Die Wölfe ~Patenblut~

"Mafia, Drogen, Auftragsmorde, du und ich, gegen den Rest der Welt. Das habe ich in Italien wahrlich nicht vermisst, aber New York ist mein Revier und wenn ich nicht darum kämpfe, wer dann?"

Enrico stürzt sich mit seinem Leibwächter Antonio in einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen den Clan der Red Dragons, um den Einfluss seiner Familie wieder herzustellen. Dabei verbindet die beiden Männer mehr als nur ein gemeinsamer Feind. Ihre heimlich Liebe wird auf eine harte Probe gestellt, als Antonio Enrico verrät und ein Spiel auf Leben und Tod beginnt.

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3. 2. Kapitel ~Trautes Heim, Glück allein?~

Unschlüssig stehe ich vor der Fabrikhalle. Toni ist bereits vorausgegangen. Er will sehen, ob die Luft rein ist, und eigentlich soll ich ihm folgen, doch ich schaffe es nicht, diesen Ort zu betreten. Noch immer stehe ich unschlüssig vor der Tür, die aus ihren Angeln gerissen, an der verschmutzten Wand lehnt. Meine Leute haben sie gewaltsam geöffnet, um uns zu retten. Ich weiß nicht mehr viel über diesen Moment. Ich war schon fast besinnungslos, als Jan irgendetwas über mich warf, um die Flammen zu ersticken.
Die entsetzlichen Schmerzen und der Geruch von verbranntem Fleisch, fluten meine Sinne. Beinah glaube ich, das Feuer spüren zu können, das meine Beine erfasste. Unwillkürlich greife ich den Stoff der Hose, um mich zu vergewissern, dass dort nichts ist. Ich kann die Narben deutlich spüren, die bis zu den Oberschenkeln reichen und folge ihnen bis unter die Kniekehlen. Ein Seufzer kommt mir über die Lippen, dann schalte ich die Taschenlampe ein. Ich bin froh, dass Toni so umsichtig gewesen ist, uns zwei davon aus einem Geschäft in der Nähe zu besorgen. Als Dieb ist er einfach unschlagbar. 

In dem kleinen Korridor, der sich hinter dem verrußten Türrahmen befindet, sieht man die Hand vor Augen nicht. Die verkohlten Wände schlucken sämtliches Licht, das von den Laternen der Straße, durch die blinden Scheiben dringt. Ich leuchte den Boden vor mir aus, um sicher zu gehen, nicht über Etwas zu stolpern. Als ich den Korridor betrete, knirscht jeder meiner Schritte. Unter meinen Schuhsohlen fühle ich etwas Hartes. Ich hebe den Fuß und richte das Licht der Taschenlampe darauf. Es sind golden glänzende Klümpchen, die mich an die Überreste von Patronenhülsen erinnern. 

...~*~...

Ich höre den Kugelhagel in meinen Ohren dröhnen und sehe meine Freunde und Verbündete getroffen zu Boden fallen.

...~*~...

Die Erinnerung überwältigt mich. Der düstere Korridor beginnt, sich zu drehen, ein pulsierender Schmerz hämmert in meinen Schläfen. Ich taste blind durch die Dunkelheit und suche Halt an der Wand. Meine Finger berühren ein tiefes Loch im Putz. Ich richte den Lichtkegel auf die Stelle und kann noch etliche weitere Einschusslöcher erkennen. Die ganze Wand ist davon durchsiebt. Eine tiefe Traurigkeit überkommt mich. Es sind so viele Leben an diesem Tag ausgelöscht worden. 
Ich dränge die Bilder des Blutbades zurück und bezwinge den Schwindel, um endlich weitergehen zu können. Mit der Hand fahre ich die Wand entlang. Ein wehmütiges Gefühl überkommt mich, während meine Finger über die rauen Backsteine fahren. Jede Wand habe ich verputzt, jede Diele habe ich selbst verlegt. In sämtlichen Winkeln steckt eine Erinnerung an die Zeit, als Toni, Raphael und ich noch auf uns allein gestellt waren. Wir haben so viel Spaß beim Renovieren gehabt. Und jetzt?

