Die Wölfe ~Patenmörder~

Der 15-jährige Enrico, lernt im Central Park, einen seltsamen Jungen kennen. Der schüchterne Antonio, gefällt ihm, also freundet er sich mit ihm an. Er ahnt ja auch nicht, in welch dunkle Machenschaften der Kerl verstrickt ist, bis er ihm neugierig auf das Dach eines Hochhauses folgt. Den Mord, denn er dort oben mit ansehen muss, bringt die beiden Freunde in Lebensgefahr und zwingt Enrico in ein Leben zwischen Bandenkrieg, Drogen und Mord.

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4. 4. Kapitel ~Hunger und tote Tauben~

Nachdenklich läuft Antonio nach Hause. Die Zeit reicht aus, dass er nicht wie sonst hetzen muss. Dieser Enrico ist seltsam gewesen. Nicht nur, dass er ihm ein Eis ausgegeben hat, er hat ihn heute Abend auch noch zum Spielen mit Freunden eingeladen. Schade nur, das Antonio heute sicher nicht mehr raus und in den Park darf. Einfach so hat Enrico entschieden, dass sie jetzt Freunde sind. Benehmen sich normale Kinder so? Bisher ist der Blonde der Erste gewesen, der ihn angesprochen hat, der ohne besonderen Grund freundlich zu ihm gewesen ist. Begegnet er sonst anderen Kindern im Park, sehen die ihn nur misstrauisch an, als würden sie ahnen, in welch dunkle Machenschaften er verwickelt ist. Dieser Kerl aber, hat sich noch nicht einmal mit Unfreundlichkeit vertreiben lassen. 

Schon von Weitem ist das Hochhaus zu sehen. Gleich ist er wieder zu Hause, zurück in der eintönigen Hölle. Antonio ist pünktlich, hat sogar noch eine viertel Stunde Zeit. Sein Auftrag ist auch erledigt, vielleicht hat er heute mal Ruhe.
Nur widerwillig läuft er dem Eingang entgegen. Einmal mehr begleitet ihn eine tiefe, innere Abscheu vor diesem Ort. Wenn er hinter der Drehtür verschwindet, ist er eingesperrt, bis seine Auftraggeber ihn zum Töten wieder raus lassen. Trotzdem, es hilft nichts. Antonio betritt die Empfangshalle. Neben dem Fahrstuhl kann er Butch erkennen, ohne Umwege hält er auf den dunkelhäutigen Mann zu. 
“Komm mit mir!”, sagt er und geht voraus. Mit dem Fahrstuhl gelangen sie in den neunten Stock. Die Cafeteria? Was wollen sie denn hier? Butch drückt ihm eine gelbe Plastikmarke in die Hand, dann öffnet er ihm das Fahrstuhlgitter. Ein Lächeln begleitete sein Tun, als er meinte: “Geh und hol dir dein Mittagessen. Wenn du fertig bist, komm in mein Büro, ich bring dich dann aufs Dach. Michael will dich dort sehen.” Ehrlich? Er darf sich etwas zu Essen holen, sogar etwas aussuchen? Von der Marke in seiner Hand sieht Antonio fragend zu Butch auf.
“Nun geh schon und beeil dich!” Das lässt er sich nicht zwei mal sagen. Aus dem Fahrstuhl stürmt er der Cafeteria entgegen. Hier, wo er so selten essen darf, wo alle die dem Clan angehören, das umsonst tun dürfen, wird er heute auch etwas bekommen. Die gelbe Marke erlaubt ihm, aus allen Speisen zu wählen. Wie ein Fest erscheint es ihm, als er vor der großen Auswahl hinter einer Glasscheibe, stehen bleibt. Was soll er nehmen? Alles sieht köstlich aus und riecht auch so gut. Die Kekse und das Eis allein, haben seinen Hunger nicht stillen können. Eine große Portion Nudeln hingegen. Genau, darauf hat er Appetit. Der Verkäuferin deutet er mit einem Fingerzeig an, welches der drei Nudelgerichte er haben will, dann reicht er ihr die gelbe Marke. Geübt füllt sie den Teller mit der köstlichen Speise und hebt ihn über den Tresen. Sie hat sogar eine Kelle mehr drauf getan und lächelt ihn wissentlich an. Er nickt dankend. Endlich satt Essen. Strahlend nimmt er den Teller entgegen und trägt ihn, wie ein Heiligtum vor sich her, zu einem freien Platz. Behutsam stellt er sein Mittagessen auf dem kleinen Tisch ab und setzt sich in den Holzstuhl dahinter. Messer und Gabel liegen an jedem Tisch aus und sind schnell ergriffen und im Nudelhaufen versenkt. 
