angebot

Das erste, was Louis auffiel, als sie den großen Saal betraten war Lady Taylor. Sie saß neben Thomas am Tisch und aß gemeinsam mit den anderen Merry Men. Thomas bemerkte den König und erhob sich von seinem Platz. Er kam ihnen entgegen und verneigte sich vor Harry: „Ich muss Euch um Verzeihung bitten.“ sagte er und sah dem König dabei nicht in die Augen. „Es stand mir in keinster Weise zu, Euch anzugreifen.“ - „Gut, dass du das erkannt hast, Thomas.“ sagte Harry recht freundlich, hatte jedoch kein Lächeln für Thomas übrig. Vielleicht befürchtete er, der Vertraute und Geliebte seiner Frau würde ihn nicht ernst nehmen, wenn er allzu nett zu ihm war.
„Wie geht es dir, meine Liebe?“ fragte Harry die Königin und nahm neben ihr Platz. Schüchtern hob sie den Kopf und lächelte ein wenig unsicher. „Ganz gut, würde ich meinen. Danke.“ Rasch wandte sie sich wieder ihrer Mahlzeit zu und auch Thomas nahm wieder seinen Platz ein. Es gab ein wenig Dörrfleisch und Kohlgemüse, sowie Kartoffeln. Cuthbert und Leofwine hatten ihr Bad beendet und waren ebenfalls anwesend, doch weil Buck, Nerian, Flint, Liam und Ed fehlten, wirkte die Tafel unangenehm leer und es war auch nicht sonderlich laut. „Gibt es Nachricht der Spielmänner?“ fragte Louis den Druiden, der ihm gegenüber saß und an einem Stück Dörrfleisch kaute. Gwydion schüttelte den Kopf: „Nein leider nichts, aber ich werde heute nochmal einige Krähen auf den Weg schicken, sie werden das Lager sicherlich finden und können uns sagen, ob die Jungs schon dort angekommen sind. Im Schutz der Dunkelheit können die Vögel auch sicherer fliegen und werden nicht bemerkt.“

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Als Louis am nächsten Tag ein Schwert aus der hölzernen Tonne zog, um damit das Training zu bestreiten, bemerkte er den Muskelkater sofort. Nur mit Mühe bekam er die Waffe hoch und schnallte sich das Schwert um die Taille. Auch die anderen Jungs bedienten sich und nach und nach hatte jeder ein Schwert umgeschnallt und sie gingen gemeinsam hinaus auf die Wiese vor die Burg. „Was ist DAS denn?“ Veland blieb stehen, als sie den Wassergraben hinter sich gebracht und die Wiese erreicht hatten. Alle waren ein wenig verdutzt: auf der Wiese waren Zäune aufgestellt worden, Holzfässer stapelten sich und es gab kleine Zelte. „Was haben die denn heute mit uns vor?“ seufzte Leofwine und blickte die anderen leidend an: „Mir tun noch von gestern alle Knochen weh.“ Soldaten, Rekruten und die Merry Men standen mit ratlosen Gesichtern vor Zayn und Cuthbert. Die beiden Heerführer standen vor der Burgmauer und blickten amüsiert drein. Sie schienen sich auf den heutigen Tag richtig zu freuen. „Wir werden heute sehen, wie flink ihr mit den Waffen umgehen könnt, wenn ihr dabei eine Strecke voller Hindernisse bewältigen müsst.“ Cuthbert klang ganz begeistert von seiner Idee, doch die Merry Men schienen noch nicht so ganz von der heutigen Übung begeistert zu sein. „Damit alle wissen, was zu tun ist, werde ich euch vorführen, wie diese Hindernisse zu bewältigen sind.“ Zayn packte sein Schwert und ging mit festen Schritten an den Anfang des langen Parcours. Cuthbert teilte indessen alle übrigen Männer auf der Wegstrecke ein. „Ich will, dass ihr alles tut, um Zayn daran zu hindern, das Ziel zu erreichen. Ihr dürft ihn angreifen, vom Weg herunterstoßen, zu Fall bringen.“ Alle stellten sich rechts und links der Strecke auf und jeder zog sein Schwert. Harry und Veland standen Louis gegenüber auf der anderen Seite hinter einem großen Eichenfass. „Lasst uns gleichzeitig angreifen.“ schlug Veland leise vor und die beiden nickten. Als alle auf ihren Positionen standen und bereit waren,  pfiff Cuthbert mit den Fingern und Zayn rannte los.

