Die Wölfe ~Patenmörder~

Der 15-jährige Enrico, lernt im Central Park, einen seltsamen Jungen kennen. Der schüchterne Antonio, gefällt ihm, also freundet er sich mit ihm an. Er ahnt ja auch nicht, in welch dunkle Machenschaften der Kerl verstrickt ist, bis er ihm neugierig auf das Dach eines Hochhauses folgt. Den Mord, denn er dort oben mit ansehen muss, bringt die beiden Freunde in Lebensgefahr und zwingt Enrico in ein Leben zwischen Bandenkrieg, Drogen und Mord.

0Likes
0Kommentare
56Views
AA

3. 3. Kapitel ~Kekse und Eis für Antonio~

Dunkelheit, Ruhe, nur ein leises Schnurren. Ist es noch Nacht oder bereits Tag? Durch die geschlossenen Rollläden kann er es nicht erkennen.
Schritte, irgendwer nähert sich seinem Zimmer, zu laut für die Pfoten seines Katers, zu leise für die schweren Stiefel Michaels. Nur zögernd zwingt sich Antonio dazu aufzusehen. 
Er sitzt noch immer auf dem Boden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, nicht wie sonst auf dem Fensterbrett. Da es hier kein Bett gibt, hat er sich angewöhnt die Nacht dort zu verbringen, so kann er wenigstens hinausschauen und der Stadt beim Aufwachen zusehen. Doch heute muss er sich erst einmal neu orientieren.

Ein Schlüssel dreht sich im Schloss, entriegelt die Tür. Der weiße Kater, der sich neben ihm, zu einem Fellknäuel zusammengerollt hat, flüchtet. In hastigen Sprüngen verschwindet Snowflake auf dem Schrank. Nur seine blauen Augen leuchten bedrohlich aus der Dunkelheit, während ein kehliges Fauchen sein Maul verlässt. 
Mit schmerzverzerrtem Gesicht zieht Antonio die Beine an und versucht sich auf die Arme zu stützen. Er muss aufstehen, es ist längst Zeit. Geht die Sonne unter, musste er sich auf den Weg machen, seine Opfer suchen. Vor Elf Uhr Mittags muss er die Zielperson eliminiert haben und wieder zurück sein. Wieso hat er nur so lange geschlafen? Sicher ist es schon spät. 
Aufgestützt auf die Arme ringt er nach Atem. Sein Magen sticht entsetzlich, seine Beine fühlen sich so schwach an. Als er aufsteht, wollen sie sein Gewicht kaum tragen. Die Tür wird aufgeschoben, es wird hell, viel zu grell für Antonios Augen. Schützen legt er seine Hand über sie. Der Umriss einer Person nähert sich ihm, packt ihn am Arm, mit dem er sich vor dem Licht zu schützen versucht und zieht ihn daran aus der Tür. 
Keuchend gibt er der Kraft des Mannes nach und folgt ihm auf den hell erleuchteten Flur. 
“Werd wach!”, mahnt ihn die tiefe Stimme. Dabei ist er doch wach, nur das Licht ist ihm noch immer zu hell, ständig muss er blinzeln. “Je früher du los gehst, um so mehr Zeit hast du”, fügte der Schatten freundlicher an. Erst jetzt kann Antonio der Stimme einen Namen zuordnen. Butch, der dunkelhäutige Hüne, der ihn am Tag zuvor geholfen hat. Nur stolpernd kann Antonio mit seinen zügigen Schritten mithalten. Langsam gewöhnen sich seine Augen an das Licht. Sie gehen nicht den Weg ins Büro, wo er sonst seine Aufträge erhält. Vor den Duschräumen halten sie an. Verwirrt sieht Antonio zu dem großen Mann auf.
“Geh dich waschen und umziehen. In zehn Minuten will ich dich in meinem Büro sehen!”, ordnet der Hüne an, dann öffnet er die Tür und stößt Antonio in die Kabine. 
Eiseskälte empfängt ihn. Die Dusche ist schon aufgedreht und wie immer um diese Zeit, fließt noch kein warmes Wasser. Vor dem kalten Wasserstrahl weicht er zurück. 
In den verspiegelten Fließen, auf der linken Seite, kann Antonio sich selbst sehen. Seine Gesicht ist voller Blut, es ist von dem Schnitt in seiner Wange herabgelaufen und hat sich mit seinen Tränen bis zum Hals verteilt, selbst seine Kleidung ist voll davon. Auch sein verletzter Arm ist mit getrocknetem Blut verkrustet. So kann er wirklich nicht auf die Straße gehen. Schwerfällig zieht Antonio sein Hemd aus, dann die dreckige Hose und Unterhose. Zehn Minuten ist nicht viel Zeit, so beißt er die Zähne zusammen und tritt unter den kalten Wasserstrahl. Eisig fließt das Wasser über die etlichen Schrammen und blauen Flecke, die einfach nicht heilen wollen und spült das getrocknete Blut davon. Ein Brennen zieht sich durch seinen Körper, so unerträglich, dass Antonio sich mit der Stirn an die Fließen lehnt. Immer wieder atmet er tief durch, doch das Stechen in seinen Armen und Beinen ist kaum zu ertragen. 
“So kalt”, flüstert er gegen die die Wand. Um Halt zu finden, legt er beide Hände dazu. Nur noch eine Weile, dann wird das eisige Wasser seinen Körper betäuben, den Schmerz für eine Weile auslöschen. 
Alle Gefühle in ihm stumpfen ab, das Stechen verschwindet. Heute Nacht wird er schnell töten, wird pünktlich wieder zurück sein und sich den Bauch voll schlagen. Finster wird Antonios Blick bei diesem Gedanken. Wer immer seine Zielperson ist, wird nicht einmal merken, was ihn getötet hat. 
Der Junge dreht die Dusche ab und sieht sich nach sauberen Handtücher um. In einem der Regale, hat Butch frische Kleidung für ihn bereit gelegt. Alles in schwarz. Wie Antonio dieser Farbe überdrüssig ist. Ein roter Drache ziert jedes Kleidungsstück, selbst auf dem Handtuch ist ein Aufdruck davon. 
Nach dem Abtrocknen zieht Antonio die breit gelegten Sachen über. Die vom Vortag wirf er in einen großen Korb unter dem Regal, dann ist er breit für seinen nächsten Auftrag. Betäubt vom kalten Wasser sind seine Schritte wieder fest und kraftvoll. Zielstrebig verlässt er die Dusche und folgt dem Flur bis zu er eine Tür. Noch einmal atmete er tief durch, dann dreht er am Türknauf und tritt ein. 