“Ach, das schaffst du doch gar nicht allein”, ertönt eine gehässige Stimme. Erschrocken sieht Antonio auf. Andy, der Chef der Dreierbande ist auch zum Mittagessen hier. Doch anstelle sich selbst etwas zu holen, klaut er ihm einfach den Teller. Finster, einem ausgehungerten Tier gleich, sieht Antonio zu ihm hoch und forderte grimmig: “Stell’s wieder hin!” 
“Oh, willst du dich etwa mit mir anlegen, kleiner Aushilfsmörder?” Anstatt den Teller, wie gefordert zurück zu geben, nimmt sich Andy die Gabel und lässt die ersten Nudeln in seinem Mund verschwinden. Das ist eindeutig zu viel. Wutentbrannt steht Antonio auf und kletterte auf den Tisch. Er ist viel kleiner, als dieser Kerl und schafft es nur, auf diese Weise, an den Teller zu gelangen, den Andy weit über seinen Kopf hält. 
“Was soll der Scheiß?”, tönt eine raue Stimme, so dunkel und bedrohlich, dass Antonio vor Schreck zusammen fährt. “Runter vom Tisch!” Noch bevor er erkennen kann, aus welcher Richtung der Ruf kommt, trifft ihn ein Schlag in die Rippen und schleudert ihn vom Tisch. Antonio reißt zwei Stühle mit und knallt hart auf den Boden. Der Atem bleibt ihm weg, ein Hämmern durchschlägt seinen Brustkorb. Immer wieder reibt er sich über die getroffenen Rippen, doch es wird nicht erträglicher. Als er sich umsieht, steht Michael vor ihm und blickt finster auf ihn herab. Von dem großen Mann, wandert sein Blick auf den Teller. Bei seinem Sturz hat er ihn mit sich gerissen, nun ist er zerbrochen und die leckeren Nudeln liegen auf dem Boden verteilt. Tränen steigen Antonio in die Augen. 
“Nicht zu fassen. Nichts als Ärger hat man mit dir. Los, steh auf!”, donnern die Worte Michaels auf ihn ein, während sein harter Griff ihn auf die Beine zieht. Mit festen Schritten läuft der Hüne los und zieht ihn mit sich. Weg von dem Chaos, das sie hinterlassen haben, weg von seinen Nudeln. 
“Hör auf zu heulen! Kein Wunder dass sie dich ständig als Ziel für ihre Späße nehmen”, schimpft der große Mann, als sie in den Fahrstuhl einsteigen. Beim Anblick des verlorenen Mittagessen hat Antonio nicht anders gekonnt und auch jetzt wollen seine Tränen nicht versiegen. Was weiß Michael denn schon? Als einer der großen Drei, kennt er gar keinen Hunger. Es wagt auch keiner ihm zu widersprechen, oder gar anzugreifen.
“Ich versteh echt nicht warum Butch so einen Narren an dir gefressen hat. Aber verlass dich darauf, ich behalte dich im Auge Bandel!”, finster sehen die dunkelbraunen Augen auf ihn herab. Ein Blick zum fürchten. Eiseskälte läuft Antonio den Rücken hinab.

Der Hüne schiebt einen Schlüssel in das Schloss, unterhalb der Tastatur. Nur damit kann man die obersten drei Etagen des Hochhauses erreichen. Der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung und bringt sie aufs Dach. Nur Michael, Butch und ihr Chef haben das Recht, sich hier oben aufzuhalten. Schafschützentraining, schießt Antonio der Grund ihres Besuches. Sein Blick hellt sich auf. Hier oben gibt es keine feindseligen Jungen, keine fiesen Worte, hier ist er ein Meister, der beste Schütze des Clans. Mit dem Ärmel wischt sich Antonio die Tränen aus dem Gesicht  und sieht erwartungsvoll zu seinem Lehrer auf.
