Die Wölfe ~Patenschwur~

Es gibt sie immer noch, die Mörder seines bestens Freundes. Egal wie viele Antonio von ihnen tötet, sie beherrschen die Stadt. Als Antonio vom Paten die Gelegenheit bekommt, ins Hauptquartier des Feindes einzubrechen, wittert er seine Chance auf Vergeltung. In dieser Nacht wird es enden, er oder der Chef der Red Dragons. Wenn ihm doch nur nicht ständig der Geist Enricos dazwischen funken würde.

Ein Brief lockt Antonio schließlich nach Übersee und stellt seinen Rachefeldzug und die Begegnungen mit dem Geist seines getöteten Freundes, in Frage. Ist er einfach verrückt geworden, oder gibt es tatsächlich eine Verbindung zwischen ihm und Enrico, die die Kontinente überwindet?

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3. 3. Kapitel ~Enrico, der weiße Wolf~

„Toni, nein!!!“ Schweißgebadet blicke ich in einen dunklen Raum. Die Hitze des Feuers hüllt mich noch immer ein und frisst sich durch meine Waden. Ich ziehe die Beine eng an den Körper und umschlinge sie mit den Armen. Die vernarbte Haut, kann ich selbst durch die Decke und den Schlafanzug hindurch spüren. 
„Es war nur ein Traum!“, versuche ich mir einzureden und wiege mich selbst vor und zurück. Völlig außer Atem, ringe ich noch immer nach Luft, als wen der heiße Qualm sich selbst jetzt noch in meine Lunge brennen würde. 
Eine warme Hand tastet nach mir, sie berührt mich am Oberschenkel und lässt mich erschaudern. 
„Schon gut … alles gut!“, nuschelt meine Frau im Halbschlaf. Die Konturen ihres Gesichtes und ihre langen Haare, heben sich von dem weißen Kissen ab. Sie hat noch nicht einmal die Augen geöffnet. Es ist schon das dritte Mal diese Nacht, dass ich so aus dem Schlaf hochschrecke. Seit gut zwei Monaten ist das so. Offensichtlich hat sie sich bereits daran gewöhnt. Noch einmal drückt sie sacht gegen mein Bein, dann gleitet ihre Hand von meinem Schenkel. Ihr gleichmäßiger Atem füllt unser Schlafzimmer, sonst ist da nichts. Kein Licht, nur Dunkelheit, die mich allmählich zu verschlucken beginnt. Ich muss hier raus, weg von ihr, weg von diesem Haus. Schwerfällig kämpfe ich mich an den Rand des Bettes. Die Haut an meinen Beinen spannt, die Muskeln darunter gehorchen mir nicht. Geht das wieder los! Ich will nicht mehr in diesen verdammten Stuhl. Abschätzig richte ich meine Aufmerksamkeit auf ein Schatten mit Rädern, auf der anderen Seite des Raumes. Es ging die letzten Tage doch auch ohne. Dieser verdammte Körper hat zu tun, was ich ihm sage. Wenn schon meine Erinnerungen es nicht tun, dann soll wenigstens das klappen. 
Ich muss hier weg, raus aus diesem stickigen, heißen Loch. Komm schon!
Endlich rührt sich mein rechtes Bein, ich kann es vom Rand des Bettes schieben. Die selbe Geduld kann ich für das Linke jedoch nicht mehr aufbringen, ich schiebe es einfach mit der Hand nach. Als meine Zehen den kalten Boden berühren, beginnen meine Waden zu zucken. Das taube Gefühl in meinen Muskeln löst sich, wird von Stichen, wie durch tausend Nadeln, ersetzt. Ich ziehe die Luft scharf ein und beiße die Zähne fest aufeinander. Wenn ich jetzt schreie, wird Robin wach werden und mich zurück ins Bett zerren. Dann komm ich hier nie weg. Ich zwinge mich zum Aus- und Einatmen. Der Schmerz wird erträglicher. Ich wage den Versuch und drücke mich vom Bettrand. Dieses Mal klappt es beim ersten Versuch. Keine helfenden Hände, keine mitleidigem Blicke, ich habe es ganz allein geschafft. Zufrieden richte ich meine Aufmerksamkeit auf die Tür. Ich will loslaufen, doch ich rühre mich nicht vom Fleck. Diese verdammten Beine. Tagsüber funktioniert das deutlich besser. Am besten ich lege mich nie wieder hin. Ich brauch meine ganze Konzentration, um endlich einen Fuß vor den anderen zu setzen, doch mit jedem Schritt, wird es leichter. Als ich die Tür endliche erreiche, fühle ich mich sicher genug, auch den restlichen Weg allein zu bewältigen. So leise, wie möglich, öffne ich die Tür und spähe in den Flur. Auch hier ist alles dunkel, keiner ist mehr wach. Sehr gut, niemand der mich aufhält. Ich schleiche durch die Wohnstube, bis zur Verandatür, einen letzten Blick werfe ich zurück. Keine schnellen Schritte eilen mir nach, kein Lichtschein unter den Türen der Gästezimmer. 