An einem Schreibtisch, gut fünf Schritte entfernt, sitzt Butch, den Blick in wichtigen Unterlagen vertieft, sieht er nicht einmal zu ihm auf. Lediglich sein Arm, mit der ausgestreckten Hand, deutet auf eine Sporttasche, die auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch steht. Viele Worte brauchen sie ja auch nicht zu wechseln. Im vordersten Fach liegt immer ein Zettel, mit einem Bild der Zielperson und den Zeiten, wann und wo dieser Mensch zu finden ist. So läuft Antonio in zügigen Schritten dem Stuhl entgegen. Noch immer hat Butch nicht aufgesehen. Antonio nimmt die Tasche und wendet dem Schreibtisch den Rücken zu. Je schneller er losgeht, um so besser. Wohin er muss, kann er auch auf dem Weg dahin in Erfahrung bringen. Aus der kleinen Tasche, ganz außen, zieht er den Zettel mit den Informationen und öffnet schon die Tür, um den Raum zu verlassen, als ihn Butchs dunkle Stimme noch einmal zurückblicken lässt: “Um Drei bist du wieder zurück!” Vom Schreibtisch geht Antonios Blick an die große Uhr an der Wand. Fragend zieht er eine Augenbraue nach oben. In fünf Minuten?
“Morgen Nachmittag um Drei”, fügt Butch an. Erstaunt blickt Antonio zurück. 
“Sei dieses Mal pünktlich!”, gibt Butch ihm mit einem Lächeln mit auf den Weg. Ein flüchtiges Lächeln kommt über Antonios Lippen, dann fügt Butch streng an: „Aber sieh zu, dass keiner in die Nähe deiner Tasche kommt!“ Antonio nickt flüchtig. Gedankenverloren verlässt er den Raum und liest den Zettel durch: Grand Street, das ist ja nur ein Katzensprung von hier aus. 
“Antonio!” Verstohlen sieht Antonio durch den Türspalt zurück.
“Sieh bei Gelegenheit mal in der kleinen Tasche rechts außen nach.” Die rechte Tasche? Mit der Hand tastet Antonio hinter sich. Ja, irgendetwas hat Butch ihm eingepackt. Sonst ist dieser Teil der Tasche immer leer. Neugierig zieht er den Reißverschluss auf und einen kleinen Beutel heraus. Kekse? Er hat ihm Schokoladenkekse eingepackt? Ungläubig betrachtet Antonio den Beutel und sieht von ihm ins Büro zurück. Butch ist schon wieder in seinen Akten vertieft und hat dabei ein zufriedenes Lächeln aufgesetzt. Der Tag beginnt reichlich seltsam, trotzdem, ein kurzes Lächeln kann sich Antonio nicht verkneifen. Die wird er verschlingen, sobald er das Hochhaus verlassen hat. Schnell stopft er den Beutel zurück, bevor ihn hier jemand damit sieht, dann läuft er los. Geradewegs auf den Fahrstuhl zu und damit hinab ins Erdgeschoss.

...~*~...

