Die Wölfe ~Patenmörder~

Der 15-jährige Enrico, lernt im Central Park, einen seltsamen Jungen kennen. Der schüchterne Antonio, gefällt ihm, also freundet er sich mit ihm an. Er ahnt ja auch nicht, in welch dunkle Machenschaften der Kerl verstrickt ist, bis er ihm neugierig auf das Dach eines Hochhauses folgt. Den Mord, denn er dort oben mit ansehen muss, bringt die beiden Freunde in Lebensgefahr und zwingt Enrico in ein Leben zwischen Bandenkrieg, Drogen und Mord.

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2. 2. Kapitel ~Das Leben des Anderen~

 

 

Ich gähne herzhaft, als ich meinen Spind aufschließe, um meine Schulsachen für den Unterricht zu holen. Es ist einfach unmenschlich schon um Sieben aufstehen zu müssen, nur um pünktlich Achtuhr hier zu sein. Ich hätte nicht bis Eins aufbleiben und meinem Bruder in der Werkstatt helfen sollen, aber dann hätte er auch heute wieder Überstunden schieben müssen und der Ausflug in den Park, wäre einmal mehr ins Wasser gefallen. Ich gähne noch einmal herzhaft und ziehe die Spindtür auf. Etliche gefaltete Zettel fallen mir entgegen und sammeln sich in einem Berg vor meinen Füßen. Ich rolle mit den Augen. Nicht schon wieder! Ich spüre bohrende Blicke auf mir und sehe mich danach um. Nicht weit von mir entfernt, steht eine Gruppe Mädchen. Sie schauen mich an und lachen verlegen. Ihre Schulbücher drücken sie fest an sich und spielen mit ihren Haaren. Zwei von ihnen winken mir zu. Das Zeug ist von ihnen, oder? Ich rolle mit den Augen und befreie meine Schulbücher von den anderen vier Zetteln, die sich darauf türmen. Was soll ich damit? Ich kenne diese Mädchen nicht mal, sie sind nicht in meiner Stufe.

„Na, wie viele sind es heute?“, spricht mich ein Junge an. Er öffnet den Spinnt neben meinem und schiebt sich die viel zu große Brille auf der Nase zurecht.

„Keine Ahnung“, entgegne ich meinem Freund Alex gereizt und lasse die vier Zettel zu den anderen auf den Boden fallen, dann ziehe ich das Mathebuch aus dem Schrank und meine Mappe mit den Stiften.

„Willst du nicht mal lesen, was drin steht?“, will er wissen und bückt sich nach einem der Papierschnipsel. Er faltet ihn auf.

„Nein, ich weiß, was drin steht.“ Es ist immer das Selbe: Ob ich nicht ihr Freund sein will, wie toll sie mich doch finden, wie hübsch und nett ich bin und so Kram. Ich weiß das alles, ich brauche ihre Bestätigung nicht und ich brauche auch keine Freundin, die wie eine Klette an mir klebt.

„Du kannst sie gern haben wenn du magst. Ich kann damit nichts anfangen“, biete ich Alex an und schließe meinen Spind. Achtlos steige ich über den Haufen hinweg. Die Mädchengruppe sieht noch immer zu mir, sie schauen enttäuscht und tuscheln miteinander. Ich schenke ihnen ein freches Grinsen und werfe ihn einen gespielt übertrieben Handkuss zu. Sie kichern und ihre Wangen werden rot. Eigentlich will ich sie damit aufziehen, doch sie scheinen sich darüber zu freuen. Weiber, ich werde aus ihnen einfach nicht schlau.

„Was soll ich damit, die sind nicht an mich und du bist echt undankbar. Ich hatte noch nie einen Zettel in meinem Spind.“ Ich lächle amüsiert, als mir eine Idee kommt.

„Dann schmeiß ich dir morgen einen von meinen rein.“

„Du Arsch! Das ist doch nicht das Selbe.“

Ein Mädchen mit blonder Lockenmähne hält auf uns zu. Als sie meinen Spind erreicht, bückt sie sich nach den Zetteln und such sich einen davon aus.