Endlich erreiche ich das Ende des Korridors. Vor mir erstreckt sich die Größte der drei Fabrikhallen. Durch die eingeschlagenen Fenster fällt gerade genug Licht, um die Umrisse der Stützpfeiler erkennen zu können. In zwei parallelen Reihen, ziehen sie sich durch die komplette Halle. Auch hier sind die Wände kohlrabenschwarz. Ich muss den Weg vor mir ausleuchten, um weitergehen zu können. Überall stehen die Gerippe von verbrannten Stühlen herum. Ein langer Tafeltisch, liegt mit seiner Längskante auf dem Boden, seine 12 Beine zeigen zu den Fenstern. Die Platte ist durchlöchert, er hat dem Kugelhagel nicht standhalten können. Mit langsamen Schritten nähere ich mich ihm, bis ich seine Stirnseite erreicht habe. Dort steht noch immer mein weinroter Ledersessel. Seine Oberfläche hat große Blasen geworfen und aus drei Löchern, in seiner Rückwand, quillt die Füllung. Ich fahre mit meiner freien Hand über das verschmorte Leder. Das ist der Platz des Anführers, hier habe ich gesessen, als wir meinen zwanzigsten Geburtstag feierten. 
Ich lasse mich auch jetzt in ihm nieder und betrachte die dunklen Umrisse des Tisches vor mir. Wie ist es an diesem Tag überhaupt zu all den schrecklichen Ereignissen gekommen? Krampfhaft versuche ich mich zu erinnern, und spüre, wie der stete Schmerz in meinen Schläfen zurück kommt. 

...~*~...

Der verkohlte Raum verschwindet vor meinem inneren Auge und flutet sich mit hellem Tageslicht. Tisch und Stühle stehen wieder an ihrem Platz. Die Löcher in den Wänden sind verschwunden, alles ist sauber verputzt. Ein weißes Leinentuch bedeckt die Tischplatte, auf ihr sind Teller, Tassen und Besteck verteilt. Eine große Geburtstagstorte ziert die Mitte des Tisches. Lautes Gelächter und angeregte Gespräche füllen die Halle. All meine Freunde und Geschäftspartner sind gekommen, um meinen Geburtstag mit mir zu feiern. Sie verteilen sich um den Tisch herum. Toni, mein Berater und Leibwächter, sitzt zu meiner Rechten, links neben mir ist der Platz meiner Frau Judy. Auf ihrem Schoß sitzen unsere beiden Kinder, Amy und Rene. Sie sind zwei Jahre alt. Immer paarweise sitzen meine Gäste mit ihren jeweiligen Partnern zusammen. Bis auf einen Stuhl, sind alle Plätze belegt. Mein Blick fällt auf diesen leeren Platz. Warum sitzt dort niemand? Mich überkommt das Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Ich versuche, mich zu erinnern, doch alles, was mir in den Sinn kommt, ist ein Mann, der sich erhebt und zu mir kommt. Er will mit mir sprechen und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich weiß nicht, was er von mir will, aber ich tue ihm den Gefallen. Gemeinsam verlassen wir den Raum, durch die Stahltür, auf der gegenüberliegenden Seite der Halle. Als sie hinter uns ins Schloss fällt, verschwindet diese Erinnerung so plötzlich, wie sie gekommen ist.

...~*~...

Ich sitze noch immer im verkohlten Sessel, die Taschenlampe in der rechten Hand, und versuche, die neu erworbenen Erinnerungsfetzen zusammenzufügen. Wer immer dieser Kerl ist, der mich von meinen Freunden und meiner Familie weggelockt hat, ich verbinde kein gutes Gefühl mit ihm. Er ist Schuld an Etwas, das ich noch nicht greifen kann. 
Ich beschließe, denselben Weg noch einmal zu gehen, vielleicht kommt die Erinnerung ja dann zurück. Mit schnellen Schritten umrunde ich den Tisch und steuere auf die Stahltür zu. Als ich sie erreiche und vor ihr stehen bleibe, zögere ich. Will ich das wirklich sehen? Mein Blick hastet durch den verwüsteten Raum. Für einen Moment meine ich, die Freunde bei Tisch, noch einmal zu sehen, ihre Stimmen in Feierlaune zu hören. Ich bin es ihnen schuldig, ich muss herausfinden, was wirklich passiert ist, und wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte, damit so etwas, nie wieder geschieht. 

Die eiserne Feuerschutztür ist schwer, ich schaffe es nicht, sie mit nur einer Hand aufzuziehen. Die Taschenlampe klemme ich unter meine Achsel und versuche es mit beiden Händen. Ich muss mein ganzes Körpergewicht einsetzen, damit sie sich endlich bewegt. Sie kratzt über den verkohlten Boden und knarrt entsetzlich. Es gelingt mir nur, sie einen Spalt zu öffnen, gerade weit genug, um hindurch zu schlüpfen. Im Licht der Taschenlampe erscheint dahinter ein langer Gang, von dem etliche Türen abgehen. Nur durch ein kleines Fenster, am Ende des Flures, fällt ein winziges Lichtviereck auf den Boden. Ich fahre mit dem Strahl der Taschenlampe den Weg vor mir ab. Überall liegt eine dicke Staubschicht, in der frische Fußspuren zu erkennen sind. Die Wände, besonders um den Türrahmen herum, sind verrußt, doch im Gegensatz zum Aufenthaltsraum ist hier nichts verbrannt. 

