Die Wölfe ~Patenschwur~

Es gibt sie immer noch, die Mörder seines bestens Freundes. Egal wie viele Antonio von ihnen tötet, sie beherrschen die Stadt. Als Antonio vom Paten die Gelegenheit bekommt, ins Hauptquartier des Feindes einzubrechen, wittert er seine Chance auf Vergeltung. In dieser Nacht wird es enden, er oder der Chef der Red Dragons. Wenn ihm doch nur nicht ständig der Geist Enricos dazwischen funken würde.

Ein Brief lockt Antonio schließlich nach Übersee und stellt seinen Rachefeldzug und die Begegnungen mit dem Geist seines getöteten Freundes, in Frage. Ist er einfach verrückt geworden, oder gibt es tatsächlich eine Verbindung zwischen ihm und Enrico, die die Kontinente überwindet?

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4. 4. Kapitel ~Mitternacht~

Antonio sitzt auf dem Rand seines Bettes und blickt Gedankenverloren an die Zimmerdecke. Anette ist gerade aufgestanden, um ihm einen Tee zu machen. Er hat sich für heute Krank gemeldet und ihr eine Grippe vorgespielt. Als sie am Herd, mit einem Topf Wasser, zu hantieren beginnt, zieht Antonio einen Briefumschlag aus der Hosentasche. Er öffnet ihn und betrachtet die Scheine darin. Ist es wirklich richtig, was er tun will? Anette hat so lange dafür gekämpft, dass er den Ausstieg aus dem organisierten Verbrechen schafft und er ist dabei, das alles mit Füßen zu treten. 
Sein Blick wandert zu seiner Tochter. Kira spielte auf dem Boden mit ihrer Puppe. Er hat ihr mit einfachen Brettern ein Puppenhaus gezimmert und etliche Möbel dazu geschnitzt. Eigentlich wollte er es längst gestrichen und ihr eine neue Puppe gekauft haben. Dieser fehlen die Haare, ihre Kleid ist alt und löchrig. Kira hatte sie schon, seid sie auf der Welt ist. Das Mädchen führt die Puppe über einen roten Teppich, aus einem alten Stofffetzen und versteckte sie dann unter dem Bett. Streng weist sie sie an: “Da musst du jetzt bleiben, und ganz still sein!” Den Finger legt sie sich auf den Mund. 
„Pissht!“, pustet sie. 
Antonio erkannt sich selbst in ihr. Seit Kira laufen kann, hat er diese Anweisung viel zu oft geben müssen. Viel zu viel hat sie schon mit ansehen müssen. Unzählige Male sind sie in ihrem eigenen Apartment überfallen worden. Viel zu oft musste er sich und seine Familie in dunklen Gasen und Hinterhöfen verstecken. Das alles muss ein Ende habe, ein für alle mal. Wenn er schon selbst nicht für ausreichend Sicherheit sorgen kann, dann muss er sich wenigstens den Schutz des Patens sichern. Aaron hat ihm versprochen, für Kira und Anette zu sorgen, sollte Antonio etwas zustoßen. Der Briefumschlag ist ihre Absicherung. Auch wenn er dafür ins Hauptquartier des Feindes muss, auch wenn er dafür wieder als Auftragskiller oder gar als Chef der Wölfe agieren muss, er hat sich entschieden. Nie wieder soll seine Familie frieren oder Hunger leiden müssen. Anette braucht dringen mehr Ruhe. Die Doppelschichten im Krankenhaus haben aus ihr, ein dürres Gerippe, mit strohigem Haar gemacht. Aus Sorge, dem Kind könnte es an etwas fehlen, isst sie oft selbst nichts und überlässt ihre spärlichen Mahlzeiten der Tochter.
Antonio steht auf, einen letzten Blick wirft er in die Küche. Anettes Augen sind rot und fallen ihr immer wieder zu, sie gähnt herzhaft. Eindringlich hat er sie gebeten, heute mal nicht die Nachtschicht auf ihrer Station anzutreten, doch sie hat nur versöhnlich gelächelt und ihm versichert, dass es ihr gut gehe. Antonio wirft ihr einen letzten besorgten Blick zu, dann tritt er an das Puppenhaus seiner Tochter. Den Umschlag legt er auf das flache Dach. Fragend schaut Kira zu ihm auf. Antonio zwingt sich zu einem Lächeln. 
“Gib den deiner Mutter, wenn sie aus der Küche kommt!”, trägt er ihr auf. Kira nickt, ohne Fragen zu stellen. Sie ist mit Abstand das Beste, was er je zu Stande gebracht hat. Sanft streicht er ihr über den Kopf und gibt ihr einen Kuss auf die goldenen Locken, dann verlässt er wortlos das Apartment. 