Durch die Scheibe meines Fensters erreicht mich das Morgenrot, blinzelnd sehe ich in den neuen Tag und gähne herzhaft. Ob es schon Zeit zum Aufstehen ist? Die Zeiger meines Weckers stehen auf fünf Uhr. Es ist noch viel zu früh. Selbst mein Bruder muss erst in einer Stunde aus dem Bett. Ich drehe mich noch einmal um und ziehe mir die Decke bis zum Hals. Dann kommt mir ein Gedanke: Wenn ich jetzt aufstehe und uns Frühstück mache, habe ich vielleicht noch ein paar Minuten mit meinem Bruder, bevor er zur Arbeit muss. Ich könnte ihm auch mal richtig auf die Eier gehen und ihn aus dem Bett werfen, noch bevor sein Wecker klingelt. Die Idee beginnt mir zu gefallen. Mit einem breiten Grinsen schiebe ich die Decke von mir und schlüpfe aus dem Bett. Auf dem Weg zu meinem Kleiderschrank stolpere ich über einen großen Wäscheberg und einigen Büchern, die von meinem überfüllten Schreibtisch gefallen sind. Ich stoße mir die große Zehe und fluche genervt: „Verdammt!“ Ich kann so viel über die Stelle reiben, der Schmerz lässt nur unmerklich nach. Dämliche Bücher, verdammtes Chaos! Warum räume ich auch so selten auf? Ich humpeln weiter bis zum Kleiderschrank und ziehe mir frische Sachen an. Zum Glück kann ich noch ein Hemd und eine Hose darin finden. Am Wochenende müssen wir unbedingt Waschen. Wenn Raphael auch dann wieder arbeiten muss, werde ich wohl allein den ganzen Tag in der Waschküche verbringen. Schon der Kram aus meinem Zimmer, wird mich Stunden kosten. Der Samstag ist gelaufen, wenn ich Pech habe auch noch der Sonntag. Ich seufze und werfe die Türen meines Kleiderschrankes zu, dann steige ich über den Basketball, der mir den Weg hinaus aus meinem Zimmer versperrt und laufe in den Flur. Obwohl ich versuche mich so leichtfüßig wie möglich voran zu schleichen, knacken die morschen Dielen bei jedem meiner Schritte. Vor der rechten Wand, steh ein großer Eimer, in dem sich das Regenwasser des letzten Sommergewitters gesammelt hat. Den müssen wir auch mal ausleeren, auf der Oberfläche haben sich schon grüne Algen angesiedelt, ein fauliger Geruch kommt aus seiner Richtung. Ich wende den Blick schnell ab und habe ihn im selben Moment auch wieder vergessen. Wahrscheinlich werde ich ihn erst leeren, wenn er bereits übergelaufen ist. Ein Glück verdunstet das Wasser in der Sommerhitze, so dass damit nicht all zu schnell zu rechnen ist.