Schritte kommen auf mich zu. Aufgeschreckt richte ich den Lichtkegel auf die Geräuschquelle. Eine dunkle Gestalt nähert sich mit gelassen, langsamen Schritten. Ich halte den Atem an, mein Herz beginnt zu rasen. Ein unerträgliches Hämmern jagt durch meinen Kopf. Der Schmerz ist so brutal, dass ich die Taschenlampe fallenlasse und beide Hände gegen meine Schläfen presse. Ich kneife die Augen zusammen und stöhne gequält. Das Pochen meines Herzens wird unerträglich.

...~*~...

Diese hünenhafte, dunkle Gestalt. Michael! Ich bekomme keine Luft mehr, kann mich nicht rühren, sehe den Schatten seiner Gestalt nur immer näher kommen. Sein lange, schwarze Mantel, schleift auf dem Boden, das falsche Lächeln in seinem Gesicht, hat etwas diabolisches. Mein Atem geht stoßweise und stockt, als er seine Pistole zieht und auf mich richtet. 
Er begrüßt den Mann, mit dem ich hergekommen bin, wie einen Freund. Sie lachen. 
"Er und der ganze Rest gehören dir. Viel Spaß!" 
Ungehindert tritt Michael an mich heran. Ich weiche zurück, bis ich eine kalte Tür im Rücken spüre. Der Lauf der Waffe bohrt sich in meinen Magen, seine Lippen sind ganz dicht an meinem Ohr. Ich spüre seinen heißen Atem im Nacken. 
"Öffne die Tür und höre genau hin!" Sein zuckersüßer Tonfall ist teuflisch. Mein Körper verlangt sein Recht, ich atme stoßweise, hektisch. Zitternd, mit schweißnassen Fingern, gehorche ich und drücke die Klinke. 
"Ganz langsam“, fügt er an.
Ich öffne die Tür einen kleinen Spalt, die Geräusche aus der Halle dringen zu uns: Fröhliche Stimmen, Lachen, Gläserklirren - eine ausgelassene Feier. Niemand ahnt, was sich hier abspielt. Dann Schüsse, Schreie, Panik, Klirren von berstendem Glas. 
Ein Gedanke dringt durch meine Panik: Das hab ich alles schon erlebt. Das kann doch nicht schon wieder passieren ... Ich will das nicht mehr sehen ... Ich will das nicht mehr!

...~*~...

„Enrico? Was hast du? Hör auf damit!“ Diese Stimme, dass ist nicht Michael. Hände packen meine Arme an den Gelenken und hindern mich daran, mich selbst zu schlagen. Ich versuche mich zu befreien, doch sein Griff ist eisern.
„Enrico! Sieh mich an!“, fordert er, doch ich wage es nicht. 
„Sieh mich an!“ Der Mann gibt meine Hände frei und hebt mein Kinn an. Nur zögernd wage ich, die Augen zu öffnen und in das beleuchtete Gesicht zu sehen. Zwei smaragdgrüne Augen mustern mich voller Sorge. Der holzig, wilde Geruch meines Begleiters, strömt mir in die Nase und nimmt mir ganz allmählich die Panik. Die Anspannung weicht aus meinem Körper und wandelt sich in Erschöpfung. Ich glaube, mein eigenes Gewicht nicht mehr tragen zu können. Der Raum beginnt, sich zu drehen. Meine Knie knicken ein. Als ich zu fallen drohe, spüre ich Tonis Arme um mich. 
Noch immer rast mein Atem. Ich brauche einen Augenblick, um mich gänzlich zu beruhigen. Der anhaltende Kopfschmerz ebbt ab, bis nur ein stetes Pochen übrig bleibt.
„Was war denn los?“, will er wissen und stellt mich auf die Beine. 
„Ich ... ich habe mich nur an Etwas erinnert“, meine ich mit bebender Stimme, die ich nur langsam unter Kontrolle bringe. Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, was ich eben gesehen habe, dann fällt mir der Mann wieder ein, der mich in die Falle gelockt hat. Weder sein Gesicht noch seine Stimme sind deutlich genug gewesen, um mir sicher zu sein, um wenn es sich dabei handelt. Nur eines ist mir ganz klar: Wir haben einen Verräter in unseren Reihen, der offenbar noch frei in New York herumläuft. Mit diesem Gedanken kehrt meine Kraft zurück. Mein Blick verfinstert sich, während ich mich krampfhaft an das Gesicht zu erinnern versuche. Wer von meinen Leuten ist zu so etwas fähig?

