Die Wölfe ~Patenmörder~

Der 15-jährige Enrico, lernt im Central Park, einen seltsamen Jungen kennen. Der schüchterne Antonio, gefällt ihm, also freundet er sich mit ihm an. Er ahnt ja auch nicht, in welch dunkle Machenschaften der Kerl verstrickt ist, bis er ihm neugierig auf das Dach eines Hochhauses folgt. Den Mord, denn er dort oben mit ansehen muss, bringt die beiden Freunde in Lebensgefahr und zwingt Enrico in ein Leben zwischen Bandenkrieg, Drogen und Mord.

0Likes
0Kommentare
60Views
AA

8. 8. Kapitel ~Ein blonder Engel~

Noch lange steht Antonio vor der geschlossenen Tür und starrt sie an. Längst hat sich Snowflake in seinen Armen beruhigt, er beginnt zu Schnurren und sich anzuschmiegen. In Antonio aber gibt es nur Entsetzen. Seine Hand geht an das goldene Kreuz, das er an einer Kette um den Hals trägt. So etwas hat er schon einmal gesehen: Schläge, Tritte, eine Blutlache bis zur Tür. Auch hier hat das Opfer nicht überlebt. 
“Mutter!”, haucht er in den leeren Gang. Das Kreuz fest umschlossen, erinnert er sich an sie: An ihr zärtliches Lächeln und ihre letzten Worte. Er soll nicht um sie weinen, er soll laufen, weit weg und leben. Dafür ist er hier, um zu Überleben. 
Ganz langsam setzte er sich in Bewegung. Er wird lernen, so viel er kann und keine Fehler machen. Mit Snowflake auf dem Armen, steigt er in den Fahrstuhl, wie ferngesteuert kehrt er in seine Zimmer zurück. Durch die gläserne Fassade, kann er die bunten Lichter der Stadt sehen. Alles ist so sauber, groß und aufgeräumt. Er hat jetzt ein schönes zu Hause, er muss nur darum kämpfen, es behalten zu dürfen.
Den Kater lässt er zu Boden fallen. Er wird das alles schaffen, oder? Das ist kein Problem, ganz sicher! Butch wird ihm schon alles beibringen, oder? Und wenn nicht? Wenn er doch einen Fehler macht und Michael ihn dann auch auf diese schreckliche Weise umbringt. 
Unter all der Last, fällt Antonio auf die Knie und bricht in Tränen aus. Er will doch gar nicht hier sein, will keine Menschen töten. Das ist nicht er! Er will doch nur zu seine Mutter zurück, mit ihr ein schönes und normales Leben führen, so wie alle Kinder. Warum darf er das nicht? Was nützt schon all dieser Luxus, wenn er dafür all diese schrecklichen Dinge tun muss?

