Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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74. Auf dem Weg zum großen Felsen

Sie machten erst Rast, als die Sonne unterging. Louis taten die Füße weh und er strauchelte, als sie ihr Lager unter einem großen Baum aufgeschlagen hatten. Veland hatte unterwegs schon genügend Feuerholz gesammelt und Louis und Draca hatten mehrere Hasen geschossen. Die Tiere brieten über dem kleinen Lagerfeuer, um das sie alle herumsaßen. Sie waren in einen Bereich des Waldes vorgedrungen, wo der Schnee bereits weniger wurde und den Boden durchnässt hatte. Um zu verhindern, dass ihre Kleidung vom Wasser durchzogen wurde, hatten sie ein wenig Holz aufgeschichtet und saßen nun ein wenig erhöht. „Willst du uns deinen Plan erklären, Harry?“ fragte Zayn irgendwann und sah den König auffordernd an. Harry gab den Blick an den Zauberer weiter und dieser erhob das Wort. „Der Plan ist simpel. Wir werden am großen Felsen hoffentlich zeitgleich mit den anderen Gruppen eintreffen. Wenn wir Glück haben, sind unsere Gegner schon da und wir können sie von drei Seiten gleichzeitig angreifen. Darauf werden sie nicht vorbereitet sein und wir können sie auseinander nehmen. Sicherlich wird uns die Überraschung ein wenig dabei helfen, zu gewinnen.“ erklärte Gwydion. Zayn nickte langsam, sprach jedoch einen Haken an der Sache an. „Wie können wir sicher sein, dass unsere Gegner Liam, Ed und Flint nicht als Geisel nehmen, sollten sie erkennen, dass sie zu uns gehören?“ - „Nun, sicher können wir nicht sein, aber ich hoffe doch, dass sie sich schon von den Feinden entfernt haben. Immerhin habe sie sich als Spielleute ausgegeben und haben so immer die Möglichkeit, weiter zu ziehen.“ Ungläubig sah Louis den Zauberer an: hatte er wirklich keinen Plan, wie man die drei Spione aus der Reichweite der Feinde fortschaffte, bevor es zum Kampf kam? So sehr er den alten Mann und königlichen Berater auch schätzte, in diesem Moment war Louis ihm gegenüber eher missmutig gestimmt. Harry legte im den Arm um die Schulter: „Flint ist lange genug bei uns. Er wird daran denken, sich mit Ed und Liam rechtzeitig davon zu machen. Mach dir keine Sorgen um die Drei.“ Louis hob den Blick und sah direkt in Harrys grüne Augen: „Bist du dir sicher?“ - „Ganz sicher. Zerbrich dir über sie nicht deinen hübschen Kopf.“ Mit einer Hand hob Harry seinen Umhang, setzte sich die Kapuze auf und verbarg so ihre Gesichter. Im Schatten der Bäume und im Schutz des Mantels, küssten sie sich kurz, wenngleich Louis sich sicher war, dass mittlerweile alle Merry Men wussten, dass er und Harry sich ineinander verliebt hatten. „Denkst du, wir erreichen morgen den großen Felsen schon?“ fragte Louis leise, nachdem sie sich voneinander gelöst hatten und Harry zuckte mit den Schultern. „Wir könnten es schaffen. Aber ich denke, wir werden unser Lager in einiger Entfernung aufschlagen. Im Wagen des Ponys haben wir ein kleines Zelt dabei, in dem wir eine Besprechung abhalten können, um unsere Strategie zu besprechen.“ Der König nickte zu dem Pferdewagen hin, der neben dem Baum abgestellt war. Louis hatte sich bisher gar keine Gedanken über den Inhalt gemacht. „Haben wir denn eine Kampfstrategie?“ - „Nun, unser Ziel ist es, die Gegner von drei Seiten anzugreifen und sie dadurch auseinander zu treiben. Sie sollen keine Rückendeckung mehr haben. Wenn uns das gelingt, dann haben wir so gut wie gewonnen.“ Harry klang optimistisch. „Kommt ihr zum Essen?“ Veland riss die beiden aus ihrer Unterhaltung und sie setzten sich rasch zu den anderen dazu. Die gebratenen Hasen wurden einmal herum gereicht und jeder schnitt sich mit dem Messer ein Stück Fleisch ab. Louis zupfte noch einen Rest von seinem Stück und biss dann ab. Sonderlich hungrig war er nicht, doch er wusste ja nicht, wann es wieder etwas zu essen geben würde. „Ich halte Wache. Ihr könnt euch ausruhen.“ bot Gwydion an und nickte sie alle aufmunternd an. Harry ließ sich sofort nach hinten fallen und zog Louis in seine Arme: „Lass uns schnell schlafen, bevor er es sich anders überlegt.“ murmelte er und versuchte sich mit seinem Umhang notdürftig zuzudecken. Unter den Bäumen waren sie vom Wind geschützt und glücklicherweise fiel kein neuer Schnee vom Nachthimmel. Das Holz auf dem sie lagen, war hart und unbequem und Louis musste unwillkürlich an die weichen Felle denken, die in der Burg auf dem Bett lagen. Unglaublich, wie schnell man sich doch an einen gewissen Komfort gewöhnte. Zuerst dachte man, ihn nicht zu brauchen und fand ihn beinahe lächerlich, doch bereits nach wenigen Wochen, konnte man nicht mehr ohne einen gewissen Standard. Auch Harry schien dieser Gedanke durch den Kopf zu geistern, denn er sagte leise: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde, aber ich vermisse doch tatsächlich die Burg.“ Louis konnte nicht anders, als zu kichern. Er drückte sich rasch die Hand auf den Mund, um das Geräusch zu ersticken. „Sei still.“ zischte Harry, doch er ließ sich von Louis anstecken und kicherte ebenfalls. Aus der Dunkelheit kam ein genervtes Stöhnen: „Ich denke, wir wollten alle schlafen, das geht aber nicht, wenn hier die ganze Zeit gekichert wird.“ - „Sorry Cuthbert.“ gluckste Harry und bekam einen Schluckauf, den er versuchte, durch ruhiges Atmen wieder loszuwerden, doch es gelang ihm nicht und er kicherte immer wieder leise los. Wie lange war es her gewesen, dass sie so gelöst gewesen waren? Louis konnte sich kaum daran erinnern und es fühlte sich wirklich gut an, endlich wieder von Herzen zu lachen, obwohl sie sich ja gerade in einer recht ernsten Situation befanden. Immerhin würden sie in spätestens zwei Tagen auf eine Armee feindlich gesinnter Soldaten treffen. Und wer konnte schon sagen, ob sie alle lebend wieder zurück zur Burg kommen würden? Auch der König schien sich mit negativen Gedanken zu beschäftigen, denn sein Schluckauf ließ langsam nach und sein Atem wurde wieder ruhiger. Irgendwann verstummten auch die letzten geflüsterten Gespräche und außer dem Knacken der Flammen war nichts zu hören. Louis kuschelte sich an Harry, schob seine kalten Hände unter den warmen Körper und schloss die Augen. „Ich bin froh, dass du dabei bist.“ flüsterte der König dankbar und drückte Louis einen Kuss auf den Haaransatz. Es war das letzte, was Louis fühlte, dann sank er in einen traumlosen Schlaf.

