Der verlorene König

Ein Königreich, das seinen König verloren hat. Eine alte Geschichte von der Niemand im Land mehr sagen kann, ob sie wahr ist oder erfunden wurde. Ein Bauernjunge, elternlos und allein, des Diebstahls angeklagt, gefoltert und für vogelfrei erklärt. Ein wegloser Wald in dem sich eine Bande Vogelfreier versteckt, die auf der Suche nach dem verschwundenen König sind. Wenn ihr Louis auf ein mittelalterliches Abenteuer voller Verschwörungen, Wirren und Herzschmerz begleiten wollt, dann seid ihr hier ganz herzlich Willkommen.[Larry-AU]

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39. Am vierten Tag

Als am vierten Tag die Sonne aufging wurde Louis unsanft geweckt, indem man das Netz ziemlich plötzlich abließ und er hart auf dem Holzboden landete. Von der Bestrafung tat ihm noch immer alles weh und diese harte Landung verstärkte seine Schmerzen nur noch. Als er sich aufrappelte und den Blick hob, sah er zwei junge Burschen vor ihm stehen. Sie blickten mit ernsten Mienen auf ihn hinunter: „Wir wurden damit beauftragt, dich zu waschen und neu einzukleiden.“ sagte einer der Beiden. Verständnislos nickte Louis und stellte sich wackelig auf die Beine. „Aus welchem Grund soll das geschehen?“ fragte er und bekam nur ein Zucken der Schulter als Antwort. „Wir führen nur einen Befehl aus.“ sagte einer der Jungen. Sie nahmen Louis recht unsanft in ihre Mitte und führten ihn aus dem Thronsaal. Er war unsicher auf den Beinen, schließlich hatte er nun schon wirklich lange in der Luft gehangen. Die beiden Jungen führten ihn hinaus auf den Hof zu einem offenen Stall in dem Schweine und Rinder gehalten wurden. Es roch nach Tiermist, feuchtem Stroh, Korn und nasser Erde. Neben dem Stall gab es ein kleines, hölzernes Vordach unter dem ein Wagen mit Stroh abgestellt worden war. Hinter dem Wagen befand sich ein kleiner, steinerner Brunnen. „Hier kannst du Wasser schöpfen.“ sagte einer der Jungen und drückte Louis einen kleinen Eimer in die Hand. „Wir bleiben solange bei dir.“ sagte der andere und Louis nickte. Wieso man es ihm heute gestattete, sich zu waschen, erklärte sich ihm zwar nicht, aber natürlich war er froh darüber, sich ein wenig säubern zu können. Die Jungs wandten sich ab, sodass Louis sich wenigstens nicht beobachtet fühlte und mit langsamen Schritten auf den Brunnen zu ging.

