Die Wölfe ~Patenmörder~

Der 15-jährige Enrico, lernt im Central Park, einen seltsamen Jungen kennen. Der schüchterne Antonio, gefällt ihm, also freundet er sich mit ihm an. Er ahnt ja auch nicht, in welch dunkle Machenschaften der Kerl verstrickt ist, bis er ihm neugierig auf das Dach eines Hochhauses folgt. Den Mord, denn er dort oben mit ansehen muss, bringt die beiden Freunde in Lebensgefahr und zwingt Enrico in ein Leben zwischen Bandenkrieg, Drogen und Mord.

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1. 1. Kapitel ~Das Leben des Einen~

 

 

Ungeduldig beobachtet Antonio das Gebäude auf der anderen Straßenseite. Unter sich hat er seine Lederjacke ausgebreitet, die Beine hat er weit auseinander gestreckt, um sein Gewicht auf eine möglichst große Fläche zu verteilen. Seine Haltung ist nicht unbequem, trotzdem schlafen ihm allmählich die Hände und Beine ein. Vor ihm liegt sein Scharfschützengewehr. Er hat den Lauf auf den Vorsprung des Daches aufgelegt, damit ihm die Arme vom Halten nicht schwer werden. Dann warten, warten, warten ...
Die Sonne steht fast senkrecht am Himmel und brennt unbarmherzig auf ihn herab. Immer wieder laufen ihm Schweißperlen in die Augen und trüben seinen Blick.
Seinen Informationen nach, wohnt die Zielperson im gegenüberliegenden Haus und müsste jeden Moment heim kommen.
Ein Luftzug bewegt die Gardine. Augenblicklich rast sein Herz, sein Körper spannt sich an. Antonio blinzelt, um wieder klar sehen zu können, dann öffnet er die Klappe des Zielfernrohrs. Automatisiert richtet er das Gewehr aus. Ein Mann, Mitte vierzig, geht durch den Raum, er zieht sich das schwarze Jackett von den Armen und hängt es über die Lehne eines Stuhls. Das ist der Mann, jetzt oder nie!
Antonio zwingt seinen Atem zur Ruhe. Noch einmal prüft er die Ausrichtung der Waffe, ein letztes Mal korrigiert er seine Haltung, dann hält er die Luft an. Er legt den Zeigefinger um den Abzug und schießt. Der Rückschlag des Gewehrs erschüttert seinen Arm. Getroffen, mittig in die Stirn.
Damit ihn die Spiegelung des Glases nicht verrät, bedeckt er das Fernrohr mit der Schutzkappe, dann packt er das Gewehr in seine Sporttasche. Die leere Patronenhülse hebt er auf und nimmt sie an sich. Rasch zieht er seine Jacke über und rutscht vom Dachrand zurück. Nur mit Mühe gelingt es ihm, sich auf die Beine zu zwingen. Jeder Muskel seines Körpers ist verspannt, er muss sich erst einmal ausgiebig strecken und dehnen, dann schultert er die Tasche. Ein heftiger Schmerz erschüttert seinen Körper. Er beißt die Zähne zusammen und zieht die Luft scharf ein. Sein Ausbilder hatte sich mal wieder nicht unter Kontrolle und das wegen lächerlicher fünf Minuten, die er am Vortag zu spät gekommen ist. Die Striemen, die der Gürtel hinterlassen hat, sind noch immer geschwollen und brennen entsetzlich. Einen Moment bleibt er regungslos stehen, bis der Schmerz nachlässt, dann macht sich auf den Weg.

Über die Feuerleiter, verlässt er das Haus und zwingt sich dazu, nicht nach oben zu sehen. Als er die Straßenseite wechselt, spitzt er die Ohren. Hat jemand das Splittern des Glases bemerkt, oder ist der Tote bereits entdeckt worden? Antonio schnappt einige Wortfetzen der Passanten auf, doch die drehen sich um Termine, die Freundin oder das Wetter. Gut so, vielleicht läuft heute mal alles glatt.
Als er den Block hinter sich lässt, hat er sein Opfer bereits vergessen.

