Die Wölfe ~Patenschwur~

Es gibt sie immer noch, die Mörder seines bestens Freundes. Egal wie viele Antonio von ihnen tötet, sie beherrschen die Stadt. Als Antonio vom Paten die Gelegenheit bekommt, ins Hauptquartier des Feindes einzubrechen, wittert er seine Chance auf Vergeltung. In dieser Nacht wird es enden, er oder der Chef der Red Dragons. Wenn ihm doch nur nicht ständig der Geist Enricos dazwischen funken würde.

Ein Brief lockt Antonio schließlich nach Übersee und stellt seinen Rachefeldzug und die Begegnungen mit dem Geist seines getöteten Freundes, in Frage. Ist er einfach verrückt geworden, oder gibt es tatsächlich eine Verbindung zwischen ihm und Enrico, die die Kontinente überwindet?

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5. 5. Kapitel ~Rache~

Auch im Neunundzwanzigsten Stock ist alles ruhig, kein Lichtschein unter den Türen, keine Schritte oder Stimmen. Antonio tritt vorsichtig aus dem Fahrstuhl. Er sieht sich nach rechts und links um. Nichts. 

Das alles hier ist ihm so vertraut. Er kann sich noch gut an den Tag erinnern, als Butch ihn zum ersten Mal hier her gebracht hat. Nur die ranghöchsten Auftragskiller und der Spitze des Clans, ist das Betreten hier erlaubt. Antonio war erst Vierzehn, als Denijel ihn auswählte und zum obersten Auftragskiller ausbilden ließ. Butch wurde sein Mentor und für wenige Monate ist Antonios Leben hier tatsächlich angenehm gewesen. Er hatte ein luxuriöses Apartment, nur für sich allein und konnte sich in der Kantine, wann immer ihm danach war, den Bauch vollschlagen. Wenn er Enrico nicht begegnet und bei der Arbeit keinen Fehler gemacht hätte, wäre er noch immer hier und würde seine Aufträge von den Drachen entgegennehmen. 

Antonio schüttelte die Bilder seiner Vergangenheit ab und öffnet die Tür zu Michaels Büro. Auch hier ist alles still. Es hat sich nichts verändert. Der Schreibtisch steht noch immer vor dem Regal mit den Aktenordnern. Nur die Vitrine, von der Aaron gesprochen hat, ist dazu gekommen. Sie steht direkt neben dem Schreibtisch. Die Pistole seines Freundes, liegt auf der obersten Glasplatte. Von dem Anblick gefesselt, geht Antonio durch den Raum, bis er direkt vor ihr steht. Dieses Schwein hat sie tatsächlich gestohlen und wie eine Trophäe ausgestellt. In dem blankpolierten Lauf, spiegeln sich die Lichter der Stadt, die durch die beiden Fenster hereinfallen. Der Elfenbeingriff ist mit einem Wolfsrudel verziert, an einer Kette ist ein Anhänger an ihm befestigt, der Kopf eines heulendem Wolfes baumelt dran. 

Enrico hat die Waffe zu seinem achtzehnten Geburtstag von Aaron bekommen, an dem Tag, als er auch offiziell zum Chef der Wölfe ernannt wurde. Er hat sie wie ein Weihnachtsgeschenk ausgepackt, seine Augen haben geleuchtet, wie bei einem Kind. Unzählige Kämpfe hat er damit ausgefochten. Enricos Hände haben diese Waffen hundertfach gehalten und abgefeuert. 

