Die Wölfe ~Patenmörder~

Der 15-jährige Enrico, lernt im Central Park, einen seltsamen Jungen kennen. Der schüchterne Antonio, gefällt ihm, also freundet er sich mit ihm an. Er ahnt ja auch nicht, in welch dunkle Machenschaften der Kerl verstrickt ist, bis er ihm neugierig auf das Dach eines Hochhauses folgt. Den Mord, denn er dort oben mit ansehen muss, bringt die beiden Freunde in Lebensgefahr und zwingt Enrico in ein Leben zwischen Bandenkrieg, Drogen und Mord.

0Likes
0Kommentare
57Views
AA

7. 7. Kapitel ~Neue Pflichten~

Er hat jetzt einen Freund, keinen der nur Schnurren kann, sondern einen richtigen. Der ganze Tag, spukt immer wieder aufs Neue durch seine Gedanken. So gern möchte er den noch einmal erleben dürfen, am besten jeden Tag so verbringen. Aber es geht nicht. Gleich ist er wieder zu Hause. Das Hochhaus kann er schon sehen. Wenn es einen Ort gibt, der alle Fröhlichkeit vernichten kann, dann dieser. Aber wenn er sich rein schleicht und dann sofort in sein Zimmer geht, lassen sie ihn vielleicht in Ruhe. Keiner wird damit rechnen, dass er so früh zurück ist. Das ist ein guter Plan, dann kann er es sich mit Snowflake auf dem Fensterbrett gemütlich machen, ihm die Wurst geben und ihm von seinem tollen Tag berichten.
Etwas schneller als zuvor, läuft Antonio dem Hochhaus entgegen. Wie immer, betritt er es durch die Drehtür. Die Empfangshalle ist dunkel, sicher sind alle Angestellten schon nach Hause gegangen. Nur der Wachmann sitzt auf seinem Posten, doch er blättert in einer Tageszeitung herum. 
Bis zum Fahrstuhl schleicht er durch die Dunkelheit und öffnet ihn so geräuschlos wie möglich, dann schlüpft er hinein. Antonio wählt den elften Stock an, mit einem Ruck setzt sich die Kabine in Bewegung. Wenn Michael ausnahmslos allen frei gegeben hat, dann werden auch keine Jungen im Gang herumlaufen und ihn ärgern. 
Stock Neun, Zehn, die Anzeige springt auf Elf, er schiebt die Türen auf. Auch hier ist alles still und dunkel. Auf Zehenspitzen schleicht er weiter, nur noch zwei Türen. 
Endlich, er hat sich tatsächlich unbemerkt eingeschlichen. Antonio greift nach dem Schlüssel und dreht ihn. Was für ein seltsam fremdes Gefühl, bisher hat er noch nie selbst aufgeschlossen. Hinter der Tür hört er die Pfoten des Katers über das Parkett tapsen, sein Miauen ist kläglich und sehnsuchtsvoll. Antonio legt seine Hand auf die Klinke, ein Fauchen halt im Raum wieder. Eine schwere Hand berührt seine Schulter. Entsetzt dreht er sich um
“Du bist ganz schön früh zurück. Keine Lust mehr zum Spielen?”, spricht Butch ihn an. Antonio atmet auf und greift sich an sein bebendes Herz.
“Ich … ich wollte Snowflake füttern!”
“Kannst du das eventuell verschieben? Wir haben große Besprechung und du wirst mich begleiten.” 
Antonio dreht den Schlüssel wieder um. “Worum geht es denn?”, versuchte er in Erfahrung zu bringen, während er dem großen Mann folgt.
“Um dich!” Ein großer Kloß bildete sich in Antonios Hals. Fieberhaft geht er die letzten Tage durch, doch ihm will kein Fehler einfallen und auch sonst nichts, was ein Treffen mit ihrem Chef rechtfertigen würde. Hilfe suchend wandert sein Blick an Butch hinauf. Mit einem zufriedenen Lächeln, sieht dieser von oben auf ihn herab und schweigt.