Sein Plan steht: Er wird das Hochhaus durch ein Kellerfenster betreten, so wie er es immer als Kind getan hat. Er wird den Weg durch die Küche nehmen, da dürfte um diese Zeit niemand mehr sein. Von dort kommt er am leichtesten direkt zum Fahrstuhl. Dann kann er nur noch hoffen, dass er der Einzige sein wird, der bis in den 29. Stock fahren will. Für den Rückweg kann er notfalls über das Dach und die Feuerschutztreppe entkommen. 

Antonio muss die U-Bahn nehmen, um in den Stadtteil der Drachen zu gelangen. Das Nachleben hat gerade erst begonnen, die Bahn ist brechend voll. Als er die Haltestelle erreicht, sind es die Straßen ebenfalls. Menschen hassten an ihm vorbei, keiner nimmt Notiz von ihm. Bald schon kann Antonio das Hochhaus in der Ferne sehen, doch anstatt direkt darauf zuzuhalten, biegt er einen Block vorher ab. Durch die Dunkelheit von Hinterhöfe, vorbei an Mülltonen und vergessenen Holzkisten, führt ihn sein Umweg in eine kleine Gasse. Hierher verirrt sich für gewöhnlich niemand. Schon als Kind ist er auf diesem Weg, keiner Menschenseele begegnet. Hoffentlich passt er noch durch das Loch im Zaun. Als er den Bretterverschlag erreicht, sieht er sich noch einmal nach allen Seiten um. Die finstere Gase, ist noch immer leer. Es sind keine Schritte zu hören, nur ein Hund bellt irgendwo in der Ferne. 
In einer Dose, zwei Schritte entfernt, bewegt sich etwas. Sie rollt bis an den Bretterzaun. Aus ihrem Inneren springt eine fette Ratte. Sie rennt ihm über die Schuhe und verschwindet in der Dunkelheit. Antonio greift sich ans Herz. Dieses dämliche Mistvieh! Heftig pulsiert das Blut in seinen Venen. Er braucht einen Moment, um weiter gehen zu können. 
Es fehlt noch immer eine Latte im Bretterverschlag. Die Lücke erscheint ihm Heute viel kleiner, als in seiner Erinnerung. Ein Glück hat er selbst in den letzten Wochen nur wenig gegessen, um zu gewährleisten, dass Kira satt wird. Sein Körper ist abgemagert genug, um sich gerade so hindurchzuzwängen. 

Das Fenster, auf das er es abgesehen hat, ist auch heute wieder angekippt. Fred, der Küchenchef, arbeitet offensichtlich immer noch hier. Vielleicht hat er jetzt einen neuen Schützling, dem er ein paar Reste in der Spüle übrig lässt. Dieser gutherzige, alte Mann. Sehr oft hat er Antonio etwas zugesteckt, wenn er mal wieder zu spät von einem Auftrag zurück war und zur Straffe nicht zu essen bekam. Die Idee mit dem Schleichweg, durch die Küche, stammt von ihm. 

