Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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18. Beute gemacht

Gemeinsam verließen sie die Eiche und stapften nebeneinander durch den Wald. Das Singen einer Lerche sagte ihnen, dass es noch früh am Morgen sein musste. „Wo habt ihr denn die Fallen aufgestellt?“ fragte Louis und dachte an das Loch zurück, das Zayn gegraben hatte und in das er gefallen war. Ob sich auch hier unterhalb des Laubes und der Gräser, tiefe Gruben befanden? Automatisch bewegte sich Louis vorsichtiger und setzte den Fuß mit Bedacht auf. „Es ist nicht mehr weit. Wenn die Fallen voll sind, werden wir das sehen, denn dann ist das Gitter aus Ästen, das wir immer darüber legen, eingebrochen. Ich hoffe ja, dass vielleicht ein Wild in der Grube liegt, dann haben wir alle mal wieder eine leckere Mahlzeit.“ sagte Leofwine und blieb stehen. Louis hielt sich dicht hinter ihm und lugte besorgt über seine Schulter. „Hier ist es. Die Fallen befinden sich immer links eines Baumes. So kann man sich ein wenig orientieren und wir geraten nicht in unsere eigenen Fallen.“ Sie befanden sich jetzt in einem Stück Wald mit sehr jungen Bäumen, die alle recht weit auseinander standen. Genug Platz also, um die Gruben gut umgehen zu können, trotzdem ließ er Leofwine den Vortritt. „Oh, sie mal, hier ist etwas.“ Sie gingen neben einer Grube in die Hocke. Die Äste waren nur teilweise zerbrochen, wodurch die Grube noch zur Hälfte verdeckt war. „Hilf mir mal, das beiseite zu räumen.“ bat Leofwine und gemeinsam schafften sie Laub, Moos und Äste beiseite. Aus der Grube erklang sofort ein lautes, ängstliches Quieken und Louis wusste bereits, ohne hinsehen zu müssen, dass sich um ein Wildschwein handelte.
Die Beiden lugten in die Falle hinein und tatsächlich saß dort unten ein noch nicht ganz ausgewachsenes Wildschwein. Sicherlich wog es mehrere Pfund. „Willst du schießen?“ fragte Leofwine und hielt Louis den Bogen auffordernd hin. „Nein, ich glaube, das machst lieber du. Ich will es nicht unnötig leiden lassen.“ Mit diesen Worten lehnte Louis dankend ab und dachte dabei an seinen kläglichen Pfeil, den er mit Harry abgeschossen hatte. Der Gedanke an den Lockenkopf versetzte ihm einen kurzen Stich, doch dann zwang er sich dazu, Leofwine aufmerksam zuzuschauen. „Gut, wie du möchtest, aber danach zeige ich dir, wie man richtig mit einem Langbogen umgeht.“ Er zog einen Pfeil aus dem Köcher, legte ihn auf die Sehne und zielte hinunter in die Grube. Er traf das Tief genau zwischen die Augen und es fiel zuckend auf die Seite. Ehrfürchtig starrte Louis seinen Begleiter an. Einen solch präzisen Schuss hatte er nicht erwartet und ihm klappte der Mund auf, während Leofwine den Bogen neben sich ins Gras legte und ein Seil von seinem Gürtel zog: es war aus Flachs, langen Gräsern und Stoffresten geflochten und sah ähnlich aus, wie das Seil mit dem Zayn ihn aus der Falle gezogen hatte. Er Das Seil wurde an einen nahegelegenen Baum gebunden und Louis kletterte hinunter in die Grube, wo er dem Wildschwein die Beine zusammenband und es am Seil befestigte. Obwohl es noch lange nicht ausgewachsen war, wirkte das Tier, das jetzt neben ihm auf dem Boden lag einfach riesig und Louis fragte sich, wie er und Leofwine es gemeinsam schaffen sollten, es hinauf zu ziehen. Hatten sie genug Kraft dafür, oder würden sie es liegen lassen und sich von den anderen Jungs Unterstützung holen müssen?