„Komm mit, ich muss dir etwas zeigen!“, fordere ich. Ich packe Toni am Ärmel und drehe mich zur Tür. Während ich ihn hinter mir herziehe, zwängen wir uns durch den offenen Spalt. Erst dann gebe ich ihn frei. Toni streicht sich den Ärmel glatt und betrachtet mich argwöhnisch, während er mir schweigend folgt. Ich steuere auf den Sessel zu, dessen Umrisse ich erahnen kann, und stolpere im Halbdunkel über irgendetwas, das am Boden liegt. Fluchend trete ich es zur Seite. Wenn es hell wird, müssen wir hier unbedingt aufräumen, nehme ich mir fest vor und wähle meine Schritte bedachter. Ich taste den Weg mit der Fußspitze aus, bis ich schließlich den Sessel erreiche. Dann sehe ich mich suchend nach einem der verbrannten Stuhlgestelle um. Im wenigen Licht, das durch die Fenster fällt, kann ich sie nur als dunkle Schatten ausmachen. Den ersten, den ich finde, stelle ich an den rechten Platz, an dem bei Tisch Toni gesessen hat. Einen zweiten und dritten in einer Reihe daneben, dann kehre ich zum Ersten zurück. 
„An meinem zwanzigsten Geburtstag hast du hier gesessen“, erkläre ich. 
„Ja und weiter?“ Toni bleibt neben dem Sessel stehen. Er leuchtet mit seiner Taschenlampe die Stühle aus, die ich platziert habe, das macht es mir leichter, von einem zum nächsten zu gehen. Sein argwöhnischer Blick folgt mir, als ich den Zweiten erreiche.
„Hier hat Anette gesessen“, fahre ich fort und steige über einen Holzbalken, um zum dritten Stuhl zu kommen. „Aber wem gehörte der Platz neben ihr?“ 
„Warum willst du das wissen?“
„Ich muss wissen, wer der Kerl war, der mich unter vier Augen sprechen wollte.“ 
Toni hebt eine Augenbraue, während er mich noch immer fragend ansieht. 
„Das weiß ich doch heute nicht mehr“, er verschränkt die Arme vor der Brust, "Das ist fünf Jahre her."
„Na toll!“, brumme ich.
„Warum ist das wichtig?“
„Irgendjemand hat die Drachen ins Lager gelassen. Ich habe mich daran erinnert, wie dieser Kerl mit Michael gesprochen hat, aber ich bekomme kein klares Bild zustande.“ 
„Du meinst, wir hatten eine Ratte unter uns?“
„Ja!“ Ich seufze und raufe mir die Haare. Warum kann ich mich weder an Gesicht, noch die Stimme des Mannes erinnern? In meinem Kopf wirbeln die Erinnerungen wild durcheinander. Ich brauche eine Pause von diesem Chaos in mir. Einige Schritte entfernt entdecke ich die Umrisse unseres alten Sofas. Perfekt, ich kann jetzt eine Sitzgelegenheit brauchen. Ich klettere über den herumliegenden Schutt und lass mich auf den verschmorten Bezug fallen. Staubwolken steigen auf und reizen mich beim Atmen. 
Ich schlage die Hände vors Gesicht. Was für ein Tag. Ich habe heute so viele Bilder gesehen, dass ich nicht mit Sicherheit sagen kann, ob es sich wirklich so zugetragen hat, oder mir meine Amnesie nur einen Streich spielt.