Ein eisiger Wind empfängt mich, als ich die Tür öffne, er schlägt mir ins Gesicht und beißt sich in meine Wangen. Endlich mal keine überheizten Räume und ganz besonders, weit und breit kein Bett oder Rollstuhl. Ich taste mich mit blanken Füßen durch nasses Gras. Die Halme kitzeln zwischen meinen Zehen. Wer hätte gedacht, dass ich das jemals wieder fühlen kann. Noch vor wenigen Monaten, habe ich in diesen Füßen gar nichts gespürt. Die Ärzte haben mir kaum Hoffnung gemacht, dass ich nach zwei Jahren im Koma, jemals wieder ohne fremde Hilfe zurecht kommen würde, aber da haben sie ihre Rechnung ohne mich gemacht. Zufrieden taste ich mich durch die Nacht. Ohne den Halt durch Möbel oder einer Wand, ist das gar nicht mehr so leicht. Ich taumle von einem Bein auf das andere und brauch immer wieder eine kurze Pause, um die Kraft für den nächsten Schritt zu finden. Stur halte ich meinen Blick nach vorn gerichtet. Ich will wenigstens bis zum Rand der Klippe kommen, um endlich wieder das Meer zu sehen. Das Rauschen der Wellen lockt mich weiter, bis ich es endlich sehen kann. Spitze Felsen ragen hervor, der tosende Wind peitscht hohe Wellen gegen die Klippe. Wasser spritzt hinauf und ist doch so weit da unten, dass mich kein Tropfen erreicht. Bei dem Blick in die Tiefe, überkommt mich Schwindel. Der fehlende Halt auf meinen Beinen, verstärkt den Effekt. Ich lasse mich ins Gras sacken. Mein Puls schlägt mir bis an den Hals, mein Atem kratzt rau durch die Lunge, Schweiß tropft mir von der Stirn, doch die Anstrengung hat sich gelohnt. Ich bin diesem Haus endlich mal entkommen, ohne darum betteln zu müssen. Ich genieße den kalten Wind, der sich durch den dünnen Stoff meines Schlafanzuges frisst. Er nimmt die Hitze des Feuers meines Traums mit sich, nicht aber die Erinnerung. Warum träume ich nur immer zu davon? Gibt es denn nichts anderes, aus meinem alten Leben, das es wert wäre, sich zu erinnern? Um mich von den schrecklichen Bildern abzulenken, schaue ich die Klippe hinab.
Irgendwo habe ich das schon mal gesehen, Wellen die gegen Steine schlagen, das schäumende Meer, aber es war nicht so weit weg, man konnte viel näher heran. Da war ein Haus, ein Haus auf einer Insel. Irgendwer wohnte dort, ein Schatten ohne Namen. Ein heftiger Schmerz zuckt durch meinen Kopf und brennt in meinen Schläfen nach. Ich packe mir in die Haare und presse meine Hände gegen die Stirn.
„Verdammt!“ Ich kann mich nicht erinnern, alles ist verschwommen. Keiner dieser Schatten aus meiner Vergangenheit hat klare Umrisse. Nur dieses eine Gesicht, hat sich offenbar so tief in meinen Geist eingebrannt, dass es der Amnesie trotzen kann.
„Toni, wer bist du?“, hauche ich in den kalten Wind. Ständig schwirrt mir dieser Name durch den Kopf. Mehr nicht, keine Geschichte, keine weiteren Bilder nur ein seltsam, nagendes Gefühl. Gibt es denn nur diese Erinnerung an Feuer in mir, an schreiende Menschen, die ermordet werden. Auch sie sind nur Schatten ohne Namen, ohne Geschichte. Ich kann mich nicht mal an meine Frau erinnern, oder die beiden Männer, die bei uns wohnen. Wenn sie mir nicht so oft von sich erzählt hätten, ich wüsste heute noch nicht, wer sie sind. Warum nur ist es ein einziger Name, an den ich mich erinnern kann, der Einzige an dem mir irgendetwas liegt? Oder lag? Bei uns ist kein Toni und in meinen Träumen stirbt dieser Mann immer. Sicher ist er tot, der einzige Anhaltspunkt, den ich habe, ist einfach tot. Ich seufze und ziehe die Beine eng an den Körper, den Kopf bette ich auf meinen Knien und schließe die Augen. Neben dieser völligen Leere in mir, muss es doch noch etwas anderes geben. 

