Die Wölfe ~Patenschwur~

Es gibt sie immer noch, die Mörder seines bestens Freundes. Egal wie viele Antonio von ihnen tötet, sie beherrschen die Stadt. Als Antonio vom Paten die Gelegenheit bekommt, ins Hauptquartier des Feindes einzubrechen, wittert er seine Chance auf Vergeltung. In dieser Nacht wird es enden, er oder der Chef der Red Dragons. Wenn ihm doch nur nicht ständig der Geist Enricos dazwischen funken würde.

Ein Brief lockt Antonio schließlich nach Übersee und stellt seinen Rachefeldzug und die Begegnungen mit dem Geist seines getöteten Freundes, in Frage. Ist er einfach verrückt geworden, oder gibt es tatsächlich eine Verbindung zwischen ihm und Enrico, die die Kontinente überwindet?

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1. 1. Kapitel ~Antonio, der schwarze Wolf~

Ständig diese Geschrei, Antonio wird noch verrückt davon. Er will doch nur schlafen, es ist mitten in der Nacht. Können die nicht endlich Ruhe geben?
„Halts Maul, Schlampe!”
„Von dir Säufer lasse ich mir den Mund nicht verbieten!” 
„Ich bring dich um!“ Wenn der Kerl es doch nur endlich tun würde. Genervt betrachtet Antonio die Wand, hinter der das Geschrei nun an Intensität zugenommen hat. Möbel ächzen, Glas zerspringt, dann folgt unheilvolle Stille. Antonio lauscht, wartet vergeblich auf ein Geräusch, nichts. Die Augen fallen ihm wieder zu. Schlafen, wenigstens noch ein, zwei Stunden, bis er wieder aufstehen und seine Schicht am Hafen antreten muss. Kisten schleppen, Waren be- und entladen, vom Morgengrauen, bis zum am Abend. Wie er diesen Job hasst, und diese Wohnung, die Nachbarn, die beschissene Wohngegend. So viel harte Arbeit und wofür? Sie haben nicht einmal das Geld, für einen Eimer Kohlen. Seit Tagen ist der Kamin kalt geblieben und das in diesem unbarmherzigen Winter. 