“Gib mir deine Tasche! Ab heute wirst du die nicht mehr brauchen”, verlangt Michael, als sie den Fahrstuhl verlassen. Erschrocken sieht Antonio den großen Mann an. Nur zögernd nimmt er die Sporttasche ab und reicht sie ihm. 
“Schau nicht so entsetzt, du bist von deinen Pflichten lange nicht entbunden!”, mahnt Michael sofort und geht voraus. Er läuft einem Lüftungsrohr entgegen, auf dem ein Gitarrenkoffer liegt. Die Tasche stellt er davor ab, dann fordert er: „Mach ihn auf!” Einen letzten fragenden Blick wirft Antonio ihm zu, dann öffnet er die Verschlüsse und klappte den Deckel hoch. Anstatt einer Gitarre, liegt in dem Koffer, ein auseinander gebautes Scharfschützengewehr.  
Obwohl Antonio sich bestens mit Schusswaffen auskennt, jede Marke auswendig weiß, ist ihm diese Waffe fremd. Er hat auch noch nie eines gesehen, dass in seine Einzelteile zerlegt ist. Es gibt keinen  Herstelleraufdruck, oder etwas anderes, das ihm einen Anhaltspunkt über die Herkunft dieser Waffe geben kann. Dafür schlängelt sich ein roter Drache über den Lauf. Selbst einen Schalldämpfer ist dabei, damit wird man den Schuss gar nicht mehr hören. Alles wird viel einfacher werden. 
“Das ist eine Spezialanfertigung. Es ist um einiges leichter und präziser, als dein altes Gewehr. Passe auf! Zusammengebaut wird sie so!” Michael drängt ihn bei Seite. Mit geübten Handgriffen schraubt er die Waffe zusammen. Antonios Augen folgen jeder seiner Bewegungen, während er sich alles einzuprägen versucht. Kaum ist die Waffe vollständig zusammen gesetzt, baut Michael sie wieder auseinander und legt die einzelnen Teile in die Fächer des Koffers zurück. 
„Jetzt du!“ Er tritt zur Seite und lässt ihn wieder an den Koffer. Etwas umständlich, beginnt Antonio die Waffe zusammen zu bauen. Ab und an greift ihm Michael dazwischen, bis sie wieder vollständig ist. 
„Gut, das wirst du jetzt jeden Tag üben, bis du es im Schlaf kannst! Und jetzt will ich sehen, ob du damit zurecht kommst.“
Antonio nimmt die Waffe hoch, sie ist tatsächlich viel leichter, als sein altes Gewehr, wiegt nicht einmal die Hälfte. Die Tage des Zitterns, bei langem Halten, sind damit gezählt. Nach einem Blick durch den Sucher, ist Antonio von seinem neuen Werkzeug fasziniert. So weit kann er damit sehen? Er kann sogar die Tauben auf den Dächern am anderen Ende der Straße anvisieren. Das Bild ist so klar, dass er sein Ziel sicher nicht verfehlen wird.
“Wenn du schon mal dabei bist, die Tauben hier oben gehen mir schon den ganzen Tag auf die Nerven. Mal sehen wie viele du triffst, bevor sie davon fliegen!” Das ist also sein Ziel für Heute? Tauben? Achselzuckend macht sich Antonio keine weiteren Gedanken darüber, nimmt stattdessen den Schwarm ins Visier, der über dem Dach kreist und sich gelegentlich auf den Zielen nieder lässt, die überall aufgestellt sind. Während er eine Taube nach der anderen vom Himmel holt, geht Michael einige Schritte zurück, um von Weitem sein Können zu beurteilen. Mit verschränkten Armen, bleib er neben dem Fahrstuhl stehen, als dieser sich öffnet. Butch gesellt sich zu ihnen und beobachtet Antonios Tun ebenso gespannt.
“Und? Kommt er damit zurecht?”, will er wissen.
“Ich versteh echt nicht, warum du ihm so eine Waffe besorgst.”
“Weil er der Beste ist!” Butch verschränkt die Arme vor der Brust und mustert Antonio stolz. 