Sein Magen knurren, schon viel zu lange hat er nichts mehr gegessen.
Was wird er sich heute aussuchen? Einen Teller Nudeln mit Tomatensoße, Gulasch mit Knödeln oder gebratenen Fisch mit Reis? Ihm läuft das Wasser im Mund zusammen. Er sieht die Kantine, mit ihren Auslagen, den verschiedenen, warmen Speisen und der großen Salatplatte, bereits vor sich.
Wenn er nur daran denkt, wird ihm schon ganz schlecht vor Hunger. Sein Atem geht Stoßweise, die Muskeln seiner Beine beginnen unter der Anstrengung des Laufens, zu brennen und das weiße Hemd, klebt ihm am Oberkörper fest. Warum hat er die Jacke nur wieder angezogen? Es ist Sommer und drücken heiß, aber um sie unter dem Arm zu tragen, ist er zu faul gewesen. Es ist ja auch nicht mehr weit. Nur noch vier Blocks, dann ist er im Stadtzentrum, dann ist er fast zu Hause. Wenn er Glück hat, ist er der Erste in der Kantine, dann braucht er nicht anstehen und auf seine Essen warten. Gedanklich kann er die hübsche Köchin, mit dem warmherzigen Lächeln schon sehen, wie sie ihm eine Kelle dampfender Nudeln auf den Teller häuft. Beinah glaubt er die herzhaft würzigen Fleischsoße bereits schmecken zu können.

Sein Magen zieht sich krampfhaft zusammen, ein wildes Stechen zwingt ihn dazu, langsamer zu laufen. Seine Kehle ist rau und wie zugeschnürt, das Atmen fällt ihm schwer. Übelkeit überkommt ihn und steigt seine Kehle hinauf. Mit aller Kraft drängt er den Brechreiz zurück. Ein trüber Schleier legt sich über seine Augen, die Welt verschwimmt. Seine Beine wollen ihn nicht mehr tragen, er muss stehen bleiben, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Mit den Händen sucht er nach Halt und findet ihn, in den Maschen eines Drahtzaunes.
Immer wieder atmet er aus und ein, nur langsam will sich das Stechen in seinem Magen beruhigen und das Schwindelgefühl sich legen. Sein Blick klart sich auf. Hinter dem Maschendrahtzaun erstreckt sich ein großer Basketballplatz, er besteht aus zwei Körben und trägt runden Markierungen auf dem Boden. Etliche Jugendliche lungern dort herum. Hinter dem Platz steht ein großes Backsteingebäude. Auf dem roten Dach, mit seinen unzähligen Dachpfannen, erhebt sich ein kleiner Turm. Seine alte Schule. Es ist lange her, als er selbst Schüler hier war, damals als seine Mutter noch lebte und er nicht auf das Wohlwollen seiner Arbeitgeber angewiesen war. Er hat zu dieser Zeit nicht zu schätzen gewusst, wie schön es ist, einfach zur Schule zu gehen. Der Unterricht hat ihn meist gelangweilt und er hat ihn oft geschwänzt. Jetzt wäre er froh, wenn er nur einen einzigen Tag dort verbringen dürfte. Ein ganz normaler Junge sein, spielen und sich mit Freunden verabreden. Was wäre das für ein Leben? All die Jungen und Mädchen dort, sind so ausgelassen, immer wieder scherzen sie miteinander. In kleinen Gruppen stehen sie zusammen und unterhalten sich über die Belanglosigkeiten ihres Alltags. Das ist so ganz anders, als seine Welt. Wenn sich überhaupt jemand mit ihm unterhält, dann im Befehlston und nur über seinen nächsten Auftrag. Während er in kurzen Sätzen Instruktionen erhält, nickt Antonio lediglich. Ab und an kommt ihm ein "Ja"oder "Verstanden" über die Lippen, wirklich gesprochen hat er schon seit Wochen nicht mehr. 

Seine Aufmerksamkeit gleitet erneut über die Schüler auf dem Hof. Seine Augen bleiben an einem blonden Jungen hängen, der einem Ball nachläuft. Als sich ihre Blicke treffen, hält er inne. Die stechend blauen Augen des Blonden, ziehen Antonio in seinen Bahn. Argwöhnisch mustert der fremde Junge ihn, als wenn er ihm direkt in die Seele blicken kann und die Tat von eben darin entdeckt hat. So finster wie möglich, versucht Antonio den Blick des Blonden zu erwidern. Doch der sieht nicht weg. Das fühlt sich seltsam fremd an. Antonio kann seinen finsteren Blick nicht aufrecht halten, er muss wegsehen, um diesem unbekannten Gefühl zu entfliehen. Unsicher kramt er in der Jacke nach seiner Taschenuhr.
Schon Elf Uhr? Viertel nach Elf soll er wieder im Hochhaus sein. Verdammt! Jetzt kommt er wieder zu spät. Ohne noch einen weiteren Moment kostbarer Zeit zu vergeuden, rennt Antonio los, über die nächste Straße, vorbei an einer Kutsche und hinein in die nächste Seitenstraße.