Antonio sieht sich die Vitrine genauer an. Es führt kein Kabel von ihr zu einer Steckdose, die sie mit Strom versorgt, er findet auch keinen batteriebetriebenen Kasten oder etwas ähnliches. Es gibt nicht mal ein Schloss, nur einen kleinen Knauf zum öffnen der Glastür. Michael muss sich wirklich sicher sein, dass es niemand wagt, ihn zu bestehlen, denn neben der Pistole Enricos, liegen etliche wertvolle Waffen in der Vitrine: Aufwendig verzierte Dolche, alte und neue Revolver. 
Vorsichtig schiebt Antonio die Glastür auf und greift ins Innere. Geräuschlos nimmt er die Pistole seines Freundes an sich. Sie ist sehr leicht. Als er das Magazin entfernt, ist es bis auf zwei Patronen leer. Ob die noch aus Enricos letztem Gefecht stammen? Hätte Michael seinem Freund die Waffe nicht aus der Hand geschlagen, hätte Enrico also noch zwei Schuss zur Verteidigung gehabt? Vielleicht sollte Antonio diese zwei Kugeln nutzen und sie dem Chef der Drachen ins Herz und zur Sicherheit die andere in die Lunge schießen. Der Plan nimmt immer konkretere Züge in seinem Kopf an. Aarons Drohung hat er längst vergessen. Sein hasserfüllten Blick, richtet er auf die Tür. Michael hat auf dieser Etage sein Apartment, das er nie abschließt. Es ist mitten in der Nacht, wenn Antonio Glück hat, liegt der Scheißkerl seelenruhig in seinem Bett. Er könnte ihn mit der Pistole an der Schläfe aufwecken, ihm noch einen schönen Gruß von Enrico ausrichten, bevor er den Abzug betätigt.
Entschlossen verlässt Antonio das Büro und schleicht sich auf den Flur, bis zum Apartment des verhassten Feindes. Als er die Klinke vorsichtig herabdrückt, lässt sich die Tür tatsächlich ohne weiteres öffnen. Vor ihm breitet sich ein großer Raum mit einem Sofa, etlichen Bücherregalen und einem großen Radio aus. Der Boden ist mit einem weichen Teppich ausgeschlagen, der alle Schrittgeräusche verschluckt. Ohne sich anstrengen zu müssen, tastet sich Antonio lautlos durch den Raum, bis zu einer weiteren Tür, die nur angelehnt ist. Vorsichtig legt er den Lauf der Waffe gegen das Holz und schiebt sie auf. Das leise Knarren der Scharniere, lässt ihn zusammen zucken. Der Mistkerl hat einen verdammt leichten Schlaf, hoffentlich hat ihn das nicht geweckt. Vorsichtshalber bleibt Antonio hinter der Wand neben der Tür stehen und wirft einen flüchtigen Blick, durch den offenen Spalt. Auf dem großen Ehebett liegt eine zierliche Gestalt. Weibliche Kurven heben sich unter der Decke ab. Das ist nicht der Chef der Drachen. Der linke Teil des Bettes ist unordentlich. Das Kissen und die zweite Decke liegen zur Hälfte auf dem Boden. Kein Mann hält sich hier auf. Wie ärgerlich. Auf Michaels Prostituierte hat Antonio es nicht abgesehen. Oder hat der Kerl inzwischen eine Frau? Schnell schüttelt er diesen Gedanken ab. Was kümmert es ihn? Alles was zählt ist, dass Michael wohl noch vor kurzem hier gewesen sein muss. 
Antonio beschließt, die übrigen Zimmer zu prüfen und kehrt lautlos in den Flur zurück. Nach und nach arbeitet er sich von einer Tür zur nächsten, doch sie sind alle abgeschlossen. 
Ob sich Michael und sein Leibwächter auf dem Dach des Hochhauses aufhalten?
Als Kind hat Antonio dort oben oft mit ihnen gesessen, da haben sie ihm das Schießen beigebracht und ihn mit irgendwelchen Fusel betrunken gemacht. Wenn er Glück hat, besaufen sich die Beiden auch jetzt gerade dort. Es wäre nicht mal ein Umweg, er wollte sowieso über das Dach verschwinden. Sein Ansinnen, vor sich selbst gerechtfertigt, kehrt Antonio zum Fahrstuhl zurück, von dort folgt er dem Gang, bis zu einer Tür, die ins Treppenhaus mündet. Es gibt nur eine einzige Treppe nach oben, keine hinab. Mit der Pistole voraus, folgt Antonio den Stufen, bis er die letzte erklommen hat. Eine Eisentür versperrt ihm nun den Weg. So oft er es auch versucht hat, von außen hat sie sich nicht öffnen lassen. Von innen ist es nur ein einfacher Dreh am Türknauf. Wenn die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, kann er nicht mehr zurück, ohne das ganze Hochhaus erneut durchqueren zu müssen. Antonio sieht noch einmal zurück. Alles ist ruhig, dort unten wird er nicht fündig werden, also legt er sein Ohr an die Tür, aufmerksam lauscht er. Nichts, keine Schritte, keine Gespräche oder das Klirren von Glasflaschen. Es wäre ja auch zu schön gewesen. Enttäuscht atmet er durch und öffnet die Eisentür. Kalte Nachtluft schlägt ihm entgegen. Der Mond steht voll am Himmel und erhellt das ganze Dach. Neben den alten Zielpuppen, gibt es nichts, dass lange seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Als er ins Freie tritt, wird die Tür vom Wind erfasst, und schlägt nach ihm ins Schloss. So viel zu seinem Rachefeldzug. Michael hat mehr Glück als Verstand, ausgerechnet heute nicht hier zu sein. Antonio steuert die Feuerleiter an. Was für ein Reinfall. Nachdem er die ersten fünf Stufen hinabgestiegen ist, lässt er sich auf dem Metallgitter nieder. Die Waffe des Freundes legt er sich in den Schoss und betrachtet sie im fahlen Licht des Vollmondes. Das ist so ungerecht, dass er jetzt hier sitzt und über Rache nachdenkt und Enrico sich einfach hat umbringen lassen. 