„Du hast so schöne blaue Augen, wollen wir nicht Freunde sein?“, liest sie spöttisch vor und zerknüllt ihn dann.

„Denen fällt auch nichts Neues mehr ein“, murmelt sie und funkelt die Mädchen finster an. Die Schülerinnen schauen unter ihrem strengen Blick hinweg. Sie schubsen sich gegenseitig an und verschwinden in ihrem Klassenzimmer. Ein Glück sind wir die los.

„Vielleicht solltest du mit Anette gehen, dann bist du die anderen Weiber los“, schlägt Alex mir leise vor und deutet mit einem Schwenk des Kopfes, auf das lockige Mädchen. Ich schüttle abwehrend mit dem Kopf und sehe ihn entsetzt an. Niemals! Anette ist meine beste Freundin und das soll auch so bleiben.

„Was tuschelt ihr da so geheimnisvoll?“, will sie wissen. Ich winke nur ab. Wenn ich ihr das sage, ist sie nur gekränkt.

Ein schrilles Geräusch halt durch die Gänge. Frau Miller geht an uns vorbei. In ihrer Hand schüttelt sie eine Glocke, das Zeichen für den Beginn des Unterrichts. Anette geht zwei Türen weiter, zu den Mädchen, während ich und Alex in den Klassenraum der Jungen verschwinden.

 

Mathe in der ersten Stunde, gibt es etwas schlimmeres? Herr Moore zum frühen Morgen, dass grenzt an Folter. Der steife Mann, mit der Glatze, in seinem feinen Anzug, hat heute Hennry als neues Opfer erwählt. Der arme Kerl, hat sich nichts weiter zu schulden kommen lassen, als sein Mathebuch daheim zu vergessen. Nun kassiert er dafür schon den dritten Rohrstockhieb auf den Hintern. Das Sausen des Stockes und der Knall jedes Mal, lässt uns alle zusammen zucken. Jeder hat sich diese Strafe schon einmal eingehandelt. Alex trägt noch immer einen dunkelblauen Striemen über dem Handrücken, weil er eine Frage Herr Moors nicht beantworten konnte.

Wie oft habe ich mir schon vorgestellt, den Spieß mal umzudrehen und dem Kerl zu zeigen, wie weh so ein Rohrstockhieb tut. Der letzte Schlag verklingt, Hennry darf sich setzen, wenn er nur noch sitzen könnte. Der Arme Kerl, rutscht auf seinem Stuhl hin und her und findet keine schmerzfreie Position mehr.

Herr Moor arbeitet sich in die nächsten Sitzreihen vor, er sammelt die Hausaufgaben ein und teilt die Klassenarbeit der letzten Woche aus. Meine habe ich bereits und auch die Aufgaben habe ich abgegeben. Dieses Mal hat er nichts zu beanstanden gehabt. Mathe fällt mir zum Glück leicht. Mit dickem Rotstift, ist auf meiner Arbeit ein A- geschrieben. Wäre unser Lehrer nicht so ein Arsch, könnte mir das Fach fast Spaß machen.

Als der große Mann hinter mir verschwindet, versuche ich mich von meinen Gedanken abzulenken und schiebe meine Tafel hinauf. Darunter habe ich meinen Zeichenblock versteckt. So lange Herr Moor mit dem verteilen der Arbeiten beschäftigt ist, kann ich meine Zeichnung vervollständigen. Es soll mal ein Tattoo werden. Den Körper und Kopf des Wolfes habe ich schon fertig und arbeite nun den Flügel aus, der wie Flammen von ihm abstehen soll.

Die Schritte des Lehrers kommen zurück, ich achte nicht darauf. Erst als die Gestalt, des groß gewachsenen Herrn, einen Schatten auf mein Blatt wirft, schaue ich erschrocken auf. Ein heftiger Hieb seines Stockes trifft meinen Handrücken und zieht ein brennendes Mahl darüber. Ich beiße die Zähne fest zusammen, um nicht aufschreien zu müssen. Dieser gemeine alte Sack! Ich ziehe meine Hand zurück und reibe über die getroffene Stelle.

„Was ist das?“, will er wissen. Ungefragt greift er sich die Zeichnung. Einen Moment lang sieht er sie sich an und zeigt sie dann allen Schülern.