„Vielleicht war es doch keine so gute Idee, hierher zu kommen“, höre ich Toni sagen. Er tritt hinter mich und legt mir seine Hand auf die Schulter. „Meinst du, du packst das?“ Ich sehe ärgerlich auf. 
„Lass mich, ich komme schon klar“, murre ich und drehe meine Schulter unter seiner Hand weg. Toni seufzt hörbar, sagt aber nichts. Er geht zur Fensterfront und fegt mit dem Ärmel das Brett sauber, dann setzt er sich. Aus seiner Hosentasche zieht er eine Packung Pall Mall und ein Feuerzeug. Die Schachtel klopft er einige Male auf sein Knie, bis sich eine einzelne Zigarette aus ihr löst. Lässig zieht er sie heraus und zündet sie an. Er nimmt einige kräftige Züge. Ich sehe ihm dabei zu, wie er den Qualm in kleinen Wolken hervor stößt. Dieser vertraute Anblick beruhigt mich.
Seinen starken Schultern, die Muskeln, die sich unter seiner Kleidung abzeichnen, seine fein geschnittenen Gesichtszüge, die Narbe an der linken Augenbraue, seine smaragdgrünen Augen. Alles an ihm weckt mein Verlangen. Ich kämpfe vergebens gegen das warme Gefühl an, das sich in mir ausbreitet, als er mich ansieht. 
Nur kurz schenkt er mir seine Aufmerksamkeit, bevor er sich mit einem abwehrenden Kopfschütteln der Straße vor der Fabrik widmet und einen weiteren Zug nimmt.
Unser Schweigen legt sich wie ein Felsbrocken auf meinen Brustkorb. Während ich versuche, seine Gedanken zu erraten, fallen mir seine Worte auf dem Friedhof wieder ein. Ich beschließe, ihn damit zu konfrontieren: „Sag mal, war das auf dem Friedhof eigentlich dein Ernst?“
„Was meinst du?“ Er sieht mich nicht an.
„Dass du mir folgen wolltest, als du mich für tot gehalten hast?“ Um mich vor den Anschlägen im Krankenhaus zu schützen, haben meine Freunde kurzerhand meinen Tod vorgetäuscht. Auch Toni wusste bis vor kurzem nichts davon. 
„Was spielt das jetzt noch für eine Rolle? Du lebst!“ Er wagt es noch immer nicht, mich direkt anzusehen.
„Naja, ich finde es irgendwie traurig und schön zu gleich, dass du nicht ohne mich weiter machen wolltest.“
Toni wendet sich mir zu und sieht mich kritisch an. Schwarze Locken fallen ihm ins Gesicht, seine tiefgrünen Augen funkeln zwischen den einzelnen Strähnen hindurch. Unwillkürlich muss ich lächeln. Mir kommen all die wilden Nächte in Italien mit ihm in den Sinn. Eine Fortsetzung davon, wäre jetzt genau das Richtige, um mich aufzumuntern. Ich blicke mich verstohlen um und schaue ihn offen an. Meiner Stimme verleihe ich einen anzüglichen Ton, als ich sage: "Wir sind hier vollkommen allein, das sollten wir ausnutzen." Toni mustert mich, bis er sich sicher ist, mich richtig verstanden zu haben. Sein Blick wird finster, seine Stimme ungewohnt schroff und aggressiv: „Hör auf mit dem Scheiß! Wir sind nicht mehr in Italien. Das können wir uns hier nicht leisten.“
„Ach komm schon! Wer sollte davon erfahren? Hier ist doch außer uns niemand.“
„Enrico, ich habe nein gesagt!“ Demonstrativ wendet er sich von mir ab und der Straße vor dem Fenster zu. 
„Warum nicht? In Italien warst du es doch, der mich ständig ins Bett kriegen wollte.“ Seine smaragdgrünen Augen wenden sich wieder mir zu, bedrohlich sieht er mich an. 
„Hast du dich mal umgesehen? Wir beide wären hier fast drauf gegangen und dir fällt nichts besseres ein, als mich ausgerechnet hier, flachlegen zu wollen? Wir sind nicht mehr in Italien. Uns sitzen auch so schon ein Dutzend Mörder im Nacken. Denkst du da bin ich in Stimmung?“ 
„Die Stimmung kann ich dir schon machen“, halte ich dagegen und stehe auf, „Wir könnten morgen schon tot sein, also lass uns das Leben genießen, so lange wir noch können.“
Tonis Blick wird warnender. Ich lasse mich nicht beirren und bleibe direkt vor ihm stehen. An seiner Krawatte ziehe ich ihn zu mir und schaue ihm direkt in die Augen.
„Du hast geschworen, dass sich nichts zwischen uns ändern wird, wenn wir wieder hier sind“, erinnere ich ihn.
„Enrico, ich hab nein gesagt!“, faucht er und schlägt meine Hand von sich, „Wenn du es im Moment so nötig hast, dann such dir ne Nutte!“ Er stößt mich hart gegen den Brustkorb und von sich weg. Hastig rutscht er vom Fensterbrett und entfernt sich fluchtartig von mir.
„Wo willst du hin?“
„Weg von dir!“, mault er und geht. Die Stahltür knallt nach ihm ins Schloss. Unheilvolle Stille hüllt mich ein. Das sind ja tolle Aussichten. Ein Stadt voller Männer, die uns umlegen wollen und das einzig gute in meinem Leben verpisst sich gerade.

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