“Genau das macht mir ja sorgen. Ich hab noch nie jemanden so mit Schusswaffen umgehen sehen. Egal, wie schnell das Ziel auch ist und wie schlecht seine Ausrüstung, er trifft immer ins Schwarze. Mit dem Gewehr jetzt, ist er gefährlicher, als jeder meiner Straßenkämpfer da unten.”
“Und jetzt machst du dir Sorgen, er könnte auch uns gefährlich werden?”
“Das mach ich mir, seid ich ihm das erste Mal ne Waffe in die Hand gegeben habe.”
Sie schweigen einen Moment, dann ist es wieder Butch der zu sprechen beginnt: “Er ist keine Gefahr!”
“Ja, noch nicht! Lass ihn erst mal älter werden.”
“Dann solltest du ihn bis dahin vielleicht besser behandeln, damit er nicht auf die Idee kommt, es dir heim zu zahlen.”
“Willst du mir schon wieder vorschreiben, wie ich meinen Job zu machen habe?”, entgegnete Michael gereizt. Ein kurzer drohender Blick, dann glätten sich seine Gesichtszüge wieder, als er weiter spricht: “Nein ganz ehrlich Butch. Er ist mir eingesperrt lieber. Einen Tiger lässt man schließlich auch nicht aus seinem Käfig.”
“Ach komm schon, gib dir mal nen Ruck!”
“Du gehst mir auf die Nerven, weißt du das?” Schon seit Tagen, versucht ihm Butch ins Gewissen zu reden, langsam ist es genug. Mit einem Seufzer löst Michael die Verschränkung seiner Arme und geht mit langsamen Schritten auf Antonio zu. Noch bevor er ihn erreicht, donnerte seine finstere Stimme über das Dach: “Antonio, es reicht! Ich hab genug gesehen!” Langsam hebt Antonio das Gewehr von der Schulter und sieht verwirrt zu seinem Mentor. Bisher hat er nur acht Tauben vom Himmel geholt und das reicht dem großen Mann für heute?
“Bau es auseinander und dann verschwinde! Für Heute will ich dich nicht mehr sehen!” Jetzt schon? Es ist gerade erst vier Uhr? Den Rest des Tages eingesperrt? Was soll er da die ganze Zeit machen? Sein Zimmer ist bis auf einen Schrank, ein paar Bücher und Snowflake leer. Enttäuscht wendet er sich dem Gitarrenkoffer zu und baut das Gewehr auseinander. Dabei hat er mit jedem Schuss eine Taube getroffen. Das ist nicht fair. 
Nach dem er alle Teile, in die Schaumgummifächer zurückgelegt und den Koffer wieder zugeklappt hat, geht Antonio langsam dem Fahrstuhl entgegen.
“Und Antonio, bis um eins bist du wieder da, pünktlich, verstanden?”, ruft ihm Michael nach. Verwirrt sieht Antonio über die Schulter zurück. Von Michael wandert sein Blick auf Butch. 
“Nun lauf schon, bevor er sich’s anders überlegt!”, rät Butch ihm lächelnd. Damit ist es offiziell. Dann kann er ja doch noch zum verabredeten Spiel mit Enrico. Von einem Moment auf den anderen ist seine Welt wieder in Ordnung. Freudig läuft er dem Fahrstuhl entgegen. Nur weg von hier, bevor Michael noch etwas sagen kann. Als er einsteigt, unterhalten sich die beiden Männer weiter: “Du kannst ja doch ganz nett sein.”
“Bilde dir bloß nicht ein, ich hätte ihm einen Gefallen getan. Ich habe heute ausnahmslos allen freigegeben. Heute Abend um Sechs, hab ich mit Sindy eine Verabredung und da will ich einmal ungestört sein.”
“Ah, hat sie endlich mal zugestimmt, mit dir aus zu gehen?”, sind die letzten Brocken, die Antonio mit bekommt, bevor der Fahrstuhl los fährt. Sindy, die aus der Cafeteria, die so freundlich war, ihm etwas mehr auf seinen Teller zu tun? Was die wohl an einem fiesen Kerl wie Michael findet? Aber was kümmert es ihn? Er hat frei, egal aus welchem Grund. Bleibt zu hoffen, das Sindy noch oft mit seinem Chef ausgeht, dann ist dieser vielleicht öfters so gut gelaunt.

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