„Kunst meine Herren! Wir haben einen Künstler unter uns!“, ruft er spöttisch. Als wenn der Kerl Ahnung davon hat. Finster mustere ich ihn, eine passende Antwort liegt mir schon auf den Lippen, als einer der Jungen hinter mir ruft: „Das sieht toll aus Enrico!“ Seinem Beispiel folgen die zwei Jungen neben ihm.

„Ja, zeichnest du mir mal einen Drachen?“

„Bekomme ich die Zeichnung, wenn du sie fertig hast?“ Ich drehe mich nach den Beiden um und Lächle breit. Herrn Moor haben wir für den Moment ganz vergessen.

„Was für einen Drachen willst du denn haben?“ Angeregt beginnen wir uns zu unterhalten.

„Einen mit weit aufgerissenem Maul und scharfen Krallen!“, erklärt er.

„Ruhe!“, brüllt der Lehrer.

„Dreh dich um! Hände auf den Tisch!“, fordert er streng. Augenblicklich verstummen alle Gespräche. Es wird so still, dass man eine Stecknadel fallen hören kann. Ich wende mich zu Herrn Moor um und seufze. Muss das wirklich sein? Sein strenger Blick lässt mir keine Wahl. Gehorsam lege ich die Hände auf den Tisch. Herr Moore hebt den Rohrstock, er holt weit aus und schlägt mit aller Kraft zu. Im letzten Moment ziehe ich meine Finger weg. Der Stock knallt auf die Tischplatte und bricht in der Mitte, das kurze Ende fliegt ihm entgegen und trifft seine Wange. Breit grinsend sehe ich zu ihm auf.

„Daneben!“, lache ich ihn aus. Das wollte ich schon immer mal machen. Die Wut steigt dem Mann ins Gesicht, rot läuft er an. Ein Raunen geht durch die Bankreihen, dann tönt das erste zaghafte Lachen, ihm folgt Gelächter, bis die ganze Klasse wie Toll zu Grölen beginnt. Mein Grinsen wird noch breiter. Seine Kopf läuft dunkelrot an, die Adern an seinem Hals springen hervor. Er schaut sich wütend um. Ich beobachtet ihn dabei mit festem Blick. Was will er jetzt tun? Er kann uns nicht alle auf einmal verprügeln.

„Das wird ein Nachspiel für dich haben, junger Mann!“, schreit er aus voller Kehle, während der abgebrochene Stab in seiner Hand, unter dem festen Griff zu zittern beginnt. Ich zucke nur mit den Schultern. Mit was will er mich denn jetzt noch bestrafen? Sein Stock ist kaputt und selbst mit meinen Eltern zu sprechen wäre sinnlos, denn ich habe keine.

„Geh mir aus den Augen!“, flucht er. Das ist neu. Fällt ihm keine Prügelstrafe mehr ein? Aber, bitte wenn er darauf besteht. Gehorsam erhebe ich mich und schiebe meinen Stuhl an den Tisch. Im Vorbeigehen greife ich mir die Zeichnung, die er noch immer in der Hand hält, dann verlasse ich den Raum. Meine Mitschüler beginnen zu tuscheln, Unruhe erfüllt noch immer den Klassenraum.

„Ruhe! Seid still!“, kreischt der alte Mann wieder und wieder, vergebens. Sein unheimlicher Bann ist gebrochen, ebenso wie sein dämlicher Stock.

 

Der Rohrstock-Zwischenfall ist auch in der Großenpause noch Gesprächsthema Nummer eins, auf dem Schulhof. In allen Ecken kann ich die Jungen und Mädchen darüber tuscheln hören. Selbst das Lehrpersonal, höre ich immer wieder meinen Namen sagen. Egal wo ich hinkomme, alle Blicke richten sich auf mich. Wenn ich das meinem großen Bruder erzähle, der wird sich sicher kaputtlachen. Mit den Gedanken an den versprochenen Tag im Park, laufe ich zu meinen Freunden, als mich einer der Jungs aus der Zehnten anspricht.