Er erreicht das Stadtzentrum gerade noch rechtzeitig. Unzählige Menschen füllen den Gehweg, im Vorbeilaufen stößt er mit der Schulter gegen einen alten Mann, in einem grauen Anzug und mit einem eleganten schwarzen Hut auf dem Kopf. Erschrocken sieht Antonio in das markante Gesicht. Über die Stirn ziehen sich vier tiefe Falten, seine Augen sind haselnussbraun und mustern ihn mit einer Ernsthaftigkeit, die ihm einen Schauer den Rücken hinab jagt.
„Tschuldigung …!“, stammelt er schnell. Der durchdringenden Blick des Alten durchbohrt ihn. So schnell ihn seine Beine tragen können, läuft Antonio weiter. Dieser Mann ist ihm nicht geheuer und er hat sowieso keine Zeit herauszufinden, ob der Kerl so unfreundlich ist, wie er aussieht. Zügig erreicht er das Hochhaus im Stadtkern und betritt es durch die Drehtür.

Vor ihm tut sich eine große Empfangshalle auf, in der sich etliche Männer in Anzügen tummeln. Sie laufen geschäftig umher. Kein Gesicht kommt ihm bekannt vor. Wie dumm, nun muss er seinen Chef auch noch suchen. Das kostet wieder Zeit, die er nicht hat. Nachdem er sich einen groben Überblick verschafft hat, setzt er sich in Bewegung. Es ist sicher das Beste, erst einmal mit dem Fahrstuhl nach oben zu fahren. Vielleicht ist sein Ausbilder ja im Trainingsraum und unterrichtet die anderen Jungen und wenn nicht, weiß dort sicher jemand, wo er zu finden ist.

„Na sieh einer an, wenn haben wir denn da? Den kleinen Antonio?“ Erschrocken fährt Antonio herum und sieht sich um. Diese Stimme, die hört er unter hunderten heraus. Drei Jungen, kaum älter als er selbst, kommen auf ihn zu. Sie haben die Hände in den Stoffhosen und beobachten ihn angriffslustig. Allen voran läuft der Größte der Drei, er ist es auch, der gesprochen hat. In seinem Gesicht bildet sich ein falsches Lächeln. Als er Antonio erreicht, legt er ihm seine Hand auf die Schulter. In seiner Stimme schwingt Hohn und Spot: „Du bist schon wieder zu spät, was?“
„Ich möchte jetzt nicht in deiner Haut stecken!“, fügt einer der anderen Beiden an, während sie ihn alle drei umzingeln. Antonio wagt nicht ihnen ins Gesicht zu sehen, oder gar etwas zu erwidern. Er weiß selbst, dass er zu spät dran ist und will sich gar nicht ausmalen, was dieses Mal für eine Strafe auf ihn wartet.
„Willst du nicht viel lieber mit uns kommen? Wir haben uns ein neues Spiel für dich ausgedacht“, fragt der Dritte. Erst jetzt schafft es Antonio seinen Blick wieder zu erheben. Nie wieder wird er mit diesen drei Kerlen freiwillig mitgehen. Das letzte Mal, haben sie ihn gefesselt und Feuerwerkskörper an ihm angezündet.
Den Arm des Großen wirft er von seiner Schulter und dreht sich ohne ein Wort um. Je schneller er von diesen Jungen wegkommt, um so besser. Anstatt zum Fahrstuhl zu gehen, schlägt Antonio den Weg Richtung Treppe ein. Dort hat er bessere Fluchtmöglichkeiten, sollten sie ihm folgen.
„Na na, wer wird es denn so eilig haben?“, ruft ihm der Größere nach und packt ihn am Arm. Vergeblich versucht Antonio sich zu befreie. Er will nicht herausfinden, welches perverse Spiel sich die Jungs für ihn ausgedacht haben. Energisch zerrt er an dem festen Griff. Beherzt packen die anderen beiden Jungen zu. Zu dritt versuchen sie ihn in den Fahrstuhl zu bugsieren.
„Nein! Los lassen!“, schreit er sie an, doch sie ignorieren seinen Protest. Kalter Angstschweiß strömt ihm von der Stirn und den Rücken hinab. Antonios Herz trommelt erbarmungslos gegen seine Rippen, seinen Puls steigt seine Kehle hinauf. Als sie das Gitter öffnen, stemmt er sich mit aller Kraft gegen die Gewallt der Jungen. Er hält sich am Rahmen fest, doch sie schlagen ihm die Hände weg.
„Nein!“, schreit er verzweifelt. Hilfesuchend sieht er die erwachsenen Männer in der Halle an, doch keiner nimmt ihn wahr. Die, deren Blicke sich mit seinem kreuzen, sehen demonstrativ weg. Seine letzte Gegenwehr bleibt erfolglos, sie ziehen ihn mit sich. Antonio hält den Atem an, während ihm unweigerlich die Tränen in die Augen steigen.