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Nur wage nahm er am nächsten Tag wahr, dass um ihn herum Leute miteinander sprachen und es ständig raschelte und knirschte, wenn Jemand auf dem Schnee hin und her ging. Louis zitterte, weil es in der Nacht noch einmal kalt geworden war und schlug die Augen auf. Er hatte sich Mund und Nase mit einem dünnen Halstuch bedeckt, das nun feucht und eiskalt  von seinem Atem war. Die Sonne war gerade aufgegangen und im Wald herrschte noch eine schläfrige Stimmung. Nicht einmal Vögel waren zu hören. Der Geruch von Feuer drang Louis in die Nase und er drehte sich zum Lagerfeuer hin auf das Veland gerade Schnee warf, um es zu löschen. „Aufstehen, wir machen uns gleich auf den Weg.“ sagte er, als er Louis fragenden Blick bemerkt hatte. Der Zauberer, Zayn und auch Harry waren bereits auf den Beinen und kontrollierten, ob sie auch alle Messer und Schwerter wieder am Körper trugen. Harry trat zu Louis heran und reichte ihm eine Hand. Es war die mit dem Armschoner und Louis ergriff sie. Einen Moment verlor er sich im Anblick der zusammenpassenden Lederstücke, deren Muster schön ineinander verlief, bevor er sich auf die Beine ziehen ließ. „Hast du gut geschlafen?“ fragte Harry und ließ seine langen Finger durch Louis dunkles Haar rinnen, um es ein wenig in Ordnung zu bringen. „Ich habe erstaunlich gut geschlafen, wenn man bedenkt, was uns erwartet.“ gab Louis zu und schloss Harry kurz in die Arme. Er wollte noch einen Moment mit ihm gemeinsam teilen, bevor sie sich wieder auf den Weg machten.