Er war so schnell, dass er die ersten 15 Soldaten passiert hatte, bevor die hatten reagieren können. Zwischen bauchigen Fässern ging es hindurch und er hätte es fast geschafft, als sich ihm einer der Rekruten in den Weg stellte. Sie kämpfen nicht lange miteinander, denn Zayn gewann und rannte weiter. Jeden, der sich ihm in den Weg stellte, wehrte er ab und kam ohne Probleme voran. Louis wurde nervös, je näher er ihm, Harry und Veland kam. Sie kauerten sich hinter einem Zaun nieder und als Zayn nur noch wenige Schritte entfernt war, griffen sie an. Die Überraschung gelang zwar, doch Zayn schaffte es schnell, Louis außer Gefecht zu setzen, indem er mit einer geschickten Drehung seines Schwertes Louis die Waffe aus der Hand schlug. Harry und Veland schafften es, ihn noch einen Moment aufzuhalten, doch dann mussten auch sie sich geschlagen geben und ihn weiterlaufen lassen. „Das ist unfassbar, wie gut er ist...“ stellte Harry fest, rammte die Spitze seines Schwertes in den weichen Boden und sah Zayn nach, der über einen Schneehaufen sprang und zwei weiteren Gegnern entwischte, die versucht hatten ihn in die Zange zu nehmen. „Ich werde bestimmt schon bei der Hälfte besiegt sein.“ überlegte Louis missmutig. Ganz am Ende des Parcours lagen Pfeil und Bogen. Cuthbert schoss einen Schneeball in die Luft und Zayn zerstörte ihn mit einem gezielten Schuss.
Schwer atmend drehte er sich zu den Soldaten um, die ihn anerkennend anstarrten, es jedoch auch kaum erwarten konnten, sich selbst an dieser Herausforderung zu messen. „So...muss….das….aussehen.“ keuchte er und rang nach Luft. Applaus erklang und alle nickten ihm zu. „Jeder von euch kommt einmal dran. Alle anderen spielen wieder die Angreifer. Wir machen das so lange, bis jeder sich einmal beweisen konnte!“ rief Cuthbert.

Sie waren eine große Truppe und so dauerte es lange, bis Louis an der Reihe war. Sein Herz klopfte nervös, als er startbereit am Anfang stand und den Parcours ansah. Kein Gegner war zu sehen. Alle hielten sich hinter oder in den Hindernissen verborgen. Louis wusste also nicht, wann ihn ein Angriff überraschen sollte. Cuthberts Pfiff ertönte und er rannte los.
Das erste Hindernis passierte er, ohne angegriffen zu werden. Auch beim zweiten wartete Niemand auf ihn. Wachsam sah er sich um, als er sich zwischen mehreren Fässern hindurchschlängelte und unter niedrigen Holzbalken entlangkroch. Er war gerade wieder auf den Füßen, da wurde er von 8 Männern gleichzeitig von allen Seiten angegriffen. In diesem Moment vergaß Louis, dass es sich hier um eine Übung handelte und er verteidigte sich so flink und schnell, dass er binnen kürzester Zeit alle Angreifer auf den nassen Boden verbannt hatte. Selbst wohl am meisten überrascht von dem, was er zu leisten im Stande gewesen war, rannte Louis weiter. Weit kam er nicht, dann hatten sie ihn von zwei Seiten eingekesselt. Die Gruppe bestand dieses Mal aus besonders wuchtigen Männern. Auch Harry war unter ihnen und Louis schluckte, als er sich der Übermacht gegenüber sah. „Na, wagst du es nicht?“ neckte ihn Harry und hob sein Schwert. Weil Louis nicht den ersten Schritt gemacht hatte, griff er ihn kurzerhand an und Louis tat sein Bestes, um ihn abzuwehren. Es war sehr schwer, denn natürlich griffen auch die anderen Männer ein und er musste sie abwehren. Die Kraftreserven waren langsam aufgebraucht und er hatte wirklich Angst, den Parcours nicht zu überstehen. Doch es war erstaunlich, wie viel Kraft der Körper doch noch hatte, wenn man ihm alles abverlangte, denn Louis schaffte es, sich frei zu kämpfen und  erreichte bald das Ziel des Parcours. Cuthbert stand bereit und warf einen Schneeball hoch in den hellen Himmel. Louis griff sich den Langbogen, der an einem Strohballen lehnte, legte einen Pfeil ein und zielte in die Luft. Er verfehlte den Schneeball, der im Tiefschnee landete und dort ein Loch hinterließ. Enttäuscht ließ Louis den Bogen sinken und sah den Heerführer schwer atmend an. „Du hast dich hervorragend geschlagen Louis.“ lobte ihn Cuthbert und schenkte ihm ein stolzes Lächeln. Louis konnte nicht sonderlich viel darauf erwidern. Es wurmte ihn, dass er den Schneeball nicht getroffen hatte, wo es doch beim letzten Mal beim Üben mit Leofwine wunderbar gelungen war. „Du hast das wirklich gut gemacht.“ Der Heerführer klopfte ihm mit einer Hand auf die Schulter, als Jemand nach ihm rief. „Harry! Zayn! Cuthbert!“
Der Zauberer eilte auf sie zu. Mit dem Stab pflügte er durch den Schnee. Louis sah ihm entgegen und versuchte wieder zu Atem zu kommen. „Harry!“ rief Gwydion und der junge König rannte in ihre Richtung, das Gesicht war besorgt und er wirkte nervös. „Wir haben eine Nachricht bekommen. Von Flint. Sie haben die Männer gefunden. Sie haben die Lüge geglaubt und machen sich nun auf den Weg zum großen Felsen. Flint hat ihnen erzählt, du würdest in den nächsten Tagen einen Ritt durch die Grafschaft machen. Sie wollen dich dort überfallen, Harry.“