Nachdem er wieder aus der Grube geklettert war, packten die beiden Jungs das Seil gemeinsam und schafften es tatsächlich, das Tier Stück für Stück aus der Falle zu ziehen. Dafür hatten sie das Seil um mehrere Äste des Baumes geschlungen und verhinderten so, dass das Eigengewicht ihrer Beute es wieder zurückrutschen ließ. Es war eine schweißtreibende Angelegenheit und als sie es endlich geschafft hatten, was Louis Haar nass und fiel ihm strähnig in die Augen. Gemeinsam zogen sie ihre Beute ins nächste Gebüsch und verschlossen dann die Grube wieder mit Ästen, Gräsern und Laub, sodass sie alles gut in den Waldboden einfügte und Niemand mehr auf den Gedanken käme, hier etwas anderes, als festen Boden unter den Füßen zu haben. „Los, jetzt lass uns das Ding wegtragen. Sicherlich weißt du, dass das Wildern nirgendwo im Land gestattet ist.“ sagte Leofwine und zog Louis schnell in den Schutz des Gebüschs. Es war nicht sonderlich dicht, wodurch man die Umgebung gut im Auge behalten konnte. „Wie kriegen wir es denn von hier weg? Man kann es doch kaum anheben?“ fragte Louis und zog sich die Kapuze des Mantels über, in der Hoffnung, ein wenig unsichtbarer zu werden. Würde sie jetzt Jemand sehen, wäre das wohl das Schlimmste, was ihnen hätte passieren können. „Wir könnten es an einen langen Ast hängen und dann auf den Schultern tragen. So verteilt sich das Gewicht viel besser und wir würden es auch zu zweit hinbekommen.“ überlegte Leofwine und begann auch schon, das Unterholz nach einem langen, gerade gewachsenen Ast zu durchsuchen. Louis blieb neben dem Schwein auf dem Boden hocken und behielt die Umgebung im Auge, während Leofwine ziemlich laut durch das Unterholz pflügte, wahllos Äste hervorzog und sie wieder wegwarf, wenn sie nicht zu gebrauchen waren. Er war so laut, dass Louis sich ein wenig unwohl fühlte, denn so konnte er nicht auf andere Geräusche in der Umgebung achten. Leofwine entfernte sich immer weiter von ihm und war im diffusen Licht des Waldes nur noch schwer zu erkennen. Sein Mantel machte ihn fast unsichtbar, doch Louis starrte ohne zu blinzeln auf den Punkt, wo er ihn zuletzt gesehen hatte. Er war so sehr darauf konzentriert, dass er erst ziemlich spät die Geräusche vernahm, die aus der entgegengesetzten Richtung zu hören waren und sich näherten.

Mit wild klopfendem Herzen, drehte er sich um, als er das Geräusch endlich registriert hatte und sah zwei Pferde samt Reiter. Sie waren noch weit genug entfernt, dass Louis sie zwar sehen konnte, er ihren Augen allerdings verborgen blieb. Mit weit aufgerissenen Augen sah er sich um, doch Leofwine war nicht zu entdecken. Was sollte er jetzt tun? Nach seinem Begleiter zu rufen, wäre töricht und würde die Aufmerksamkeit der Reiter auf sich lenken, die sich genau auf ihn zubewegten. Hektisch bedeckte er das erlegte Wild  mit Blättern und kleineren Ästen, duckte sich dann in den Schutz der Farne und entfernte sich rückwärtsgehend immer weiter. Darauf bedacht, den Fuß unter keinen Umständen auf einen morschen Ast zu setzen, der laut zerbrechen und ihn verraten könnte, ging er weiter und hoffte inständig, dass auch Leofwine die Reiter gesehen und seine lärmende Tätigkeit unterbrochen hatte.
Mit einem Mal packte ihn Jemand an den Schultern und eine Hand presste sich auf den Mund. „Das sind die Reiter des Königs. Still jetzt und auf den Boden.“ zischte eine weiche Stimme direkt an seinem Ohr. Louis wurde so fest gehalten, dass er den Kopf nicht drehen konnte, um zu sehen, wer hinter ihm stand. Die Stimme war nicht die Leofwines, das war sicher. Die Hand in seinem Nacken drückte ihn hinunter und etwas schlug ihm gegen die Kniekehlen, sodass er einknickte und im taufeuchten Gras landete. Erst jetzt, da sie sich im Schutz des hochgewachsenen Grünzeugs befanden, lies die Hand ihn los und Louis drehte vorsichtig den Kopf. Rotblondes Haar und ein wacher Ausdruck in den Augen, die Hand noch immer auf Louis Lippen gepresst, lag Flint neben ihm und atmete schwer, als ob er gerannt wäre. „Wo kommst du denn her? Wir müssen Leofwine warnen, er ist sicherlich noch hier in der Umgebung...“- „Zayn kümmert sich schon um ihn. Keine Sorge.“ antwortete Flint und duckte sich, als die Reiter ihn einiger Entfernung an ihnen vorbeiritten.
Flint und Louis gaben keinen Laut von sich er wagte es kaum, zu atmen, bis Ross und Reiter ihnen den Rücken zuwandten. „Woher wusstet ihr, dass die Reiter kommen?“ Vorsichtig richtete sich Louis auf und endlich ließ auch Flint ihn los, nachdem er ihn die ganze Zeit über fest am Kragen gepackt gehalten hatte. „Gwydion hat uns gesagt, dass Reiter kommen. Die Krähen hatten wohl Ausschau gehalten.“ - „Die Krähen?“ Flint nickte nur und sagte nichts mehr, weshalb es Louis nun selbst überlassen blieb, sich zu überlegen, ob unter „Krähen“ Wachposten der Merry Men verstanden wurden, oder ob es sich wirklich um die Vögel handelte. Flint reckte nun ebenfalls den Hals und sah in die Ferne, wo die Pferde nur noch schemenhaft zu erkennen waren. „Ob sie nach dem Steuereintreiber suchen?“ überlegte Louis, stand nun endgültig auf und klopfte sich die Hose ab. „Mit Sicherheit tun sie das. Jonathan wird es in diesem Fall zwar weniger um das Leben seines Mitarbeiters, sondern vielmehr um das Geld gehen, das er bei sich trug, aber so ist er eben.“ antwortete Flint. Er ließ die Pferde während er sprach keine Sekunde aus den Augen, solange bis sie komplett verschwunden waren.