Eine dunkelhäutige Hand packt das Gitter und schiebt es auf. Erschrocken sehen sie alle Vier dabei zu, wie sich der Fahrstuhl wieder öffnet und den Blick, auf einen breitschultrigen Hünen frei gibt. Der weiße Stoff seines Hemdes, bildet einen krassen Kontrast zu seiner dunklen Hautfarbe. Sein Kopf ist kahl und sein Blick drohend. Als der Mann zu ihnen steigt, lassen die Jungen augenblicklich von Antonio ab. Sie versuchen unschuldig auszusehen, doch der finstere Blick des Mannes verschwindet nicht. Mit rauer Stimme weißt er die Jungen an: „Andy, Henry, Tom: raus!“ Die drei Jungen schauen gen Boden, vorsichtig schleichen sie an dem Hünen vorbei. Als sie den Fahrstuhl verlassen, atmet Antonio tief durch. Mit dem Handrücken, wischt er sich übers Gesicht, um die aufgekommenen Tränen loszuwerden. Schwäche ist etwas, was er sich vor diesem Mann nicht leisten kann.
„Du bist schon wieder zu spät!“, sagt der Hüne im selben strengen Ton. Er wählt das neunte Stockwerk und schließt das Gitter. Mit einem Ruck setzt sich der Fahrstuhl in Bewegung.
Der Dunkelhäutige verschränkt die Arme hinter dem Rücken und betrachtet stur die Anzeigetafel für die Stockwerke. Er erwartet offensichtlich eine Antwort. Schwer atmet Antonio durch. Was soll er sagen, wie sich entschuldigen? Der Junge beschließt einfach still zu bleiben. Eine unangenehme Ruhe schleicht sich ein, bis der Hüne erneut das Wort ergreift: „Gib mir deine Tasche!“ Antonio gehorcht, er nimmt sie von den Schultern und reicht sie dem Mann. Dieser öffnet den Reißverschluss und sieht hinein. Als er sich sicher ist, dass alles seine Richtigkeit hat, schließt er sie wieder.
„Du hast heute gut geschossen“, fügt er an. Verwundert sieht Antonio in das ebenmäßige Gesicht. Antonio ist sich nicht sicher, ob das Kompliment ernst gemeint ist, so schweigt er lieber.
Die Anzeigetafel springt von Acht auf Neun, der Hüne öffnet das Gitter des Fahrstuhls und setzt sich in Bewegung. Mit langsamen Schritten tritt er hinaus.
„Michael will dich sehen! Er wartet im Trainingsraum auf dich“, lässt er Antonio wissen. Er wählt für ihn den zehnten Stock aus und schließt das Gitter. Als sich der Fahrstuhl mit einem Ruck in Bewegung setzt, sieht Antonio ihn verschwinden. Nun ist er wieder auf sich allein gestellt. Der Atem des Jungen wird angstvoll und schnell, seine Hände werden feucht und kalt. Wenn sein Ausbilder wünschte ihn zu sehen, ist das nie ein gutes Zeichen. Sicher bekommt er auch heute wieder nichts zu essen. Noch ein Tag hungern, das wird er nicht aushalten. Seine Hand wandert an den schmerzenden Bauch, er knurrt entsetzlich.