Mit langsamen Schritten, schleiche ich an einer der Türen im Flur vorbei. Sie steht einen kleinen Spalt offen, gerade weit genug, um meinen Bruder quer über seinem Bett liegend zu sehen. Er hat noch seine dreckige Arbeitskleidung an, selbst seine Hände und sein Gesicht sind ölverschmiert. Ich will nicht wissen, wie sein Bettzeug darunter aussieht. Das kann er auf jeden Fall selbst waschen. Ich schüttle nur mit dem Kopf. Wann er wohl gestern Abend heim gekommen ist? Um Zehn bin ich ins Bett, da war er noch nicht da. Sein kehliges Schnarchen erfüllt das ganze Zimmer und den Flur. Zum Glück habe ich ihn nicht geweckt. Den Spaß hebe ich mir bis zum Schluss auf. Ich schleiche weiter bis in die Küche und werde von dem Chaos, das dort herrscht, erschlagen. Töpfe und Teller, dreckiges Besteck, alles türmt sich aufeinander und verteilt sich auf der Arbeitsplatte und dem Offen. Wann haben wir eigentlich das letzte Mal abgewaschen? Ich kann mich nicht mehr erinnern, die letzten zwei Wochen auf jeden Fall nicht. Meistens kramen wir nur einen Topf oder Teller heraus und spülen den ab. Scheu wage ich mich bis zum Ofen und schaue in den großen Topf, der gestern noch nicht dort stand. Irgendwas hat Raphael sich gekocht. Als ich hinein schaue ist der Boden angebrannt, ebenso wie die Speise darin. Was es war, kann man nicht mehr erkennen. In der ganzen Küche riecht es nach Verbranntem. Ich öffne erst mal das Fenster. 
Kühle Morgenluft flutet den Raum, noch ist von der drückenden Wärme des Tages nichts zu spüren, dafür steht die Sonne leuchtend rot am Himmel. Es wird sicher wieder ein strahlend schöner Tag. Wenn ich Raphael nur dazu bringen könnte, wenigstens heute Nachmittag mal keine zweite Schicht einzulegen und einfach mit mir in den Park zu kommen. Er braucht auch mal einen freien Nachmittag. Sein lautes Schnarchen ist selbst hier zu hören. Ich seufze und wende mich wieder der Küche zu. Ob wir irgendwo noch eine saubere Pfanne haben? In der Einzigen, die ich in diesem Chaos finden kann, tummeln sich noch die Überreste des Spiegeleis, dass ich mir gestern Abend gebraten habe. Naja, die muss eben reichen. Ich kratze die Reste heraus und werfe sie in den Müll, dann spüle ich die Pfanne so gut aus, wie es das alte Teil noch zulässt und stelle sie auf den Offen. Denn muss ich ja auch noch anheizen. Als ich mich nach der Luke in der Mitte bücke und sie öffne, kommt mir ein ganzer Schwall Asche entgegen und verteilt sich rauchend auf dem Küchenboden. Wie lange hat Raphael den nicht mehr ausgeleert? Muss ich hier denn alles allein machen? Kein Wunder, dass er immer auf Arbeit ist, wer will schon in dieses Chaos nach Hause kommen? Seufzend hole ich Handfeger und Besen und kehre den Offen aus. Ein Glück ist die Asche nur noch lauwarm. Ich werfe sie in den Metalleimer, den wir für diesen Zweck angeschafft haben. Es geht gerade noch alles hinein. Den nehme ich besser mit raus, wenn ich zur Schule gehe, nehme ich mir fest vor. 
Den Offen fülle ich mit Holz und feuere ihn ein. Während die Flammen einige Zeit brauchen werden, um die Kochplatte zu erhitzen, wende ich mich unserem Vorratsschrank zu. Der einzige Ort im Haus, der aufgeräumt und gut gefüllt ist. Eier, Milch und Wurst, ich nehme von allem etwas. Für zwei Omeletts wird es reichen. Ich stelle es auf dem Tisch ab, den ich gestern Abend noch freigeräumt habe, um meine Hausaufgaben machen zu können. Aus dem Stapel mit dem Geschirr suche ich mir zwei Teller und wasche beide mit unserem Besteck auf. Als es sauber ist, lege ich alles auf den Tisch, für Raphael decke ich linken für mich rechts. Ein sauberes Glas finde ich noch im Schrank und fülle es mit Milch. Für Raphael stelle ich einen Topf Wasser auf den Herd, er wird sicher einen Kaffee brauchen, nachdem ich ihn geweckt habe. Ein breites Grinsen schlecht sich mir ins Gesicht, wenn ich an mein Vorhaben denke. Nun muss ich nur noch seinen Becher von gestern finden. Er klemmt unter einem Stapel Teller. Als ich ihn herausziehe rutscht der Turm zusammen. Es schebbert laut, als alles in die Spüle rutscht. Ich halte den Atem an. Verstohlen sehe ich aus der Küche in den Flur. Alles bleibt still, bis auf das Schnarchen meines Bruders. Ich atme durch. Ich will es sein, der ihn weckt, nicht der Krach hier. Er muss wirklich fertig sein, wenn er davon nicht wachgeworden ist. 
Den Becher wasche ich aus, und fülle ihn mit Kaffeepulver, dann stelle ich ihn auf Raphaels Tischhälfte. So weit so gut, zurück zur Pfanne, die müsste inzwischen heiß genug sein. Ich schütte etwas Öl hinein und gleich darauf Eier, Speck und Wurst. Eines der wenigen Gerichte, die ich im Schlaf beherrsche. Mit geübten Handgriffen ist das erste Omelett gebraten. Ich kratze es aus der Pfanne und lasse es auf meinen Teller fallen, dann mache ich noch eines für meinen Bruder. Als es fertig ist und ich es auf Raphaels Teller geschoben habe, kocht auch schon das Wasser. Ich gieße es in seinen Becher, bis er voll ist und betrachte dann mein Werk stolz. Das erste mal seit Tagen haben wir ein richtiges Frühstück und werden zusammen essen. Nun zum lustigen Teil. Ich grinse frech und stelle den kleinen Topf in einen Größeren auf der Spüle, dann schleiche ich zum Zimmer meines Bruders. 

Er schnarcht noch immer, nur seine Haltung hat sich verändert. Er liegt nun auf dem Bauch, mit dem Kopf in der Decke vergraben, sein Kissen liegt auf dem Boden, direkt neben ihm. Ich schleiche dort hin und hebe es auf. Das perfekte Werkzeug, um ihn aus dem Schlaf zu holen. Vorsichtig klettere ich auf die leere Hälfte seines Doppelbettes. Er rührt sich noch immer nicht. Unbemerkt robbe ich bis zu ihm und springe ihm in den Rücken. Mit den Knien voran setze ich  mich auf ihn. Er schreckt hoch. 
„Guten Morgen!“, lache ich ihn an, als er mich erschrocken mustert, dann schlage ich ihm das Kissen mitten ins Gesicht.
“Ahh du Teufel! Verschwinde!”, schimpft er vergeblich und versucht mich von seinem Rücken zu schmeißen. Ich kenne seine Abwehrreaktionen genau, weiß wie ich mich auf ihn stemmen muss, damit er nicht entkommen kann. 
“Los, steh auf du Schlafmütze!”, fordere ich ihn immer wieder auf, während ich ihm das Kissen um die Ohren haue. 
„Ahh, lass das! Ich warne dich, hör auf!“, flucht er lauter. Doch ich denke nicht daran. 
“Hör auf!”, schimpfte er aggressiv und rollt sich zur Seite. Mit seinem Arm schiebt er mich von sich und aus dem Bett. Unsanft knalle ich in den Spalt zwischen Wand und Bett. Erschrocken sehe ich ihn an, so grob wird er sonst nicht
„Was soll der Mist? Hast du mal auf die Uhr geschaut? Ich bin erst um Drei ins Bett“, faucht er und nimmt mir das Kissen aus der Hand. Sein ernster Blick durchbohrt mich. Das war heute wohl doch zu viel für ihn. Ich schlucke schwer und setze ein schelmisches Grinsen auf. 
„Ich hab Frühstück gemacht“, werfe ich schnell ein. Raphael seufzt und fährt sich über die müden Augen, dann lässt er sich zurück ins Laken fallen. 
„Gib mir fünf Minuten“, meint er wehleidig und legt sich das Kissen auf den Kopf.  
„Okay! Aber wehe du pennst wieder ein. Das Omelett und der Kaffee werden sonst kalt“, warne ich ihn, doch von ihm kommt keine Antwort mehr. Ich stehe auf, um nachzusehen, ob er wieder eingeschlafen ist. Als ich ihm das Kissen vom Kopf ziehe, schnarcht er schon wieder. 
„Hey! Werd wach!“, maule ich ihn an und haue ihm das Kissen noch einmal um die Ohren. Verschlafen blinzelt er mich an.
„Hä?“ 
„Das Frühstück wird kalt!“
„Ach ja, ich komme.“ Raphael gähnt herzhaft und streckt sich. Sicherheitshalber werfe ich ihm das Kissen noch mal ins Gesicht. 
„Hey, ich bin doch wach!“
„In fünf Minuten in der Küche!“ Ich verlasse sein Zimmer und kann ihn hinter mir ins Bett sinken hören. Der wird nicht aufstehen, wenn er wirklich erst um drei ins Bett ist. Seufzend setzte ich mich allein an den Esstisch. Auch nach fünf Minuten höre ich noch keine Schritte auf dem Flur, nur Raphaels kehliges Schnarchen erfüllt das Haus. Ich stütze meinen Kopf in die Hand und stochere im Omelett herum. Der Appetit ist mir vergangen, auch auf die Milch habe ich keine Lust mehr. Ich stehe auf und nehme meinen Teller mit. Mein Omelett lege ich auf seines, und werfe den Teller in die Spüle. Obwohl es noch viel zu früh ist, hole ich meine Schultasche und verlasse das Haus. 

