Die Wölfe ~Patenschwur~

Es gibt sie immer noch, die Mörder seines bestens Freundes. Egal wie viele Antonio von ihnen tötet, sie beherrschen die Stadt. Als Antonio vom Paten die Gelegenheit bekommt, ins Hauptquartier des Feindes einzubrechen, wittert er seine Chance auf Vergeltung. In dieser Nacht wird es enden, er oder der Chef der Red Dragons. Wenn ihm doch nur nicht ständig der Geist Enricos dazwischen funken würde.

Ein Brief lockt Antonio schließlich nach Übersee und stellt seinen Rachefeldzug und die Begegnungen mit dem Geist seines getöteten Freundes, in Frage. Ist er einfach verrückt geworden, oder gibt es tatsächlich eine Verbindung zwischen ihm und Enrico, die die Kontinente überwindet?

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6. 6. Kapitel ~Ein Job für Enrico~

Herzhaft Gähnend schaue ich von meinem Buch auf. Die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die Wolken, es regnet in Strömen. Klägliches Hundegewinsel ist von draußen zu hören. Zufrieden sehe ich dem Welpen dabei zu, wie er vergeblich versucht, sich durch die Scheibe nach innen zu kratzen. Das hat der Köter nun davon, dass er mich die ganze Nacht wach gehalten hat. Ständig hing mir seine Schlabberzunge im Gesicht. Nun ist er da, wo ein Hund hin gehört, außerhalb des Hauses. Je eher er sich daran gewöhnt, um so besser. Ich nehme einen kräftigen Schluck des Kaffees und stelle die Tasse auf dem Tisch ab, dann blättere ich die Seite meines Buches um. 
„Guten Morgen“, gähnt meine Frau und betritt dass Zimmer. Ohne Umwege hält sie direkt auf die Küche zu.
„Oh du hast ja schon Kaffee gemacht“, freut sie sich. Mit einer dampfenden Tasse in der Hand, kommt sie zurück. Ihre Finger umklammern die heiße Keramik. Den Kamin habe ich gerade erst angefeuert, noch ist es eiskalt hier drin. Ich habe mich in die weichen Wolldecke eingehüllt, die immer auf dem Sofa liegt, doch Robin hat nur ihren Morgenmantel an. 
„Schmeckt dir der Kaffee denn ohne alles?“, wundert sie sich. 
„Würde ich ihn sonst trinken?“, entgegne ich, ohne von meinem Buch aufzusehen. 
„Aber du magst doch gar keinen ...“ 
Genervt richte ich meine Aufmerksamkeit auf sie. 
„Schon gut, ich habe ja nichts gesagt“, winkt sie ab, dann wandert ihr Blick zur Verandatür. Einen Moment lang betrachtet sie den durchnässten Köter, dann schaut sie mich ärgerlich an. 
„Enrico, was soll das? Du kannst das arme Tier doch nicht bei dem Wetter aussperren.“ Doch kann ich, wie sie sieht. Hastig stellt Robin ihre Tasse auf dem Tisch ab. Sie eilt ins Badezimmer und kommt mit einem großen Handtuch zurück. Kaum hat sie die Tür geöffnet, tapst ihr der Welpe steifbeinig entgegen. Sofort wickelt sie ihn in das Handtuch und reibt sein Fell trocken. 
„Ach du Armer, du bist ja komplett durchgefroren.“ Ihr finsterer Blick streift mich. „Wie lange sitzt er denn schon da draußen?“ 
Ich schaue an die Uhr. „Gute zwei Stunden.“
„Wie kannst du nur so gemein sein? Er ist noch ein Welpe.“ 
Ich zucke mit den Achseln und blättere weiter. Ich habe um dieses Tier nicht gebeten. Wenn er unbedingt bleiben soll, dann draußen, wo er mich nicht stören kann. 
„Du bist echt unmöglich!“, mault Robin und wickelt das Tier aus dem Handtuch. Der Welpe schüttelt sich, dann rennt er in großen Sprüngen davon. Ich werfe ihm einen flüchtigen Blick hinterher und denke krampfhaft über eine neue Möglichkeit nach, das Tier loszuwerden. Der Hund verschwindet laut kläffend im Flur, die Haustür wird aufgeschlossen. 
„Man, was für ein Sauwetter“, dringt Jans Stimme bis zu uns. Das Hundegekläff wird lauter. 
„Ja mein Junge, schon gut. Warum bist du denn so nass?“ 
Robin geht Jan entgegen. „Enrico hat ihn ausgesperrt“, beschwert sie sich. Eine der Zimmertüren wird geöffnet, Lui gesellt sich zu den Beiden. Ihr Gespräch plätschert für mich im Hintergrund, ohne das ich ihm besondere Aufmerksamkeit schenke:
„Wo bist du gewesen? Ich hab mir schon Sorge gemacht“, will Lui wissen. 
„Ich war in der Stadt, hab mit Eros gesprochen. Er ist einverstanden.“
„Willst du das wirklich durchziehen?“, zweifelt Lui.
„Ja, es wird Zeit, dass er auch etwas beisteuert. Ich nehme ihn jetzt gleich mit, bevor ich auf Streife gehe.“
„Aber er kann doch kaum laufen“, wirft Robin besorgt ein. 
„Er kann wohl, wenn er will. Bis zur Klippe ist er doch auch gekommen“, hält Jan dagegen.
„Aber er hat schon drei Tabletten genommen, ich glaube nicht, dass er heute irgendwo hin geht.“
„Mit den Schmerzen wird er nun mal leben müssen. Hör auf ihn immerzu zu bemuttern.“
„Aber...“
„Kein aber! Er hat sich lange genug auf unser aller Rücken ausgeruht. Seine Medikamente sind schweine-teuer und du gluckst als Hausfrau die ganze Zeit um ihn herum. Unsere Ersparnisse gehen zur Neige und Lui und ich können nicht für uns alle aufkommen. Er kann stehen, er kann laufen, er kann arbeiten!“
„Na dann viel Spaß dabei, ihm das klar zu machen“, wirft Lui belustigt ein.
„Ich trete ihm schon in den Arsch, nur keine Sorge. Darauf freue ich mich schon den ganzen Morgen.“ Jan kommt leichtfüßigen Schrittes ins Wohnzimmer, er bleibt direkt vor mir stehen und wirft eine Jacke über mein Buch. Irritiert schaue ich zu ihm auf. 
„Aufstehen! Anziehen! Mitkommen!“, bellt er im Befehlston. 
Das soll wohl ein Scherz sein? Ich bin heil froh, dass das Schmerzmittel endlich angeschlagen hat, außerdem tobt da draußen ein Sturm und hier drinnen wird es gerade behaglich warm. Für heute habe ich mir einen ruhigen Tag vor dem Kamin, mit zwei, drei guten Büchern vorgenommen. Die Jacke werfe ich achtlos neben mich und richte meinen Blick wieder auf die Buchseite, während ich ihm entgegen: „Geh deinen Lover knallen und lass mich zufrieden!“ Jan macht einen Schritt auf mich zu, im Augenwinkel kann ich gerade noch so eine Bewegung wahrnehmen, bevor mich ein heftiger Faustschlag vom Sofa fegt. Ich krache gegen den Couchtisch und schiebe ihn quer durch das Zimmer. In der freigewordenen Lücke bleibe ich liegen. Entsetzt greife ich mir an die pulsierende Wange und sehe zu dem Asiaten auf. 
„Deine dummen Sprüche, wegen Lui und mir, gehen mir so was von auf die Nerven.“ Jan geht vor mir in die Hocke, er öffnet und schließt seine Faust und betrachtet mich von oben herab. „Schlimm genug, dass die ganze Welt auf uns herum hackt, aber von einem wie dir, der selbst seinen Arsch für einen ganz bestimmten Typ Mann hinhält, brauch ich mir nun wirklich nicht dumm kommen lassen.“
„Erzähl keinen Scheiß! Ich bin verheiratet, mit einer Frau“, halte ich dagegen und strecke ihm meinen Ehering entgegen. Ich lasse mich bestimmt nicht, mit den beiden Perversen auf eine Stufe stelle. 
„Jan!“
„Nein, Robin, ich hab es satt. Deine heile Welt ist mir egal. Er ist keinen Dreck besser, als wir! Wird Zeit, dass er das auch weiß.“ Sein Blick richtet sich wieder auf mich. Er nimmt mein Kinn in die Hand und starrt mir direkt in die Augen. 
„Du denkst wirklich, dass du treu bist und nur auf Frauen stehst? Dann lass dir von mir gesagt sein, dass die Ehe für dich noch nie ein Hindernis war und das es sehr wohl einen Mann gab, für den du mit dem Arsch gewackelt hast. Und jetzt steh auf und zieh dich an! Wenn du nicht in fünf Minuten in meinem Wagen sitzt, hau ich dir noch eine rein“, damit erhebt Jan sich. Er greift die Jacke vom Sofa und wirft sie mir ins Gesicht, dann trabt er davon. Kurz darauf knallt die Haustür nach ihm zu. Von wegen mit dem Arsch gewackelt, dass ist doch nur wieder eine seiner Lügengeschichten, damit ich wegen ihm und Lui still bin. Ich bin nicht wie er!
„Enrico, alles okay?“ Robin tritt zu mir, sie reicht mir ihre Hand, doch ich schlage sie weg. Ich kann allein aufstehen. Mühsam ziehe ich mich selbst am Tisch nach oben, bis ich wieder auf beiden Beinen stehe. Im vorbeigehen nehme ich mir meine Jacke vom Boden, dann folge ich Jan vor die Tür. 