„River, warte mal!“ Ich bleibe stehen und drehe mich um. Ein Basketball schießt auf mich zu, ich schaffe es gerade noch so, die Hände hoch zu nehmen, um ihn vor meinem Gesicht abzufangen. Irritiert schaue ich um den Ball herum, zu dem Jungen, der geworfen hat. Der Kerl ist gut einen Kopf größer als ich, er trrägt ein Trikot der Schulbasketballmahnschaft. Sein Blick ist anerkennend und verwirrt mich. Ich hab doch nichts besonders getan.

„Gute Reaktion! Komm mal hier rüber!“, meint er und winkt mich zu sich. Neugierig gehe ich auf ihn zu.

„Stimmt es, dass du den Moore heute verarscht hast?“, will er von mir wissen, als ich ihn erreiche.

„Der ist selbst schuld, wenn er nicht schnell genug zuschlagen kann“, entgegne ich und zucke mit den Schultern.

„Respekt! Das hat sich bisher nicht mal einer von uns getraut.“ Der große Junge schlägt mir freundschaftlich auf die Schulter. Ich lächle stolz und versuche vergebens bescheiden zu schauen.

„Komm, spiel doch eine Runde bei uns mit!“, schlägt er vor. Ist das sein ernst? Das durfte bisher noch keiner aus der Neun. Ich bin mir nicht sicher, ob das Angebot ernst gemeint ist und schaue den großen Junge fragend an. Er lächelt noch immer freundlich.

„Klar, warum nicht, aber ich bin darin nicht besonders gut.“ Es ist lange her, dass sich mein Bruder die Zeit genommen hat, mit mir Basketball zu spielen und allein habe ich lange keine Körbe mehr geworfen.

„Keine Sorge, das bringen wir dir schon bei.“ Wieder legt mir der große Junge seine Hand auf die Schulter und schiebt mich zu seinen Freunden. Sie kommen alle zusammen und verteilen sich um mich. Ich bin der Kleinste in ihrer Mitte und komme mir in ihrem Schatten verloren vor. Diese Jungs sind für ihre groben Scherze bekannt.

„Das ist der Knirps, an dem sich der Moore den Rohrstock zerbrochen hat“, stellt mich der Kapitän vor. Ich nicke lediglich, während die anderen Jungen anerkennend schauen.

„Wie heißt du eigentlich mit Vornamen?“, will er von mir wissen.

„Enrico“, antworte ich.

„Okay Enrico, du spielst bei uns mit!“, sagt einer der anderen Jungen. Über seinem Trikot hat er ein rotes Band geschnürt, wie die Hälfte der andern Jungen auch. Sicher das Zeichen, wer von ihnen zusammen gehört. Ich nicke, dann verteilen sich alle auf dem Spielfeld.

 

Das Spiel beginnt. Die Jungen sind all viel schneller als ich. Ich komme nicht mal in die Nähe des Balls. Trotzdem macht es Spaß, mit ihnen zu wetteifern. Sie sind ein eingespieltes Team und die beliebtesten Jungen der Schule und ich mitten unter ihnen. Das glaubt mir morgen keiner mehr. Der schnellste von ihnen ist ihr Kapitän, er spielt in der Mannschaft des Gegners. Wenn ich ihn überhaupt einmal einhole und mich ihm in den Weg stelle, trippelt er mich mit Leichtigkeit aus. Auch jetzt schlägt er den Ball nur zweimal auf und hat mich schon hinter sich gelassen. Ich eile ihm nach. Irgendwie muss ihm doch beizukommen sein. Zwei meiner Mannschaftskollegen stellen sich ihm in den Weg. Vielleicht ist das ja meine Chance. Während er abgelenkt ist, rutsch ich einfach von hinten durch seine offenen Beine. Ich stehle ihm den Ball, bevor er zu ihm zurück springen kann und sehe mich nach einem freien Mann meiner Mannschaft um. Der mit der Brille und den braunen Haaren, ist ungedeckt, also werfe ich ihm den Ball zu ihm. Er fängt ihn zielsicher und versenkt ihn im gegnerischen Korb. Der Jubel meiner Mannschaft ertönt und füllt den ganzen Hof. Endlich haben wir den Anschlusstreffer geschossen, vielleicht gewinnen wir ja noch. Ich bin mit den Gedanken schon wieder im Spiel, bis mir der Blick des Kapitäns auffällt, der noch immer auf mich herab sieht.