Als die Luft rein war, erhob nun auch der Rothaarige sich aus seiner Deckung und sie sahen sich um. Leofwine oder Zayn waren nirgendwo zu sehen. Um sie her waren nur Bäume, Sträucher und hochgewachsenes Gras. „Konntet ihr denn Beute in der Fallgrube fangen?“ fragte Flint und gemeinsam gingen sie zurück zu der Stelle, an der Louis das Wildschwein unter Laub versteckt hatte. Hoffentlich hatten die Soldaten es im vorbeireiten nicht gesehen oder gar mitgenommen.
„Oh Gott sei Dank, es ist noch da.“ seufzte er erleichtert, als er das Laub beiseite geschafft hatte und das Wild noch immer darunter lag. „Wie war eurer Plan, es hier wegzuschaffen?“ hakte Flint nach und blickte zwischen dem Tier und Louis hin und her. „Leofwine wollte es an einem Ast aufhängen, damit man es zu zweit gut tragen kann.“ Doch wenn Zayn und Leofwine nicht bald auftauchten, würden wohl er und Flint das Tier allein zur Eiche schaffen müssen.

Gerade, als sie überlegten, ob sie vielleicht schon vorausgehen sollten, war ein Knacken und Schleifen zu hören. Etwas wurde über den Waldboden gezogen und das Geräusch lies sie beide den Kopf heben. Zwei Gestalten, beide in braun-grüne Mäntel gehüllt kamen auf sie zu. Sie trugen Pfeil und Bogen bei sich und schleiften einen langen Ast hinter sich her, der im Laub und der weichen Erde des Waldbodens eine tiefe Furche hinter sich herzog. „Da seid ihr ja. Habt ihr die Reiter gesehen?“ fragte Flint die Beiden. Offenbar hatte er Zayn und Leofwine schon an der Art, wie sie sich bewegten, erkannt. „Ja, haben wir und es war wirklich knapp, dass sie uns auch gesehen hätten, nicht wahr, Zayn?“ erwiderte der Dunkelhaarige und Zayn nickte: „Ja, aber wir waren noch schnell genug auf einen Baum geklettert, das hat uns den Hals gerettet. Sie sind auf der Suche nach dem Typen, den Harry dummerweise getötet hat.“ Louis kniff die Lippen zusammen, um Harry nicht zu verteidigen, denn er wusste genau, dass ihm das gerade nicht zustand. Also schwieg er und kontrollierte lieber noch einmal den Knoten, mit dem er dem Wildschwein die Beine zusammengebunden hatte. „Vielleicht laufen sie Harry ja auch über den Weg und wenn er sie dann auch noch umbringt, dann schickt Jonathan demnächst eine ganze Armee von Leuten. Ich hoffe nur, dass er sich dazu nicht hinreißen lässt und keinen Streit mit den Soldaten sucht.“ - „Er hat sich nicht mit dem Steuereintreiber gestritten.“ mischte sich Louis nun doch ein und sah Zayn an. Dieser hob eine Augenbraue und machte einen Schritt auf Louis zu. „Hör zu Louis, du magst Harry vielleicht für etwas Besonderes halten, weil er dich auf seiner Plattform hat schlafen lassen und dich vor dem Steuereintreiber gerettet hat, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es einfach dumm war, einen Mann des Königs zu erschießen. Noch dazu einen so wichtigen. Wäre er nur ein einfacher Soldat gewesen, hätte Jonathan den Verlust nicht betrauert. Aber beim Tod eines Mannes, der mit Geld umgehen muss...da wird er misstrauisch und Harry hat uns damit alle in eine ziemlich dumme Lage gebracht. Also verteidige ihn bitte nicht Louis. Ich hab Harry gerne. Er ist wie ein Bruder für mich. Doch diese Tat kann ich einfach nicht gutheißen.“ Zayn sprach ruhig, aber recht bestimmt und Louis war froh, dass seine Worte zwar scharf, aber keineswegs böse gemeint waren. Sicherlich konnte Zayn, wenn er wirklich wütend wurde, sehr angsteinflößend wirken und das wollte Louis lieber nicht erleben. Als senkte er den Blick, nickte und sagte schnell: „Tut mir Leid, mir stand es nicht zu, darüber zu urteilen.“ Zayn nickte knapp, schob ihn dann beiseite und befestigte gemeinsam mit Flint das Wildschwein an dem großen Ast, den er zusammen mit Leofwine hergezogen hatte. „Wir bringen es zurück ins Lager. Leo, sieh zu, dass du unserem Neuling hier mal den Umgang mit Waffen beibringst. Vielleicht sind wir bald auf jeden Mann angewiesen, den wir haben.“    
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