Wieder wälzt Antonio sich von einer auf die andere Seite und versucht unter der dünnen Decke, mit den zwei großen Löchern in der Mitte, einen warmen Platz zu finden. 
Die Wolldecke hat er Anette und seiner Tochter überlassen. Die Beiden liegen eingerollt und aneinander gekuschelt neben ihm. Um ihren festen Schlaf, kann er sie nur beneiden. Wie lange ist es eigentlich schon her, seit er mal durchgeschlafen hat? Seit dem Anschlag, vor vier Jahren, nicht mehr. 
Ganz langsam entgleiten seine Gedanken ihm, ein wohltuender Schleier legt sich über seinen erschöpften Geist.
PENG! Reifen quietschen, zwei weitere Schüsse hallen durch die Straße. 
Antonio schlägt die Augen auf, sein Herz rast, all seine Muskeln spannen sich an. Automatisch wandert seiner Hand unter das Kissen, seine Finger suchen den Lauf des Revolvers. Als er das kalte Metall fühlen kann, ist es wieder still geworden. Verfluchte Bandenkriege! Wenn hat es jetzt wieder erwischt? Einen der Drogenhändler, die um diese Zeit vor dem Block ihre Runden drehen? Antonio richtet sich auf, um aus dem Fenster zu sehen. Die Straße ist dunkel, keine Menschenseele ist da draußen unterwegs. In dem frisch gefallenen Schnee, sind keine Fußspuren zu sehen. Hat er nur geträumt? 
Vor dem Fenster tanzen weiße Flocken und türme sich auf dem Rahmen um die Scheibe. Schwer wie ein Stein lässt er sich zurück ins Kissen fallen. Noch immer schlägt ihm sein Herz hart gegen die Rippen, das Blut pulsiert in seinen Adern. 
Wie spät es wohl inzwischen ist? Er tastet nach dem Strick der Nachttischlampe, doch als er daran zieht, bleibt der Raum dunkel. Der Strom ist ihnen am Vortag abgestellt worden. Das hat er bereits erfolgreich verdrängen können. Resigniert lässt er den Arm am Bett herab fallen. Es hat keinen Sinn, er wird auch heute Nacht nicht zur Ruhe kommen, da kann er genau so gut aufstehen. Schwerfällig kämpft er sich in die Waagerechte. Mit beiden Händen fährt er sich durchs Gesicht und über seine brennenden Augen. Das ist schon die dritte Nacht in Folge. Die Hände auf die Knie gestützt, zwingt er sich zum Aufstehen. Im Dunkeln tastet er nach eine der gespannten Wäscheleinen, über die er seine Kleidung vom Vortag gehängt hat. Bisher haben sie noch keinen Schrank für ihre Wäsche auftreiben können. Kreuz und quer führen Leinen durch ihr winziges Apartment, auf denen ihre wenigen Habseligkeiten hängen. Schwerfällig zieht Antonio sich einen Pullover an. Als der Stoff eine lange Narbe berührt, die sich quer über seinen Oberkörper erstreckt, zieht er die Luft scharf zwischen den Zähnen ein. Die Fäden sind gerade erst frisch gezogen worden, der Schmerz wird ihn wohl noch eine ganze Weile begleiten. Da hat er einmal auf dem Heimweg nicht aufgepasst. Sein ganzer Brustkorb ist mit Blutergüsse übersät, einer dieser Schweine hat zu allem Überfluss auch noch ein Messer gezückt, aber zumindest hat keiner von diesen Gestalten, ihren feigen Überfall überlebt. Wieder drei Drachen weniger. Ein diabolisches Lächeln schleicht sich auf seine Lippen. Vielleicht wäre die Jagd nach diesen Mistkerlen ein guter Zeitvertreib, um die Nacht herum zu bekommen. 