„Was war das den für eine verrückte Aktion?“, will er von mir wissen. Ich begreife nicht was er meint, bis ich seinem Blick auf meine Knie folge. Sie sind aufgeschürft und so langsam kann ich auch das Brennen spüren, das sich auf ihnen ausbreitet.

„Du bist ein ganz schöner Draufgänger, was?“, schlussfolgert er und reicht mir seine Hand. Ich lasse mir von ihm auf die Beine helfen und kratze mich verlegen am Hinterkopf. Kann schon sein, aber dafür haben wir einen Korb gemacht. Das ist es doch wert gewesen.

„Wo ist der Ball?“, höre ich einen der Jungen fragen. Ich schaue mich danach um. Er ist bis zum Zaun gerollt.

„Ich hole ihn!“, rufe ich und laufe los.

Als ich den Ball erreiche und ihn aufhebe, kann ich einen Blick auf mir spüren. Ein smaragdgrünes Augenpaar mustert mich. Matt und müde schauen sie mich, durch die Maschen des Drahtzaunes hindurch, an. Sie gehören einem Jungen, mit schwarzen verschwitzten Haaren, die ihm im Gesicht kleben. Er atmet schwer und ist leichenblass. Seine Gestalt ist dürr, die Wangen eingefallen. Als er sich meines Blickes bewusst wird, schaut er finster. Ich lächle, wie ich es immer tue, doch seine Gesichtszüge hellen sich nicht auf. Was für ein seltsamer Kerl. Seine Klamotten sind komplett schwarz: Die Stoffhose, das Hemd, die Lederjacke. Die Farbe lässt ihn noch dünner wirken. Warum hat er überhaupt so dickes Zeug an, in dieser Mittagshitze? Kein Wunder das ihm der Schweiß von den Haaren tropft. Dunkel kann ich mich erinnern, ihn hier schon einige male gesehen zu haben. Immer in der Mittagspause, immer zur selben Zeit. Dabei geht er gar nicht auf unsere Schule und die nächste ist zehn Busstationen entfernt.

Er wendet den Blick ab und sieht auf seine Taschenuhr, seine Augen weiten sich erschrocken. Wie seltsam. So etwas teures tragen doch nur Erwachsene bei sich.

Als ich ihn ansprechen will, läuft er los. Als er sich umdreht fällt mein Blick auf seine Lederjacke. Ihre Rückseite ziert ein roter Drache, er ist sehr aufwendig in das Leder eingearbeitet, jede einzelne Schuppe kann man erkennen. Wie toll! Wo er die wohl her hat? So eine hätte ich auch gern. Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, sollte ich ihn unbedingt danach fragen, wo er sie gekauft hat.

"Enrico, was brauchst du so lange?"

"Wir wollen weiter spielen!"

"Wo bleibt der Ball!", rufen die großen Jungen nach mir.

"Ja, ich komme", entgegne ich ihnen und laufe zum Spielfeld zurück. Als ich vor dem Kapitän stehen bleibe, muss ich dennoch zurück in die Straße schauen, auf der der Junge verschwunden ist.

„Kennst du den etwa?“, will der Kapitän wissen.

Ich schüttle mit dem Kopf. „Nein, du?“

„Nein, aber ich habe gehört, er soll mal hier zur Schule gegangen sein.“ Die Mannschaft wird auf unser Gespräch aufmerksam. Sie kommen zu uns.

„Der Typ ist seltsam, oder?“, meint einer von ihnen.

„Ich habe gehört er soll einer Gang angehören“, fügt ein anderer an. Einer Gang? Der? Ist er dafür nicht zu jung und zu schmächtig?

„Halt dich besser von ihm fern, der Kerl ist gefährlich und macht nur Ärger“, rät der Kapitän. Ich schaue noch einmal die Straße entlang. Gefährlich? Das halbe Hemd? Kann ich mir nicht vorstellen. Er sah eher einsam und hungrig aus.