Der Fahrstuhl kommt zum Stehen, Antonio schiebt das Gitter auf und steigt aus. Vor ihm erstreckt sich ein langer Flur, an dessen Ende sich eine große Tür befindet. Er atmet noch einmal tief durch, bevor er sich endlich überwinden kann, loszulaufen. Mit zögernden Schritten nähert er sich der weißen Tür. Sein Herz schlägt mit jedem Meter, den er Näher kommt, schneller. Hier ist er schon so oft zusammen geschlagen worden. Michael nennt das Training. Doch bis jetzt hat Antonio nichts dazu gelernt und jedes mal nur Prügel kassiert.

Als er die Tür erreicht, wagt er kaum die Hand auf die Klinke zu legen. All seine Sinne sagen ihm 'lauf weg'.
Noch einmal atmet er tief durch, dann drückt er die Klinke und öffnet die Tür.
Eine große Halle tut sich auf, in der rechts und links ein dutzend Boxsäcke von der Decke hängen. In der Mitte stehen zwei umzäunte Ringe, in denen jeweils zwei Jungen mit bandagierten Händen trainieren. Sie tragen lediglich ihre Turnschuhe und Shorts, ihre Oberkörper sind frei und verschwitzt. Außer den vier Jugendlichen, ist nur noch ein Mann in der Halle. Er steht an einem der hintersten Boxsäcke und schlägt mit seinen bandagierten Fäusten auf ihn ein. Antonio muss kräftig schlucken, als ihn die Vorahnung der Schläge überkommt, die bald ihn treffen werden. Nur zwei Schritte wagt er in den Raum hinein, während hinter ihm die Tür ins Schloss fällt. Der Knall, denn die schwere Eisentür dabei verursacht, lässt alle Anwesenden in seine Richtung schauen. Er versucht sich klein zu machen, doch hier, direkt vor der Tür, gibt es keine Deckung vor ihren Blicken. Besonders vor dem seines Ausbilders fürchtet er sich. Obwohl er nicht aufsieht, spürt er ganz deutlich das Michael ihn mustert.
„Du bist zu spät!“, sagt der Mann laut und hart. Antonio fährt zusammen. Noch immer wagt er nicht, einen weiteren Schritt zu gehen. Ihm fällt auch keine passende Entschuldigung ein, die Michael akzeptieren wird, also schweigt er.
„Na wenigstens kommst du mir heute nicht mit irgendwelchen Ausreden“, sagt er schroff und fügt an, „Bewege dich und komm her!“ Wie in Trance setzt Antonio sich in Bewegung. Sein Körper gehorcht von allein. Den Blick lässt er auf den Boden gerichtet und wagt ihn auch nicht zu erheben, als er den großen Mann erreicht. Seine Hände sind eiskalt und verkrampft, seine Arme zittern.
„Wie lief dein Auftrag? Alles sauber?“, fragt Michael ihn. Ein unausgesprochener Vorwurf schwingt in seiner Stimme mit.
„Alles sauber“, wagt Antonio nur mit schwacher Stimme zu antworten. Michael wird sich ohnehin selbst ein Bild davon machen, wie der Auftrag gelaufen ist, ganz gleich, was er ihm auch antwortet. 
Einen weiteren Moment lang, wird er von dem großen Mann gemustert. 
„Zieh deine Jacke und dein Hemd aus! Ich will sehen, ob du seit gestern etwas dazu gelernt hast“, befiehlt Michael. 
Antonio seufzt leise und beginnt damit den Reißverschluss seiner Jacke zu öffnen. Während er sie auszieht, scheucht Michael die zwei Jugendlichen aus dem hintersten Ring und steigt dann selbst hinein.
Als Antonio sich seines Hemdes entledigt hat, folgt er ihm. Sein nackter Oberkörper ist mit blauen Flecken übersät, ein großer zieht sich über seinen linken Brustmuskel, ein weiterer tief lila gefärbter, schlängelt sich über seine Schulter. Etliche weitere verteilen sich in allen möglichen Farben punktuell über den Rest seines mageren Körpers.