Auf der Suche nach seinen Schuhen, fährt Antonio den Boden mit den Füßen ab. Neben dem Bett wird er fündig. 
Möglichst leise, lässt er sich auf die Matratze sinken. Anette und Kira schlafen noch so, wie er sie zurück gelassen hat. Sie sehen aus, wie zwei Engel, die etwas Besseres, als dieses Leben hier, verdient haben. Ob es tatsächlich ein gute Idee gewesen ist, den Beiden zu versprechen, sein Geld mit ehrlicher Arbeit zu verdienen? Nur ein Auftragsmord und sie könnten endlich von hier weg. Essen, ein warmes Apartment, was anständiges zum Anziehen. Ob Aaron noch Aufträge vergibt? Der Pate hat immer jemanden auf der schwarzen Liste. 
Antonio schlüpft in die Schuhe und schnürt sie. Anette muss ja nicht alles wissen, er muss es nur schaffen sich heimlich aus dem Apartment zu schleichen. Auf Drachenjagd ist er sowieso jede zweite Nacht, warum sich dafür nicht bezahlen lassen? Wenn er sich sofort auf den Weg macht, kann er seinem alten Chef direkt einen Besuch abstatten und die Einzelheiten sofort klären. Wenn alles gut läuft, hat er schon am Morgen mehr Geld in der Tasche, als in den letzten drei Monaten zusammen. 
Gedankenversunken kramt er nach der Waffe unter dem Kissen. 
Kalte Finger legen sich um sein Handgelenk, erschrocken zieht er die Hand zurück. Anette ist aufgewacht, sie sitzt bereits aufrecht, ihre Augen mustern ihn wild.
“Wo willst du hin?”, will sie mit zitternder Stimme wissen.
“Du Hure, du hast zu tun, was ich dir sage!”
“Nein, aahhhhh du tust mir weh! Lass los! Du brichst mir den Arm!”, tönt es von nebenan. 
“Ich geh unsere Nachbarn erschießen!”, antwortet Antonio belustigt, während sich bei dem Gedanken ein breites Lächeln auf seinen Lippen ausbreitet. Nie wieder von diesem streitenden Paar geweckt werden, das wäre doch zwei Kugeln wert. 
Mahnend betrachtet Anette ihn, ihr fester Griff hält ihn noch immer eng umschlungen. 
“Das war ein Witz.”, versichert er ihr, auch wenn der Gedanke ihm zu gefallen beginnt. 
“Wo willst du wirklich hin?”, lässt Anette nicht locker. Ihre Stimme hat an Ernsthaftigkeit zugenommen, ihr Blick ist noch verbissener.
“Ich brauch frische Luft”, lügt er emotionslos. 
“Antonio! Mach keinen Scheiß! Deine Familie braucht dich, du kannst es dir nicht leisten in den Bau zu gehen.” Antonio rollt mit den Augen. Immer wieder die selbe Leier. Er ist jetzt seit seinem 10. Lebensjahr Auftragskiller und nie hat man ihn mit den Morden in Verbindung gebracht. 
“Du hast mir was versprochen”, ruft sie ihn an. 
“Ich will nur frische Luft schnappen, mehr nicht.”
“Wenn du noch einen Menschen umbringst, sind Kira und ich weg”, droht sie.
“Ich weiß!”, entgegnet er kühl. Diese Drohung spricht sie nun schon seit vier Jahren aus. Es ist bereits zu einem festen Ritual zwischen ihnen geworden. Lange sieht sie ihm direkt in die Augen und wartet auf eine Reaktion. Als er regungslos bleibt, meint sie schließlich: “Sei bis zum Sonnenaufgang wieder da. Du musst morgen Arbeiten.” 
“Ich weiß”, damit befreit er sich aus ihrem Griff und verlässt das Apartment.