Das Wasser war so weit unten, dass er die Oberfläche nicht sehen konnte, als er sich über den Rand beugte und hinunter in die Schwärze blickte. Der Brunnen gähnte ihn an und kalte Luft streifte sein Gesicht. Louis griff den Eimer und legte einige Steine hinein, die neben dem Brunnen lagen, um ihm mehr Gewicht zu verleihen, damit er im Brunnen nicht auf der Wasseroberfläche schwamm. Er hängte ihn an den Haken und ließ den Eimer vorsichtig in die Tiefe hinunter. Er musste viel Seil geben, bis sich das Gewicht endlich spürbar erschwerte und er vermutlich am Wasser angekommen war. Vorsichtig zog Louis den Eimer wieder hoch, der immer wieder an die Brunnenwand schlug und ein dumpfes Geräusch bis zu ihm nach Oben schallte. Weil der Eimer nicht groß gewesen war, konnte Louis ihn leicht über den Rand heben und stellte ihn vor sich ab. Er streifte sich das Hemd über den Kopf und beugte sich dann über die Wasseroberfläche, die sich wieder ein wenig beruhigt hatte und glatt geworden war. Sein Spiegelbild sah furchtbar aus. Seine Lippe war blutig und verkrustet und unter einem Auge hatte er eine Schwellung. Mehr ließ sich in dem Wasser nicht erkennen, doch eigentlich reichte es auch schon aus und er zerstörte sein Spiegelbild schnell, indem er die Hände ins Wasser tauchte und sich vorsichtig das Gesicht wusch. Es war richtig kalt und sofort bekam Louis Gänsehaut, doch er fuhr fort und wusch sich Gesicht, Hals und Oberkörper. Zitternd schlüpfte er in sein Hemd, dessen Stoff sofort an seiner nassen Haut kleben blieb. Über den Hof fegte ein kühler Wind und Louis entfuhr ein gequälter Laut. Er schlang die Arme um sich, doch es wurde nicht wirklich wärmer. „Bist du fertig?“ Einer der Jungs lugte zaghaft um den Strohwagen herum zu Louis hin, der nickte. „Gut, dann können wir ja jetzt zurückgehen.“ sagte er und deutete auf die große Treppe, die hinauf in die Halle des Königs führte. Auf dem kurzen Rückweg fiel Louis auf, dass auffällig viele Bauern auf der Burg waren. Alle schienen nervös und aufgeregt zu sein. „Geschieht heute etwas besonderes hier?“ fragte Louis die beiden Jungen und bemerkte, dass sie unsichere Blicke austauschten. „Ja, heute findet eine Hinrichtung statt. Vermutlich wollen diese Menschen sich diese ansehen.“ sagte einer der Jungen.