Antonio schluckt schwer, als er den Ring erreicht und zu dem Mann hinauf sieht, der durch die Matte um einige Zentimeter gewachsen scheint. Michaels Muskelmasse lässt ihn wie einen Schrank wirken, er ist gut zwei Meter groß. Über seinen Oberkörper zieht sich von rechts nach links ein asiatischer Drache, der das, mit scharfen Zähnen gespickte Maul, weit aufreißt.
Noch einmal atmet Antonio tief durch, bevor er den Mut findet, durch die Ringabgrenzung zu schlüpfen und sich seinem Ausbilder zum Kampf zu stellen.
Die restlichen Jugendlichen haben ihr Training unterbrochen, sie kommen zusammen und platzieren sich jeder an einer Ringseite. Dieses alltägliche Spektakel, wollen sie sich nicht entgehen lassen. Antonio wirft ihnen einen abschätzigen Blick zu. Wie er diese schadenfrohen Mistkerle doch hasste. Sicher werden sie ihn nach dem Training verspotten und noch einmal selbst zuschlagen, wenn er schon längst am Boden liegt.
„Hey! Sieh mich gefälligst an!“, fordert Michael. Erschrocken richtet Antonio seine Aufmerksamkeit auf den großen Mann. Er hat die Arme vor der Brust verschränkt und sieht finster auf ihn herab. Abfällig schüttelt er mit dem Kopf, bevor er seine Haltung lockert und strengt meint: „Greif mich an!“
Antonio zögert. Das letzte Mal, hat Michael seinen ersten Schlag geblockt und bevor Antonio zu einem weiteren Angriff kam, hat ihn schon ein Schlag in den Magen zu Boden gehen lassen. Sein Ausbilder nimmt sich beim Training nicht zurück, zumindest nicht bei ihm. 
„Nun mach schon!“, schreit Michael laut. Wieder zuckt Antonio zusammen, Angst kriecht ihm den Rücken hinauf und lähmt ihn. Michael beobachtet ihn eine Weile, dann legt er beide Hände auf die Hüften und seufzt tief: „Du bist echt zu nichts zu gebrauchen! Wenn es nach mir gehen würde, hätte ich dir schon längst eine Kugel zwischen die Augen gejagt. Verschwinde! Deine Essensmarke für heute kannst du vergessen.“ Michael bedeutet ihm, mit einem Wink seiner Hand, dass er entlassen ist und wendet seinen Blick von ihm ab. Die Mordandrohungen lässt Antonio kalt, daran ist er gewöhnt, doch einfach so gehen zu dürfen, kommt ihm seltsam vor. Unschlüssig steht er noch einen Moment still da. Als Michael sich nicht rührt, wagt er es endlich, sich umzudrehen und aus dem Ring zu steigen. Unter den musternden Blicken der anderen Jungen, läuft er zum Boxsack, über den er seine Hemd und die Jacke gelegt hat und zieht sich beides an.
„Ronny, bring ihn auf sein Zimmer und schließe ab. Den Schlüssel bringst du mir dann ins Büro“, hört er hinter sich Michael sagen. Antonio wirft einen verstohlen Blick auf seinen Ausbilder, der einem der Jungen einen Schlüsselbund zuwirft. Den restlichen Tag muss er also in seinem Zimmer verbringen? Da kann er sich nicht einmal etwas Essbares stehlen. Wieder meldet sich Antonios Magen zu Wort, er rumort laut. Das wird hart werden, ihm ist doch jetzt schon wie Umfallen.