Antonio öffnet das Fenster und tritt mit dem rechten Bein voran hindurch.
“Was machst du Idiot da?” Er fährt herum. Im Zwielicht der schwachen Straßenbeleuchtung, kann er die Umriss einer Gestalt erahnen. Sie ist durchscheinend und verschwimmt beim Näherkommen. 
Antonio blinzelt. Die Gestalt löst sich auf, nur ihre Worte klingen in seinem Kopf nach. Verdammt, er muss wirklich mal wieder eine Nacht durchschlafen. Seufzend zwängt er sich durch das Kellerfenster und findet sich in einem dunklen Raum wieder. Es riecht nach geräuchertem Fisch und Käse. An Hacken hängen Würste von der Decke, Regale sind mit Gläsern voll unterschiedlichster Zutaten gefüllt. 
“Nicht schlecht. Schau dir das an! Edelsalami und Fleur de sel. Die lassen es sich wirklich gutgehen.” Antonio sieht sich nach allen Seiten um. Schon wieder diese Stimme. Ein neblige Schatten, hält eine der Würste in der Hand und schaut in seine Richtung. Ein breites Grinsen ziert die verschwommen Mundwinkel, als er vorschlägt: “Vielleicht sollten wir uns den Bauch vollschlagen, bevor wir uns erschießen lassen. Du siehst so aus, als wenn du es brauchen könntest.” Antonio reibt sich über die Augen, doch dieses mal verschwinden die Umrisse seines Freundes nicht.
“Was schaust du so ungläubig? Glaubst du ich lass mir dieses Himmelfahrtskommando entgehen? Bis in den Tod und wieder zurück! Schon vergessen?” Antonio hat das Versprechen ihrer Kindheit nicht vergessen, aber das hier, ist verrückt. 
Die Salami beginnt zu pendeln, der schemenhafte Umriss verschwindet. Antonio läuft zum Hacken. Noch immer schwingt die Wurst vor und zurück. Als er sieh berührt, fühlt sie sich warm an. Ist das nur seine eigene Körperwärme, die zurückstrahlt? Ganz bestimmt, redet er sich ein. Noch eine schlaflose Nacht und er kann sich in ein Irrenhaus einweisen lassen.
Krampfhaft bemüht er sich darum, seine Konzentration zurückzugewinnen, um sich der Küchentür zu nähern. Vorsichtshalber zieht er seine Waffe und entsicherte sie. Er legte seine Hand auf die Klinke. 
“Die kannst du wieder wegstecken, da ist niemand vor der Tür”, spricht jemand direkt in seinen Ohr. Antonio ist sich sicher, den warmen Hauch eines Atemzuges, gespürt zu haben. Ein eisiger Schauer rinnt ihm den Rücken hinab.
“Verdammt noch mal! Lass das gefälligst!”, verlangt er.
„Soll ich dir nun helfen oder nicht?“
„Du bist tot, du bist mir hier keine Hilfe.“
„Ach wirklich? Gut zu wissen.“  
Wenn ihn Enricos Geist schon begleiten muss, kann er dann nicht wenigsten still sein? Antonio atmete tief durch. Hoffentlich ist er der Einzige, der die Stimme seine Freundes hören kann, sonst erreicht er das Büro des Chefs nie lebend. 

Vorsichtig öffnet Antonio die Tür. Mit vorgehaltener Pistole sieht er sich in dem finsteren Raum um. Niemand ist hier, nur ein paar Tische und hochgestellte Stühle. 
Auf leisen Sohlen schleicht er bis zur nächsten Tür. In ihr ist eine runde Glasscheibe eingelassen, durch die man den Flur, auf der anderen Seite, einsehen kann. Antonio hat sie fast erreicht, als die Gestalt Enricos erneut vor ihm erschien. Er hatte den Zeigefinger an die Lippen gelegt.
Antonio stutzt und hält inne. Schritte bewegen sich im angrenzenden Flur, sie kommen immer näher. Ein Lichtkegel tanzt durch die Scheibe, zu ihm in den Raum. Antonio weicht zur Seite aus und drückt sich eng gegen die Wand neben der Tür. Er hält den Atem an. 
Enrico ist wieder verschwunden, dafür blickt der Umriss eines asiatischen Gesichts durch die Scheibe. Ein finsteres Augenpaar schaut sich suchend um.  Antonio umklammern den Griff des Revolvers, sein Zeigefinger liegt locker auf dem Abzug. Die Klinke bewegt sich, die Tür wird einen Spalt aufgeschoben. 
Ein blechernes Geräusch durchdringt die Stille, der Wachmann hält inne. Das Licht der Taschenlampe verliert sich, die Schritte des Mannes entfernen sich. 
„Hallo, ist hier jemand?“, ruft er in die Dunkelheit. Stille. 
„Seltsam“, fügt der Wachmann an.
Vorsichtig spät Antonio durch die Scheibe. Der Mann bückt sich nach etwas und richtet es auf. Der Kegel seiner Taschenlampe tastet den Flur ab. Niemand ist bei ihm. Während er einen Servierwagen ausleuchtet, kratzt sich der Wachmann am Kopf, schließlich setzt er sich wieder in Bewegung. Langsamen Schrittes verschwindet er auf dem Flur. Der Schein seiner Taschenlampe, verliert sich in der Ferne. Antonio lehnt den Kopf gegen die Wand und atmet durch. 
„Willst du hier Wurzeln schlagen?“ Antonio hält die Luft an. Schon wider, ist ihm diese vertraute Stimme, so nah. Verflucht noch mal! Dieser elende Mistkerl, scheint es auch noch zu genießen, ihn zu erschrecken. Endlich gelingt es Antonio, sich von der Wand zu löse und durch die Tür den Flur zu betreten. Leichtfüßig schleicht er bis zum Servierwagen. Ist er wirklich einfach so umgefallen?
“Als Poltergeist mach ich mich gar nicht mal so schlecht, was?”, lacht Enrico, ohne das Antonio seine Gestalt irgendwo ausmachen kann. 
„Du bist das gewesen?“, murmelt er in die Dunkelheit, doch es kommt keine Antwort zurück.  Nichts, keine schemenhafter Umriss, kein Geräusch.
Alles nur Einbildung, er Halluziniert, ganz sicher. Zu wenig Schlaf, zu wenig gegessen, das muss es sein. Sollte Antonio diesen Auftrag überleben, wird er umgehend ins Bett verschwinden, nimmt er sich fest vor. 
Totenstille begleitet ihn, auf seinem Weg, durch den leeren Flur. Etliche Türen gehen rechts und links von ihm ab, doch hinter keiner ist ein Geräusch zu hören. 
“Gespenstig, was?” Antonio zuckt zusammen, scharf entweicht die Luft in seiner Lunge.
“Du bist hier das einzig Gespenstige!”, mault er atemlos. 
Antonio erreicht den Fahrstuhl und schiebt vorsichtig das Gitter auf. Das Metall knarrt. Verstohlen blickt er sich um. Keine Schritte, alles bleibt still. Er wagt es das Gitter ganz zu öffnen und einzusteigen. Das Licht, im Inneren der Kabine, blendet ihn, er muss immer wieder blinzeln. Nur schemenhaft, kann er das Schlüsselloch unter der Tastatur ausmachen. Er brauch mehrere Anläufe, bis sein Schlüssel den richtigen Weg findet. Neunundzwanzig, wo ist der verdammte Knopf mit der Neunundzwanzig? Nachdem er ihn endlich gefunden und gedrückt hat, schließt er das Gitter. Der Fahrstuhl zieht an, ein Ruck geht durch die Kabine. 