Er sitzt bereits im Wagen, mit den Zeigefingern tippt er ungeduldig auf dem Lenkrad herum. Als er mich kommen sieht, schaut er noch immer finster. Ich reibe mir über die getroffene Wange. So heftig hat er noch nie reagiert. Wenn er mal zugeschlagen hat, dann nicht mit voller Kraft. Als ich nach meiner Lippe taste, ist sie bereits angeschwollen, meine Fingerkuppen werden nass, Blut klebt an ihnen. Vielleicht habe ich es ja wirklich übertrieben. Eigentlich geht es mich auch gar nichts an, was er und Lui miteinander treiben. Wenn sie nur nicht immer so laut dabei wären, oder direkt vor uns herumknutschen würden. 

Kommentarlos steige ich zu Jan in den Wagen und ziehe die Tür nach mir zu. Er startet den Motor, der Wagen rollt los. Gut zwei Kilometer fahren wir schweigend, bis Jan schließlich mault: „Du bist im Moment echt zum Kotzen!“ 
Ich gebe ihm keine Antwort. Wieder schleicht sich unerträgliches Schweigen zwischen uns. Wieso er sich wohl ausgerechnet für seinen Kollegen entschieden hat? Ist ihm denn nie eine attraktive Frau begegnet? Um die unangenehme Stille zu durchbrechen, wage ich schließlich zu fragen: „Hast du es eigentlich je mit einer Frau versucht?“ 
Jan wendet sich mit ärgerlicher Mine mir zu, doch als ich in fest und fragend ansehe, seufzt er ergeben. „Du verstehst das wirklich nicht, oder?“ 
„Nein!“, gebe ich ehrlich zu. Jan drosselt seine Fahrt, die menschenleere Gegend, rollt nur noch gemächlich an uns vorbei. 
„Ich habe auch genug Frauen gehabt“, antwortet er schließlich.
„War da keine Schöne dabei?“
„Verliebst du dich denn nur in das Geschlecht eines Menschen?“
Darüber muss ich nachdenken. „Keine Ahnung. Kann mich an niemanden erinnern, den ich geliebt habe“, eröffne ich ihm. Jans ernste Gesichtszüge weichen auf. 
„Ehrlich nicht? Was ist mit Robin?“ 
Ich zögere einen Moment, bevor ich ihm antworte: „Ich empfinde nichts, wenn ich sie ansehe.“
„Das ist hart!“ 
„Ich weiß, aber so ist es nun mal. Nur sag ihr das bitte nicht. Es würde ihr das Herz brechen.“ 
Jan zieht eine Augenbraue kraus. „Du scherst dich doch sonst auch nicht, um die Gefühle von Anderen?“
„Jetzt schau nicht so überheblich“, murre ich und wende mich von ihm ab, „Du hast ja keine Ahnung, wie unerträglich es ist, so zu tun, als wenn ich euch alle kennen würde.“
„Enrico, wir kümmern uns jetzt gute vier Jahre um dich. Inzwischen solltest du wissen, wie wir drei ticken.“
„Zwei Jahre davon lag ich im Koma und davon mal abgesehen, redet ihr die ganze Zeit von Damals. Von dem, was ich alles mag oder nicht mag, wer ich war und wer ich sein soll. Falls ihr es noch nicht mitbekommen habt, ich bin nicht mehr der Selbe.“