Nur Snowflake schleicht um ihn herum und wühlt in seiner Jackentasche. Ja klar, dass der Kater lediglich auf das Futter aus ist. Er ist eben nur eine  blöde Katze! Grob stößt Antonio ihn von sich. 
Doch Snowflake lässt sich nicht vertreiben. In kleinen Kreisen schleicht er um ihn herum und miaut. Immer wieder, im selben fragenden Ton. Schließlich zieht Antonio die Serviette, mit der Wurst darin, aus der Tasche und wirft sie von sich.
“Los hol’s dir und lass mich zu frieden!”, schreit er den Kater an. Dieser stört sich nicht an den rauen Worten. Eilig rennt er dem geworfenen Futter nach und zerlegt die Serviette, um an deren Inhalt zu gelangen. Gierig verschlingt er die Wurst und das ganze Brötchen. Selbst die Serviette verschwindet in großen Stücken in seinem Maul. Noch einige Male sucht er den Boden ab, als er nichts mehr findet, läuft er zu Antonio zurück. Direkt vor ihn setzt er sich und schaut ihn mit schief gelegtem Kopf an. Einen Moment lang schaut Antonio in die blauen Augen zurück, dann zieht er den Kater an sich. Wenigstens zum Knuddeln, muss der Vierbeiner jetzt herhalten. Snowflak schnurrt und reibt den Kopf seinem Kinn. Apathisch streichelt Antonio durch das weiche Fell, immer mehr Haare sammeln sich in kleinen Büchel und schweben durch den Raum. Snowflake legt ihm seine großen Pfoten auf die Schulter und presst sich eng an seinen Hals, er ist warm und sein leises Schnurren beruhigt den Jungen. 
„Wir schaffen das schon!“, schnieft er dem Kater ins Ohr und richtet sich auf. Mit dem Ärmel seiner Jacke wischt er sich die Tränen aus den Augen und geht zum Schreibtisch. Den Perser setzt er auf der Tischplatte ab. Unter dessen neugierigen Blick, zieht er die unterste Schublade auf. Tatsächlich befindet sich darin ein Buch, mit einer gezeichneten Gitarre auf dem Einband. Antonio nimmt es heraus und wirft es auf das Sofa. Wenn er etwas tun kann, ist alles nicht mehr so schlimm. Seine Aufgaben wird er von nun an noch ernster nehmen und Michael beweisen, dass auf ihn Verlass ist. Ohne Umwege geht er ins Schlafzimmer, zu den beiden Gitarrenkoffern und öffnet sie. Im Linken liegt das Scharfschützengewehr, im Rechten die Gitarre. Die beiden sind identisch, er wird sie jedes Mal prüfen müssen, um auch ja den Richtigen mitzunehmen. Antonio hebt die Gitarre heraus und nimmt sie mit zum Sofa. Mit ihr auf den Knien setzt er sich und schlägt das erste Kapitel im Buch auf. Viele seltsame Zeichnungen von Saiten, Fingern und Buchstaben. Er seufzt. Krampfhaft versucht er die Finger, wie auf den Abbildungen zu platzieren, aber ein Ton kommt dabei nicht heraus. Und wenn er über die Saiten fährt? Mit der freien Hand streicht er darüber. Tatsächlich, aber schön klingt das nicht. 
“Was meinst du, vielleicht so?” Mit einem Blick zur Seite, erhofft er sich eine Antwort von seinem Kater, aber dieser ist mit der Fellpflege beschäftigt. Nur ein leises Schnurren, mehr ist von ihm nicht zu hören. 

Noch lange sitzt Antonio so da, studiert das Buch und versucht sich an den beschrieben Übungen, bis ihm irgendwann die Augen zu fallen und er mit der Gitarre in der Hand einschläft.

Die Zeit vergeht, Stunde um Stunde. Die Sonne geht auf, wanderte weiter, um die übrigen drei Hochhäuser herum und erfüllt bald den ganzen Raum mit hellem Tageslicht. Vom Morgen und dem damit verbundenen neuen Tag, bekommt Antonio nichts mit. Zu tief ist sein Schlaf, zu ruhig sein Zimmer. Keine Jungen die Krach machten, kein lautes Brüllen von Michael, wenn er alle zusammen ruft. Es ist einfach nur still, bis sich die Klinke der Tür bewegt. Ganz vorsichtig wird sie geöffnet, so leise, das Antonio davon nicht erwacht. Um den Türrahmen herum, tritt ein junges Mädchen ein. Mit einem großen Eimer Wasser und einem Putzlappen ausgestattet, sieht sie sich um. Langsamen Schrittes, läuft sie in die Mitte des Raumes. Den Eimer stellt sie vorsichtig auf dem Glastisch ab, dann fällt ihr Blick auf das Buch, in dem Antonio gelesen hat und dann auf ihn. Mit schief gelegtem Kopf, sieht sie ihm beim Schlafen zu, beobachtete wie die Gitarre ganz langsam aus seinen Händen gleitet und auf den Boden rutscht. 
“Süß!”, murmelt sie, mit einem Lächeln im Gesicht. 