Mit einem Schlüssel entriegelte Butch das Schloss im Fahrstuhl, dann setzt sich dieser in Bewegung. Er wählt den zwanzigsten Stock aus, die Zentral des Clans. Eigentlich ist es eine Ehre hier her eingeladen zu werden, doch Antonio kann gut darauf verzichten. Sein Atem geht nur noch stoßweise, seine Hände sind nassgeschwitzt und eiskalt. Das Herz hämmert ihm entsetzlich in der Brust. Wieder sieht der Junge zu dem großen Mann auf, doch dieser lächelt nur geheimnisvoll und verschränkt die Arme hinter dem Rücken. Die Anzeige springt auf die Zwanzig, der dunkelhäutige Hüne öffnet das Gitter und geht voraus. Antonio atmet tief durch, seine Beine zittern, wollen ihn kaum tragen. Nur zögernd setzt er sich in Bewegung und folgt dem großen Mann. 

Über den Flur kommen sie zwei großen Türen immer näher. Schon von Weitem kann man im Raum dahinter eine Unterhaltung hören: “Ich bin immer noch dagegen!” Das ist Michaels Stimme. Ein fette Kloß zwingt sich Antonio in die Kehle und lässt ihn schwer schlucken.
“Es ist aber nicht deine Entscheidung!” Ist das der Chef?
“Ihr Beide macht einen großen Fehler. Er ist noch lange nicht so weit.” 
Sie sind da. Noch einmal atmet Antonio tief durch, dann öffnet Butch die Türen für sie. Während der große Mann auch weiterhin voraus geht, folgt Antonio ihm nur zögernd, in den hell beleuchteten Raum. Sie bleiben stehen. Ein endlos langer Tisch erstreckt sich durch das ganze Zimmer, an ihm stehen etliche Stühle, aber nur einer ist besetzt. Ganz am Ende des Raumes, an der Stirnseite, sitzt ein großer Mann. Schwarze, lange Haar, mit einem Zopf zurück gebunden. Seine Augen sind kleine Schlitze und durchbohren den Jungen forschend. Neben ihm steht Michael, die Arme verschränkt, sieht er zu ihnen. Sein Blick ist so finster und herablassend, wie immer. Ein Glück, dass er ihnen nicht lange seine Aufmerksamkeit schenkt und stattdessen aus der großen, gläsernen Fassade sieht. Dafür haftet der Blick des Chefs um so interessierter auf Antonio. 
Mit langsamen Schritten setzt sich Butch in Bewegung und bedeutet ihm, mit einem Schwenk seines Kopfes, dass er ihm folgen soll. Um den großen Tisch herum, führt er ihn bis zum Stuhl des Chef. Mit jedem Schritt, den Antonio näher kommt, schlägt auch sein Herz schneller. 
“Setzt dich!”, befiehlt Butch und lässt sich selbst auf einen Stuhl zur Rechten des Chefs nieder. Nur widerwillig tut Antonio, was er verlangt. Sein Blick bleibt respektvoll auf die Tischplatte gerichtet. Bloß nicht hoch sehen, dem Boss ja nicht ins Gesicht schauen.
“Du bist also Antonio Bandel. Butch hat mir schon viel von dir erzählt.” Verstohlen sieht Antonio zur Seite und seinen Gönner fragend an. Wieder lächelt der nur zufrieden.
“Michael im übrigen auch.” Auch seinem Ausbilder wirft Antonio einen flüchtigen Blick zu. Der große Mann hat noch immer die Arme verschränkt und schaut finster vor sich hin. “Tze!”, brummt er und kommt zu ihnen. Er geht um den Stuhl des Chefs herum und stützt sich mit einem Arm auf die Lehne. Alle Blicke ruhen auf Antonio. Scheu sieht er wieder auf die Tischplatte.
“Ich hab von deinen Aufträgen gehört. Man erzählt sich, du wärst der beste Schütze meines Clans. Schön dich mal persönlich zu treffen.” Nur zögernd wagt Antonio dem Clanchef ins Gesicht zu sehen.
“Denijel…!”, bringt Michael erneut einen Einwand vor, doch der Boss fällt ihm ins Wort: “Sei still!”
“Aber er ist noch viel zu jung!”
“Sag mal verstehst du mich nicht? Ich hab gesagt du sollst deine Klappe halten!” Ein Seufzer verlässt die Lippen Michael, während er entnervt die Arme in die Seiten stemmt. Antonio schmunzelt vor sich hin, bis der forschende Blick Danijels wieder auf ihm ruhen.
“Okay, zum Geschäftlichen!” Als Michael still bleibt, fährt Denijel fort: “Ich beobachte deine Aktivitäten schon länger und mich erstaunt ehrlich gesagt, die Präzision, mit der du deine Aufträge erledigst. Für einen Vierzehnjährigen einen beachtliche Leistung.”
