Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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62. Beobachtung in der Badestube

Bereits früh am nächsten Tag konnte man das Klingen von Schwertern von der Wiese zur Burg klingen hören. Cuthbert und Theobald hatten die neuen Soldaten mit den Rekruten vermischt und arbeiteten nun verschiedene Verteidigungsstrategien aus. Der Tag war klar und zum ersten Mal seit langer Zeit, waren an diesem Morgen die Brunnen nicht zugefroren. Louis hatte einen Eimer Wasser gefüllt und trug ihn nun in die kleine Badestube. Seit dem Bad, das er bei Prinz Niall genommen hatte, hatte er sich nur mit kaltem Wasser gewaschen und es wurde Zeit, sich mal wieder ein warmes Bad zu gönnen. Harry war schon seit dem Sonnenaufgang auf den Beinen und arbeitete mit Zayn und Leofwine einen Plan aus, wie man sich weiter um die Versorgung des Volkes kümmern konnte. Durch den Überfall auf Nerian und Buck waren nicht alle Vorräte verteilt worden und das mussten sie nun dringend nachholen. Allerdings hatten sie von Gwydion noch keine Nachricht erhalten und wussten nicht, ob im weglosen Wald noch immer Gefahr auf sie lauerte. Das machte die ganze Sache noch schwerer.
Louis stieg eine schmale Treppe hinunter und betrat den niedrigen Raum, in dem mehrere große Waschzuber standen. Sie waren aus Holz und mit Metall beschlagen und innen mit Pech versiegelt, damit möglichst wenig Wasser herausfloss. Louis drückte die Tür auf und zuckte zusammen, als er eine Person am Kamin stehen sah. „Thomas...wollt Ihr ein Bad nehmen?“ fragte er, als er den Vertrauten der Königin erkannte. „Meine Herrin wünscht dies zu tun. Ich bereite alles vor.“ antwortete er und legte noch einmal Holz auf das Feuer, über dem ein großer Kessel hing. „Dann werde ich später baden. Ich wollte der Milady nicht in die Quere kommen.“ sagte Louis und goss sein Wasser noch zusätzlich in den Kessel. Thomas hob eine Augenbraue – vermutlich hatte das Wasser gerade die richtige Temperatur gehabt und Louis hatte sie mit seinem eiskalten Wasser wieder gesenkt. „Wie hat Milady denn ihre erste Nacht hier auf der Burg empfunden?“ fragte Louis ein wenig schüchtern. Er wollte wissen, ob die Königin ihrem Vertrauten alles berichtete und ob Thomas wusste, dass die Ehe nicht vollzogen worden war. Der großgewachsene Mann schien sich dasselbe über Louis zu fragen und hielt einen Moment inne, bevor er antwortete: „Sie sagte mir, es sei eine ruhige Nacht gewesen….ohne spezielle Vorkommnisse.“ Thomas lächelte kurz und es schien ein wenig gezwungen zu sein, dann senkte er den Blick wieder auf den Kessel und tauchte vorsichtig eine Hand ins Wasser. „Gut, es ist warm genug. Ich werde Lady Taylor jetzt benachrichtigen. Dürfte ich Euch bitten, hier zu bleiben, bis wir zurück sind? Ich möchte verhindern, dass sich Jemand an dem warmen Wasser bedient.“  Louis nickte und blieb am wärmenden Feuer stehen, während Thomas mit schnellen Schritten die Badestube verließ.
Louis beschloss in der Wartezeit schon mal eine Wanne zu füllen und schöpfte Wasser in einen Eimer. Die Nacht war also ohne spezielle Vorkommnisse gewesen. Das bedeutete, dass Thomas im Bilde war. Er wusste, dass sich die Eheleute in der Nacht nicht nähergekommen waren, als bisher. Was er wohl davon hielt? Wenn er Taylor näher stand, wie es Gwydion vermutete, dann wäre er darüber sicherlich erfreut. Wer teilte den Menschen, den man liebte auch gerne. Louis konnte das verstehen. Nach und nach füllte sich die Wanne und gerade, als Louis den letzten Eimer hineinkippte, öffnete sich die Tür und Thomas trat ein. „Gebt Acht, der Fußboden ist hier ein wenig glatt.“ sagte er und kurz darauf erschien die neue Königin im Raum. Louis neigte den Kopf zur Begrüßung und machte einige Schritte zurück. „Guten Morgen, Louis.“ sagte sie und lächelte ihn freundlich an. Sie trug ein hellblaues, schlichtes Kleid und hatte das Haar mit einer schön bestickten Haube bedeckt, wie es sich für verheiratete Frauen gehörte. Sie sah ausgeruht aus und es schien, als sei nach der Hochzeit eine große Last von ihren Schultern genommen worden. „Ich ziehe mich zurück.“ sage Louis rasch und beeilte sich, aus der Badestube zu kommen. Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte und die ersten Stufen hinaufgestiegen war, hörte er plötzlich ein Geräusch zu seiner Linken. „Pssst, Louis.“ Er wandte sich um und sah Draca, der in einem abzweigenden Treppenabgang kauerte, der zum Vorratslager führte. „Was machst du denn hier?“ fragte Louis und Draca hielt ihm rasch die Hand auf den Mund, packte ihn am Kragen und zog ihn zu sich in die Dunkelheit. „Was wird das?“ flüsterte Louis und wunderte sich, weil Draca grinste. „Ich bin auf Entdeckungstour.“ sagte er und deutete auf die Tür, hinter der sich die Badestube befand. „Seit Gwydion sagte, dass er vermutet, dass Lady Taylor und Thomas sich näher stehen, als sie es sollten, versuche ich das herauszufinden.“ Louis verdrehte die Augen: „Du kannst doch nicht der Königin nachspionieren.“  - „Doch. Kann ich wohl. Also: hast du etwas anderes zu tun, oder willst du mir Gesellschaft leisten?“ Kurz war Louis unschlüssig: der neuen Königin aufzulauern und noch dazu, wenn sie sich im Bad befand, war äußerst verwerflich. Auf der anderen Seite, würde es ihn erleichtern, wenn er wüsste, dass Lady Taylor und Thomas dasselbe füreinander empfänden, wie er und Harry. „Gut, lassen wir den Anstand beiseite und finden die Wahrheit heraus.“ sagte Louis und konnte nicht verhindern, dass er begeistert klang. Er kauerte sich neben Draca in die Dunkelheit und blickte ihn erwartungsvoll an. „Wie stellen wir das an?“ - „Wir spicken durch den Türspalt.“ Draca klang, als sei diese Antwort selbstverständlich und stand wieder auf. „Kommst du mit?“ - „Das ist doch total auffällig...“ doch Draca schien für Louis Einwände nichts mehr übrig zu haben. Er erhob sich, nahm Louis am Arm und zog ihn zurück zur Tür der Badestube. Wie die meisten Türen auf der Burg, hing auch diese nicht ganz gerade in den Angeln. Sie drückten erst ein Ohr dagegen, um zu lauschen, dann versuchte Draca durch einen Spalt einen Blick zu erhaschen. „Ich kann Thomas sehen...“ flüsterte Draca und drückte sich die Nase an der hölzernen Tür platt. „Und jetzt die Lady...uuuh er hilf ihr das Kleid abzulegen….also ich muss schon sagen….du meine Güte...“ Draca schien total aus dem Häuschen zu sein und Louis schob ihn ein wenig grob beiseite: „Lass mich auch mal sehen.“ Er lugte durch den schmalen Spalt: zuerst sah er gar nichts, nur verschiedene Farben und es dauerte einen Moment, bis er erkannte, dass er einen Teil des Kamins, sowie ein Stück der hölzernen Wanne sehen konnte. Lady Taylor trat in sein Sichtfeld. Sie hatte sich dem Feuer zugewandt und Thomas half ihr dabei, das Kleid abzulegen. Der Stoff fiel zu Boden. Das Licht des Feuers blendete Louis, sodass er nur ihren Umriss sehen konnte, doch das störte ihn nicht. Im Gegenteil: er war froh darüber, die Königin nicht unbekleidet sehen zu müssen. Thomas trat an sie heran und nahm ihr das Tuch ab, das ihr Haar bedeckte. „Was machen sie?“ zischte Draca neugierig und tippte Louis unentwegt auf die Schulter. „Er hat ihr dabei geholfen, das Kleid abzulegen und jetzt….nimmt er sie in den Arm und...“ Bei diesen Worten zog Draca ihn weg und sah selbst durch den schmalen Spalt. Seine Augen wurden groß und er riss den Mund auf, doch kein Laut kam ihm über die Lippen. „Was ist? Was ist los, Draca?“ fragte Louis, der ein wenig verärgert darüber war, dass er ihn einfach so von der Tür weggezogen hatte. „Thomas….er hat sie geküsst...“ keuchte der Merry Men, löste sich von der Tür und blickte Louis ungläubig an. „Was? Das muss ich sehen.“ Louis schubste Draca nochmals beiseite und sah nochmal durch den Spalt zwischen Tür und Rahmen. Tatsächlich. Thomas hatte Taylors Gesicht in seinen Händen und ihre Lippen waren vereint. Louis rieb sich ungläubig die Augen, doch er hatte sich nicht getäuscht: Thomas küsste die Königin. „Ich kann es nicht fassen.“ keuchte Louis. „Wir müssen es Harry sagen. Er muss es einfach wissen….seine Frau meint es nicht ernst mit ihm. Er sollte sie verstoßen.“ Draca schien entrüstet, doch Louis hielt ihn zurück: „Nein. Das darfst du nicht.“ Er wandte sich von der Tür ab und zog Draca mit sich, die Treppe hinauf und auf den Hof. „Aber Harry muss es wissen. Er braucht eine Frau, die ihm treu ergeben ist.