Dieser Sommer gehört noch uns!

"Unsere Unterarme lagen so nah beieinander, hätten wir beide Gänsehaut bekommen, hätten sich die Spitzen unserer Haare berührt."

Schon länger ist Franziska heimlich in ihren Besten Freund Flo verliebt und sie schreibt alles auf, um mit ihrer Situation zurechtzukommen. Auch ihre Sehnsucht nach einer zufälligen Berührung auf der Fahrt nach Italien. Gemeinsam mit ihren besten Freunden verbringt sie den Sommer in einem Ferienhaus am Gardasee - es ist der letzte gemeinsame Sommer bevor sich ihre Wege trennen. Mitten in der Unbeschwertheit des italienischen Sommers zieht ein Gewitter auf: Eifersucht und Zukunftsängste trüben die Urlaubsstimmung an den Abenden nach Tagen voller Sonne. In langen nachdenklichen Gesprächen über das, was war, und das, was wird, versuchen die Freunde, ihre widerstreitenden Gefühle zu verstehen.

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2. 1. Kapitel

Ein kluger Dichter schrieb einmal: Ich bin der Welt abhandengekommen.

"So fühle ich mich auch manchmal", erwiderte Chrissi. "Das ist, als würde man plötzlich irgendwie in ein durchsichtiges Tuch gewickelt und die Ecke gestellt werden. Was war das für ein Dichter?" 

"Friedrich Rückert. Er hat irgendwann im 18. oder 19. Jahrhundert gelebt", erklärte ich, während ich angestrengt versuchte, mich an den Rest den Gedichtes zu erinnern.

Wir lagen in unsere Schlafsäcke gekuschelt im Mädchenzimmer, welches wir vorhin unter großem Getöse den Jungs gegenüber für uns gewonnen hatten. Es war ein herrliches Zimmer. Hell und luftig, mit Blick auf den See. Nur ein großer Schreibtisch und ein Stuhl, beides aus Holz, in einem fröhlich Hellblau gestrichen, und ein riesiger Kleiderschrank mit quietschenden Türen und aufgemalten Blümchen standen darin. 

Ich hatte meinen Schlafsack direkt unter dem Fenster ausgerollt und konnte jetzt in den glitzernden Sternenhimmel blicken. Von draußen hörte ich das Gemurmel der anderen, ab und an blitzte ein lautes Lachen auf, das die Ruhe wie mit einem Beil durchschnitt. 

Zu sechst waren wir in das Ferienhaus von Chrissis Eltern gefahren, um hier unseren letzten Sommer gemeinsam zu verbringen, bevor der Ernst des Lebens kam und und trennen würde.

Schon bei unserer Ankunft lag eine seltsame Stimmung in der Luft. Verstohlene Blicke fielen mir auf, als würde sich das, was uns da in der Zukunft erwartete, bereits in irgendwelchen Äußerlichkeiten spiegeln.

Ich sah zu Chrissi hinüber, um festzustellen, ob sie eingeschlafen war. Die leichten Bewegungen in der Mitte ihres Schlafsacks zeigten mir, dass sie ihren Unterarm streichelte, der mit Narben übersät war. Es kam mir immer so vor, als wollte sie sich bei ihm entschuldigen. Nur ein einziges Mal hatte sie mir in all den Jahren erlaubt, ihre Narben zu berühren. Es hatte sich auf eine erschreckende Art schön angefühlt. Als wäre in der weichen Haut eine Geschichte verewigt, die ich lesen könnte, wenn meine Fingerspitzen nur in der Lage wären, die Zeichen zu entziffern.

Ich war zu nervös, um einzuschlafen, wollte aber auch nicht mehr mit den anderen aufbleiben. Ich hatte Mühe, hier richtig anzukommen, fühlte mich ein wenig, als wäre ich noch nicht mit allen Vorbereitungen für die Reise fertig, nicht ganz bereit für diesen Schritt. Ein Teil von mir hielt sich weiterhin krampfhaft an den bereits vergangenen Stunden fest, wie ein bockiges Kind am Türrahmen. 

Chrissis Atem wurde langsamer und als ich sicher war, dass sie schlief, holte ich meine Taschenlampe und das Schmerzprotokoll aus meinem Rucksack. 

Ich führte dieses Protokoll seit etwa drei Jahren. Es ging mir nicht um körperlichen Schmerz, sondern um diesen zehrenden, nagenden Seelenschmerz, der einen alles andere vergessen lässt. Dieser Schmerz der Seele, der in der Lage ist, sich so in die Mitte deines Kopfes zu setzen und einen schwarzen Vorhang um sich zuzuziehen, dass alles andere ausgesperrt bleibt. Oft waren es ganz banale Dinge, die ihn auslösten, wie beispielsweise die Frage. Warum antwortet er nicht auf meine Nachrricht? Oder ein kleiner, toter Maulwurf am Wegesrand, dem jemand ein rosafarbenes Blümchen auf den kalten Körper gelegt hatte. 

Irgendwann begann ich alles aufzuschreiben, was bei mir einen derartigen Schmerz auslöste, und für jeden Schmerz fand ich einen eigenen Namen. 

 

                                                                                                                                                                                  2. August 2014

 

BERÜHRUNGSERWARTUNGSVERLANGEN

 

Den ganzen Weg hierher, also fast vier Stunden lang, saß ich neben Flo und hoffte auf eine zu schnell genommnene Kurve, die dazu führen würde, dass unsere nebeneinanderliegenden Arme sich berührten. Die ausklappbare Lehne zwischen den Sitzen war doppelt so breit wie die in einem Kino. Vor jeder Kurve hielt ich mich verstohlen fest, damit ich mich seiner eventuellen Bewegung in meine Richtung entgegenhalten könnte. Unsere Unterarme lagen so nahe beieinander, hätten wir beide Gänsehaut bekommen, hätten sich die Spitzen unserer Haare berührt. Doch es kam keine einzige scharfe Kurve und als wir hier eintrafen, tat mir der Arm richtig weh, vor lauter steifem Stillhalten. Ich ging nach unserer Ankunft direkt ins Badezimmer und saß eine ganze Weile auf dem Rand der Wanne. Ich war so wütend. Auf alles und jeden. Und doch nur auf mich. Warum hatte ich nicht einfach meine Hand auf seine gelegt? Keiner der anderen hätte was gemerkt, wir saßen alleine hinten. Doch stattdessen habe ich die ganzen vier Stunden damit verbracht, darauf gewartet, dass der Zufall das für mich erledigt. Oder Flo. Aber niemand hat etwas getan und nun werde ich mindestens nochmal genauso viele Stunden brauchen, bis es mich nicht mehr aufregt. Und dass der Zufall nichts für mich erledigt, das sollte ich doch wohl inzwischen kapiert haben.  

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