Antonio öffnet die Augen, geweckt von einem seltsamen Gefühl. Noch ganz verschlafen, blickt er in den neuen Morgen. Alles ist so hell.
“Guten Morgen!”, meint eine zarte Stimme. 
Durch den Schleier der Müdigkeit hindurch, kann er ein sanftmütiges Lächeln erkennen. Blonde lange Haare, fallen dem Mädchen lockig ins Gesicht. 
Noch einen Moment braucht Antonio, um zu begreifen, dass jemand in sein Zimmer gekommen ist. Ein Mädchen! Erschrocken fährt er hoch, richtet sich auf und fällt rücklings über die Lehne des Sofas. Ein helles Lachen erfüllt das Zimmer. 
“Hey, alles okay bei dir?” Das Mächen kniet sich auf das Sofa und sieht, über die Lehne gebeugt, auf ihn herab. Ihr Lächeln ist freundlich.
“Oh eine Katze! Wie Süß! Die ist aber schön weich.” 
Ungläubig richtet Antonio sich auf und sieht nach. Ausgestreckt über der Armlehne liegt Snowflake und lässt sich streicheln. 
“Ist das deine?”, will sie wissen. Er nickt scheu. 
“Oh Mist. Jetzt hätte ich doch fast vergessen sauber zu machen.” Das blonde Mädchen springt vom Sofa, gehetzt sieht sie sich im Raum um. “Mhm, frag mich echt warum. Hier ist es doch alles sauber. Na egal, dann brauch ich ja nur Staubwischen“, sagt sie und zieht einen Lappen aus ihrer Schürze. Mit ihm beginnt sie das Zimmer von der dünnen Staubschicht zu befreien. Antonio beobachtet sie verwirrt und kann schließlich nicht anders, als sie zu fragen: “Wieso machst du das?”
“Ich arbeite hier, vier mal die Woche, vor der Schule”, erklärt sie. 
Es fühlt sich seltsam an, ihr bei der Arbeit zuzusehen, irgendwie falsch. “Aber ich kann mein Zimmer selber sauber machen”, sagt er. 
Entsetzt mustert sie ihn. “Sag so etwas nicht! Dann werfen sie mich raus.” Einer Fee gleich wirbelte sie durch das Zimmer, befreite es von Staub und den verlorenen Haaren seines Katers. Auf dem Boden, auf dem der Hotdog am Abend liegen geblieben ist, macht sie Halt. Mit dem Lappen aus dem Eimer wischt sie die kleinen Flecken weg, die der Kater übrig gelassen hat. 
Das ist einfach nur merkwürdig. Um die Ordnung seiner eigenen vier Wände, hat Antonio sich immer selbst kümmern müssen und nun hat er eine Putzfrau?
“Wohnst du jetzt hier?”, will sie wissen, als sie im Schlafzimmer verschwindet. 
“Ja!” Langsam schleicht er ihr nach. Mit Snowflake an seiner Seite, sieht er ihr zu, wie sie das Bett zurecht zupft und aus einer weißen Porzellanvase verwelkte Blumen hebt. 
“Da bin ich aber froh. Der Mann der vorher hier gewohnt hat, ist mir richtig unheimlich gewesen. Der ist bestimmt kein guter Mensch.” Mit den verwelkten Blumen verlässt sie das Schlafzimmer. 
“Wenn ich Montag wieder komme, bringe ich Neue mit”, erklärte sie. 
“Wie heißt du eigentlich?”, will sie wissen, während sie den verblühten Strauß auf dem Glastisch ablegt und sich dem Bad widmet. Auch hier ist noch alles sauber, nur ein paar Staubkörner liegen auf der gläsernen Ablage unter dem Spiegel. 
“Antonio!” Um die Tür herum sieht Antonio ihr zu, wie sie einen Blick in die Dusche wirft.  
“Und du?”, traut er sich zaghaft zu fragen.
“Ich bin Anette, Anette Castel. Wenn du jetzt hier wohnst, sehen wir uns bestimmt öfters.” Wieder strahlt sie ihn an. Ein zögerliches Lächeln huscht ihm über die Lippen. Als sie sich davon überzeugt hat, das im Badezimmer alles sauber ist, drängt sie sich an ihm vorbei und läuft zurück zum Sofa und der Gitarre, die zu Boden gefallen ist. 