„Los kommt, noch ein kurzes Spiel, bevor die Pause zu Ende ist“, ruft der Kapitän die Mannschaft zusammen, „Du auch Enrico!“ Ich werfe einen letzten Blick in die Straße, dann folge ich ihnen auf das Spielfeld.

 

Die Pause und der Tag mit meinen neuen Freunden, geht viel zu schnell vorbei. Irgendwann finde ich mich allein vor dem großen Schulgebäude wieder. Alex hat heute Schlagzeugunterricht, Anette muss arbeiten und die Basketballer haben noch zwei Stunden. So warte ich ganz allein auf meinen Bruder, der sich heute mal wieder besonders viel Zeit lässt. Als er endlich in Sichtweite kommt, schauen seine blauen Augen grimmig, seine ganze Haltung ist angespannt. Bis er mich erreicht, sieht er an mir vorbei und auch als er bei mir ist, würdigt er mich nur eines kurzen Blickes.

„Kein Wort, will ich von dir hören!“, keift er und geht einfach an mir vorbei. Ohne anzuhalten, verschwindet er im Schulgebäude. Ein ungutes Gefühl gräbt sich in meinen Magen. Ich schlucke schwer und sehe ihm nach. Herr Moore spielt seine letzte Trumpfkarte aus, meine Eltern kann er nicht rufen lassen, aber meinen älteren Bruder schon. Was wird Raphael wohl zu dem Vorfall sagen? Ich habe angenommen wir können herzhaft darüber lachen, so wie ich es den ganzen Tag mit meinen Mitschülern getan habe. Seufzend setze ich mich auf die Steintreppen vor dem Gebäude und ringe mit den Fingern. Das versaut uns noch den ganzen Tag im Park. Dämlicher Herr Moore, kann er seine Niederlage nicht einfach auf sich sitzen lassen? Was muss er uns auch immer schlagen? Ich betrachte meinen Handrücken, über den sich noch immer ein tiefroter Striemen zieht. Soll ich mir das denn immerzu gefallen lassen? Manchmal wirft er sogar seinen Schlüsselbund nach uns,. Einmal hat er mein rechtes Auge damit nur um Haaresbreite verfehlt. Ich habe doch nichts weiter gemacht, als meine Hände im richtigen Moment wegzuziehen. Ob Raphael das auch so sehen wird? Ich schaue zur Tür. Mein Bruder ist noch immer nicht zurück, das dauert vielleicht lange. Gibt es denn so viel über mich zu sagen? Ich schaue an dem Turm nach oben, bis ich die Urzeit erkennen kann. Er ist da jetzt schon eine halbe Stunde drin. Wir könnten jetzt schon im Park sein und uns einen schönen Tag machen. Ob Raphael danach überhaupt noch der Sinn steht, wenn er meinetwegen Probleme bekommt? Seine Vormundschaft für mich steht sowieso ständig auf der Kippe. Vielleicht hätte ich die Strafe einfach über mich ergehen lassen sollen, dann würden zwar meine Hände weh tun, aber wir wären jetzt längst im Park. Seufzend sehe ich die Straße entlang. In der Ferne glänzt der große See in mitten des Central Parks. Die Sonne brennt heiß vom Himmel, die Luft über dem Asphalt vibriert.

 

Endlich öffnet sich die Tür hinter mir. Mit den Händen in den Taschen seiner Hose, kommt meine Bruder die Treppen hinunter. Sein Blick ist nachdenklich, ich kann nicht einschätzen, wie die Sache für mich ausgegangen ist. Rasch erhebe ich mich und suche seinen Blick, in der Hoffnung, die Folgen für mich besser abschätzen zu können.

„Und?“, wage ich nur kleinlaut zu fragen. Der feste Blick meines Bruders lässt mich erschaudern. Er zieht die rechte Hand aus der Tasche und holt aus. Mit der flacher Hand schlägt er mir auf den Hinterkopf.