“Schatz? Was machst du hier? Wie bist du denn bis hier her gekommen?”, höre ich hinter mir. Auch das noch, meine Frau. Dabei habe ich mir solche Mühe gegeben, leise zu sein. Ein schwerer Seufzer kommt mir über die Lippen. Warum kann sie mich nicht in Ruhe lassen? Ihre Sorge erdrückt mich, ebenso wie ihre Liebe. 
Sie kniet sich hinter mich, ihrer Arme legen sich um mich, ihr warmer Busen drängt sich mir in den Rücken. Wie ein zu schwerer Mantel, legt sie sich um mich und hüllt mich ein. 
“Du bist eiskalt!”, haucht sie mir ins Ohr. Ich reagiere nicht. Mir ist nicht kalt. Ich genieße die frische Luft. Ich möchte nicht zurück in das warme Haus und in mein Bett. Vier endlose Jahre habe ich dort gelegen, es reicht.
“Komm wieder mit rein. Ich bitte dich!”, ruft sie mich wieder und wieder an. Ich tue so, als wenn ich sie nicht verstehe und hoffe darauf, dass sie einfach wieder geht. Ihre Arme zittern, ihre Zähne beginnen zu klappern, die Haare an ihrem Unterarm stellen sich auf. Sie trägt lediglich ihren dünnen Morgenmantel.
“Bitte”, flüstert sie wieder. Sie wird nicht gehen, bis ich mit ihr komme, aber ich rühre mich nicht. Ich spüre nichts bei dem Gedanken, dass sie meinetwegen friert, sich um mich sorgt. So sehr ich mich auch bemühe, sie bedeutet mir nichts. Wie ich sie habe heiraten können, ist mir schleierhaft. Dabei bemüht sie sich wirklich um mich, liest mir jeden Wunsch von den Augen ab. Warum nur bekomme ich kein Gefühl für sie, wo wir doch angeblich schon so lange verheiratet sind?  
Der Sturm wird stärker, Wolken verdecken die aufgehende Sonne. Die See wirft sich gegen die Klippen, das Getöse wird lauter. Das Wasser beruhigte mich. Ich will hier bleiben und dem drohenden Weltuntergang zusehen. Ich liebte den Sturm und die Blitze, die die Wolken ausleuchten.
“Liebling, bitte! Steh doch auf! Du machst mir Angst, wenn du so leer vor dich hinstarrst.” Robins Stimme ist lauter geworden, ihre Worte verschwimmen, heiße Tränen fallen mir auf die Schulter. Ich schaue nicht zurück, will sie nicht weinen sehen.
Seid Wochen behandle ich sie wie Luft. Kann sie nicht endlich aufhören, mich zu lieben und sich um mich zu sorgen? Dann müsste ich nicht mehr so ein schlechtes Gewissen haben, so gar nichts zu fühlen, wenn ich sie ansehe. 
Schritte kommen auf uns zu. Ich erkenne Jan schon an seinem leichtfüßigen Gang, noch bevor ich seine Stimme hören kann: “Robin, lass gut sein! Mit ihm zu reden ist Zeitverschwendung. Lass mich das machen!” Wie ich diesen überheblichen Arsch hasse. Warum lassen wir die Schwuchtel überhaupt bei uns wohnen? Können er und sein perverser Freund sich nicht mal eine eigene Bude suchen?
“Komm schon! Steh auf!”, raunt Jan. Ich reagiere nicht, auch nicht, als er vor mir stehen bleibt. Er beugt sich zu mir herab, seine Hand packt meinen Unterarm. Er drückt fest zu, während er mich mit einem Ruck auf die Beine zieht. Ich werfe ihm einen Blick aus Verachtung und Hass zu. Wenn er nicht augenblicklich loslässt, dann … 
Jan hält meinem finsteren Blick stand, er blinzelt nicht einmal. Wir wissen beide, dass ich ihm nichts entgegen zu setzen habe. Ohne ein Wort, zieht er mich mit sich. Mehr schlecht als recht, stolpere ich ihm hinter. Robin folgt uns langsamen Schrittes und zieht ihren Morgenmantel enger um sich. Die letzten Wochen haben sie verändert. Ihre seidigen Haare sind stumpf geworden, ihre Augen glanzlos. Ob ich daran schuld bin? Ich schüttle diesen Gedanken ab, während ich Jan ins Haus folgte. Niemand zwingt sie, Jan und Lui bei mir zu bleiben. Mir wäre sowieso lieber, sie würden alle verschwinden und ich müsste nicht mehr so tun, als wenn ich mich an eine Vergangenheit mit ihnen erinnern kann. 

