Gefährliche Liebe

Lilian beginnt einen neuen Lebensabschnitt an einer umstrittenen Schule als neue Vertrauenslehrerin. Dabei trifft sie gleich auf den Problemschüler Chris, der ihr mächtig den Kopf verdreht.

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Ich griff nach meinem belegtem Brötchen, packte noch ein paar Kekse ein und suchte dann nach meinem Schlüssel. So sehr ich mich gestern auch bemühte, aber ich hatte nicht einmal die Hälfte der Kartons ausgepackt. Das würde ich dann wohl kleckerweise jeden Tag machen müssen. Mein neuer Arbeitsplan, den ich heute bekommen würde, würde mir verraten, wann ich zum Aufräumen kommen würde.

Ich steckte den Schlüssel ins Schlüsselloch und schloss zweimal herum. Unser Wohnblock war mit einer Kamera im Flureingangsbereich ausgestattet und herein kam man nur mit Fingerabdruck oder kompliziertem Code. Demnach hätte ich wahrscheinlich meine Tür auch offen lassen können.

Ich entschied mich für ein seriöses schwarzes Sommerkleid mit weißen vereinzelten Streifen, dazu Keilpumps. Meine dunkelbraunen langen Haare hatte ich mit einem Blumenhaargummi zusammengebunden. Die Schminke hielt ich an meinem ersten Tag eher dezent, ich wusste ja nicht, was ich zu erwarten hatte. Ich lag gut in der Zeit, aber die Nervosität siegte trotzdem.

An der Bushaltestelle konnte ich kurz durchatmen. Einige Schüler standen neben mir und unterhielten sich über ihre Hausaufgaben. Der Bus würde zehn Minuten bis zur Schule brauchen. Die Schule war also kaum von meinem neuen Zuhause entfernt.

Während ich im Bus saß, holte ich meine Unterlagen heraus und prüfte sie auf Vollständigkeit. Wie es wohl sein würde an einer Schule mit fast 500 neuen Schülern und um die neunzig neuen Kollegen? Einige Bilder konnte ich mir auf der Internetseite der Schule ansehen, aber so wirklich traute ich mich nicht weiter zu schauen. Ich wollte mir keine voreilige Meinung bilden, sondern auf meinen ersten Tag warten.

Der Bus hielt und mit mir stiegen einige Schüler aus. Ich war wohl ganz schön früh. Ein Blick auf meine Uhr und ich wusste, dass mein Termin mit dem obersten Schuldirektor in einer halben Stunde sein würde.

Das Gebüde war in der Farbe violett und orange gestrichen, wobei ich davon ausging, dass die eine Hälfte die Grundschule und die andere das Gymnasium war. Auf jeder Seite gab es einen großen doppeltürigen Eingang. Die violette Gebäudehälfte war dreistöckig und die andere Hälfte vierstöckig. Wie lange ich wohl brauchen würde, um mich hier einzuleben und zurecht zu finden?

Es war kurz nach halb sieben und dennoch standen einige Schülergrüppchen auf dem Schulhof. Einige aßen etwas, manche machten noch schnell Hausafgaben und andere hörte man laut lachen.

Ich steuerte auf den linken Eingang zu, in der Hoffnung, dass ich gleich jemand finden würde, der mich zum Direktor führen würde.

Im Eingangsbereich reihten sich Bilder von den Lehrern, der Grundschuldirektorin, dem Hausmeister, der Schulsozialarbeiterin und den Schülersprechern. Auch hingen ein paar Bilder aus dem Kunstunterricht aus. Eine riesige Informationstafel hing auf der linken Seite und auf der rechten Seite ging ein langer hellgrünem Flur entlang. Das Gebäude wurde letztes Jahr völlig neu umgebaut und repapriert, man roch es irgendwie noch immer.

„Entschuldigung, ich suche das Büro vom Schuldirektor, Herrn Smith“, fragte ich den entgegenkommenden freundlichaussehenden Hausmeister.

„Immer gerade aus, an der großen gelben Tür links und dann sind Sie schon da“, er nickte mir mit seinem netten Wesen zu, als ich mich bedankte und den langen Flur entlang lief. Ich schätzte ihn auf Mitte vierzig, aber wenn alle so freundlich waren, dann würde es mir hier gefallen.