“Glaub ja nicht, dass er dich wegen deines Könnens befördern will. Unser bester Cleaner ist desertiert, dass ist der einzige Grund, warum du überhaupt hier sitzt”, fährt Michael dazwischen. Finster sieht ihn Denijel dafür an.
“Was denn? Ist doch wahr!”
„Muss ich meine Anweisung wirklich wiederholen?“, mahnt Denijel gereizt. Michael sieht unter seinem strengen Blick hinweg. Irgendwie seltsam, den Beiden beim Streiten zuzusehen. Noch nie hat Antonio erlebt, dass jemand seinem Ausbilder das Wort verbietet oder ihm Vorschriften macht. Das ist so lustig anzusehen, dass er sich die größte Mühe geben muss, sich das breite Grinsen zu klemmen, dass sich immer wieder in sein Gesicht zwingt. 
“Auch wenn ich es nicht gern zugebe, aber Michael hat nicht ganz unrecht. Wir mussten uns unseres besten Cleaners entledigen. Die Einzelheiten sind für dich nicht von Belang, wichtig ist nur, dass seine Stelle frei geworden ist. Wir haben lange Diskutiert, wer seine Nachfolge antreten soll und wie du sicher schon bemerkt hast, hast du hier einen Fürsprecher und einen der strikt dagegen ist.” Butch legt seine rechte Hand auf Antonios Schulter und sieht freundlich auf ihn herab. 
“Ich persönlich habe mich dafür entschieden, es einfach mal mit dir zu versuchen. Du arbeitest schon lange als Killer für meinen Clan und weißt worauf es uns ankommt und da Michael dich ausgebildet hat, hab ich auch keine Zweifel an deiner Loyalität dem Clan gegenüber. Laut Butch bekommst du nur eine einzige Kugel mit, was für deine Zielgenauigkeit spricht. Die besten Voraussetzungen also, ich hoffe du enttäuschst mich nicht!”
“Falls doch, gehörst du wieder mir!”, knurrt Michael. Irritiert sieht Antonio ihn an.
“Du bist still und hörst zu, das gefällt mir, wenn nur alle in diesem Raum so wären!” Wieder wandert ein grimmiger Blick zwischen Danijel und Michael hin und her. So viel Tadel an einem Tag, an diesen Anblick könnte Antonio sich gewöhnen. Doch nur all zu schnell richtet sich der strenge Blick des Chefs wieder auf ihn.
“Ab Morgen, will ich dich hier jeden Früh sehen. Du nimmst an unseren Sitzungen teil und erhältst deine Aufträge und Instruktionen nun von mir. Von heute an, wirst du denn hier, immer bei dir tragen.“ Der Asiat legt Antonio einen Schlüssel auf den Tisch.
„Damit entriegelst du den Fahrstuhl. Ich habe keine Lust jedes Mal Michael und Butch zu schicken, wenn ich dich sehen will“, fügt Danijel erklärend hinzu. Scheu sieht Antonio dem Mann in die Mandelaugen. Er nimmt den Schlüssel an sich und betrachtet ihn skeptisch. So etwas wichtiges hat man ihm noch nie anvertraut. 
“Als oberster Cleaner wirst du nicht nur von uns deine Aufträge erhalten. Unser Kunden werden dich möglicherweise persönlich kontaktieren. Aber Alleingänge gibt’s nicht, haben wir uns verstanden? Egal wer auf dich zu kommt, du sprichst alles mit mir ab!“ Denijels Stimme wird zunehmend ernster. Schnell nickt Antonio.
„Gut!“, Danjiel schaut zufrieden, „Dein Codename wird von nun an Polarwolf lauten. Sollte dich jemand ohne diesen Namen ansprechen, leg ihn um, wenn es geht oder such das Weite.“ Antonio graut es bei der Vorstellung, doch er bemüht sich darum, sich nichts anmerken zu lassen. 
„Zudem steht es dir von nun an frei, das Haus zu verlassen, solange ich keinen Auftrag für dich habe. Aber sei spätestens bis zwölf wieder hier.” Ungläubig sieht Antonio den großen Mann an.