„Du blöder Idiot! Du fehlst mir“, haucht er in die Dunkelheit, doch es kommt keine Antwort zurück. Den ganzen Weg hier rauf, erschreckt ihn dieser Mistkerl und jetzt, wo er ihn so gern um sich hätte, bleibt der Geist des Freundes einfach stumm. Seit dem Moment im Fahrstuhl, kein einziges Wort mehr, nirgendwo eine verschwommene Gestalt. Antonio fährt sich über die brennenden Augen. Vom kalten Wind gereizt, trübt sich immer wieder seine Sicht. Wahrscheinlich war alles wirklich nur Einbildung. Er ist einfach zu müde. Immer wieder fallen ihm die Augen zu, ständig kippt ihm der Kopf nach vorn. Er sollte heim gehen, sich auf dem Rückweg noch einen Eimer Kohlen kaufen, das Apartment ordentlich einheizen und dann endlich einmal eine Nacht durchschlafen. Wenn es nur nicht so schwere wäre, aufzustehen und sich noch einmal durch die Dunkelheit und Kälte zu kämpfen. Antonio gähnt herzhaft.
„Der alte Sack geht mir gehörig auf die Nerven.“ Erschrocken richtet er seinen Blick an dem Mauerwerk hinauf, bis zum Rand des Daches. 
„Wundert dich das wirklich?“ Butch? Die Stimme seines Mentors erkennt Antonio unter tausenden wieder. Augenblicklich weicht die Müdigkeit aus seinen Knochen. So lautlos wie möglich, richtet er sich auf.
„Er wagt es uns zu beklauen. Wir sollten den Alten einfach umlegen und gut!“ Antonio schleicht die wenigen Stufen wieder hinauf und lugt vorsichtig über den Rand des Daches. Zwei breitschultrige Gestalten, heben sich deutlich vor dem Vollmond ab. Der Größere von Beiden, trägt einen langen schwarzen Mantel und zündet sich gerade eine Zigarette an.
„Michael“, flüstert Antonio in vorfreudiger Erwartung. Neben ihm steht ein dunkelhäutiger Hüne, in einem weißen Stoffmantel, der ihm bis zu den Knöcheln reicht. Er hat die Arme verschränkt und betrachtet seinen Chef kritisch.
„Das würde Krieg mit den Italienern bedeuten“, ermahnt er Michael und tritt vor ihn. 
„Butch, geh zur Seite“, murrt Antonio in sich hinein.
„Ach ich bitte dich. Wer sollte Aaron denn Nachfolgen, um uns gefährlich zu werden?“
„Aaron ist lebend mehr wert.“ 
„Er ist ne tickende Zeitbombe!“ Einen Moment lang schweige Beide. Während Butch sich nicht rührt, tritt Michael von einem Bein auf das andere. 
„Na schön, du hast ja recht. Hin und wieder ist er ganz nützlich. Sieh nur zu, dass du seine Enkel im Blick behältst. Wenn Aaron weiter so aufmuckt, dann schickst du den Plagen mal einen unserer speziellen Freunde. Dann kapiert der alte Sack hoffentlich, dass ich mich nicht verarschen lasse.“ Jetzt will sich der Dreckskerl auch noch an Enricos Kinder vergreifen? Okay jetzt reicht es! Um besser zielen zu können, klettert Antonio über den Rand des Daches. Er tritt einige Schritte zur Seite, um an Butch vorbei zielen zu können und drückt ab. Ein lauter Knall durchschlägt die Stille. Der schwarze Mann bemerkt ihn im Augenwinkel, er stößt seinen Chef bei Seite. Die Kugel trifft den Arm Butchs. Der dunkelhäutige Hüne verzieht keine Mine, stattdessen greift er in seinen Mantel und zieht eine Pistole. Michael tut es ihm gleich. Zielsicher richten sie ihre Waffen auf ihn. 
„Du! Du warst das also? Du wagst es mich zu beklauen?“
„Ich wage es auch auf dich zu schießen. Meine nächste Kugel wird nicht daneben gehen. Mit freundlichen Grüßen von Enrico River!“, erwidert Antonio. Ungerührt blickt er in die Waffen der beiden Männer, während sich ihre Zeigefinger krümmen. Hier und heute wird es enden. Dieses Mal nimmt er den Teufel mit in die Hölle. Antonio legt den Zeigefinger um den Abzug.

„Nein!“ Die eisblauen Augen seines Freundes leuchten auf einmal vor ihm auf. Erschrocken verreißt Antonio den Arm. Drei Schüsse knallen über das Dach. Etwas trifft ihn hart am Oberkörper und stößt ihn in die Tief. Rücklings fällt er die Eisenstufen hinab. Auf einer der Überführungen bleibt er liegen. Benommen sieht Antonio die Leiter hinauf. Auf der obersten Stufe bilden sich die geisterhaften Umrisse Enricos. 
„Lauf!“, schreit er ihn an. Als Antonio nicht reagiert, wird er lauter. 
„Bitte! Lauf!“ Eindringlich starren ihn die eisblauen Augen an. 
„Ach verdammt! Du elende Nervensäge!“ Schritte eilen über das Dach. Schüsse knallen in seine Richtung. Mühsam kämpft Antonio sich auf die Beine und ergreift die Flucht.

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