Zurück im Thronsaal fand sich Louis dem König persönlich gegenüber. Jonathan bedachte Louis mit einem leicht amüsierten Blick, sprach ihn jedoch nicht an. Ob er ihn jetzt wieder in das Netz sperren würde, fragte sich Louis in dem Moment, als schwere Schritte hinter ihm zu hören waren. „Komm mit, Junge.“ sagte eine tiefe Stimme, die Louis sofort als die des Henkers erkannte. „Wohin?“ piepste er erschrocken. „Zum Pfarrer. Du wirst ihm gegenüber deine Beichte ablegen. Schließlich ist heute dein letzter Tag auf dieser Welt.“ Louis hoffte, sich verhört zu haben, aber leider sah es nicht danach aus, denn als er Jonathan ansah, der seinen Blick grimmig erwiderte und nichts sagte. Louis traf die Aussage des Henkers wie ein Schlag. War das heute seine Hinrichtung? Aber wieso? Was hatte er verbrochen? Der Henker packte ihn und zog ihn recht grob durch eine Seitentür. Louis achtete nicht auf seine Füße. Sein Kopf war zu beschäftigt, die Nachricht von eben zu verdauen. Er erinnerte sich an die Anklageschrift, die Prinz Niall und Jonathan miteinander verfasst hatten doch er hatte damals der Sache keine Beachtung geschenkt, da er nicht davon ausgegangen war, dass es ihn betraf. Beim Gedanken an den Prinzen konnte Louis nicht verhindern wütend zu werden. Er hatte Harry verraten und ihn an den König ausgeliefert. Vielleicht hatte Niall ihn deswegen verschleppen lassen, um Harry in eine Fall zu locken. Obwohl Louis sich nichts sehnlicher wünschte, als von Harry oder den Jungs befreit zu werden, so wollte er auf keinen Fall Schuld daran sein, dass Harry in die Falle tappte, die Prinz Niall und König Jonathan für ihn ausgelegt hatten. Der Henker brachte Louis in eine kleine Kapelle, die ähnlich aussah, wie die in der Burg des Prinzen, jedoch war sie deutlich karger ausgestattet. Ein Pastor, gekleidet in einer hellgrauen Kutte mit Kapuze, saß auf einer der vorderen Holzbänke und hatte den Blick auf das Kreuz erhoben, das über einem Altar an der Wand befestigt war. Er wandte den Blick erst ab, als Louis fast neben ihm stand. „Der Junge hat seine Beichte abzunehmen.“ sagte der Henker und der Pastor nickte. Dabei lächelte er Louis freundlich an. Es war das erste mal, seit er hier auf dieser Burg festgehalten wurde, dass ihm Jemand ein Lächeln schenkte und dazu noch ein Aufrichtiges. „Nimm Platz, mein Sohn.“ sagte der Pastor mit ruhiger Stimme und strich mit der flachen Hand über die Bank. Louis setzte sich, was gut war, denn seine Knie zitterten und hätten ihn sicherlich nicht mehr sonderlich lange gehalten.
Der Henker wandte sich um und schlurfte durch den Mittelgang wieder davon. Er zog die Tür hinter sich zu, die mit einem lauten Krachen ins Schloss fiel, welches in der ganzen Kapelle widerhallte.
Louis hatte die Schultern hochgezogen und sich ganz klein gemacht. Niemand hier auf der Burg wollte ihm etwas gutes und er bezweifelte, dass der Pastor andere Absichten hatte. Der Mann blickte Louis lange schweigend an, als spürte er dessen Zögern. Doch immerhin saß er hier neben einem Mann Gottes und da sein Schicksal besiegelt war, schien es Louis nur vernünftig zu sein, wenn er sich jetzt öffnen würde. „Ich soll gehängt werden...und ich weiß nicht wofür.“ flüsterte Louis und die Tatsache, dass er es gerade laut ausgesprochen hatte, machte es nicht gerade einfacher, damit umzugehen. „Ich habe kein Verbrechen begangen und soll getötet werden...wenn ich ehrlich sein soll, dann glaube ich, dass ich der Köder für...für Jemanden bin, den Jonathan unbedingt umbringen will.“ Unsicher, ob er dem Pastor von Harry erzählen sollte oder nicht, hatte Louis seinen Namen ausgelassen. Wer konnte schon voraussagen, wie viel von dem, was er sich von der Seele sprach, bis zu Jonathan durchdringen würde. „Es ist schrecklich, wenn man einen Menschen als lebendigen Köder missbraucht, nur um ein höheres Ziel zu verfolgen. Das ist höchst verwerflich, aber ich  kann dagegen nichts tun, außer dir deine Sünden zu vergeben, mein Junge. Mit Jonathan ist nicht zu spaßen. Darum versuche ich den Menschen auf meine ganz persönliche Art und Weise in den schlimmen Zeiten beizustehen.“ sagte der Pastor und legte Louis die Hand auf die Schulter. Vorsichtig hob er den Kopf und sah dem Mann zum ersten Mal ins Gesicht. Die Falten um seine Augen waren tief und das Haar an seinen Schläfen, das nicht geschoren war, grau. „Kennt Ihr den alten König?“ fragte Louis plötzlich unvermittelt und der Pastor nickte: „Das tue ich. Ich war damals selbst noch ein junger Bursche und gerade hier als Unterstützung des Pastors eingezogen. Ich lernte Harold als gütigen Mann kennen und es ist äußerst bedauerlich, was ihm und seiner Familie geschehen ist. Ich habe niemals die Hoffnung aufgegeben, dass Jonathan gestürzt werden kann.“ Der alte Mann sprach nun so leise, dass Louis sich zu ihm neigen musste, um ihn überhaupt noch verstehen zu können. „Ich weiß nicht, wie viel Ihr über Harold wisst, doch er kam nochmal zurück, um sich seinen Platz zu erkämpfen, doch Jonathan tötete ihn. Damals wurde nicht mit gerechten Mitteln gekämpft. Obwohl Jonathan viel jünger gewesen war, als Harold, hatte er Bedenken, ob er einen Kampf mit dem erfahrenen König gewinnen würde. Damals bat er meinen Vorgesetzten um ein starkes Gift mit dem er die Klinge seines Schwertes bestrich. So konnte er sicher sein, seinen Gegner auch zu töten, wenn er ihn nur leicht verletzte. Seit diesem Tag, sind alle Klingen in der Waffenkammer Jonathans mit Gift bestrichen. Ich will damit nur sagen, dass dieser Mann ein Tyrann ist und ich nicht auf seiner Seite stehe. Du kannst dich mir anvertrauen, mein Sohn.“