Das Training wurde durch diese Nachricht sofort beendet und alle gingen zurück in die Burg. Jetzt galt es, schnell zu handeln, denn die Gegner hatten sich bereits auf den Weg zum großen Felsen gemacht. Louis ging neben Harry her, der mit schnellen Schritten den Thronsaal ansteuerte und sich dort mit ernster Miene an den Tisch setzte. Er hatte die Kiefer aufeinander gepresst und sah den Zauberer an: „Was schlägst du vor?“ fragte er, ohne darauf zu warten, dass auch die anderen im Thronsaal ankamen. „Du willst ihnen aber nicht entgegen reiten und ihnen damit in die Arme laufen, oder?“ fragte Louis, noch bevor der Zauberer seinen Rat geben konnte. „Doch, ich glaube, das werde ich tun müssen. Wir müssen die Gegner ausschalten und ich werde keine Soldaten vorausschicken, während ich hier in der Burg bleibe und mich verstecke, wie ein Feigling. Wir haben nicht umsonst in den letzten Tagen trainiert.“ Louis gab es nur ungern zu, aber Harry hatte recht. Er sollte nicht hier in der Burg bleiben, wenn alle hinauszogen, um ihre Feinde im Wald zu vernichten. „Du hast sicherlich schon einen Plan, Gwydion. Du hast immer einen Plan.“ Harry nahm Louis Hand und blickte den Zauberer erwartungsvoll an. Der alte Mann seufzte und nickte: „Nun, du musst Benjamins Männern entgegen reiten. Er muss im Glauben gelassen werden, dass du wirklich einen Ritt durch die Grafschaft machst, damit wir den Schutz von unseren Spionen gewährleisten können. Wenn die Feinde herausfinden, dass du nicht auf einer einfachen Durchreise bist, werden sie unsere Jungs umbringen. Wir sollten in kleinen Gruppen losziehen und...“ Die Thronsaaltür flog auf und die Merry Men kamen mit wehenden Umhängen und schnellen Schritten herein. „Was ist der Plan? Was unternehmen wir?“ fragte Zayn sofort und blieb am Tisch stehen. Er schien sich nicht setzen zu wollen, damit sie möglichst sofort aufbrechen konnten. Gwydion erhob sich und sah die beiden Heerführer an: „Packt eure Waffen und Marschgepäck ein. Wir werden so tun, als würden wir Harry wirklich auf einer Durchreise begleiten. Seht zu, dass ihr alle mit Kettenhemden und genügend Pfeilen ausgestattet seid. Ich werde euch den Plan unterbreiten, sobald wir unterwegs sind. Der große Fels ist zwei Tagesmärsche von hier entfernt und wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Louis sah Harry an, der die grünen Augen auf den Tisch geheftet hatte und noch nicht so ganz realisiert zu haben, dass heute der Tag gekommen war, an dem sie wirklich in einen Kampf ziehen würden. Zayn und die Jungs machten sich sofort davon, Cuthbert hingegen blieb am Tisch stehen und sah Harry ernst an: „Harry. Lass uns die Umhänge tauschen, wenn wir im Wald die Hälfte des Weges zurückgelegt haben.“ - „Wieso willst du das tun?“ fragte Harry überrascht und machte große Augen. „Wenn die Feinde uns beobachten sollten und sie dich erkennen, dann werden sie sich mit Sicherheit deine Kleidung merken, um dich später gezielter angreifen zu können. Wenn wir die Umhänge wechseln, kurz bevor wir den großen Felsen erreichen, bist du besser geschützt.“ Cuthbert wollte tatsächlich als Lockvogel für Harry herhalten. Louis blickte ihn mit leicht geöffnetem Mund an. „Du willst das wirklich tun?“ hauchte er und Cuthbert nickte mit entschlossener Miene: „Es wäre eine Ehre.“ sagte er, wandte sich dann um und ging aus dem Thronsaal.    
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