“Außerdem will ich dich von jetzt an nur noch anständig gekleidet sehen. Anzug und Krawatte sind das mindeste. Sehe zu, dass du einmal am Tag die Dusche von innen siehst. Du hast in Zukunft einen Ruf zu verlieren und repräsentierst unseren Clan.“ Antonio sieht an sich hinab. Vom rauen Spiel mit den Jungen, ist seine Kleidung dreckig. Für ausstehende riecht er sich auch unangenehmen, immerhin war er nach dem Spiel komplett durchgeschwitzt. Verlegen sieht er unter dem Blick Denijels hinweg. Hätte er gewusst, dass ihm heute ein so wichtiges Treffen bevorsteht, dann wäre er noch einmal duschen gegangen. 
„Aus dem Grund hat mich Butch um das hier gebeten”, fährt der Boss fort und legt zwei weitere Schlüssel an einem Ring auf den Tisch.
“Die sind für deine neuen Zimmer.” Argwöhnisch nimmt Antonio auch diese Schlüssel an sich. 
“Butch wird dir alles zeigen, er ist von nun an dein Mentor.” Ohne es zu wollen, huscht ein kurzes Lächeln über Antonios Gesicht. Nie wieder Training mit den großen Jungs, nie wieder Prügel. Dieser ganze Kampfsportmist hat ihm noch nie gelegen.
“Das heißt aber nicht, dass du nicht mehr trainierst.” Antonio seufzt leise.
“Deine Aufträge werden gefährlicher sein. Zwei mal pro Woche wird Michael deine Ausbildung ergänzen. Zudem wirst du einen Hauslehrer bekommen, der dir das Gitarrenspielen bei bringt. Wenn du ohne Auftrag das Haus verlässt, will ich das du die Gitarre mit nimmst. Sollte jemand fragen, solltest du auch spielen können. Das ist weniger auffällig, wenn du später mit dem Scharfschützengewehr unterwegs bist. Alles was sonst noch wichtig ist, steht in deinen Zimmern, den Rest erklärt dir Butch, wenn ihr dort seid.”  Der Asiat drückt sich aus seinem Stuhl hoch.
“Denijel!”, erinnerte Butch ihren Chef.
“Ach ja…!” Danijel lässt sich zurück auf den Stuhl sinken. “Butch hat mich auch um die hier gebeten.” Eine Karte, ist der letzte Gegenstand, den Denijels auf den Tisch legt. Sie ist aus Plastik und sieht wichtig aus. Mit fragendem Blick nimmt Antonio sie entgegen.
“Mit der kannst du überall im Hochhaus kostenlos essen.” Das ist irgendwie viel zu viel Freundlichkeit auf einen Haufen und alles was Antonio dafür tun muss, ist weiter seine Aufträge zu erledigen?
“Ihr zwei kennt ja eure Aufgaben für heute Abend. Ich zieh mich dann fürs erste zurück”, richtete sich Danjiel an Butch und Michael und steht auf. Sein finsterer Schatten legte sich über Antonio.
“Enttäusche mich nicht!”, sind die letzten Worte, bevor er den Besprechungsraum verlässt. Unheimliche Stille breitet sich aus. Ungläubig betrachtet Antonio die erhaltenen Gegenstände und ist sich nicht sicher, was er mit all den neuen Informationen anfangen soll. 
“Kommst du allein klar?”, will Butch von Michael wissen.
“Sicher, ich freue mich schon den ganzen Tag auf nichts anderes mehr. Immer wieder schön, dass die Deckarbeit an mir hängen bleibt”, brummte er, als er den Raum verlässt. Nun sind nur noch Antonio und Butch übrig.
“Butch …ich… ich weiß nicht was ich sagen soll”, beginnt Antonio. Unschlüssig sitzt er verloren in seinem Stuhl.
“Wie wär’s mit danke?”
“Danke!?”
Butch schmunzelt. “Na komm, ich zeig dir deine neuen Zimmer.” Als Butch aufsteht und voraus geht, folgt Antonio ihm eiligen Schrittes. Karte und Schlüssel verstaut er in seiner Jackentasche. Besonders sorgfältig verschwindet der Ausweis für die Cafeteria darin, dann haben sie den Besprechungsraum bereits verlassen. Über den Fahrstuhl gelangten beide in den 22 Stock. Nach ein paar Schritten durch den Flur, stehen sie vor einer weißen Tür.