An der großen Tür mit dem gelbem Rahmen bog ich links ab und entdeckte sofort das Büro mit dem Namensschild des Direktors. Zaghaft klopfte ich an die Tür, völlig unsicher, ob er mich gehört haben kann.

„Herein“, durchdrang eine tiefe Stimme. Ein letztes Mal atmete ich tief durch und drückte dann die Türklinke nach unten und betrat den Raum. Das Büro war hell gestaltet. Hinter einem dunkelbraunen Schreibtisch mit einem IMac darauf und vielen Unterlagen kam ein kleiner, etwas fülliger Mann hervor.

„Guten Morgen, Frau Juliard. Ich freue mich Sie in unserer Schule begrüßen zu können“, er nahm mir die Nervösität und ersetzte sie durch Erleichterung.

„Guten Morgen, ich freue mich Sie kennenzulernen“, wir reichten uns die Hände. Er deutete dann auf einen der Stühle, die seitlich an seinem Schreibtsich standen.

„Sie sind pünktlich, das gefällt mir sehr gut“, er lächelte, während er nach einem Ordner griff.

„Das Ministerium hat mich informiert, dass Sie eine der ersten Absolventinnen sind, die das neue Kombifach studiert haben. Deshalb habe ich gleich an Sie denken müssen, als wir überlegt haben die Assistenzstelle der Vertrauenslehrer neu zu besetzen“

„Und da haben Sie gleich an mich gedacht?“, stellte ich verdutzt fest.

„Sie müssen wissen, dass wir an unserer Schule Lehrerinnen und Lehrer benötigen, die mit Herz und Strenge agieren. Deshalb benötigen Sie gerade zu Anfang viel Kraft, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Deshalb scheuen Sie sich nicht, mich aufzusuchen, wenn Sie Hilfe benötigen“, er nahm seine Brille vom Tisch und öffnete den Ordner.

„In diesem Ordner befindet sich Ihr Arbeitsvertrag, ein Gebäudeplan, Namensliste aller Mitarbeiter, Klassenübersichten, Pausenaufsichtspläne der kommenden Wochen bis zu den Ferien und viele weitere Informationen“, er überreichte mir den vollbepackten Ordner.

Ich wusste nicht, ob ich erleichtert sein sollte über so viel Hilfe oder verwirrt über so viel Input.

„Im nächsten Schuljahr werden Sie Mathematik in den Jahrgängen 5-12 unterrichten. Momentan unterrichten nur Herr Grube und Frau Wellon das Fach Mathematik, wir benötigen also ganz dringend Ihre Unterstützung. Ich würde Sie die kommenden Wochen bis zu den Ferien bei diesen beiden Kollegen miteinsetzen wollen. So können Sie die Schüler kennenlernen und einige Unterrichtsideen sammeln“

„Das klingt fantastisch, ich bin zwar noch immer leicht nervös, aber ich freue mich auf die gemeinsame Zeit“, wir beide erhoben uns von den Stühlen.

„Das ist Ihr Wochenplan“, er reichte mir einen Zettel hinüber.

            „Schauen Sie sich ihn nachher an, ich werde Ihnen die Lehrerzimmer zeigen und alle wichtigen Räume. Kommen Sie“, er ging an mir vorbei und hielt mir die Tür auf. Auf zittrigen Beinen ging ich auf den Flur hinaus. Während des Rundganges prasselten so viele Eindrücke auf mich ein, dass ich zum Schluss gar nicht mehr wusste, wo ich mich befand. Zum Glück hatte ich in meinem Ordner einen Gebäudeplan. Den würde ich wohl ständig in den Händen halten müssen.

Besonders schön fand ich, dass ich in beiden Lehrerzimmern einen eigenen Platz mit Namensschild hatte. An beiden Plätzen standen sogar Blumen und kleine Aufmerksamkeiten der neuen Kollegen. Einige Kollegen, die sich im Lehrerzimmer befanden, begrüßten mich herzlichst. Das vereinfachte mir den Start ins Berufsleben um Vieles. Herr Grube stellte sich gleich als Bernd und Frau Wellon als Zara vor. Also wenn das alles so unkompliziert laufen würde, dann wusste ich gar nicht, was mein Vater gegen diese Schule hatte.