„Was fällt dir ein, deinen Lehrer zu demütige!“, schimpft er aggressiv, während ich mir über die getroffene Stelle reibe. Schuldbewusst sehe ich unter seinem Blick hinweg und überlege fieberhaft nach einer passenden Antwort. Erst als mir die richtige einfällt, schaue ich ihn wieder an: „Vater hat immer gesagt, ich soll mich wehren, wenn mich jemand angreift.“ Unseren toten Vater ins Gespräch zu bringen, kocht ihn immer weich, doch heute bleibt sein Blick ernst.

„Das galt nicht für deinen Lehrer, sondern den Nachbarsjungen, der dich verprügelt hat.“ Als wenn das nicht das selbe wäre.

„Soll ich mich also von dem Kerl verprügeln lassen, nur weil er erwachsen ist?“ Raphael überlegt einen Moment und verschränkt die Arme vor der Brust. Seine Mine hellt sich nur unmerklich auf.

„Ich reiß mir den Arsch auf, damit du zur Schule gehen kannst und nicht ins Heim muss. Halt wenigstens noch ein Jahr lang die Füße still und mach deinen Abschluss. Ich will mir nicht auch noch darüber Sorgen machen müssen.“ Schuldbewusst sehe ich unter seinem strengen Blick hinweg. Ich weiß selbst das er hart arbeitet, nur damit wir zusammen bleiben können. Er hat sogar die Schule geschmissen, damit er Geldverdienen und wir das Haus halten können.

„Überlegen sie etwa mich von der Schule zu werfen?“, bringe ich erschrocken heraus.

„Nein, aber du bist in letzter Zeit ständig unangenehm aufgefallen und mal abgesehen von Mathe, bist du in jedem Fach um eine Note abgesackt. Ich kann dir kein College bezahlen Enrico, du musst versuchen ein Stipendium zu bekommen.“ Geht das wieder los. Es ist mir zu anstrengend in jedem Fach ein A zu schreiben. Ich will auch noch ein bisschen was vom Leben haben, und nicht immer nur lernen. Reicht ein B+ nicht aus? Außerdem, wer sagt denn, dass ich unbedingt aufs College muss? Ich kann doch wie er Mechaniker werden. Karl stellt mich sicher ein, ich helfe doch schon seit Jahren in der Werkstatt aus, in der Raphael gelernt hat.

„Ich könnte auch einfach Mechaniker werden, wie du“, bringe ich leise an.

„Nein! Du lernst was anständiges, womit du auch eine Familie ernähren kannst!“, keift Raphael sofort. Dieses Thema haben wir bestimmt schon hundert mal diskutiert. Dabei ernährt er uns doch auch mit seinem Job. Warum muss ich es unbedingt sein, der mal viel Geld in die Familie bringt? Der finstere Blick meines Bruders lässt jedoch keine Diskussion zu.

„Gehen wir heim!“, entscheidet er. Erschrocken schaue ich ihn an.

„Aber wir wollten doch in den Park!“

„Ich muss arbeiten.“ Was? Wir haben gestern extra bis ein Uhr gearbeitet, damit er heute mal einen Tag frei hat.

„Schau nicht so entsetzt. Mit der Sonderschicht haben wir endlich genug zusammen, um das Dach reparieren zu können.“ Na toll! Das Dach ist mir egal. Dann stelle ich halt beim nächsten Gewitter noch einen Topf auf. Die Zeit mit meinem Bruder ist mir viel mehr wert, als eine trockene Wohnung.

„War ja klar, dass du dein Versprechen mal wieder nicht hältst“, murre ich und stopfe meine Hände in die Taschen meiner Hose. Als wir loslaufen, trete ich einen Kieselstein vor mir her.

„Wir holen das am Wochenende nach“, schlägt er vor. Ich zucke gleichgültig mit den Schultern. Als wenn er nicht auch am Wochenende arbeiten würde. Warum nimmt er sich nicht einen Schlafsack und übernachtet gleich in der Werkstatt. Ich laufe deutlich schneller, um ihn nicht mehr sehen zu müssen. Verdammtes Geld, wenn wir doch nur genug davon hätten. Vielleicht hat er ja recht und ich sollte etwas lernen, womit ich mehr verdiene, als ich ausgeben kann. Banker oder so. Dann reiß ich unsere alte Hütte ab und baue uns ein anständiges Haus.

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