“Na schließe schon auf!”, schlägt Butch vor. Stimmt ja, Antonio hat ja den Schlüssel. Daran selbst auf- und abzuschließen, muss er sich erst einmal gewöhnen. Aus der Tasche kramt er die Schlüssel und öffnet die Tür. Ein großes Wohnzimmer kommt zum Vorschein. Ein gläserner Tisch steht in der Mitte, auf ihm sind Blumen hergerichtet. Unmittelbar dahinter befindet sich ein weißes Sofa und neben ihm zwei Sessel. Kunstvoll verzierte Möbel, Bücherregale, Schränke und ein großes Radio, füllen den Raum aus. Auf dem Boden liegt ein flauschiger Teppich und hinter all dem, kann man die Stadt sehen. Wände gibt es keine, nur große, gläserne Fassaden. Staunend sieht Antonio durch den Raum, ohne ihn zu betreten.
“Na komm, es gibt noch mehr zu sehen!” Butch legt seinen Arm um den Nacken des Jungen und drängt ihn einzutreten. Antonio fällt ein Fressnapf und mehre Dosen auf dem Boden neben der Tür auf. Darf Snowflake etwa mit umziehen? Hat Butch auch daran gedacht? Mit einem zufriedenen Lächeln beobachtet der dunkelhäutige Hühne ihn, wie er seine neuen Zimmer erkundet. Zwei Türen führen aus dem Wohnzimmer heraus. Neugierig wagt Antonio sich an die Erste. Ein Badezimmer, ganz in weiß gefliest und auf Hochglanz poliert. Das ist nicht zu vergleichen, mit den Gemeinschaftsduschen der Jungen, ein paar Stockwerke tiefer und das darf er von nun an benutzen? Wann immer er will? Aber sicher, Denijel hat ja gesagt, er müsse von nun an immer gepflegt aussehen.
Am Boden neben der Dusche steht ein Katzenklo. Nun ist er sich ganz sicher, sein Kater darf auch hier wohnen. 
Was sich wohl hinter der zweiten Tür verbirgt? Antonio läuft zu ihr und öffnet sie. Auch hier sind die Möbel außergewöhnlich schön verziert. Ein großes Bett, für zwei Personen, steht in der Mitte, auf ihm liegen zwei schwarze Gitarrenkoffer.
Vom Bett wandert Antonios Blick auf den Kleiderschrank. Als er ihn öffnet, enthüllt er eine große Auswahl an allen möglichen Kleidungsstücken. Von festlichen Anzügen, bis hin zu ganz normaler Sportkleidung.
“Na, gefällte es dir?” Butch lehnt sich an den Rahmen der Tür.
“Sicher, aber ich verstehe es nicht. Warum hilfst du mir so viel?” Schon lange liegt Antonio diese Frage auf dem Herzen. Seit den Schokokeksen neulich, ist Butch schon so freundlich. Nicht das er zuvor unfreundlich gewesen wäre, aber er hat sich nie viel darum gekümmert, was mit den Schülern Michael geschieht. 
“Es ist ein kleines Dankeschön.” Jetzt versteht Antonio überhaupt nichts mehr. Als sich Butch vom Türrahmen löst und zurück ins Wohnzimmer läuft, folgt er ihm.
“Wofür denn?”, will er wissen. Er hat nichts für Butch getan, bis auf die letzten Tage, hat er nur selten mit ihm zu tun gehabt, ihn höchstens hin und wieder in Begleitung Michaels gesehen, wenn die Beiden zusammen in der Cafeteria aßen.
“Du kannst das nicht wissen, aber ich habe dich bei jedem deiner Aufträge begleitet.” Butch nimmt auf dem Sofa platz, er breitet beide Arme über der Rücklehne aus und winkt Antonio zu sich. 
“Du warst meine Rückendeckung, während ich dir deine Opfer in die Falle gelockt habe.” Das offene Fenster, hat Butch es geöffnet? So nach und nach fallen Antonio so einige seltsame Gegebenheiten ein. Wege auf Hausdächer, die normalerweise unzugänglich waren, oft genug sind seine Opfer auch in die richtige Richtung gestoßen worden, damit er überhaupt auf sie schießen konnte. 
“Du hast nicht einmal daneben geschossen, mir damit oft genug das Leben gerettet. Kurzum, ich will dich als Partner, deswegen werde ich dich auch ausbilden. Das heißt aber nicht, dass ich dir überall helfen werde. Um das hier alles zu behalten, musst du noch viel lernen und hart trainieren. Das wird kein Zuckerschlecken. Einfach nur abknallen ist nicht mehr. Ort, Zeitpunkt und deine Vorgehensweise bestimmst du in Zukunft selbst. Dafür bring ich dir Taktiken bei, auch werde ich dir zeigen, wie du Schlösser knackst und in Häuser einsteigst, ohne Spuren zu hinterlassen.” Das klingt alles mächtig kompliziert. All diese Informationen sind zu viel für einen Abend. Mit einem Seufzer versuchte Antonio seine Gedanken zu ordnen. 