...~*~...

Mit dem Aufgehen der Sonne, packt Antonio sein Scharfschützengewehr wieder ein. Eine Kugel hat wie immer ausgereicht, mehr hat er auch gar nicht mit bekommen. Bis zum Sonnenaufgang musste er warten. Die Zielperson ist gerade von der Nachtschicht nach Hause gekommen, als er sie mit einem Schuss ins Genick tötete. 
Einmal mehr ist ein Auftrag erledigt und wie immer hat niemand etwas gemerkt. Sicher werden Stunden vergehen, bevor jemand die Leiche im verschlossen Apartment findet. Ein Blick auf seine Taschenuhr verrät ihm, dass es gerade mal halb sechs ist. So viel Zeit, was fängt er nur damit an? Nach einem Schokoladenkeks, der im Ganzen in seinem Mund verschwindet, erhebt er sich. Auf dem Dach eines Hauses hat er sich auf die Lauer gelegt, hat ausgeharrt, bis sein Opfer die Wohnung im Nachbarhaus betrat, dann hat er zugeschlagen. Nicht einmal eine Fensterscheibe ist dabei zu Bruch gegangen. Wer auch immer der Mann gewesen ist, den Antonio hat töten müssen, er ist nicht sonderlich vorsichtig gewesen. Wer lässt schon die ganze Nacht das Schlafzimmerfenster offen, wenn er nicht einmal zu Hause ist? 
Um so besser für Antonio, so ist noch nicht einmal ein Nachbar auf den Schuss aufmerksam geworden. Durch die beiden Henkel der Tasche schlüpft er mit den Armen und nimmt sie auf den Rücken, dann steigt er über die Feuerleiter vom Dach. Bis um drei, da lohnt sich ein Besuch im Central Park. Um diese Zeit muss er sich nicht mal mit den anderen Kindern um die Sportplätze streiten. Sie schlafen alle noch oder machen sich fertig für die Schule. Keiner der größeren Kerle wird ihn verjagen. 
Voller Vorfreude läuft Antonio über die noch leeren Straßen und in den nahen Park. Hier in mitten von gepflegten Grünanlagen, beginnt seine erster freier Tag seit langem. Wohin soll er als erstes gehen, was unternehmen? Mit den Händen in den Hosentaschen schlendert er den Weg entlang, bis er an einem Basketballplatz vorbei kommt. Ein einsamer Ball liegt dort. Antonio sieht sich nach allen Seiten um, doch bis auf ein Pärchen, auf einer Bank und einen Mann, der seinen Hund spazieren führt, ist niemand hier. Basketball, das hat er schon lange nicht mehr gespielt, nicht mehr, seit er ein Drache geworden ist. Noch einmal sieht er sich um, doch er kann niemanden sehen, dem der Ball gehört. Gut so, dann ist der ab heute seiner. Glücklich läuft er auf den Platz, seine Tasche nimmt er ab und auch seine Jacke zieht er aus. Beides wirft er achtlos gegen die Stange, an der der Korb befestigt ist, dann holt er sich den Ball. Er dreht und wendet ihn einige Male und befreit ihn von dem wenigen Dreck, der daran klebt. Der sieht doch noch ganz in Ordnung aus. Zwei mal prellt er ihn gegen den Boden, zweimal springt er kräftig zurück. Genug Luft ist auch noch drauf. Verstohlen sieht er unter seinen schwarzen Haaren auf zum Korb. Ob er es noch kann? Er geht die wenigen Schritte bis zur Dreipunkte-Linie. Der Korb ist jetzt gut sechseinhalb Meter von ihm entfernt. Das ist sicher zu weit weg, aber früher hat er auch von hier getroffen. Schulterzuckend versucht er es einfach. Sein Körper erinnert sich von allein an die Bewegungen. Er visiert den Korb an und wirft. Der Ball fliegt weit, trifft den Rand, prallt ab und kommt zurückgerollt. Noch etwas zu wenig Schwung. Antonio holt sich den Ball, versucht es noch mal und noch mal. Immer wieder verfehlt er den Korb nur knapp. Seinen fünften Wurf versenkt er endlich. Stolz und voller Freunde holt er sich den Ball und trippelt ihn bis zum Korb, kurz vor ihm springt er hoch und hält sich mit einer Hand am Rand fest, mit der anderen, wirft er den Ball hinein. Wie lange hat er das schon nicht mehr gemacht? Ein Strahlen erhellt seine sonst so finsteren Gesichtszüge. 
“Hier treibst du dich also immer rum? Schwänzt wohl gern die Schule, was?”, wird er ernst angesprochen. Erschrocken lässt Antonio den Korb los. Unsanft landet er auf seinen Knien und bleibt auf ihnen hocken. Verstört schaut er sich nach dem Jungen um, der gesprochen hat. Der Kerl lehnt am Zaun, der den Platz eingrenzt und hat die Arme verschränkt. Seine Lippen ziert ein spöttisches Grinsen, seine eisblauen Augen funkeln zufrieden. Den Typ hat er doch gestern schon gesehen, an seiner alten Schule. Antonio wendet seinen Blick ab und versucht wieder aufzustehen, doch seine Knie brennen fürchterlich. Er schiebt die Stoffhose von seinen Beinen und schaut sich die wunden Knie an. Die ersten Blutstropfen bilden sich auf der wunden Haut. 
Schritte kommen auf ihn zu, der Blonde bleibt vor ihm stehen und reicht ihm seine Hand. Er lächelt. 
Antonio schlägt die gereichte Hand weg, allein kämpft er sich auf die Beine. 
„Hey, ich wollte nicht das du fällst“, sagt der Blonde und legt die Hände hinter den Kopf. 