“ brauste Draca auf, doch Louis schüttelte den Kopf und sah sich um, ob Jemand in der Nähe ihr Gespräch belauschte. „Verstehst du nicht, dass das uns genau in die Hände spielt? Harry hatte nie vor, diese Frau zu lieben, weil er...weil er mich liebt.“ Es fühlte sich komisch an, das auszusprechen. Zwar hatte Louis immer gewusst, dass die Merry Men irgendwie herausgefunden hatten, dass er und Harry einander sehr nahe standen und vielleicht hatten sie auch vermutet, dass sie sich verliebt hatten, aber wirklich ausgesprochen hatte er es nie. So war es nicht verwunderlich, dass Draca kurz einen überraschten Ausdruck im Gesicht hatte und dann mit den Schultern zuckte: „Gut, wenn du meinst. Aber du solltest es ihm trotzdem sagen. Ich finde, er sollte es wissen, das ist sein gutes Recht.“ Natürlich wollte Louis Harry sagen, was sie herausgefunden hatten, denn das öffnete ihnen ganz neue Türen. Vielleicht fanden sie nach dieser neuen Entwicklung auch eine Möglichkeit für das Problem des Ehevollzugs. „Gut, ich werde es ihm gleich sagen.“ Louis grinste, denn mit einem Mal schien ihm das Herz so unglaublich leicht zu sein und die ganze Last der letzten Tage fiel von ihm ab. „Danke, dass du Gwydions Verdacht nachgehen musstest, Draca.“ jubelte Louis, umarmte den Merry Men und rannte dann über den Hof auf die Freitreppe zu. Weil der Boden an manchen stellen noch ein wenig gefroren war, rutschte er einmal kurz weg, konnte sich aber fangen und nahm dann mehrere Stufen auf einmal, bis er schnaufend oben vor der Tür stand. „Ich muss zum König.“ keuchte er und schob sich an dem Wachmann vorbei. Dieser blickte ihn ein wenig irritiert an, doch bevor er sich hätte beschweren können, war Louis schon in den Thronsaal gehuscht.

Harry saß am Kopfende des Saals auf dem Thron und beendete gerade ein Gespräch mit Zayn, als Louis in den Raum gestürmt kam. „Louis, ist etwas passiert?“ fragte Harry und erhob sich von seinem Stuhl. „Ja...“ keuchte Louis, rannte zwischen den Säulen hindurch und fiel Harry um den Hals. Dieser hatte das nicht erwartet und fiel wieder auf seinen Stuhl zurück. „Louis, was ist los?“ fragte er und man konnte deutlich hören, dass er amüsiert war und lächelte. „Ich ziehe mich mal zurück.“ kam es von Zayn und seine Schritte entfernten sich. „Louis...willst du mir nicht sagen, was passiert ist? Du scheinst überglücklich zu sein...was ist der Grund dafür?“ Harry schob Louis von sich, nahm aber seine Hände und sah dann zu ihm auf. „Ich wollte gerade ein Bad nehmen und da bin ich auf Thomas getroffen….er sagte mir, dass Lady Taylor gerne baden will und ich habe ihr den Vortritt gelassen.“ - „Das ist sehr ehrenwert von dir, aber sicherlich nicht der Grund, wieso du einen so glücklichen Eindruck machst.“ hakte Harry nach und Louis Stimmung schien schnell auf ihn abzufärben, denn auch er begann zu strahlen. „Ich habe dann den Raum verlassen und Draca getroffen...er wollte herausfinden, ob Gwydions Vermutung stimmt und wir haben dann an der Tür gelauscht und durch einen Spalt im Holz geschaut.“ - „Das gehört sich aber nicht, mein Lieber. Wie könnt ihr denn eine Königin beim Bad beobachten?“ Harry schüttelte den Kopf, strich dabei aber weiterhin beruhigend über Louis Handrücken. „Ich nehme an, ihr habt etwas gesehen, was dich so glücklich macht.“ - „Ja...Thomas hat sie geküsst...und er hat ihr aus ihrer Kleidung geholfen. Ich konnte es mit eigenen Augen sehen und es hatte nicht den Eindruck, als würde er das zum ersten Mal tun.“  Harry ließ Louis Hände los und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Eine kleine Falte war auf seiner Stirn erschienen und er hatte die Lippen leicht geschürzt. „Harry, was ist?“ fragte Louis verunsichert von der plötzlichen Stille, die von dem König ausging. „Meine Frau betrügt mich.“ er klang ungläubig und sah zu Louis auf: „Sie ist diese Ehe eingegangen und hat von Anfang an geplant, mir nicht treu zu sein. Dafür könnte ich sie verstoßen und so in Ungnade fallen lassen, dass sie nirgendwo mehr ein Zuhause findet. Oder aber, ich lasse ihr die Wahl: sie muss meine Liebe zu dir akzeptieren und weiter meine Frau spielen. Im Gegenzug dazu, lasse ich ihr ihre Ehre.“    
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