„Ach nur keine Sorge, du bist immer noch so ein arroganter Arsch, wie damals.“ 
Ich rolle mit den Augen. „Genau das meine ich. Ständig damals, damals, damals ...“
„Erinnerst du dich denn an überhaupt nichts?“, fällt Jan mir ins Wort. 
Ich atme durch. Da ist nicht viel, was ich ihm aufzählen kann: „Eigentlich nur an den Brand in dieser Lagerhalle und an die Schießerei davor. Ansonsten sind da nur unbekannte Orte und Menschen ohne Gesicht. Hin und wieder mal ein Geruch oder ein Gefühl, aber dabei ist nichts, aus dem ich wirklich schlau werde.“
„Und die Dinge, von denen wir dir erzählt haben?“ 
Ich schmunzle hilflos. „Die machen das Chaos erst richtig perfekt.“
„Wie meinst du das?“
„Naja, ich weiß nie, was ich von euch habe, oder woran ich mich tatsächlich erinnern kann.“
„Macht das denn so einen großen Unterschied?“ 
„Ja!“ 
Jan betrachtet mich weiter fragen.
„Wie erkläre ich dir das am besten?“ Ich brauche einen Moment, bis mir ein bildhaftes Beispiel eingefallen ist. „Stell dir vor, du liest ein Buch. Dabei entstehen in deinem Kopf ja auch Bilder, Landschaften und Menschen, ohne dass du sie vor dem Lesen gekannt haben musst. So geht es mir mit euren Erzählungen. Ihr könnt mir jeden Scheiß erzählen, irgend ein Bild, wird sich meine Fantasie dazu schon ausdenken, aber es ist nicht das echte Album, der Fotos, die ich in meinem Leben geschossen habe. Ich verbinde nichts mit den Namen, oder Orten, von denen ihr sprecht. Da ist kein Gefühl, kein Geruch oder Geräusch. Für mich ist das irgend ein anderer Enrico, von dem ihr da sprecht.“
„Klingt bitter!“ 
Ich seufze lediglich und schaue wieder aus dem Fenster. Wir fahren einen guten Kilometer schweigend, bis ich schließlich wissen will: „Was wird eigentlich, wenn ich mich nie erinnere?“ 
Jan schweigt, selbst als ich ihn eindringlich ansehe, braucht er eine gefühlte Ewigkeit, bis er schließlich verhalten sagt: „Vielleicht ist es sogar besser, wenn du dich nicht erinnerst.“
„War unser Leben in New York, denn so heftig?“ 
Wieder schweigt Jan. In der Ferne bilden sich die ersten Umrisse von Häusern. Das verschlafene Städtchen, ist nicht mehr weit. Als der Schotterweg endlich von einer befestigten Straße abgelöst wird, meint Jan schließlich: „Hier ist es gar nicht so übel. Niemand der uns ans Leben will. Ich muss nicht ständig irgendwelche Scheiße decken, die du wieder gebaut hast. Wenn wir jetzt noch nen Job für dich finden, könnte ich mich daran gewöhnen, hier zu bleiben. Ob du dich erinnerst oder nicht, spielt hier doch keine Rolle.“

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