“Mach dir mal keine Sorgen! Wir haben im Moment gar keine Aufträge mehr. Wir können ja nicht jeden Tag jemanden umlegen, dann hat die Stadt bald keine Einwohner mehr. Du wirst genug Zeit haben, dich an alles zu gewöhnen und jetzt freue dich erst mal, über dein neues zu Hause. Über alles andere, sprechen wir dann morgen.” Damit erhebt Butch sich.
“Ach da fällt mir ein. Dein Hauslehrer kommt erst Ende der Woche, bis dahin sollst du schon mal mit der Gitarre üben. In der untersten Schublade deines Schreibtischs, liegt ein Buch dafür. Deinen Kater musst du im übrigens selbst holen. Das ist das Einzige, was mir nicht gelungen ist.” Demonstrativ erhebt Butch seinen rechten Arm, lange Kratzspuren ziehen sich darüber. Antonio muss schmunzeln. “Er mag keine Fremden”, erklärt er.
“Na ich hoffe, er weiß das Futter und sein neues zu Hause zu würdigen, sonst muss ich in Zukunft mit Schutzanzug, hier her kommen, um dir was bei zu bringen.” Sie lächeln Beide kurz, dann werden sie wieder ernst.
“Butch, danke! Ich werde mir Mühe geben!”
“Das weiß ich”, mit diesen Worten öffnet der große Mann die Tür, doch bevor er geht, sagt er noch: “Ach da fällt mir ein. Das hier waren die Zimmer deines Vorgängers. Ich hab zwar alles noch mal durchgesehen, solltest du denn noch etwas finden, lass es mich wissen.”
“Geht klar!”  

Eine seltsame Stille bleibt zurück, als sich Butchs Schritte auf dem Gang verlieren. So ruhig ist es in seinem alten Zimmer nie gewesen. Die älteren Jungen haben noch bis spät in die Nacht laut gemacht. Auch so viel Platz, ist Antonio nicht gewohnt. Seufzend sieht er sich in dem großen Wohnzimmer um. Alles ist neu und ungewohnt. So ganz allein, kommt er sich hier verloren vor. Wenn wenigstens Stimmen den Raum erfüllen würden. Aber Moment, Snowflake - kein Wunder, dass er sich hier nicht wie zu Hause fühlen kann. Obwohl sie gerade über ihn gesprochen haben, hat Antonio den weißen Perser, schon wieder vergessen. Mit dem Schnurren des Katers, ist es hier sicher viel angenehmer. Eilig verlässt er sein Zimmer. Über den Flur läuft er zum Fahrstuhl und fährt mit ihm in den elften Stock. Noch immer ist es hier angenehm ruhig. Sicher wird Snowflake schon sehnsüchtig auf ihn warten. Besonders auf die Mahlzeit, die er ihm mitgebracht hat. Schnell ist der Schlüssel im Schloss gedreht und die Tür geöffnet. Stürmisch kommt der Perser ihm entgegen und umrundet ihn einige male. In fließenden Bewegungen schmiegt sich der magere Kater um seine Beine. Als Antonio in die Knie geht, um ihn zu streicheln, springt Snowflake ihm in den Schoß. Der ganze Kopf des Katers verschwindet in Antonios Jackentasche.
“He du Vielfraß, warte doch mal ab!”, protestiert er vergebens, während der Kater die Servierte mit den Zähnen zerlegt.
“Du sollst das lassen!” Er muss ihn mit aller Kraft seiner Jackentasche entreißen, “Wir packen das oben aus.” Mit dem Kater auf den Arm erhebt Antonio sich. So hungrig, wie das Tier ist, wird er ihm wohl noch eine Dose Fleisch aufmachen müssen. Aber das ist ja auch kein Wunder, drei lange Tage ist Snowflakes letzte Mahlzeit her. Besser er bringt das flauschige Bündel rasch nach oben, bevor die scharfen Krallen noch seine Jacke und die Haut darunter zerlegen.

Auf dem Weg zum Fahrstuhl kommt Antonio ein seltsamer Geruch in die Nase. Es riecht verbrannt. Erschrocken sieht er sich in dem langen Gang um. Weder Qualm noch Rauch. Hat er sich getäuscht?