Während sich der große Mann unter der Ringabgrenzung hindurch zwängt und dann geht, wird Antonio von den vier Jungen angelächelt. Es sind keine freundlichen, wohlwollenden Blicke. Als sie auf ihn zu kommen, wird ihr Grinsen breiter. Ronny ist der Erste, der ihn erreicht. Er umrundet Antonio einige Male, während er ihn von oben bis unten mustert.
„Du bist ein Feigling Bandel!“, sagt er und bleibt hinter ihm stehen. Antonio meidet den Blick des Jungen. Seine Hände ballen sich zu Fäusten, während er versucht seinen rasenden Atem unter Kontrolle zu bringen. Ronny legt ihm seinen Arm auf die Schulter und sieht zu seinen Freunden, während er vorschlägt: „Wie wäre es, wenn wir dir ein bisschen Nachhilfe geben?“ 
„Ich will in mein Zimmer!“, sagt Antonio energisch, doch seine bebende Stimme lässt die vier Jungen nur amüsiert lachen. Ronnys Arm legt sich eng um seinen Hals, er drückt so fest zu, das Antonio die Luft wegbleibt. Mit beiden Händen versucht er ihn von sich zu schieben, doch der ältere Junge ist stärker. Ronnys Freunde kommen einen Schritt näher, einer von ihnen zieht ein Klappmesser aus der Hosentasche. Kalter Angstschweiß rinnt Antonio den Rücken hinab. Wie verrückt reist er an dem Arm, der ihn gefangen hält. Panisch sieht er das Messer an. Der Jung sticht nach ihm, Antonio dreht sich reflexartig zur Seite weg. Das Messer streift seinen Oberarm und hinterlässt einen brennenden Schnitt.
„Halt gefälligst still!“, flucht Ronnys Freund und holt wieder aus. Dieses mal spürt Antonio die Klinge an seiner rechten Wange. Tränen trüben seinen Blick, als es sich in seine Haut schneidet. So weit er kann weicht er vor der scharfen Schneide zurück, doch Ronnys Griff ist eisern und lässt ihm keinen Spielraum. Ein diabolischen Grinsen breitet sich auf den Gesichtern der Jungen aus.
„Wenn du so viel herumzappelst, verlierst du noch ein Auge.“ Ein fetter Kloß presst sich in Antonios Kehle, er wagt nicht mehr zu atmen, am ganzen Körper beginnt er zu zittern. 
„Du bist echt eine feige Heulsuse“, lachen sie. Vergeblich versucht er seine Tränen zurück zu drängen, sie kommen einfach von allein.

Die schwere Eisentür knallt, feste Schritte nähern sich ihnen. Erschrocken drehen sich Ronny und seine Freunde nach der Person um, die da zu ihnen kommt. Der Griff des Jungen lockert sich, energisch reist Antonio daran und schafft es endlich, sich zu befreien.
„Nichtsnutze!“, keift die dunkle Stimme Butchs. Kerzengerade starren die Jungen ihn an und wagen nicht, sich zu rühren. Das Antonio ihnen entkommen ist, nehmen sie gar nicht wahr. Als sich der sich in den Schatten des Hünen flüchtet, weichen sie einen Schritt zurück.
„Das Messer und den Schlüssel!“, fordert der große Mann. Anstandslos reichen sie ihm beides.
„Seid froh das ich nicht euer Ausbilder bin. Verschwindet, bevor ich mich vergesse!“, ordnet Butch an und deutet, mit ausgestrecktem Arm, auf die Tür. Vorsichtig schleichen die Jungen um ihn herum und nehmen die Beine in die Hand. Verächtlich sieht Antonio ihnen nach. Wer ist jetzt feige? Hastig zieht Ronny die Tür auf und verschwindet Richtung Fahrstuhl, seine Freunde folgen ihm eilig. Während Antonio ihnen einen hasserfüllten Blick nachwirft, dreht sich Butch zu ihm um. Er nimmt sein Gesicht am Kinn in die Hand und schaut sich seine Wange an. Erschrocken blickt der Knabe zu ihm auf. Sein Herz bebt noch immer, er zittert am ganzen Körper und rechnet jeden Moment mit einer Ohrfeige, doch der Blick des Hünen ist sanft. Seufzend schüttelt er mit dem Kopf und packt den Arm des Jungen. Auch die Wunde schaut er sich einen Moment lang an. Blut sickert aus dem tiefen Schnitt und läuft Antonios Arm hinab. Je länger der Junge die Wunde betrachtet, um so deutlicher, kann er das Pochen darin spüren. Er wendet sich ab und sieht unter dem Blick des Mannes hinweg. Butch gibt seinen Arm frei und legt ihm die Hand auf die Schulter.
„Los, Abmarsch!“, sagt er und stößt ihn nach vorn. Gerade noch so kann sich dAntonio abfangen, um nicht zu stürzen. Mit langsamen Schritten läuft er in die Richtung los, die der Mann ihm vorgegeben hat. An den Ringen und Boxsäcken vorbei, durch die Tür, zurück zum Fahrstuhl. Auf ihrem Weg schweigen beide. Erst als der große Mann das Gitter aufschiebt und sie einsteigen, wagt Antonio in das ernste Gesicht zu schauen. Finster betrachtet Butch die Anzeige der Stockwerke und drückt den Knopf mit der Elf.
„Du musst endlich lernen, dich zu verteidigen. Ich kann nicht überall sein“, schimpft er. 
Antonio seufzt. „Ich weiß“, entgegnet er kleinlaut und senkt den Blick. Kampfsport ist einfach nicht sein Ding. Er kann gut Schießen, reicht das nicht? Seine Hand wandert an den verletzten Arm, er betrachtet das Blut, das von seinen Fingerspitzen tropft. Butch zieht das Gitter zu, der Fahrstuhl setzt sich mit einem Ruck in Bewegung. Nur flüchtig wagt der Junge seinen Retter anzusehen. Butch seufzt hörbar, der finstere Blick verschwindet aus seinem Gesicht. Einen Moment lang, meint Antonio Sorge in seinen Augen lesen zu können, aber nicht für lange.
„Seh zu dass du etwas Schlaf bekommst! Du wirst morgen sehr früh aufstehen müssen“, rät der große Mann. Das klingt nach einem neuen Auftrag. Antonio atmet schwer und sieht gen Boden. Wie soll er denn, mit seinem verletzten Arm, das Scharfschützengewehr ruhig halten? Noch einen Fehlschlag und noch einen Tag ohne eine anständige Mahlzeit, hält er niemals aus.
Die Türen des Fahrstuhls öffnen sich. Butch drück ihm mit der flachen Hand in den Rücken und drängt ihn auszusteigen. Ein langer Flur erstreckt sich vor ihnen, etliche Türen gehen von ihm ab, bis auf eine, stehen alle weit offen. Jungen unterschiedlichsten Alters halten sich hier auf. Eine ohrenbetäubende Lautstärke geht von ihnen aus. Sie schreien, balgen sich, hören laut Musik, sie lehnen in den Türrahmen und stehen im Flur herum. Als sie ihn und Butch kommen sehen, wenden sich alle Blicke Antonio zu. Sie tuscheln und lachen, einige zeigen mit den Fingern auf ihn. Wie er sie alle hasst! Jeden von ihnen! Butch führt den Jungen, zu der einzigen Tür im Flur, die verschlossen ist. Er öffnet sie und stößt ihn, in den dunklen Raum dahinter. Antonio stolpert über die Türschwelle und landet unsanft auf dem Boden. Die Tür schließt sich hinter im, ein Schlüssel dreht sich im Schloss.