 

     ***

 

Ich war erstaunt als mir Bernd sogar mein neues eigenes Büro zeigte, welches ich mir komplett neu einrichten konnte. Es war neu gestrichen, hatte einen tollen neuen Parkettboden und einen schönen Holzschreibtisch.

Hier würden Blumen hineingehören, schöne helle freundliche Vorhänge und ein paar Regale.

            „Willkommen im neuen Büro, Frau Vertrauenslehrerin“, Bernd war mir durch seine scherzhafte Art schon jetzt sympathisch. Ich würde mich auf die Zusammenarbeit freuen.

            „Morgen Nachmittag würde ich Sie an meiner Sitzung mit einem Schüler teilhaben lassen. So lernen Sie die Kinder und Jugendlichen besser kennen“

            „Wunderbar, ich freue mich wirklich sehr“

            „Na, ob Sie das immer noch sagen, wenn Sie unsere Problemkandidaten kennengelernt haben. Von unserem Schülerruf haben Sie doch sicher gehört?“

            „Ich lasse mich überraschen, ich will nicht über Kinder  vorschnell urteilen, die ich noch nicht kenne“, lächelte ich sanft.

 

      ***

 

Drei Stunden später saß ich in der letzten Reihe der zwölften Klasse. Zara stellte mich den Schülern vor und fuhr gleich mit dem Unterricht fort. Ich durchblätterte das Lehrbuch, als die Tür leise aufging, dann aber jedoch laut zuknallte.

            „Es freut mich sehr, dass Sie es noch einrichten konnten zum Unterricht zu kommen. Das ist Frau Lilian Juliard. Sie wird die kommenden Wochen im Mathematikunterricht hospitieren. Seien Sie nett zu ihr“, Zara blieb ruhig und sprach ihren Schüler an.

Ich wusste gar nicht, wo ich zu erst hinschauen sollte. Sollte ich zu Zara gucken, die mich mit ihrer sarkastischen Ader beeindruckte. Ob positiv oder negativ musste ich erst einmal noch entscheiden.

Seien Sie nett zu ihr, was sollte das bedeuten? War das eine Warnung in seine Richtung oder vielleicht doch eher in meine Richtung? Vielleicht wollte Sie mir damit mitteilen, dass ich mich bei ihm in Acht nehmen sollte?

Als ich mich jedoch sofort von Zaras Blick löste und in seine haselnussbraunen Augen starrte, hatte ich kurz das Gefühl, ich würde ihm gleichgültig sein. Ein paar Sekunden später jedoch sah ich seine Mundwinkel zucken. Er lächelte? Nahm er Zara also nicht ernst? Sie war doch seine Lehrerin, er musste doch wohl wissen, dass er ihr Respekt entgegen bringen sollte. Warum schienen die anderen so unbeeindruckt davon zu sein, dass er zu spät kam? Warum fragte Zara gar nicht nach, wo er war und was er so Wichtiges gemacht hatte?

Er stolzierte auf eine unglaubliche Art und Weise den Gang hinunter, dass ich aufpassen musste, den Mund schön zu schließen. Er setzte sich zu einem Jungen, neben meiner Bank ganz hinten. Starrte ich den jungen Mann etwa immer noch an? Guck weg, zwang ich mich. Zara hatte schon längst die Seiten und Aufgabennummern an die Tafel geschrieben ohne dass ich es wahrnahm. Ich bemerkte gar nicht, wie die Schüler ihre Hefte aufschlugen und begannen die Aufgaben zu lösen. Nur einer nicht: Wie er wohl mit Vornamen hieß? Er kippelte und lehnte sich mit Handy in der Hand an den Schrank. Als ich Zara ansah und sie stumm nach seinem Verhalten fragte, schüttelte sie nur mit dem Kopf und setzte sich hinter das Lehrerpult.

Er kam zu spät, spielte mit seinem Handy und interessierte sich überhaupt gar nicht für die Aufgaben.