„AHHHhhh!“, durchdringt ein Mitleid erregender Schrei die Dunkelheit. Erschrocken sieht er in den Gang zurück.
„Ahhhrrrg!“ Antonio zuckt zusammen. Der Gestank von verbranntem Fleisch dringt ihm wieder in die Nase. Und wenn es nun doch brennt? Dem muss er auf den Grund gehen. Er läuft zurück, den Flur entlang. Da ganz hinten, da dringt doch Licht aus einem der Zimmer. Schnell läuft er darauf zu. 
“Na, waren’s die paar Kröten mehr wert? Sag schon! Was nützt dir die Kohle jetzt?” Michael? Der Gestank von Verbranntem ist hier am Stärker. Antonios Magen rebelliert, Brechreiz steigt in ihm auf. Vorsichtig späht er um die offenstehende Tür, in den Raum dahinter. Tatsächlich steht dort Michael.
“Das ihr Auftragskiller den Hals nie voll genug bekommen könnt!”, schreit er einen Mann am Boden an und tritt ihm so lange in den Magen, bis dieser Blut erbricht. Erschrocken weicht Antonio einen Schritt von der Tür zurück. An den Wänden und auf dem Boden, klebt das Blut des Mannes, Tisch Stühle und Möbel sind umgeworfen.

Wie angewurzelt bleibt Antonio vor der Tür stehen, dabei sagen ihm all seine Sinne: Flucht – doch er kann sich nicht rühren. Michaels Blick wendet sich ihm zu.  Mit langsamen Schritten nähert er sich der Tür. Antonios Herz setzt aus, sein Atem stockt. Lauf, ermahnt er sich immer wieder, während er am ganzen Körper zu zittern beginnt. Doch seine Beine sind wie Blei so schwer. Als sein Ausbilder die Tür aufzieht und grimmig von oben auf ihn herab sieht, drückt Antonio seinen Kater fest an sich. Snowflake schlägt seine Krallen in seine Jacke und faucht kehlig. Michael stört sich nicht daran, am Kragen, zieht er Antonio ins Zimmer.
“Schön das du so neugierig bist, dann erspare ich mir lange Erklärungen”, sagt er und lässt ihn einen Blick auf sein Opfer werfen.
“Das war dein Vorgänger”, haucht er ihm ins Ohr. Gänsehaut überzieht Antonios gesamten Körper. Hilfesuchend sieht der Kerl am Boden zu ihm auf. Vor der Blutlache, die sich immer weiter ausbreitete, weicht Antonio zurück. Der Körper ist von Schnittwunden entstellt, im Gesicht und an den Armen hat der Mann großflächige Brandwunden, immer wieder erbricht er Blut, hustet sich förmlich das Leben aus dem Leib. 
“Das eine kann ich dir versprechen, solltest du den Clan in Gefahr bringen, oder uns verraten, blüht dir das Gleiche.” Noch enger drückt Antonio den Perser an sich. Das der Kater faucht und seinen Oberkörper zerkratzt, nimmt er nicht war. Die Panik in seinem Herzen, betäubt alle Gefühle. Er hat nichts Falsche gemacht, redet er sich immer wieder ein. Stets ist er dem Clan treu ergeben gewesen. Eine scharfe Klinge legt sich an Antonios Kehle. Eisiger Schauer rinnt ihm den Rücken hinab. Er kann nicht mehr atmen, nicht mehr klar denken.
“Merk dir das gut, Grünschnabel!”, donnerte Michaels Stimme durch seinen Kopf, während die Klinge sich immer tiefer in seine Haut drückt. Antonio nickt, so weit es die Klinge zu lässt.
“Gut! Und jetzt verschwinde!” Mit diesen Worten stößt Michael ihn zur Tür. Ein kleiner Schnitt bleibt an Antonios Hals zurück. Wie gelähmt, sieht er Michael an.
“Ich sagte raus!”, schreit dieser und stößt ihn in den Flur. Die Tür schlägt er hinter ihm zu. „Ahh! Nein, aufhören bitte! Ahh … ahh!“ Immer wieder ertönen die fürchterlichen Schreie, sie werden mit jedem mal leiser, kraftloser und ersterben schließlich. 

Melde dich bei Movellas anFinde heraus worüber alle reden. Registriere dich jetzt bei Movellas und teile deine Kreativität und deine Passion
Lade ...