Mit ihren gepackten Bündeln auf den Schultern, die Schwerter und Dolche an den Gürteln und den Köchern um den Hüften machten sich die Merry Men und der Zauberer wieder auf den Weg. Mit jeder Stunde, die verstrich, kamen sie dem Felsen näher und Louis wünschte sich, sie würden niemals am Ziel ankommen. Viel lieber wäre es ihm, sie würden einfach ewig durch den Wald gehen und wieder ein sorgloses Leben in der Wildnis führen können. Wenn nun bald der Frühling ins Land ziehen würde, wäre es auch wieder angenehm, im Freien zu schlafen. Schnelle Schritte näherten sich ihnen und Cuthbert holte ihn und Harry ein. „Wir müssen noch die Umhänge tauschen.“ erinnerte der Heerführer den König. Harry seufzte ein wenig wehmütig. Sicherlich hatte er gehofft, Cuthbert hätte seinen Plan vielleicht vergessen. Louis sah Harry genau an, dass ihm ganz und gar nicht wohl dabei war, einem seiner Freunde seinen Umhang zu geben und ihn damit sicher zur Zielscheibe zu machen. Cuthbert bemerkte Harrys Zögern und lächelte: „Harry, ich lasse mich von dir jetzt nicht umstimmen. Es ist meine Entscheidung und ich habe immer gesagt, dass ich für den König kämpfen werde. Du kannst mich nicht davon abbringen, also gib mir den Umhang.“ Er löste die Schnalle seines Umhangs unter dem Kinn, streifte sich den dunkelgrünen Stoff von den Schultern und hielt ihn Harry hin. Nachdem sich die beiden einen Moment mit ernstem Blick angesehen hatte, gab sich Harry geschlagen, löste seinerseits die Schnalle und gab Cuthbert seinen dunkelbraunen Umhang mit der spitzen Kapuze. „Vielen Dank mein Freund.“ Der Heerführer grinste neckisch, verneigte sich vor Harry und legte sich schwungvoll den Umhang um die Schultern bevor er das Tempo wieder anzog und nach vorne an die Spitze der kleinen Gruppe ging.

„Dir gefällt es nicht, dass er deinen Umhang trägt.“ stellte Louis fest und sah Harry an, der nickte und ein wenig grummelig auf Cuthberts Rückansicht blickte. „Er setzt sein Leben wissentlich aufs Spiel. Ich weiß, dass mir als König, die oberste Sicherheit gilt und er schon vor Jahren geschworen hat, sich notfalls für den König zu opfern. Wenn der König eine fremde Person gewesen wäre, dann hätte ich diese Haltung ja auch als ehrenvoll angesehen, aber so bringt er sich für einen seiner Freunde in Gefahr. Es ist eine persönliche Sache zwischen uns beiden und ich will ehrlich gesagt nicht verantworten, dass er  für mich sein Leben lässt.“ - „Aber es ist allein seine Entscheidung und wenn er schon seit langer Zeit davon spricht, alles für den König zu geben, dann weißt du doch zumindest, dass es ihm ein ernstes Anliegen ist. Außerdem bin ich sicher, dass er nicht der Einzige unter den Merry Men ist, der bereit wäre, für dich so weit zu gehen.“ sagte Louis. Er wusste nicht, ob er es geschafft hatte, Harry ein wenig aufzumuntern, denn der König blickte noch immer missmutig drein.

Sie erreichten ein Stück dichten Waldes und hielten an. Dem Stand der Sonne zufolge, musste es bereits Mittag sein. „Wir haben nur noch eine kurze Strecke vor uns, bis wir den großen Felsen erreichen.“ sagte Zayn leise und sah reihum in die ihm zugewandten Gesichter. „Lasst uns hier das Zelt aufbauen und die Lage besprechen.“
Gesagt getan.
Das Zelt bestand aus grobem, gewachstem Leinen und mehreren dicken Stangen. Sie banden alles mit Seilen zusammen und spannten den Stoff über das Gerippe, das sie errichtet hatten. Der dunkle Stoff des Zeltes hob sich nur wenig von der Umgebung des Waldes ab und würde von den Gegnern sicherlich nicht entdeckt werden. Gwydion bat sie alle ins Zelt, beauftragte jedoch eine Wache vor dem Eingang. „Ich kann mit Louis Wache halten.“ bot Draca an, zog einen Pfeil aus dem Köcher und stellte sich in Position. Louis hatte nichts dagegen, gemeinsam mit Draca vor dem Zelt zu stehen. Den Schlachtplan würden sie auch hier Draußen hören und sicherlich würde er nicht ganz so nervös sein, wenn er nicht direkt bei der Lagebesprechung dabei war. Nachdem alle im Zelt verschwunden waren, behielten Louis und Draca das Buschwerk um sie her im Auge und die Bogensehnen auf Spannung.

Sie standen noch nicht lange da, da war ein Rascheln und Flüstern aus dem Gebüsch zu hören. Draca und Louis tauschten einen alarmierten Blick und wandten sich leise dem Geräusch zu. Jemand näherte sich dem Zelt. Waren das vielleicht schon ihre Gegner, die sie bemerkt hatten und nun mit einem Angriff überraschen wollten? Louis Herz klopfte wie verrückt und er wünschte sich, den anderen im Zelt ein Zeichen geben zu können, doch es wäre töricht, das zu tun. Die Spannung auf die Bogensehne wurde verstärkt und auch Louis Sinne schienen mit einem Mal viel empfindlicher zu sein. Jedes Rascheln, jeder Hauch des Windes, jeden knackenden Ast konnte er hören. Mit einem Mal und völlig unerwartet, brachen vier Gestalten vor ihnen durch die Zweige eines Gebüschs.    
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