Nach einer halben Stunde Aufgabenzeit fragte Zara nach Lösungen. Einige Schüler kamen selbstbewusst an die Tafel und erklärten ihre Lösungsidee. Während die ersten Aufgaben für alle verständlich waren, schienen die letzten Aufgaben es in sich zu haben. Ich machte mir auch den Spaß und schrieb die Lösung nieder. Bei der letzten Aufgabe tat ich mich allerdings ein wenig schwer. Ich fand die Lösung, aber es dauerte einen Moment. Es war eine gute Idee mich mit den Aufgaben abzulenken, denn kaum hatte ich von meinem Blatt hinaufgeschaut, klebte mein Blick an diesem jungen Mann. Seine Haare standen leicht ab, sie ließen ihn arrogant wirken. Vielleicht war er es auch?

            „Niemand hat eine Lösung für die 6. Aufgabe?“, fragte Zara in die Runde. Alle Schüler schauten auf ihre Bücher. Niemand schien sich zu trauen.

            „Chris, Sie vielleicht?“, Zara richtete ihr Wort an den uninteressieren Jungen an der Wand. Chris hieß er also, schien irgendwie zu passen.

Ohne Antwort legte er sein Handy auf den Tisch, ging nach vorne zum Lehrerpult, klaute sich frech das Lehrbuch von Zara und sah kurz hinein.

Was dann geschah ließ mich mit offenem Mund dasitzen. Er wischte die anderen Aufgaben seiner Mitschüler weg und schrieb wie ferngesteuert die richtige Antwort an die Tafel. Gefühlte zehn Minuten starrten wir alle seinen Rücken und seine sich bewegende Hand an. Zum Schluss legte er die weiße Kreide gekonnt in den Behälter zurück, machte weder Mimik noch Gestik und schlenderte zurück zu seinem Platz, wo sein Handy wieder zum Einsatz kam.

Auch dieses Mal schien es wieder niemanden zu stören. War das vielleicht immer so, dass er zu spät kam, mit seinem Handy spielte und dann wie ein Genie die richtigen Antworten wusste?

Ich hätte zu gern mein Gesicht gesehen, wie es verwirrt von der Tafel zu Zara und zurück sah.

            „Vielen Dank für die kompetente Lösung“, stotterte sie und forderte die anderen Mitschüler auf sein Geschriebenes ins Heft zu übertragen.

Entweder war der Junge völlig hochbegabt oder hatte einfach nur riesiges Interesse für die Mathematik. Ich musste Zara nachher fragen, was das zu bedeuten hatte. Den Rest der Stunde starrte er weiterhin auf sein Telefon ohne auch nur eine Miene zu verziehen.

 

     ****

 

Dieser Chris ging mir den gesamten Heimweg nicht aus dem Kopf. Zara erzählte mir auf dem Weg zum Lehrerzimmer ein paar Anekdoten der letzten Unterrichtsblöcke und ich hätte ihr nie gelaubt, wenn ich nicht vorher live dabei gewesen wäre.

Kurz nach 16 Uhr schloss ich meine Wohnungstür auf, ließ meine Tasche auf den Küchenhocker fallen und plumpste völlig erschöpft auf meine neue graue Couch. Eigentlich sollte ich joggen gehen, aber ich war einfach zu k.o., um das zu überleben. Die Umzugskartons mussten wohl auch noch warten. Ich musste meine ersten Eindrücke sammeln und dazu kam mir gerad ein Telefonat mit Bella richtig. Ich berichtete ihr von meinem ersten Arbeitstag und auch von diesem völlig verrückten Typen.

            „Du bist ja völlig hin und weg, ist er wirklich solch‘ ein Genie?“, fragte sie aufgeregt.

            „Ja, du hättest ihn sehen sollen. Unglaublich!“, auch wenn Bella mich nicht sehen konnte, schüttelte ich mit dem Kopf und lächelte in mich hinein.

            „Wer weiß, was der heimlich nimmt. Wer interessiert sich schon freiwillig für Mathe“, wir prusteten gemeinsam los. „Na ich“, lächelte ich.

            „Rufst du mich morgen an?“, fragte sie mich.

            „Unbedingt“, versicherte ich ihr.

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