Als wir das Haus betreten, schlägt mir die warme Luft, wie eine Wand entgegen und nimmt mir den Atem. Im Kamin knistert ein Feuer. Augenblicklich sehne ich mich nach dem eisigen Wind. Wehmütig sehe ich zurück zu den Klippen, doch Jan schleift mich erbarmungslos weiter. Er schubst mich in einen der Sessel und lässt mich wortlos zurück. Ich weiß nicht wohin er geht und es ist mir auch egal. Mit beiden Armen versuche ich mich wieder hoch zu drücken, doch es geht nicht. In meinem ausgekühlter Körper, habe ich keine Kraft mehr. Jetzt sitze ich wieder hier fest, zum Kotzen. 
Robin schließt die Verandatür, ihr Lächeln ist aufgesetzt und wirkt quälend. Ich rolle mit den Augen. Ich bin doch nur frische Luft schnappen gewesen, was ist so schlimm daran? Sie kommt mit langsamen Schritten näher. Ihr Lächeln wird sanfter. Hoffentlich umarmt sie mich nicht wieder, ihre Nähe ertrage ich nicht. Vom Sofa nimmt sie eine flauschige rote Decke und kommt damit zu mir. Ich beobachte sie warnend, ich brauche ihre Fürsorge nicht.
Robin breitet die Decke vor mir aus und wickelt sie um mich, dann geht sie in die Knie und legt mir ihre Hände in den Schoss. 
“Ich mach dir einen heißen Tee. Ja? Dann wird dir schnell wieder warm.” Sie wartet einen Moment auf eine Reaktion von mir. Ich bemühe mich an ihr vorbei zu sehen. Wer bin ich eigentlich inzwischen für sie? Ihr Kind, dass sich nicht allein versorgen kann? Ich brauche keinen Tee und keine Decke. Hier drin ist es heiß genug. Das Leben kommt bereits in meine Gliedmaßen zurück. Die Wärme beißt sich mit scharfen Zähnen in meine Haut, meine Finger beginnen zu kribbeln, dann brennen sie wie in flüssiges Eisen getaucht. Ich beiße mir fest auf die Zähne, um nicht schreien zu müssen. Robin erhebt sich hastig. 
“Ich weiß schon, deine Beine. Ich hol dir deine Medikamente.” Nichts weiß sie! Die Schmerzen meines Körpers sind mir egal, mit denen kann ich leben. Ich lege den Kopf zurück und schließe die Augen, einige Male atme ich tief durch. Das Stechen in meinen Gliedern wird erträglicher, ganz ohne Schmerzmittel. 
Die Bilder, die ich Nachts sehe, sind es, die mir zu schaffen machen. All diese gesichtslosen Toten, ich höre ihre Schreie auch jetzt in meinem Kopf widerhallen. Warum müssen es, von all den Erinnerungen an mein altes Leben, ausgerechnet diese sein, die ich wiedererlange. Hab ich denn gar nichts schönes erlebt?

Robin kommt zurück, sie drückt mir eine Tasse Tee und eine Tablette in die Hand. Ich sehe auf die braungrüne Flüssigkeit und atme den minzigen Geruch. Augenblicklich wird mir schlecht. Immer bringt sie genau diesen Tee an, dabei mag ich gar keine Pfefferminze, auch wenn Robin das immer behauptet.
“Bitte versuche ihn! Wenigstens die halbe Tasse!”, bittet sie, als ich nicht trinke. Ich rühre mich nicht.
“Na gut, dann eben später”, redet sie mit ihrer Engelsgeduld auf mich ein. Woher nimmt sie die überhaupt? Ich an ihrer Stelle, hätte sie längst verlassen. Wieder überkommt mich ein schlechtes Gewissen. Bin ich wirklich so kalt? War ich schon immer so, oder ist das erst seit der Amnesie der Fall? Wer um alles in Welt bin ich überhaupt? Als Robin in der Küche verschwindet und wie jeden Morgen das Frühstück für uns zubereitet, sehe ich ihr nicht mal nach. 