Grimmig schaut Antonio den fremden Jungen an, so finster, wie am Tag zuvor, doch wieder schaut der unbeeindruckt zurück. Einen Moment lang sehen sie sich stumm an, bis der Blonde seine Aufmerksamkeit auf den Rucksack und die Jacke richtet.
„Ist sie das? Darf ich sie mal anprobieren?“, will er wissen. Zielstrebig setzt er sich in Bewegungen und hält auf den Rucksack und die Jacke zu. Augenblicklich schießen Antonio die Warnung Buchts durch den Kopf. Er eilt dem Blonden nach. Als dieser sich nach seinen Sachen bückt, schubst er ihn grob bei Seite. Der Fremde verliert den Halt und fällt rückwärts auf den harten Spielfeldboden. Verstört sieht er auf. 
„Pfoten weg!“, fügt Antonio scharf an.
„Ich will sie dir doch nicht klauen. Ich will mir doch nur mal den Drachen auf der Rückseite anschauen.“ 
„Wozu?“, will Antonio noch immer angriffslustig wissen. 
„Er gefällt mir einfach. Wo hast du die Jacke gekauft?“, erwidert der Blonde und lächelt schon wieder und steht auf.
Die gibt es nicht zu kaufen. Lebt der Kerl hinter dem Mond? So eine bekommt man nur, wenn man das Aufnahmeritual bei den Drachen besteht. Gerade noch so, kann sich Antonio zurückhalten, seinen Gedanken auszusprechen. Wie oft hat Michael im eingeredet, dass er zu niemanden ein Wort über die Drachen verlieren darf und jetzt wäre es ihm trotzdem fast passiert. Der Blonde ist gefährlich, irgendwas hat er an sich, das Antonio seine Vorsicht verlieren lässt. 
„Die kann man nicht kaufen“, hört er sich selbst sagen. 
„Hast du sie selbst gemacht?“
„Nein, sie war ein Geschenk!“ Das scheint ihm noch die plausibelste Antwort zu sein. 
„Aha, darf ich sie jetzt mal anprobieren?“ Als Antonio nicht antwortet, hebt der Blonde die Jacke auf und zieht sie sich einfach über. 
„Na, wie sehe ich darin aus?“, will er wissen und lächelt schon wieder. Die Ärmel reichen weit über seine Hände hinaus, seine Schultern gehen in dem Leder unter.
„Sie ist dir zu groß.“ Ist das Einzige, was Antonio dazu einfällt.
„Ja, leider!“ Der Blonde streift sich die Jacke von den Armen und reicht sie Antonio zurück. Antonio nimmt sie an sich und wirft sie achtlos wieder in die Ecke. 
Der Blonde bückt sich nach dem Ball, er jongliert ihn in der Hand und dreht ihn an, dann setzt er ihn sich auf die Fingerspitze. 
„Hast du Lust auf ein Match, du gegen mich?“, will er wissen, „Der Verlierer spendiert dem Gewinner ein Eis.“ 
„Ich habe kein Geld!“, sagt Antonio schnell. Alles was er braucht, bekommt er von den Drachen, meistens zumindest. Eigenes Geld hat er noch nie besessen. 
„Dann spielen wir eben nur so. Du fängst an!“ 
Irritiert sieht Antonio ihn an.
„Komm schon, wir werfen abwechselnd Körbe, wer zu erst zehn hat, gewinnt!“, schlägt der Kerl vor. Das klingt leicht. Antonio nickt zustimmend und folgt dem Blonden bis knapp zwei Meter vor den Korb. Von so nah will er werfen? Ist das nicht ein bisschen zu einfach? Ungläubig betrachtet Antonio den Fremden, dessen Blick erwartungsvoll auf den Korb gerichtet ist. Es ist ihm also wirklich ernst mit der Entfernung? Antonio zuckt mit den Schultern und wirft den Ball. Zielsicher fällt er in den Korb. Die blauen Augen schauen erstaun. 
„Anfängerglück!“, sagt er und holt sich den Ball. Von wegen Anfängerglück! Aus der Entfernung wäre es schon seltsam, wenn Antonio einen der zehn Würfe versauen würde. Als der Blonde mit dem Ball zurück kommt, verschränkt Antonio die Arme vor der Brust und tritt einen Schritt beiseite. Mal sehen, ob der Kerl so viel besser ist, wie seine große Klappe vermuten lässt. Seine Haltung sieht schon mal viel zu verkrampft aus. Er visiert den Korb an und wirft. Der Ball springt mit Schwung an die Platte dahinter und prallt zurück. Ein flüchtiges Lächeln huscht Antonio über die Lippen.
Der Blonde brummt in sich hinein und macht ihm Platz. Wieder ist er an der Reihe, wieder versenkt er den Ball ohne Probleme im Korb. Dem fremden Jungen schläft das Gesicht ein, während Antonios Lächeln noch breiter wird. 
„Da gibt’s doch nen Trick dabei, oder?“, will der Blonde von ihm wissen. 
„Ja, zielen“, entgegnet Antonio trocken und erntet dafür einen finsteren Blick.
„Klugscheißer!“ Der Blonde ist dran, seine Haltung ist diese mal noch verkrampfter, sein zweiter Wurf verfehlt den Korb um einen ganzen Meter. Antonio muss sich das Lachen klemmen. 
„Sag nichts!“, fordert der Blonde und bringt ihn damit noch mal zum Schmunzeln. Auch seinen dritten Wurf versenkt Antonio im Korb. 
„Das gibt’s doch nicht! Wie machst du das?“ Er zuckt mit den Schultern. Das weiß er selbst nicht so genau. Alles was mit zielen zu tun hat, liegt ihm einfach. Um was es dabei geht, spielt eigentlich keine Rolle. Selbst beim Dart trifft er stets die Mitte. Es liegt ihm im wohl Blut. 