Ganz langsam gewöhnen sich seine Augen an die neuen Lichtverhältnisse. Im Spiegel, der ihn von allen Seiten umgibt, kann Antonio sich selbst sehen. Neben ihm bildet sich der verschwommen Umriss seines Freundes. Er betrachtet nachdenklich die Kabinentür. Antonio schaut neben sich, doch der Platz ist leer. Lediglich im Spiegel zeigt sich die Gestalt Enricos.  
“Hast du eigentlich schon einen Plan, wie wir hier wieder raus kommen?”, will er wissen. Antonio hebt eine Augenbraue. Wieso spricht Enrico eigentlich die ganze Zeit in der Mehrzahl? Er ist ein Geist, er braucht nur durch die Wand schwebe, um zu verschwinden, oder nicht? Als er keine Antwort gibt, starren ihn die eisblauen Augen des Freundes mahnend an.
„Du hast aber nicht vor Michael umzulegen, oder?“
„Wenn er mir über den Wegläuft“, entgegnet Antonio trocken und prüft die Kugeln im Lauf. Auch wenn Aaron ihm ein deutliches Verbot ausgesprochen hat, wird er sich sicher nicht zurückhalten können, wenn er diesem Schwein begegnet. 
“Meinst du nicht, dass das meine Aufgabe wäre?”
“Du bist Tod!”, entgegnete Antonio ihm energisch. 
“Ach ja? Sicher? Ich fühle mich gar nicht so.” Natürlich ist Antonio sich sicher. Er ist bei der Beerdigung dabei gewesen. Ob Enrico noch nicht mal mitbekommen hat, dass er inzwischen ein Geist ist? Zu ihm passen würde es ja. 
„Ach verdammt, dieser blöder Köter!“ Die Gestalt im Spiegel reibt sich übers Gesicht, ganz allmählich beginnt sie, zu verblasst. Die Konturen weichen auf, verschwimmen, dann ist er weg. 
“Enrico?” Antonio sieht neben sich, dann wieder in den Spiegel. Nichts. Von einem Moment auf den anderen, kommt er sich verloren vor. Weg das Gefühl der Zweisamkeit, einfach so. Sein Herz zieht sich krampfhaft zusammen, Tränen drängen sich in sein Blickfeld. 
“Enrico?”, ruft er noch einmal, wieder vergebens. Ein fetter Kloß presst sich in seine Kehle und lässt ihn schwer schlucken.
Ein lautes Bing, schreckt Antonio auf. Er ist schon da? Tatsächlich ist der Zeiger der Anzeigetafel auf die Neunundzwanzig gewechselt.
„Reiß dich gefälligst zusammen!“, mahnt er sich selbst und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Er ist die ganze Zeit allein zurecht gekommen, dass hier schafft er jetzt auch, ohne einen Geist an seiner Seite.

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