Die Haustür wird aufgeschlossen. 
“Ich bin wieder da!”, schalt es aus dem Flur. Der hat mir gerade noch gefehlt. Jans schwuler Freund, schon bei dem Gedanken, was die Beiden hier Nachts treiben, wird mir schlecht. Das man die beiden überhaupt als Polizisten arbeiten lässt, verstehe ich nicht. Müssten sie sich nicht gleich selbst einsperren? Gedankenverloren nehme ich einen Schluck aus der Tasse. Der bittere Geschmack lässt mich den Kopf schütteln. Nein, das Zeug kann ich nicht gemocht haben. 
“Robin, schau dir das mal an!” Lui kommt mit einem Päckchen unter den Arm zu uns, als er das klapper von Geschirr hört, verschwindet er in der Küche.
“Ohhhr, wie Süß!”
“Glaubst du der ist was, für unseren Griesgram?” Mit Griesgram bin dann wohl ich gemeint? Ich rolle mit den Augen. Was erwarteten sie eigentlich? Das ich, nach allem was passiert ist, fröhlich durch die Zimmer springe? Sie haben mich angelogen. Es war kein Unfall, der meine Beine so entstellt hat. Meine Träume sind der beste Beweis. Inzwischen haben sie es sogar zugegeben. Trotzdem wollen sie mir über die Einzelheiten keine Auskunft geben. Ich soll erst richtig gesund werden, heißt es dann. Dieses verlogene Pack. Wie kann ich mir sicher sein, dass überhaupt irgendetwas von dem stimmt, was sie mir erzählt haben?
“Sicher! Scotch und Brandy hat er doch auch gemocht.“ Alkohol? Das klingt gut. Auf jeden Fall besser als das Gesöff hier. Ich schwenke den Tee in der Tasse und rümpfe die Nase. Ein Glas Scotch wäre wirklich mal eine willkommene Abwechslung. Bei dem bin ich mir auch ganz sicher, dass ich ihn mag, also immer her damit. 

Aus dem Nichts erscheint vor mir ein brauner Karton, mit Löchern im Deckel. Ich schrecke aus meinen Gedanken und sehe an dem Karton vorbei zu Lui auf. 
“Hier! Das lag vor unserer Tür”, erklärt er und lässt das Paket in meinen Schoss fallen. Es ist schwer und irgendetwas bewegt sich darin. Auch das noch, was lebendiges. Wo ist die Flasche Scotch und der Brandy? Misstrauisch sehe ich Lui an. Das hat nie und nimmer vor unserer Tür gelegen. Wer soll es hier abgelegt haben? Im Umkreis von zwanzig Kilometern, wohnen nur wir Drei. Was immer das ist, Lui hat es mit voller Absicht besorgt und hier her gebracht. Will er mich eigentlich für dumm verkaufen? Er lächelt erwartungsvoll. Ich zwinge mir ein gespieltes Lächeln ins Gesicht und hebe den Karton von meinem Schoss. Ich strecke die Arme weit aus, gewillt ihn vor mir auf den Boden fallen zu lassen, also auf einmal der Deckel abhebt. Zwei blaue Knopfaugen starren mich an, eine rote Zunge hängt weit aus dem Maul heraus. Sabber läuft in einem langen Speichelfaden an ihr herab. Ich hebe eine Augenbraue, während der Deckel vom Kopf des Tieres fällt. Spitze Ohren kommen zum Vorschein, ein graues Fell bedeckt das rundliche Gesicht und zeichnet es, wie eine Maske. Große Pfoten lehnten sich auf den Rand des Kartons, eine kalte Nase berührt meine Wange. 
Ein stinkender Hund, was soll ich damit? Hätte es nicht wenigstens eine Katze sein können? Ich halte den Karton weiter von mir weg und lasse ihn fallen. Unsanft landet das Paket samt Köter auf dem Boden. Der Welpe purzelt heraus und verschwindet irgendwo unter der Couch. Ich stemme mich mit den Armen aus dem Sessel und stehe auf, die Decke gleitet an mir herab. Entsetztet schauen mich meine Freunde an. Ich bin nicht der, für den sie mich halten und ich bin es leid, mir einreden zu lassen, wer ich sein soll. Ohne ein Wort lasse ich sie stehen und verschwinde ins Schlafzimmer. Lautstark werfe ich die Tür nach mir zu.

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