Als er endlich die Straße vor dem Haus erreicht, kramt Antonio in seiner Hosentasche nach Feuerzeug und Zigarette. Als er sie im eisige Wind endlich angezündet bekommt und der Qualm seine Lunge füllt, fühlt er sich gleich besser. 
Er ist der einzige Mensch hier draußen, nur die umherwirbelnden Schneeflocken leisten ihm Gesellschaft. 
Er nimmt einen weiteren Zug, dann richtet er seinen Blick in den Himmel. Der fahle Mond scheint zwischen zwei dunklen Wolken hervor. Ist es wirklich bereits vier Jahre her? Die Zeit ist so schnell verflogen. Seine Tochter ist bereits Drei. Was Enrico wohl dazu sagen würde, dass er jetzt Vater ist? 
„Du und Vater? Niemals!“, säuselt der Wind, oder war das nur in seinen Gedanken. Verstohlen blickt Antonio ich nach allen Seiten um. Er ist noch immer allein hier draußen, keine Menschenseele weit und breit. Jetzt geht das wieder los. Es ist nicht das erste Mal, dass er glaubt die Stimme seines toten Freundes zu hören. 
„Seit wann machst du dir was aus Frauen?“ Schon wieder. Ob Antonio langsam verrückt wird, oder liegt das an den vielen schlaflosen Nächten? Ganz gleich, es hat etwas ungemein tröstliches, sich wenigstens einzubilden, noch mit dem Freund sprechen zu können.
„Tu ich nicht, aber du bist nicht mehr da“, antwortet er dem Flüstern im Wind. Ein gequältes Lächeln ringt er sich ab, während er noch einmal in den Himmel sieht. Dunkle Wolken schieben sich vor den Mond und verschlucken sein Licht. Schritte knirschen im Schnee. 
„Antonio? Ein Glück! Ich habe schon die ganze Straße nach dieser Adresse abgesucht.“ Augenblicklich fährt Antonio herum. Die Worte sind zu klar und deutlich, um nur seinen Gedanken zu entspringen. Die Kippe lässt er fallen und greift stattdessen nach seinem Revolver. Noch bevor er den Mann erkennen kann, hat er seine Waffe schon auf dessen Kopf ausgerichtet.  Abwehrend hebt der alte Herr die behandschuhten Hände. Das faltige Gesicht, die tiefen Augenringe und das schüttere Haar, Antonio kennt dieses Gesicht.
“Jester?“ Der Mann nickt und bemüht sich um ein Lächeln. Nur langsam lässt Antonio die Waffe sinken. Von dem alten Herrn, mit dem gebeugten Rücken, geht nun wirklich keine Gefahr aus. 
„Was willst du hier?“ Der Butler des Paten verlässt nur für wichtige Besorgungen das Haus. 
“Du machst dir keine Vorstellung davon, wie lange ich schon nach diese Adresse suche. Warum hat hier kein Haus eine Nummer?”, keucht Jester und stützt sich auf die Knie. Misstrauisch betrachtet Antonio ihn. Woher hat der Butler seine Adresse? Niemand weiß, wo er und seine Familie sich aufhalten. In den letzten vier Monaten sind sie drei mal umgezogen, damit das so bleibt. 
“Wieso suchst du nach mir?”
“Aaron schickt mich. Ich muss dich bitten, mich zu begleiten”, die Stimme des Butlers ist ernst und duldet keine Widerworte. 
“Das trifft sich gut, ich wollte auch gerade zu euch.“ Was für ein praktischer Zufall, jetzt muss er nicht mit der U-Bahn fahren, Jester ist sicher nicht den weiten Weg zu Fuß gekommen. Als Antonio sich nach einem Wagen umsieht, wird er tatsächlich auf der anderen Straßenseite fündig. Aarons edle Limousine parkt dort. 
Jesters Gesichtszüge entspannen sich. “Gut, dann solltest du dir eine Jacke anziehen, dann brechen wir auf”, schlägt der alte Mann vor. 
“Ich habe keine!”, erwidert Antonio belustigt und setzt sich in Bewegung. Verwirrt sieht der Butler ihm nach. Jester brauch einen Moment, bis er verstanden hat und ihm über die zugefrorene Straße folgt. 
“Was will dein Chef von mir?” Es muss etwas dringendes sein, wenn der Pate extra nach ihm schicken lässt.
“Ich habe nicht die Befugnis, dir das mitzuteilen.“ 
“Jetzt lass dieses hochgestochene Gequatsche, wir sind Freunde. Ich will doch nur wissen, worauf ich mich einstellen muss.“ Jester öffnet die Tür der Limousine und lässt ihn einsteigen.
“Es ist wirklich besser, wenn der Master dir das selbst sagt.“ Antonio zieht die Augenbrauen kraus. Der alte Mann schließt die Tür und geht um den Wagen herum, um zu ihm zu steigen. Immer wieder haucht er heiße Luft in die hohlen Handflächen und reibt sie aneinander. Umständlich sucht er mit dem Schlüssel das Zündschloss. 
“Muss ich mir sorgen machen?”, versucht es Antonio ein letztes Mal. Der Butler grinst nur geheimnisvoll, dann startet er den Wagen und lenkt die Limousine aus der Parklücke.

Auf ihrer Fahrt sieht Antonio schweigend hinaus und beobachtet die vorbeiziehenden Hochhäuser.
“Wie kommt es eigentlich, dass du in einer so gottverlassenen Gegend wohnst?”, sucht Jester schließlich das Gespräch. Antonio braucht einen Moment, bis er die Frage realisiert hat.
“Ich dachte mir, in einer Villa in der Vorstadt, könnte mir der Gestank nach Urin und Erbrochenem fehlen.” Ein Schmunzeln legt sich auf Jesters faltige Lippen, doch nur all zu schnell wird er wieder ernst.
“Jetzt mal ernsthaft!”
“Ehrliche Arbeit macht arm.“ 
Wieder lächelt der Butler verstehend. “Nun, wir haben mehr als genug unehrliche Arbeit im Angebot, wenn du welche suchst.“

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