“Und du spielst Gitarre?” Nun, spielen kann man das nicht nennen. Die schiefen Töne, die er dem Instrument am Abend entlockt hat, sind lange noch nicht reif, für eine Vorführung.
“Ja, seid gestern.”
“Ich lerne auch gerade Gitarre, aber meine ist nicht so schön, sie ist schon ganz alt. Spiel doch mal was?” Sie hebt das Instrument auf und reicht es in seine Richtung. 
“Ich glaub nicht, dass ich das kann.”
“Macht doch nichts. Ich kann auch noch nicht so gut spielen.” Anette klemmt sich die Gitarre unter die Achsel und legt ihre Finger auf die Saiten. Sie stimmt eine fröhliche Melodie an. Wie von selbst gleitet ihre Hände hin und her. Anerkennend beobachtet Antonio sie dabei.
“Wenn du magst, kann ich dich Morgen Nachmittag mitnehmen. Ich treffe mich mit ein paar Freunden. Wir üben immer gemeinsam. Irgendwann wollen wir nämlich mal eine Band gründen.“ 
Als Antonio Luft holt, um ihr zu antworten, versteckt sie die Gitarre erschrocken hinter ihrem Rücken. 
“Guten … guten Morgen Herr Sandelmann. Ich … ich bin schon fertig.” Sandelmann? Butch? Wo? Verwirrt dreht Antonio seinen Blick zur Tür. Tatsächlich, der dunkelhäutige Hüne steht im Zimmer.
“Gut, deine Mutter ist jetzt auch fertig. Sie wartet unten auf dich”, berichtet Butch.
“Oh, okay!” Die Gitarre, die Anette hinter ihrem Rücken zu verstecken versucht, lässt sie scheinbar unauffällig auf das Sofa fallen, dann schleicht sie um den Tisch herum. Den Eimer und die verwelkten Blumen nimmt sie an sich und geht durch die Tür, doch bevor sie auf dem Flur verschwindet, dreht sie sich noch einmal um.
“Ich hol dich dann Morgen ab, ja?”, flüsterte sie in seine Richtung. Butch mustert sie eingehend und mit erhobener Augenbraue. Verlegen sagt sie: “Bin schon weg!”
Ungläubig sieht Antonio ihr nach.
“Wow, eine Verabredung! Das sich alle immer mit dem Dienstpersonal einlassen müssen.” 
Von einem Moment auf den anderen, läuft Antonio feuerrot an. Sie wollen nur Gitarre spielen. So was ist gar kein richtiges Date. 
“Ich ... ich hab doch gar keine Zeit”, versucht er klarzustellen. Butch will ihm doch so viel bei bringen, das wird sicher Stunden, Wochen und Monate dauern.
“Morgen will ich auch mal was von meinem Wochenende haben, du kannst also ruhig mit der Kleinen losziehen.” 
Überrascht sieht Antonio seinen Ausbilder an. Michael hätte ihm das nie erlaubt. 
„Sie ist süß!“, stellt Butch fest. 
Antonio ist sich da nicht so sicher. Sehen so hübsche Mädchen aus? Muss man Mädchen überhaupt hübsch finden? Aber Butch wird sich da sicher auskennen.
„Ja!“, sagt er nur. 
“Na komm, je früher wir anfangen, um so schneller sind wir fertig, dann kannst du der Kleinen heute schon nachjagen.” Was? Nein! Bestimmt nicht! Wenn er heute wirklich früher raus kann, dann hat er ein Versprechen einzulösen. Enrico wieder zu sehen, darauf freut er sich jetzt schon. Das Mädchen hingegen, ist längst aus seinen Gedanken verschwunden. Voller Tatendrang folgt Antonio seinem neuen Ausbilder. Er soll nur erklären, Antonio wird gut aufpassen und alles lernen.

Melde dich bei Movellas anFinde heraus worüber alle reden. Registriere dich jetzt bei Movellas und teile deine Kreativität und deine Passion
Lade ...