Erleichtert atmet Antonio durch. Für heute hat er es geschafft, einen Tag mehr hat er in dieser Hölle überlebt. Wenn er nur nicht so hungrig wäre. Sein Magen sticht entsetzlich, ihm ist ganz schlecht davon. Der Junge robbt bis zur nächsten Wand und lehnt sich an sie, seine Hände umschlingen den schmerzend Bauch. Den Blick richtet er auf das Fenster. Die Rollläden sind herab gelassen, sie gönnen ihm heute also nicht einmal Licht. Sein Zimmer ist das einzige ohne eine Glühbirne, es gibt nicht einmal eine Kerze. Er seufzt hörbar und legt den Kopf in den Nacken. Eigentlich ist das auch egal, er ist sowieso zu müde, um zu lesen oder sich länger als nötig wachzuhalten. Die Beine zieht er eng an den Körper und bettet seinen Kopf auf die Knie, seine Hand geht an das goldenen Kreuz, das er an einer Kette um den Hals trägt.
„Mutter“, murmelt er. Lautlose Tränen rollen ihn von den Wangen. Warum nur ist er hier? Hier unter all diesen Drachen?

Etwas weiches streicht um seine Beine, ein leises Schnurren durchdringt die wilden Stimmen der Jungen im Flur.
Antonio greift nach dem dürren Fellbündel, dass sich zu ihm gewagt hat. Er setzt es auf seinen Schoß und vergräbt das Gesicht im weichen Fell. Der Kater schnurrt noch immer und durchsucht mit der Schnauze seine Jacke, dann seine Hose.
„Ich habe heute nichts für dich Snowflake“, flüstert er dem Tier ins Ohr und muss bei seinen Worten heftig Schluchzen. Die letzte Mahlzeit des Katers, ist genau so lange her, wie seine eigene, das tut ihm leid. Immer größer werden die Tränen, die seinen Blick trüben, immer lauter sein Schluchzen. Wenn er doch nur wo anders wäre, egal wo, nur nicht hier.

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