...~*~...

Das gibt es doch nicht! So langsam geht mir der Kerl auf die Nerven. Wie kann es sein, dass er mit jedem Wurf einen Treffer landet? Fünf mal hinter einander. Wenn ich meinen jetzt nicht versenke, hat er schon gewonnen. Ich atme tief durch und visiere den Korb an. 
„Du bist viel zu verkrampft!“, spottet er. Ja klar, er hat leicht reden, mit fünf Punkten Vorsprung.  
„Dann zeig mir doch wie es geht, anstatt nur kluge Sprüche zu klopfen!“, fordere ich. Er seufzt und löst die Verschränkung seiner Arme, mit langsamen Schritten hält er auf mich zu. 
„Du hältst den Ball schon ganz falsch“, tadelt er. 
„Ach ja? Wie soll ich ihn den sonst halten? Das ist ein Ball, den nimmt man einfach nur in die Hand, was gibt es da schon groß zu beachten?“ 
Der Kerl kommt wortlos zu mir und stellt sich hinter mich. Seine Hand legt er um meine. Er zieht meinen Arm ein Stück zurück. 
„Aus dem Handgelenk“, rät er. Ich drehe meinen Kopf zu ihm. Er ist gut einen halben Kopf größer als ich, ich muss aufschauen, um ihm in die Augen sehen zu können. Verdammt sind die grün, ich hab noch nie eine so leuchtend Augenfarbe gesehen. Seine Hand ist warm und er riecht unglaublich gut. Sein Blick ist noch immer spöttisch, doch je länger ich ihn ansehe, um so mehr verschwindet es von seinen Lippen. Sein Atem ist so nah, dass ich ihn auf meinem Gesicht spüren kann. Mein Herz beginnt zu rasen. Seine Wangen werden rot, betreten wendet er den Blick ab und gibt meine Hand frei.
„Jetzt wirf!“, meint er schroff und erinnert mich daran, was ich eigentlich tun will. Das Match habe ich völlig vergessen. Ich konzentriere mich wieder auf den Wurf und seinen Rat. Der Ball fliegt los, er kracht an den Rand des Korbes und rollt darüber hinweg. 
„Naja, fast“, lacht er. Ich seufze und gebe mich geschlagen. Daneben ist daneben und Wettschulden sind Ehrenschulden. 
„Okay, du hast gewonnen. Gehen wir uns ein Eis kaufen!“, schlage ich vor. Ungläubig betrachtet er mich.
„Was denn, willst du keines?“, frage ich ihn. Er zögert, schließlich läuft er los und holt seine Jacke und die Tasche. Gemeinsam verlassen wir den Basketballplatz und ich sehe mich im Park nach dem nächsten Eisverkäufer um. Fabio verkauft auch um diese Zeit schon am Rande des Parks. So kann er die  Kinder auf ihrem Weg zur Schule abfangen. Auch ich schaffe es nur selten an ihm vorbei zu gehen, ohne anzuhalten.