Und Louis tat es.
Er berichtete dem Pastor von dem Apfel, den er gestohlen hatte und von der Folter. Erzählte von Liam und der Geschichte über den verlorenen König und berichtete davon, wie er Zayn in die Falle gegangen war. Er ließ den Pastor alles wissen, was er in der letzten Zeit erlebt hatte und ließ dabei kein Detail aus. Weder den Mord an dem brutalen Steuereintreiber, noch seine Gefühle zu Harry verschwieg er. Der alte Mann lauschte ihm erstaunt und schien es kaum glauben zu können, dass Harry existierte. Als Louis von Prinz Nialls Verrat berichtete, riss er erschrocken die Augen auf und auch er konnte einfach nicht glauben, dass der anfangs so freundliche Prinz ein solch falsches Spiel gespielt hatte. „...und nun glaube ich, dass Jonathan mich nur töten will, damit die Merry Men und Harry mich befreien. So könnte er den rechtmäßigen Erben töten und wäre sich seiner Machtposition sicher.“ schloss Louis leise und bemerkte erst, dass er weinte, als eine Träne auf seine Hände tropfte, die er im Schoß gefaltet hatte. „Lass mich für dich beten, Junge. Gott wird dir deine Sünden vergeben und dich bei sich aufnehmen.“ Er schloss Louis Hände in seine eigenen ein, senkte den Kopf und erbat in Louis Namen die Vergebung der Sünden.

Als der Henker Louis wieder abholte, fühlte dieser sich so schlecht, dass er kaum aufstehen konnte.  Der Mann band Louis die Hände vor dem Körper zusammen, nahm dann das Ende des Seils in die Hand und führte ihn beinahe, wie ein Vieh hinter sich her.  Louis sah sich um, als sie den Hof betraten, der wie leergefegt war. Kein Schmied und kein Knecht ging seiner Arbeit nach. Louis Herz klopfte schnell und seine Hände zitterten. Jeder Schritt fiel ihm schwer, als er dem Mann durch das Tor hinaus vor die Burg folgte. Vor dem Waldrand erstreckte sich auf einer Seite der Burgmauer ein abfallendes Stück Rasen auf dem ein Plateau aufgebaut war. Der Galgen ragte in den Himmel und die vielen Menschen, die sich davor versammelt hatten, blickten ihn ehrfürchtig und neugierig an.
Als Louis mit dem Henker in Sicht kam, ging ein nervöses und erwartungsvolles Raunen durch die Menge. Alle versuchten einen Blick auf ihn zu erhaschen, doch Louis senkte den Blick und starrte auf das Gras vor seinen Füßen. Je näher sie dem Galgen kamen, desto plattgetretener und lichter wurde das Gras. Der Henker trampelte die Stufen zum Plateau hinauf und zerrte ihn dabei ungeduldig hinter sich her. Unter dem Galgen stehend, ließ Louis den Blick hoffnungsvoll über die Menschen schweifen. Vielleicht sah er ja doch ein bekanntes Gesicht. Doch da waren nur müde und schmutzige Gesichter von Bauern und Handwerkern zu sehen, die ihm entgegen blickten.

Kein Merry Men.

Kein Harry.

Niemand.

Nachdem ihm das klargeworden war, schien es, als würde in Louis etwas zerbrechen. All die Hoffnung, die es bis zum letzten Moment noch gehabt hatte, war aus seinem Herzen verschwunden und mit einem Mal fand er sich mit seinem Schicksal ab. Es war keine sonderlich traurige Erkenntnis und sie traf ihn weniger heftig, als er erwartet hatte.

Dann würde er heute sterben.

Wenigstens war Harry nicht hier und würde dabei zusehen müssen. Das beruhigte ihn irgendwie und Louis schloss die Augen, um tief Luft zu holen. Es roch nach Spätsommer und auch einem Hauch von Herbst. Das Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume, erinnerte ihn an die Zeit auf der Plattform der Eiche. Wie schön es doch war, dass er in seinem Leben das Glück gehabt hatte, Harry kennenlernen zu dürfen.    
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