Als wir den Wagen und seinen Besitzer erreichen, hat er ein breites Grinsen im Gesicht. Wir sind seine einzigen Kunden an diesem Morgen. 
„Guten Morgen Enrico, eine Kugel Vanille, wie immer?“, will er wissen. Ich nicke und sehe hinter mich. Mit langsamen Schritten schleicht mir der smein neuer Freund hinterher. Als er bei mir ankommt, steckt er die Hände in die Hosentaschen. 
„Was willst du haben?“, frage ich ihn. Unschlüssig sieht er in die Auslage und betrachtet die kleinen Zettelchen mit den Namen der Eissorten. Er brauch eine gefühlte Ewigkeit, sich zu entscheiden. Ungeduldig wird er von Fabio gemustert, der mein Eis schon längst fertig gemacht hat und mir über den Wagen reicht. 
„Schokolade?“, sagt er schließlich. 
„Eine Kugel Schokolade für meinen Freund!“, richte ich die Bestetellung an Fabio. Der Eisverkäufer füllt ein Hörnchen, mit der gewünschten Kugel und reicht sie mir. Ich krame einige Centmünzen aus meiner Hosentasche und gebe sie ihm. Die Tüte mit dem Schokoladeneis reiche ich meinem neuen Freund. Irritiert schaut er mich an und zögert.
„Freund?“, fragt er mich. Verwirrt betrachte ich ihn. Dann nicke ich und setze ein freundliches Lächeln auf, doch er nimmt mir das Eis noch immer nicht ab.
„Und ich muss auch nichts dafür tun?“, will er wissen. Was für ein seltsamer Kerl. Er hat doch schon etwas dafür getan, er hat unsere Wette gewonnen. 
„Jetzt nimm schon, bevor es schmilzt!“ Endlich wagt er die Hand danach auszustrecken und nimmt die Eistüte an sich. Argwöhnisch betrachtet er es. Fragend schaue ich ihn an und lecke dabei über meine Kugel. Ich muss mich beeilen, es schmilzt bereits, die ersten Tropfen laufen an dem Hörnchen herunter und mir über die Finger. Er sieht mir dabei zu und ahmt mich nach. Als seine Zunge die Kugel berührt, zieht er sie erschrocken zurück. 
„Das ist ja kalt!“, stellt er erschrocken fest. Ich schaue ihn erst ungläubig an, dann muss ich herzhaft lachen. Natürlich ist das kalt, das ist Eis. 
Gekränkt betrachtet er mich, doch ich kann einfach nicht aufhören zu lachen. Mir schmerzt schon der Bauch, ich muss ihn mir halten, während mir die Tränen ins Gesicht laufen. 
„Du bist schon in Ordnung!“, presse ich heraus. 

...~*~...

Was gibt es da so blöd zu lachen? Das ist nun mal das erste Eis in seinem Leben. Es hat noch nie jemand für nötig gehalten, ihm eines zu kaufen. Grimmig betrachtet er den Blonden, doch dieser lacht einfach weiter. 
„Du bist schon in Ordnung!“, sagt der Kerl auf einmal. Ehrlich? Das ist er bisher für niemanden gewesen. Es gibt doch immer etwas an ihm auszusetzen. Irgendetwas macht er immer falsch. Ob der Kerl das vorhin wirklich ernst gemeint hat? Sind sie jetzt Freunde? Gedankenverloren leckt Antonio über das Eis. Es schmeckt gut, jetzt kann er endlich verstehen, warum alle immer so davon schwärmen und warum die Kinder deswegen Schlange stehen. Als der Blonde sich wieder in Bewegung setzt, folgt er ihm.
„Wie heißt du überhaupt?“, will der Blonde auf einmal von ihm wissen und setzt sich auf eine Parkbank.
„Antonio“, antwortet er ihm und setzt sich dazu. 
„Das ist mir zu lang, ich werde dich einfach Toni nennen“, entscheidet er. War das gerade ein Spitzname? Ein anständiger? Nicht Feigling, Dummkopf, Waschlappen oder wie sie ihn sonst alle schimpften? Einfach nur Toni? Das gefällt ihm. Er nickt zufrieden. 
„Ich bin Enrico!“, stellt sich der Blonde vor. Enrico also, na den Namen wird er sich merken.

Melde dich bei Movellas anFinde heraus worüber alle reden. Registriere dich jetzt bei Movellas und teile deine Kreativität und deine Passion
Lade ...